05.02.1968

PROZESSE / REITERPREISHing am Ding

Auf "Kronos", einem braunen Vollblut-Wallach, erritt Oberleutnant Heinrich Pollay 1936 olympisches Gold für Deutschland. Der Braune wurde in Bronze gegossen.
Im Kampf ums Metall-Pferdchen (41 Zentimeter hoch, 44 Zentimeter lang) siegte unlängst die Bundesrepublik.
Beim Amtsgericht Arnsberg in Westfalen hatte sie Ende September vergangenen Jahres gegen Frau Erika Meißner, 57, Klage erhoben. denn die Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen war im Besitz des Abbildes vom "Dressurpferd der Welt" (Dressurreiter Willi Schultheis) und hatte sich entschieden geweigert, ihr "Eigentum" dem Bundesschatzministerium zu überlassen.
Sechs Jahre lang hegte sie das Andenken an ihren 1957 verstorbenen Brotherrn, den früheren Leibsattelmeister des Kaisers, Otto Lorke, den sie bis zu seinem Tode gepflegt hatte. Dann begehrte der Bund die Bronze.
Frau Meißner protestierte: Das Bildwerk sei ihr von "Kronos"-Besitzer Lörke "testamentarisch und mit notariell beglaubigter Schenkungsurkunde" vermacht worden. Und Lörke habe zu Lebzeiten über das Schicksal der Bronze, "an der er sehr hing", erzählt: Als er 1945 vor den Russen aus Berlin geflüchtet sei, habe ihn sein Schützling Willi Schultheis noch im letzten Augenblick bedrängt, die "Kronos"-Statuette mitzunehmen.
Laut Oberfinanzdirektion Münster jedoch, die im Auftrag des Bundesschatzministeriums den Prozeß um den bronzenen "Kronos" führte, war der ehemals kaiserliche Leibsattelmeister später als einziger Zivilist Reitmeister an der Kavallerieschule Hannover. Nach dem Olympiasieg habe die Wehrmacht eine Abbildung des Pferdes anfertigen lassen und sie mit anderen Trophäen der deutschen Wehrmachtreiter aufbewahrt. Diese Abbildung sei Lörke erst 1948 zum Geburtstag und nur "zu Besitz auf Lebenszeit" übergeben worden.
Als Zeuge trat vor dem Amtsgericht Arnsberg der letzte Kommandeur der Kavallerieschule, Oberstleutnant a. D. Hans-Heinrich Brinkmann, auf und versicherte: Er selber habe dem ehemaligen "Kronos"-Besitzer Lörke wegen seiner großen Verdienste um die deutsche Reiterei die "Statuette 1948 oder 1949" zum Geburtstag überreicht -- "natürlich nur zu treuen Händen, denn sie kam ja aus den Beständen der Schule".
Frau Meißner wurde prompt verurteilt, ihr Andenken herauszugeben. Reiter Schultheis, der von Lörke "großgezogen" worden ist, dagegen beteuert: "Das Ding gehörte Lörke und hat ihm immer gehört." Lörke habe sich die Statuette selber anfertigen lassen, "von einem Professor, ich weiß nicht mehr, wie er heißt". Und: "Ich habe sie ihm 1945 selber eingepackt."

DER SPIEGEL 6/1968
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