05.02.1968

OLYMPIA / VORBEREITUNGGeld für Gold

Deutschlands Wintersport-Chefs spekulierten auf Gold. Sie rechneten, wie in den goldenen Jahren 1936 und 1952, mit wenigstens drei Olympiasiegen in Grenoble (6. bis 18. Februar), denn sie verfügten über mehr Geld, um Gold daraus zu schmelzen, als je: etwa 1,2 Millionen Mark.
400 000 Mark wurden aufgewendet, um den Rodlern ein Trainingszentrum einzurichten. 200 000 Mark investierten die Deutschen, um ihre Pisten-Athleten medaillenreif zu schleifen. Allein: Während der vorolympischen Proben verflog die Endsieg-Euphorie wie ein LSD-Rausch.
"Verurteilt zur Goldmedaille" hatte beispielsweise die "Welt am Sonntag" Franz Keller aus Nesselwang in der Nordischen Kombination (Skisprung und Ski-Langlauf). Der Gebirgsjäger-Unteroffizier und Weltmeisterschafts-Zweite von 1966 war in der vergangenen Saison zehnmal gestartet -- und hatte zehnmal gesiegt.
Im Olympia-Winter stellte er sich erstmals im Januar der internationalen Elite. Er sprang am weitesten. Dann bekam er Grippe, vor dem Langlauf gab er auf. Im zweiten vorolympischen Manöver vor zehn Tagen hechelte er auf falsch gewachsten Ski hinterher und wurde Siebenter.
Fast gleichzeitig kratzten ausländische Ski-Rennläufer am Goldglanz eines zweiten deutschen Favoriten. Der deutsche Ski-Trainer Mathias Wanger wetterte: "Vogler holt Gold." Denn schon 1966 hatte der Architekturstudent Franz Vogler aus Oberstdorf bei den Weltmeisterschaften eine Bronzemedaille im Abfahrtslauf auf amerikanischen Head-Ski erkämpft.
Zum Winteranfang nötigte der Deutsche Skiverband (DSV) seine Läufer, auf deutsche Ski umzusteigen. Unter dieser Bedingung wollten die Ski-Firmen der Bundesrepublik gleichsam als Werbepauschale 130 000 Mark in die Verbandskasse einbringen.
Doch der umgerüstete Vogler erreichte stets bessere Startnummern als Plazierungen. Im ersten Abfahrtslauf der Saison jagten 31 Läufer schneller zu Tal als er; im zweiten stürzte er auf dem Zielhang. Nach den Mißerfolgen verlangte Vogler wieder seine gewohnte Ski-Marke. Daraufhin meuterten andere Läufer, die ebenfalls Auslands-Verträge aufgegeben hatten. Die Ski-Produzenten drohten, ihre Winterhilfe einzustellen.
Im Eiskunstlauf zehrten die Deutschen vom Vorschuß-Lorbeer der Paarläufer Margot Glockshuber und Wolfgang Danne aus Garmisch. Ihre Funktionäre hatten den Vorstand der Deutschen Eislauf-Union (DEU) von fünf auf zwölf spesenfreudig Mitglieder erweitert. Der Olympia-Schatz der DEU schmolz in drei Jahren von 256 000 auf 11 000 Mark zusammen. Glockshuber/Danne, die Paul Falk, der Goldmedaillengewinner von 1952, als "großartig, einmalig" gepriesen hatte, sollten die Bilanz durch olympisches Edelmetall aufwerten.
Olympiasieger und Bundestrainer Manfred Schnelldorfer vermochte seine Grenoble-Mannschaft jedoch nur zu einem gemeinsamen Lehrgang zu versammeln. Paarläufer Danne rebellierte gegen den Zapfenstreich um 22 Uhr und für private Überstunden. noch vier Wochen vor der Olympia-Kür setzten die Funktionäre die Deutsche Meisterschaft in einer Halle an, die sechs Meter zu eng war. So mußten die Kufen-Künstler ihre ausgeklügelte Raumaufteilung ändern.
Zudem bereiteten sich die Deutschen -- anders als die in Schwerpunkten konzentrierten DDR-Läufer -- voneinander isoliert bei verschiedenen Heim-Trainern vor, die miteinander rivalisierten. Gloekshuber/ Danne hatten eine akrobatische Kür mit vielen Hebesprüngen einstudiert. Aber sie liefen, ohne zu lächeln. Überdies, rügte Bundes-Eiswart Schnelldorfer, behandele Danne seine Partnerin wie ein Werkzeug.
Die Punktrichter bevorzugten bei der Europameisterschaft im Januar den ballett-beladenen Stil der Russen Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow. Die Deutschen wurden Vierte.
Wie den Sprung-Figuren des deutschen Eis-Paares versagten die Kampfrichter auch den Sprungversuchen des deutschen Skiflug-Geschwaders ihre Anerkennung. Erstmals hatten die deutschen Spezialspringer in den schneelosen Monaten auf Matten-Schanzen geübt. "Diesmal sind wir gründlicher vorbereitet als je", posaunte der Bundes-Sprungtrainer Ewald Roscher.
Jedoch die Sprung-Sportler der Weltklasse sind einander nahezu gleichwertig. Beim internationalen Wettkampf in Bischofshofen trennten den ersten und den zehnten 1965 noch 18 Meter, 1968 nur noch 6,5 Meter. Alle Konkurrenten beherrschen die moderne Flug-Technik. So entscheidet der sicherste Aufsprung. Die Schanzen-Athleten aus Norwegen, der Sowjet-Union und der CSSR exerzierten die Landung folgerichtig in ständigem Spezialtraining.
Nicht so die Deutschen. Sie springen so weit und so gut wie ihre Rivalen. Aber meist mißglückt die Landung. So fielen sie ins Hinterfeld zurück. Und das Auswahl-Komitee strich ihre Planstellen für Grenoble.
Daraufhin inszenierten die Deutschen eine olympische Bettler-Oper: Sie traten zu einem zusätzlichen Bewährungs-Springen an. Gegner waren freilich, wie der "Münchner Merkur" spöttelte, "fast nur die Fußkranken der Völkerwanderung". Zwei bundesdeutsche Springer wurden dennoch erneut aufgestellt, drei dürfen als Vor-Springer mitreisen.
Da stiegen in einer bis dahin unterentwickelten Branche plötzlich die Medaillen-Kurse. Die deutschen Eisschnelläufer überraschten mit vier Weltrekorden. Der sowjetische Olympiasieger Eugen Grischin prophezeite dem Deutschen, der seine 500-Meter-Bestleistung unterboten hatte: "Erhard Keller wird in Grenoble siegen." Freilich -- auch Keller verlor zwei Wettläufe gegen unbekannte Eisflitzer.
Siegfried Perrey, Generalsekretär des Ausschusses zur Leistungsförderung, rechnet jedenfalls mit einer Medaillen-Ebbe für Deutschland: "Viel wird"s nicht werden. Vielleicht haben die Bobfahrer Glück."

DER SPIEGEL 6/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA / VORBEREITUNG:
Geld für Gold

  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"