05.02.1968

„WUNIBALD, KOLLEGA, REISSEN SIE SICH ZUSAMMEN!“

Ein Totschlag, nun, es wird also über einen Totschlag verhandelt und über "beschimpfenden Unfug" an einer Leiche dazu: Die rechte Aufmerksamkeit für einen Totschlag fällt dieser Tage schwer. Was mag in den Mitgliedern des Münchner Schwurgerichts vorgehen? Sie kommen gerade von der Morgenzeitung, vom Photo eines Vietnamesen, der einen verwundeten Vietcong tötet. Man muß halt nur gerade vor sich hinschauen, auf den Angeklagten, den Dr. Behringer. Und da blickt man denn auf einen Menschen, der in einer Angst gelebt und getötet hat -- die das Gesetz befiehlt. Der Dr. Behringer ist ein Homosexueller.
Mitunter hängt es einem zum Hals heraus: Das Lamentieren um den Paragraphen 175, der den erwachsenen Mann unter Strafe stellt, "der mit einem anderen (erwachsenen) Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt". Es gibt, so wird man belehrt, Paragraphen, aus denen der Geist eines Strafgesetzes spricht. In der Tat -- und geschenkt: Denn der Geist unseres gültigen Strafrechts quillt nicht nur aus diesem einen Paragraphen.
Die Korrektur der Ziffer 175 StGB scheint vielmehr notwendig, weil der Paragraph in seiner gegenwärtigen Fassung einem gesetzlichen Zwang zu Angst und Panik gleichkommt; weil er die Öffentlichkeit hindert, menschlich zu empfinden -- denn wie soll der Bürger ein Mensch sein, wo das Gesetz des Teufels ist. So ist es denn kein Wunder, daß die Geschworenen die Verhandlung gegen den Dr. Behringer mit Gesichtern beginnen, die maskuline Verachtung für diesen "Schwulen" ausdrücken.
Behringer wurde am 25. April 1937 in Tegernsee geboren, und es gefiel seinen Eltern, ihm den Vornamen Wunibald zu geben. Als der Vater 1949 mit einer Lungentuberkulose aus der Gefangenschaft heimkehrte, machte er eine kleine Buchhandlung auf. 1953 starb der Vater. Die Mutter erlitt 1944 einen Schlaganfall. Bis zu einem zweiten Schlag 1954 hielt sie das Geschäft in Gang. Dann war sie bis zu ihrem Tod 1957 ein Pflegefall.
Es bietet sich viel dafür an, warum der Dr. Behringer homosexuell ist. Der Vater war nicht nur körperlich kleiner als die Mutter, die überragte ihn in vieler Hinsicht; eine strenge, im Kloster erzogene Frau. Dem Vater wäre eine Tochter lieber gewesen. Der Vater hat sich nicht gewehrt, wenn ihn die Mutter herunterputzte, auch wenn er im Recht war. Gegen die Strenge der Mutter war beim Vater kein Schutz zu finden.
Doch tüfteln wir nicht fürs wohlige Schauern beim Bier daran herum, "wie so einer so wird". Es wäre dies nur ein Kneifen vor der Tatsache, daß es Männer gibt und immer wieder geben wird, die zum eigenen und nicht zum anderen Geschlecht neigen. Es gerät mancher aus Spielerei auf diesen Weg und unnötig -- aber eine Gruppe, deren Größe schwer zu bestimmen ist, kann nicht anders.
Der Dr. Behringer merkt schon früh, daß etwas nicht ins Reglement paßt mit ihm, bei der Lektüre von Karl Mays Winnetou etwa. Er ist schon früh ein Sonderling. Er fühlte sich am Rand der Schulgemeinschaft, der Klasse. Er war nämlich auch kein Sportler: "Ich konnte nie einen Ball im Flug fangen." Er war "kräftig, aber ungeschickt". Wenn die Spielführer ihre Mannschaften wählten: Er blieb am Ende übrig. Ihn wollte keiner." Ich wär gern ein guter Sportler gewesen. Es war mir entsetzlich." Sportführer beklagen nicht selten, daß der Leibesübung an unseren Schulen nicht die rechte Bedeutung seitens der Lehrerschaft beigemessen wird. Die Jungen untereinander machen ihre Hackordnung nach Sport und Spiel. Später, nach der Schule, hat Dr. Behringer "viel nachgeholt von dem, was ich in meiner Schulzeit versäumt habe". Er hat Dauerläufe gemacht, über zehn Kilometer und mehr. Er hat sich auch ein Rennrad gekauft. Nachholen nennt er diese Leibesübungen, diese trostlosen Runden eines Einsamen.
1956 kommt er zum erstenmal "aus dem Tal" heraus, nach Rom, es handelt sich um eine Pilgerfahrt, aber "ich war in erster Linie daran interessiert, die klassischen Stätten kennenzulernen", denn Latein war "meine beste Fremdsprache". Er ist 19 Jahre alt, als er nächtens im Kolosseum einen italienischen Polizisten trifft. Der kann kein Wort deutsch, er kein Wort italienisch. 19 Jahre älter war der Polizist, der Armando hieß. "Er hat aber sehr vorteilhaft ausgesehen", beteuert Dr. Behringer in seiner Art von Unschuld.
Es kommt gleich zum Kontakt. "Ich hatte ihn irgendwie angesehen. Er hatte diese Mütze auf, mit den Flammen, die nach der Seite herausgehen", er war ein Karabinieri. Neunmal ist Dr. Behringer später nach Rom gefahren. Oft kam Armando auch ihn besuchen. Dann ist man auseinandergekommen. Armando war eifersüchtig, zu eifersüchtig ohne Grund.
Dr. Behringer studiert zunächst Mathematik, entschließt sich dann aber zur Medizin. Über der langen Krankheit der Mutter wird ihm der ärztliche Beruf irgendwann ein Bild geworden sein, ein Bild von einem Leben in großer Unabhängigkeit. Und die steht als ein Ziel vor ihm, seit ihm seine Besonderheit bewußt geworden ist.
Nicht, daß er diese Besonderheit hingenommen hätte. Er hat sich gewehrt. "Wenn es mir gelingt, mich zu verheiraten", dann wollte er Landarzt werden. Einmal, 27 Jahre alt, kommt er mit einer 35jährigen zusammen, die will ihm helfen. "Das war schwierig für mich. Aber innerlich habe ich trotzdem ·gejauchzt. Du hast es zum erstenmal geschafft, nun schaffst du es auch wieder. Ich hab" mir sehr gewünscht, daß ein Kind dabei herauskommt." Aber es kommt nichts heraus, als daß er sich nur bei Männern findet. Er spricht wieder und wieder mit Personen seines Vertrauens. Er spricht als ein Getriebener, Verstrickter, es wird einem selbst im Gerichtssaal lästig, wie zäh und rastlos er spricht und spricht." Ich habe doch immer gehofft, Herr Vorsitzender, daß dies nicht mein Schicksal ist, mein ganzes Leben lang."
In Naila am Kreiskrankenhaus faßt er Fuß. Dort ist seine Veranlagung kein Geheimnis, obwohl er sich nichts "zuschulden kommen läßt". Er trifft dort gütige Vorgesetzte in seinem Oberarzt, seinem Chefarzt. Doch was ist Güte gegenüber einem solchen Mann? Der Dr. Behringer wird zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen geladen, man sucht ihn einzubeziehen. "Wunibald, nicht über München fahren", schärft man ihm ein, wenn er von Naila übers Wochenende nach Bad Wiessee fährt, wo er sich die Wohnung der Eltern erhalten hat, sein Heim, "meine Zuflucht, my castle". Denn in München, da gibt es junge Männer, die sich anbieten, da ist schon manchem von der Art des Dr. Behringer Arges widerfahren.
"Wunibald", der Chefarzt redete ihn väterlich mit dem Vornamen an "Wunibald, schaun Sie, das ist doch gefährlich. Schaun"S zu, daß Sie da "rauskommen." Man hat ihn beschworen. "Wunibald, Kollega, nun reißen Sie sich mal zusammen." Mit Geistlichen, Kollegen, befreundeten Ehepaaren, Vorgesetzten spricht er, er geht sogar mal in die Psychiatrie nach München und fragt nach einer Psychotherapie, er hat ja sogar die Praktikantenzeit und "den Engpaß Gynäkologie" geschafft. "Mein Gott, das wissen Sie ja selber, die Aussichten sind gering", soll man ihm gesagt haben. Er verzichtet. Er setzt sich Regeln: Den Parsifal, seine Lieblingsoper, erlaubt er sich nur, wenn er drei Wochen keusch gelebt hatte.
Er trifft niemand, der ihm sagt: So sind Sie, so werden Sie bleiben. Aber -Sie können und müssen daraus, wie Sie sind, etwas machen. Auch für Ihre Neigung gibt es grobe und feinere Formen, gibt es ein wertvolles -- ein liebendes Verhalten, einen Partner, auf den Sie warten müssen, so wie wir "Normalen" auch auf die Erfüllung unserer Träume zu warten haben, wenn auch nicht ganz so lang, wenn auch mit mehr Aussicht. Niemand sagt ihm das. Und so lebt er hin in einer jedenfalls nicht mehr überwindlichen Veranlagung, die er zu allem Unglück auch noch haßt und verurteilt.
Er liest Männer in München auf, nimmt sie mit in sein "Heim" in Bad Wiessee. Geld gab er nicht, wie er sagt. Er will Anschluß, Partner, er entwickelt den Geiz des Mannes, der nicht um des Geldes, sondern um seiner selbst willen begehrt werden will. Die Haare fallen ihm aus, er leidet Qualen. "Ich selbst würde mich nicht mögen, Herr Vorsitzender." In der Nacht zum 29. Oktober 1966, er hat den Umweg über München wieder nicht lassen können, lernt er den 31 Jahre alten Johann "Hansi" Salier kennen.
Gegen drei Uhr morgens kommen die beiden in Dr. Behringers Opel Rekord in Bad Wiessee an. Das Autofahren liebt der Dr. Behringer, noch so ein Hobby für Untröstliche, genauso wie die Astronomie, der er gleichfalls obliegt. Über Sterne und Autos spricht er lebhaft und beteiligt wie andere von ihren Kindern reden. Dr. Behringer fährt an das Haus mit Standlicht heran, schaltet früh den Motor ab, läßt den Wagen ausrollen. Niemand soll"s merken. Seinem Begleiter hat er mehrfach das Versprechen abgenommen: Alles muß leise gehen, still, kein Lärm im Treppenhaus, Ruhe in der Wohnung. Zweimal ist gegen den Dr. Behringer des verfluchten Paragraphen wegen ermittelt worden. Es wurde eingestellt, aber die Panik sitzt ihm in den Knochen. Sein Besucher weiß jetzt nur zu sehr von der Todesangst, die seinem Gastgeber im Nacken sitzt. Dr. Behringer geht etwas zu trinken holen. Als er zurückkommt -- sieht er, daß sein Gast ihm die Brieftasche aus der Jacke nimmt, die er über einen Stuhl geworfen hat. Die Hölle ist in die Zuflucht eingebrochen.
Johannes Salier verlangt Geld. Erst 50, dann 150, dann 250 Mark. Dr. Behringer sagt ihm alles zu, fest entschlossen allerdings, nicht zu zahlen, denn Geld geben, das kommt nicht in Frage. "Er war ja älter als ich."
Der Gast macht Lärm, stellt neue Forderungen, geht durch die Wohnung, schaut überall hinein, er ist stark angetrunken, Dr. Behringer merkt es jetzt erst. Schließlich, so erlebt es Dr. Behringer, dringt Johannes Salier auf ihn ein, packt ihn an den Armen -- und Dr. Behringer setzt sich zur Wehr gegen den totalen Angriff auf seine Existenz, den er spürt, schlägt mit einer Flasche zu, mit einem Beil. Der Gast bricht zusammen.
Er schleppt ihn ins Schlafzimmer, aufs Bett. Er will ihn versorgen. Er wird peinlich befragt, denn bitte schön, es weiß ja ein jeder, wie man sich benimmt und wenn einem so etwas auch als einem solchen zustößt, es gibt doch wohl Grundregeln, gerade wenn man Arzt ist. Doch Dr. Behringer beharrt: Er wollte den Saller schon versorgen. Aber nicht, um ihn ins Krankenhaus zu bringen -- nein, um ihn nach München zu schaffen, ihn auf einer Bank abzusetzen. Es darf, darf, darf niemand etwas merken.
Zweite Phase: Saller krampft zusammen, röchelt. Dr. Behringers Entsetzen ist auf dem Gipfel: Die Gefahr ist noch nicht gebannt, er will den Mann niederhalten, wirft eine Decke über ihn, würgt, schlägt mit dem Beil zu, bis Johannes Salier tot ist. Bis Dr. Behringer die Wohnung verläßt und eine Irrfahrt beginnt.
Ein Pater: Der ist entsetzt, er möge zu einem Geistlichen gehen, der ihn nicht kennt, er möge sich stellen. Eine -- platonische -- Freundin: Er bringt nicht heraus, was geschehen ist, nachdem ihn das Entsetzen des Geistlichen getroffen hat. Nein, fixiert es sich in ihm: Er kann sich nicht stellen. Das wäre das Ende. Er muß die Leiche beseitigen, die Spuren verwischen. Das Gewissen schlägt hoch: Wie willst du danach weiter Arzt sein? Er schafft sich Beruhigung: Du wirst einem Waisen die Ausbildung, das Studium bezahlen. Du wirst wiedergutmachen im verborgenen. Dr. Behringer zerstückelt die Leiche. Er läßt vor Gericht kein Detail aus.
1966 kann er doch nicht schweigen. Er spricht mit dem Oberarzt, mit dem Chefarzt. Die gehen mit ihm zur Polizei, dort werde sich, meinen sie, herausstellen, daß alles eine Ausgeburt der Phantasie ist. Doch es ist die Wahrheit. Eine Wahrheit im Schatten des Gesetzes: eines Gesetzes, das verdammt, was auch Natur sein kann und unausweichlich und ein menschliches Schicksal.
Dem Dr. Behringer steht der Rechtsanwalt Dr. Bossi zur Seite, der eine Art von Spezialist für Geschnetzeltes vom Menschen zu werden droht, denn er hat auch den US-Oberleutnant Werner verteidigt. Und es tritt in München der Hamburger Ordinarius für Psychiatrie Professor Bürger-Prinz als Gutachter auf. Er erkennt auf den Paragraphen 51,2 -- für die erste Phase, für die zweite und sogar für die dritte der Leichenzerstückelung. Das ist, betrachten wir die Gesetze und die Rechtsprechung, ein Wort.
Doch in dem 70jährigen Psychiater steht ein großer Mann vor dem Gericht: Ein Sachverständiger" der sich nicht scheut zu erklären, daß es einer Überforderung gleichkommt, abzuwägen, in welcher der Phasen hier die Einsichtsmöglichkeit und Willensfähigkeit vielleicht ein wenig größer oder kleiner war. Bürger-Prinz weiß, daß es "für diesen Angstgehetzten keine Ruhe gab" vor dem vollen Ablauf der Katastrophe. "Gemütsarm" -- Bürger-Prinz, leise, still, ein Mann auf dem Gipfel seiner Wissenschaft: "Das geht wohl fehl."
Der Vorsitzende möchte wissen, wie die Zukunftsaussichten für Dr. Behringer sind, wird er "normal" werden. Bürger-Prinz: "Ich bitte um Entschuldigung, daß ich das in seiner Anwesenheit sagen muß -- kaum therapierbar." Und: "Er hat noch immer keine Ahnung, was für ein Abgrund das ist." Es gibt nur eine Hoffnung für Dr. Behringer: "Er muß auf das Schicksal hoffen, daß er einmal einen richtigen Freund seiner Art auf Erden findet."
Es ist dies der Sachverstand, um den beschwörend zu bitten ist: der Sachverstand, der sich um Erklärung müht. Der durch die Erklärung dazu zwingt, in der Schuld etwas dem Menschen Mögliches zu sehen. Hier gar ist nicht erst in der Schuld, hier ist zuerst in der Veranlagung des Dr. Behringer etwas Menschenmögliches zu sehen. Danach mag dann geurteilt werden.

DER SPIEGEL 6/1968
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