05.02.1968

STUDENTEN / BERLINLicht aus

Die Philosophische Fakultät der Freien Universität (FU) Berlin hatte ein volles Haus. In Fluren und Gängen der Gründerzeit-Villa an der Dahlemer Boltzmannstraße drängten und lärmten 500 Studenten. Sie belagerten die verschlossenen Türen des Sitzungssaals im Dekanat, hinter denen 80 ratlose Professoren Rat hielten.
Der studentische Stoßtrupp forderte Diskussion, rannte, als dieser Wunsch abgelehnt wurde, die Saaltür ein, drehte den Leuchten der Wissenschaft das Licht ab und zwang die Eingeschlossenen schließlich zur Kapitulation. Sie wichen der Gewalt: Über die Leiber der sitzenden Studenten hinweg schritt der gekränkte Lehrkörper von der Walstatt. FU-Rektor Ewald Harndt, Zahnmediziner: "Brutaler Terror".
Mit dem Aufruhr im Berliner Philosophen-Palais am Mittwoch vergangener Woche erreichte eine Woche jugendlicher Unruhe und Tumulte einen Höhepunkt. Noch mehr Aufsehen erregten die Steinwürfe, mit denen am Freitag von unbekannten Tätern die Fenster von sieben Filialen der zum Springer-Konzern gehörenden "Berliner Morgenpost" zertrümmert wurden. Wenige Stunden zuvor hatten aufsässige Studenten getagt und in einer Resolution den Verleger Springer aufgefordert, binnen 14 Tagen seine eigene Enteignung einzuleiten.
Im Westen Deutschlands, zwischen Ostsee und Schwarzwald, machten junge Leute -- Schüler, Arbeiter, Studenten ihrem Überdruß an Staat und Gesellschaft auf andere Art Luft.
In Kiel, Bochum und Freiburg folgten Schüler und Studenten dem Beispiel ihrer Bremer Altersgenossen und gingen auf die Straße. Grund: Sie wollen nicht teurer mit der Straßenbahn fahren als bisher.
In anderen Städten gab es andere Gründe: Mitbestimmung ist die Losung der Jungen und der Jüngsten. In Hannover zogen 2500 Schüler vor dem Kultusministerium auf und forderten Mitbestimmung in den Schulen. In Hamburg stimmten die Studenten gelegentlich der Neuwahl des Allgemeinen Studentenausschusses darüber ab, ob sie "Rektor Ehrlicher akzeptieren". Knapp die Hälfte der Kommilitonen beteiligte sieh. Es gab weit mehr Nein-Stimmen (4161) als Ja-Stimmen (2763). Für Ehrlicher hat dieses Mißtrauensvotum keine Folgen, denn in Hamburg wird der Rektor, wie überall, nur von den Professoren und nicht auch von den Studenten gewählt. Mit dieser Tradition zu brechen, ist eines der Hauptziele vieler Studenten.
Auch die Berliner Philosophen-Blockade war nicht nur Folge studentischer Lust am Radau. Den Anlaß zur Auseinandersetzung hatten die Professoren selber gegeben. Bestrebt, ihre akademische Autorität zu wahren, sperrten sie sich gegen den studentischen Wunsch nach Mitbestimmung bei der Studienreform.
Der Streit entzündete sich im Romanischen Seminar der Philosophischen Fakultät. Vor allem die jüngeren Semester unter den rund 600 Romanistik-Studenten führen seit geraumer Zeit Klage über den traditionsreichen, aber wenig geordneten Lehrbetrieb ihres Instituts. Doch eine organische Neuordnung des Lehrplans lehnten die Professoren ebenso ab wie die studentische Forderung nach wissenschaftlicher Diskussion in den Seminaren.
Nicht einmal der Diskussion über die Diskussion mochten sich die Dozenten stellen. Als Studenten in einigen Seminaren dieses Thema zur Sprache bringen wollten, machten die Professoren kurzen Prozeß: Wie ein Unternehmer widerborstige Arbeiter, so sperrte das Romanische Seminar seine Hörer aus und stellte für eine Woche seinen Betrieb ein.
Als die Institutsleitung Mitte letzter Woche einlenken wollte, war es zu spät. Die Studenten boykottierten die Einladung zu einer institutsinternen Aussprache und zogen statt dessen in Bataillonsstärke zum Dekanat, um gleich die ganze hohe Fakultät unter Druck zu setzen.
Doch das Kollegium, unter Druck gesetzt, entwich. Die Romanisten, so hatte es zuvor beschlossen, sollten erst noch einmal selber versuchen, mit den Studenten ins Gespräch zu kommen.
Am Mittwoch dieser Woche will die Institutsleitung diesen Versuch wagen -- "vorausgesetzt", so Romanistik-Professor Horst Baader, "daß uns die Studenten nicht das Haus zusammenhauen oder einen von uns Professoren k. o. schlagen".
* In der philosophischen Fakultät am Mittwoch vergangener Woche.

DER SPIEGEL 6/1968
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