05.02.1968

„Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht“

4. Fortsetzung
Der Beschluß, in Berlin Fuß zu fassen, offenbar Anfang 1956 endgültig getroffen, hatte eine rationale und eine irrationale Seite.
Die irrationale ging auf Hans Zehrer zurück: Seine Schilderung des hauptstädtischen Lebens zwischen Kaiserreich und Drittem Reich, halb Zentrum deutscher Politik und Geistigkeit, halb Weltstadt-Babylon, ausstrahlend nach Moskau und Paris, London und New York und von dort empfangend, erfüllt von amerikanischem Rhythmus und Berliner Gemüt, mondän und trist, leichtlebig und hart arbeitend, vom kargen Glanz Preußens überstrahlt, hatte auf den jungen Springer einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Nur in Berlin, so Zehrers Reden, konnte man deutsch und weltläufig zugleich sein, besaß Gesamtdeutschland ein Selbstbewußtsein, das historisch begründet war und historisch wirkte.
"Halten Sie es in dieser Provinz überhaupt aus?" verblüfft Axel Springer noch heute in seinem Arbeitszimmer hoch über der Hansestadt Besucher, die gerade die Aussicht über Elbe und Hafen der Millionenstadt loben wollen. Er fühle sich als gedachter Berliner, sagte er einem Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", Berlin sei sein Hobby, so wie das Hobby anderer europäischer Millionäre Häuser in Italien seien, einem Korrespondenten von "Business Week".
Der rationale Kalkül hieß: Wer den Berliner Markt hat, hat den hauptstädtischen und damit den mitteldeutschen, wenn es je wieder eine gesamtdeutsche Hauptstadt Berlin geben sollte. Als erster an Ort und Stelle, würde er endgültig der Erste sein und bleiben, größer als alle Großverlage vor ihm.
Die Klammer von rationalem und irrationalem Element war die falsche Prophetie. Forscht man in den Äußerungen Axel Springers und Hans Zehrers von 1955 an aufmerksam nach, so muß man zu dem Schluß kommen, daß die Berlin-Astrologie des "Welt"-Leiters das Datum der Wiedervereinigung auf spätestens Ende 1958 festgesetzt hatte*.
Noch Anfang 1958 legte sich Axel Springer Äußerungen der Sowjets, die, wie sich zeigen sollte, sehr anders gemeint waren, als Bestätigung aus: Schon im Herbst werde sich die russische Politik grundlegend ändern, vertraute er Freunden an. Übers Jahr
* Hans Zehrer am 3. November 1955 in der "welt": "Es sei die Voraussage gewagt und die Behauptung aufgestellt, daß wir in spätestens zwei Jahren wieder die Hauptstadt Berlin als Metropole eines gesamtdeutschen Bundesstaates haben werden." Axel Springer am 1. März 1958 an die Mitarbeiter von "Constanze": "Im übrigen dauert es mit Berlin nicht mehr so lange, wie all die dummen Menschen glauben. wir sprechen uns im Herbst wieder." Hans Zehrer am 1. Oktober 1958 in "Bild": "Die Einheit des Volkes ... ist näher, als es den meisten bewußt ist."
werde er die "Welt" in Berlin redigieren, verkündete Hans Zehrer.
An Ort und Stelle befand sich zu diesem Zeitpunkt, seiner selbst noch nicht wieder ganz sicher und zaghaft um die Rückgewinnung seiner alten Position bemüht, nur ein nennenswerter Gegenspieler: Ullstein.
Rudolf Ullstein, der letzte Überlebende der fünf Gründersöhne, war 1949 im Alter von fünfundsiebzig Jahren nach Berlin zurückgekehrt und hatte sich um die Restitution des Verlagsvermögens bemüht. Der Senat, der Verwalter der Amannschen Konkursmasse, noch weniger ·die inzwischen neu etablierten Zeitungsunternehmen, die auf dem abgeschnürten Markt ohnehin hart konkurrierten und mit den politischen Kräften der Stadt durch das Lizenzierungssystem eng verflochten waren, hatten über den Anspruch nicht gerade Begeisterung gezeigt.
In einem halb juristischen, halb politischen Handel, den Rudolfs Neffe Karl Ullstein schließlich zu Ende führte, sprach die Wiedergutmachungskammer des Berliner Landgerichts am 3. Januar 1952 der Familie Ullstein die alten Titel und das Druckhaus Tempelhof zu, das der Technische Direktor Ernst Strunk aus Feuer und Demontage gerettet und zu einer einträglichen Lohndruckerei ausgebaut hatte.
Zur Abgeltung der Schulden des Deutschen Verlages überließ die neu konstituierte Ullstein AG dafür dem Land Berlin das große Grundstück an der Kochstraße. Im September 1952 war Ullsteins "Berliner Morgenpost" wieder auf dem Markt, im November 1953, in Format und Aufmachung dem "Daily Mirror" angenähert, die "BZ". Am schnellsten gedieh der Buchverlag, der sich mit der Vorbereitung einer neuen Propyläen-Weltgeschichte unter der Herausgeberschaft von Golo Mann, dem neu aufgelegten, von Theodor Heuss herausgegebenen Sammelwerk "Die großen Deutschen" und dem Taschenbuchverlag sehr bald seinen Marktanteil zurückeroberte.
Von der weitverstreuten Erbenfamilie in zweiter, dritter und vierter Generation, in der man zwölf Parteien zählte, waren neben dem Senior Rudolf Ullstein am Ende wieder drei, Karl, Heinz und Frederick, die Söhne von Hans, Louis und Hermann Ullstein, aktiv im Verlag tätig. Andere Anteilhaber wollten jedoch anderes, fühlten sich in der Führung der Geschäfte vernachlässigt. Hier war eine Chance für hartnäckige Interessenten, einen Fuß in Ullsteins Tür zu setzen.
Es gab Anfang der fünfziger Jahre mehrere, die mit dem Gedanken an einen Sprung auf den Berliner Markt spielten, ·keinen jedoch mit so mystischer Entschlossenheit wie Axel Springer. Der "Zeit" und "Stern" -- Verleger Gerd Bucerius hatte 1954 von den Erben nach Hans und Hermann Ullstein zehn Prozent der Anteile zusammengekauft, wie man sagt, zu einem Kurs von 106 2/3, sie aber undeklariert an Axel Springer abge-
* Sie wären allerdings auch aus statischen Gründen nicht möglich gewesen: Der sandig-morastige Boden trug ein so hohes Bauwerk nicht.
geben. Um die sechsundzwanzig Prozent der unzufriedenen Erbengemeinschaft nach Louis Ullstein bewarben sich der Münchner Verleger Helmut Kindler und der Geschäftsführer und Teilhaber der "Zeitungsverlag Ruhrgebiet GmbH" in Essen, Rolf Ippen. Der Stuttgarter Verleger Dietrich Troeltsch hatte sie schon fast, starb aber über dem Geschäft. In sein Kaufangebot von zwei Millionen Mark für nominell 1,56 Millionen Mark Aktien trat im Sommer 1956 Axel Springer ein; nach dreimonatigem Handel erwarb er das Paket.
Die folgenden Züge waren zielstrebig oder wirkten doch so. Hauptinstrument der eigenen Geschäftspolitik wurde die gleichzeitig gegründete Berliner Zeitungsdruckerei GmbH, die den Bau einer Springer-Druckerei vorbereiten sollte. Ihr erster Geschäftsführer, der frühere Verlagsdirektor der Springer-Tageszeitungen Dr. Funk -- die anderen beiden waren Walter Matuschke und Heinrich Schulte -, nahm nun am Tisch des Aufsichtsrats der Ullstein AG Platz: So wie Springer an Ullstein beteiligt war, sollte Ullstein fortan zu gedeihlicher "Entwicklung und Zusammenarbeit" an den Berliner Springer-Unternehmen beteiligt werden.
Für die geplante Druckerei kauften Axel Springers Beauftragte vom Land Berlin und aus altem Scherl-Hugenbergschen Besitz günstig Boden zusammen, ein Gebiet im alten Zeitungsviertel zwischen Koch-, Zimmer-, Jerusalemer- und Markgrafenstraße.
Ullstein hatte nun einen Partner, an den er sich anlehnen konnte. Nur: In dem scheinbar harmonischen Gleichgewicht besaß Axel Springer mit geplanter Großdruckerei, den für das Druckhaus Tempelhof wichtigen Druckaufträgen von "Bild -- Berlin", "Welt", "Welt am Sonntag" und "Hör zu", seinem gewaltigen Kapitalhintergrund und dem westdeutschen Markt mehrere Steine im Spiel, Ullstein, der jeden Investitionspfennig zusammenkratzen mußte und auf den Berliner Markt beschränkt war, nur einen.
Mindestens die Größe des Kochstraßen-Projektes, das am 25. Mai 1959 mit politischen Hammerschlägen des Regierenden Bürgermeisters Brandt und des gesamtdeutschen Ministers Lemmer begonnen wurde und nach erstem Plan einen Wolkenkratzer von 35 Stockwerken über einen Langbau von rund 130 Meter vorsah, "die höchste Erhebung Berlins nach dem Funkturm", hätte Karl Ullstein vor seinem charmanten, immer hilfsbereiten Minderheitengesellschafter warnen sollen.
Nur zäher Eigenwille hätte sich neben einem so geschmeidigen wie überlegenen Partner behaupten können. Er schwand jedoch schon bald, obwohl die Ullstein AG bereits 1959 wieder einen Umsatz von 85 Millionen Mark erreichte. Frederick Ullstein will in der endgültigen Kapitulation darum auch weniger einen Zwang zur Konzentration als die "Geschichte vom Untergang einer Familie" sehen.
Was Axel Springers kühnste, fünfunddreißig Stockwerke hoch fliegenden Träume* auf der einen Seite fürs erste zunichte machte, brachte ihn auf der anderen Seite unerwartet rasch zum Ziel: Chruschtschows Berlin-Ultimatum vom November 1958. Lediglich "aus politischen und persönlichen Gründen und aus Lebensangst der Senior-"Partner" sei der vollständige Verkauf erfolgt, schreibt Frederick Ullstein in einer Aufzeichnung: "Axel Springer verstand es mit seinem großen Charme, den Senioren Rudolf und Karl Ullstein einzureden, der Totalverkauf bedeute eine Fusion, nicht eine Übernahme."
Der Architekt des Verkaufs sei Karl Ullstein gewesen, gemeinsam mit den anderen Seniorpartnern. Gegen den im Januar 1960 von der Mehrheit der Gesellschafter gefaßten Beschluß stimmten lediglich die Erben nach Franz und Hermann Ullstein, Elisabeth, die "aus sentimentalen Gründen" ihren Anteil noch eine Weile behielt, ihn schließlich aber auch an Axel Springer verkaufte. Frederick gab gleich ab, da er sich keinen Einfluß mehr erhoffen konnte.
Nach der Erwerbung durch Axel Springer wurde die Aktiengesellschaft sogleich in eine GmbH ohne Publizitätspflicht verwandelt. Im Aufsichtsrat rahmten den aus dem Vorstand übergewechselten Karl Ullstein die Sendboten aus Hamburg ein, der Bevollmächtigte Christian Kracht und der Chefjustitiar Herman F. Arning, auch den greisen Senior Rudolf Ullstein beließ man noch als "Ehrenaufsichtsratsvorsitzenden"; aber nicht für lange.
Welche Rolle die gefälschten Geschäftsberichte des später mit Gefängnis bestraften Ullstein-Finanzdirektors Maurer bei den nicht erquicklichen Vorgängen der endgültigen Trennung von den Ullstein-Erben gespielt haben, ist von außen schwer zu sagen. Das erst vom Bevollmächtigten Kracht 1961 aufgedeckte Debakel, eine der kuriosesten Betrugspossen nach dem Kriege -- Maurer, von den Bayerischen Motoren-Werken engagiert und im Prozeß auch als falscher Doktor bestraft, hatte bereits seit 1957 mit überhöhten Lieferantenrechnungen und fingierten Spesenquittungen Millionenbeträge unterschlagen und sie mit den Mitwissern geteilt, kein leichter Aderlaß für den ohnehin kapitalschwachen Verlag -, trug jedenfalls zum Vertrauen in die alte Geschäftsleitung nicht bei und mag die Entfremdung beschleunigt haben.
So war die dritte Ära Ullstein nach Leopolds Preußisch-Berliner Gründung schon zu Ende, ehe sie recht begonnen hatte. Onkel Rudolf und Vetter Karl wurden, wie Frederick Ullstein bitter schreibt, "binnen Jahresfrist in nicht gerade freundlicher Form abgehalftert, ich selbst, wie nicht anders von mir erwartet, binnen eines Monats nach der "Fusion" zugleich mi,t dem hochverdienten und außerordentlich tüchtigen Verlagsdirektor Strunk meiner Arbeitsstellung im Verlag enthoben".
Lediglich der damals fast 70jährige Heinz Ullstein konnte sich arrangieren, gegen ein monatliches Entgelt von 5000 Mark und ein ständiges Appartement im Hotel International in Frankfurt erhielt er den Posten eines Geschäftsführers der Ullstein GmbH. Axel Springer halte ihn sich "als Tafeldekoration", wofür er ihn hoch dotiere. "Das wird von beiden Parteien klar anerkannt", merkt ein bissiger Kenner der Verhältnisse an.
Axel Springers Darstellung ist heute stark emotional gefärbt. Die Familie habe ihm ihren kranken Verlag zu einem Zeitpunkt verkauft, "als sehr wenige Deutsche für Berlin noch Wesentliches riskieren wollten", er habe die traditionsreichen Blätter seit 1898 und 1904 mit "alten und neuen Mitarbeitern" wieder gesundgemacht. Darin lag bei einer Verschuldung des Verlages von 14 Millionen Mark ein harter Kern.
Der Beschwörung der Tradition zum Trotz schwand die Identität der Ullstein-Organisation jedoch rasch, sie ist heute praktisch auf den Namen des Buchverlags zusammengeschrumpft. Nach dem Bevollmächtigten Kracht wurde zunächst, die Eigenständigkeit noch betonend, ein Generaldirektor eingesetzt, der Auslandschef der Londoner "Financial Times", Peter Galliner, den Axel Springer zufällig durch das europäische Illustrierten-Projekt "Capitol" kennengelernt hatte.
Galliner, aus einer alten jüdischen Berliner Familie stammend, scharf redend und scharf urteilend, fand an der Geschäftspolitik des Hauses jedoch manches auszusetzen, sie duldete seiner Meinung nach zuviel Unterschiede zwischen Worten und Taten, zuviel soziales Gefälle zwischen Oben und Unten und zuviel organisatorische Umleitungen, die den selbständigen Ullstein-Status allmählich aushöhlten und seine vertraglich festgelegte Kompetenz umgingen.
Die Ausgliederung des Druckhauses Tempelhof, der alten Ullstein-Bastion, ohne seine ausdrückliche Billigung -- es wurde etappenweise an die Stuttgarter Druckerei Belser KG verkauft -, die Überleitung des Kochstraßenprojektes von der ullstein-verflochtenen Berliner Zeitungsdruckerei GmbH an die Firma Axel Springer & Sohn KG, Berlin, praktisch die Ausklammerung der künftigen Berliner Zentrale aus Galliners Einflußbereich, Unstimmigkeiten über die Haltung gegenüber den Gewerkschaften führten zu Friktionen.
Die Spannungen verschärften sich, als die Konzernleitung gegen Galliners Willen, zunächst wohl auch ohne sein Wissen, die Veräußerung des Ullstein-Buchverlages erwog und auch mit einem Vertreter Lord Thomsons verhandelte. Die Beziehungen zwischen Hamburg und Berlin sanken bis auf den Gefrierpunkt ab. Die Konzernleitung war umgekehrt mit Galliners ständigem Widerspruchsgeist unzufrieden.
In einer lebhaften Aussprache im Oktober 1964 beschloß man, sich zu trennen. Gauner legte seinen Posten von einem auf den anderen Tag nieder und kehrte auch zur Übergabe der Geschäfte nicht an seinen Schreibtisch zurück. Er wurde nicht in die große Schar der "Berater" aufgenommen -- die sonst übliche Lösung bei unangenehmen persönlichen Fragen -, ging aber mit einer sechsstelligen Abfindung.
Von den Transaktionen war die Überleitung des Kochstraßenbaus ·an Axel Springer & Sohn die wichtigste; sie ließ bereits die Spitzengliederung erkennen, die später, als die "Nur-Fusions"-Beteuerungen nicht mehr nötig waren, auch das Licht der Welt erblickte. Nicht mehr Ullstein, sondern Verlagshaus Axel Springer Berlin heißt im Bewußtsein der Öffentlichkeit fortan das Haus auf der Scherlseite der Kochstraße, in dem die traditionsreichen Ullsteinblätter "Morgenpost" und "BZ" erscheinen.
Von den alten Ullsteinern blieben drei in der Leitung. An die Spitze trat jedoch ein Hamburger Mann, der 1960 als junger Attaché mit Christian Kracht in der Elektrischen vom Flughafen Tempelhof zum Ullstein-Turm gefahren war, um die neue Bastion in Besitz zu nehmen, der zeitweilige "Bild"-, "BZ" und "Morgenpost" -- Verlagsleiter Peter Tamm, Jahrgang 1928. Er wurde ein tatkräftiger Boß,
Mit Bundespräsident Lübke und dem damaligen Berliner Regierenden Bürgermeister Brandt bei der Einweihung des Berliner Verlagshauses 1966.
allerdings einer ganz im Sinne des Verlegers Axel Springer.
Vierundvierzig "Mitarbeiter des Verlagshauses Axel Springer Berlin" könnten bereits auf ihr fünfundzwanzigjähriges, vierzigjähriges, ja, fünfzigjähriges Dienstjubiläum zurückblicken, las man schon bald in der "Springer-Post", der Verleger Axel Springer danke ihnen für die Treue, "die Sie unserem Unternehmen gehalten haben".
Die politische Öffentlichkeit nahm die Niederlage Ullsteins erstaunlich unbewegt hin. Lediglich der damalige Innenminister Schröder äußerte, die Bundesregierung betrachte die "Ansammlung publizistischer Macht in monopolistischer Stellung" zunehmend mit "Aufmerksamkeit und Sorge", eine Erklärung, die dem ungeliebten Minister nicht zum Vorteil ausgeschlagen sein mag, denn von allen seinen Kollegen machte er mit der "Ansammlung publizistischer Macht" später die schlechtesten Erfahrungen.
Der "Verlust der Kampagne", wie Frederick Ullstein den raschen Niedergang seines Hauses nennt, machte jedenfalls die Hoffnung auf einen zweiten, starken Zeitungskonzern, der seiner Tradition nach Geschäftssinn mit liberalem Geist, Massenpublizistik mit der Tendenz zur Aufklärung verbunden hatte, endgültig zunichte. Es blieb die eine große, konkurrenzlose Maschine der Anpassung an die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, an die sich die Öffentlichkeit inzwischen gewöhnt hat.
Zur Krönung ihres Berliner Triumphes ehrte sie das Staatsoberhaupt 1966 durch Anwesenheit und Rede, als sei sie selber ein Teil des Staates. Wenn nur die noble Haltung des Verlagsinhabers, der "unsere nationalen Anliegen trotz aller Angriffe stets kraftvoll und mutig vertreten hat", der "Geist der Publikationen, die hier Tag für Tag erscheinen, und die Überzeugungskraft, die sie ausstrahlen", fortdauerten, sagte der Erste Bürger des Staates, den früher "unsere Bauernzeitung" häufiger in das Zeitungsviertel geführt hatte, "dann kann der Umfang der Verlagsarbeit allein kein Vorwurf sein" -- eine entwaffnend schlichte Auskunft über das Problem der Ansammlung großer publizistischer Macht in einer Hand.
Die große, politisch-geschäftliche Spekulation ging durch die Einfrierung des Status quo in der Deutschen Frage zunächst nicht auf, und man sieht auch nicht recht, wie sie so bald aufgehen soll. Gleichwohl blieb die Etablierung auf dem Berliner Markt und seine fast vollständige Beherrschung eine finanzielle Transaktion von beträchtlichem Vorteil, so verhängnisvoll sie für das psychologischpublizistische und politische Klima der Stadt auch werden sollte.
Das voll angewandte Instrumentarium der Steuervorteile nach dem Berlinhilfegesetz -- außer den 75prozentigen Investitionsabschreibungen und der 30prozentigen Ermäßigung der Einkommensteuer einschließlich der Einnahmen aus Kapitalvermögen kennt es noch eine Reihe beachtlicher Vergünstigungen -- erspart dem Gesamtunternehmen und dem nun auch mit Wohnsitz in Berlin ansässigen gedachten Berliner beträchtliche Summen. Der Kochstraßenbau wurde durch sie wesentlich erleichtert.
Die Verlegung des Hauptsitzes der Holding Axel Springer Verlag GmbH von Hamburg nach Berlin im Januar 1967 hatte neben dem symbolischen auch einen weiteren steuerlichen Vorteil gehabt. Sie ließ im übrigen den Chef des Berliner Hauses, Peter Tamm, ausgestattet mit dem Posten eines mitvertretungsberechtigten Geschäftsführers des Konzerns, zum zweiten Mann neben dem Generalbevollmächtigten Christian Kracht aufrücken und schuf damit eine neue Stufe in der Hierarchie.
Christian Kracht, der zum erstenmal bei der Besitzergreifung Ullsteins sein beträchtliches Verhandlungsgeschick bewies, wurde auch der Organisator des neuen Großgebildes, das nun aus Karl Andreas Voss" solider, aber herkömmlicher Verlagsorganisation entstand -- des Konzerns.
Axel Springer verabscheute das Wort noch eine Weile, aber mit der Einverleibung Ullsteins war das Unternehmen nun einer. Die weitläufigen Produktionen und Geschäfte ließen sich nicht mehr in einem System lose verschachtelter Einzelfirmen kontrollieren, sie bedurften, wollte man sie zum Maximum ihres Gewinns steigern, der straffen Führung.
Mit ihr wurde der kleine, schmale, betont leise sprechende junge Mann mit den lautlosen Umgangsformen, 38 Jahre bei Übernahme der Ullsteingeschäfte, zur beherrschenden Figur innerhalb der neuen Großorganisation" zur erstaunlichsten Erscheinung neben Axel Springer selber.
Kracht, aus Meldor! in Holstein, Jahrgang 1921, im Kriege Unteroffizier im Infanterieregiment Hamburg Nr. 76 und verwundet, am Anfang seiner Zeitungskarriere Volontär bei der englischen "Welt", Reporter der Jugendzeitschrift "Benjamin" und Mitarbeiter des SPIEGEL- Vorläufers "Diese Woche", war bis dahin eine Art Aide de camp für Redaktionsfragen gewesen, der dem Unternehmerjournalisten auf seinen Streifzügen durchs Volk nacheilte: "Mittags läuft er los, Christian Kracht hinterdrein: mal sehen, was Herr und Frau Jedermann auf den Balkons machen", schreibt ein Chronist.
Eine "Naturbegabung für Organisation" und "bestechende Menschenkenntnis" erkannte schon der leitende "Benjamin"-Redakteur Karl Heinz Ressing als hervorragende Eigenschaften seines Reporters, der zwar so gut wie keine Zeile schrieb, aber humanitär-politische Aktionen wie "Laßt uns Oradour wieder aufbauen" und "Helft den Kindern von Klappholttal" erfand. Noch erfolgreicher sei er als Rechercheur gewesen, der "auch zu Informationen kam, wo andere, sehr viel ältere und erfahrenere Kollegen passen mußten".
Mehr journalistischer Organisator als selber produzierender Journalist blieb der junge Mann, der zunächst sozialistisch und pazifistisch dachte, "wenn man darunter die Summe aller sozialen Bemühungen versteht", auch in seiner Springer-Karriere, die mit einem Bewerbungsschreiben bei Hammerich & Lesser im September 1948 begonnen hatte: als zweiter Lokalredakteur des "Hamburger Abendblattes", als Späher des Verlegers bei den amerikanischen Pennypapers "New York Daily News" und "San Francisco Chronicle", um Erfahrungen für "Bild" zu sammeln, in der Gründungsredaktion des neuen Massenblattes.
Der Erforscher der modernen Großorganisation Robert Presthus würde den heute Sechsundvierzigjährigen, der sich mit unaufdringlicher Eleganz kleidet, nicht raucht und nicht trinkt, gern erlesen ißt, aber nur halbe Portionen, und sich einmal im Jahr drei Tage lang in einem Krankenhaus gründlich untersuchen läßt, in seiner Typologie der "organizational society" vermutlich als Musterbild des "Aufsteigers" einordnen, begabt mit den Merkmalen des "Adjutanten" und des "Beziehungstaktikers"" eine vollendete Mischung von beiden.
Die Virtuosität im Spiel des höheren Managements -- die wohldurchdachte Nuancierung von Distanz und Vertrauen, die Genauigkeit in der Bewertung von Vor- und Nachteil bei verbindlichen Formen, die vorzügliche Personenkenntnis, auf welchem Wege auch immer, das Doppel- und Dreifachprinzip im Durchdenken von Problemen und in der Besetzung von Funktionen, das der Steigerung der Leistung, aber auch, wenn nötig, der Kontrolle und Neutralisierung dient -- erklärt aber nicht die eigentümlich enge Bindung an Axel Springer, in der sich der kühle Verstand, wie der kluge Hofmann dem Monarchen gegenüber, von einem bestimmten Punkt an keine Reflexion mehr erlaubt und dem Glauben unterwirft.
Diese Bindung aus Glauben ist stark gefühlsbetont, Produkt einer erstaunlichen wechselseitigen Ergänzung, die den pragmatisch denkenden Rationalisten dem Eigentümer gerade in seinen irrationalen, verletzlichen Eigenschaften unersetzlich macht. Er tue das, wozu der Verleger keine Lust habe, umschreibt der Generalbevollmächtigte gern seine Funktion. Das ist geschäftlich gemeint, reicht aber auch weit in den persönlichen und Vermögensbereich hinein.
In seiner Gabe, in Größenordnungen und Beziehungen. zu denken und mit ihnen zu operieren, entwickelte der junge Mann aus Meldorf frühzeitig einen ausgeprägten Sinn für ·die Börse, der gelegentlich auch seinem Herrn von Nutzen war. Die unbedingte Loyalität und geschäftlich-vertrauliche Freundschaft ist hochbelohnt: mit einem Jahreseinkommen von 1,2 Millionen Mark nur aus seinen Konzernfunktionen zählt Christian Kracht heute zu den höchstbezahlten Managern Deutschlands.
Das auf den Generalbevollmächtigten zugeschnittene neue Regime wurde in seinem Kern zum erstenmal sichtbar, als sich der ältere Kompagnon Voss, siebzigjährig inzwischen, Anfang 1963 aus den Geschäften zurückzuziehen begann.
Erstes Vehikel war ein übergeordnetes Direktorium der beiden Firmen Hammerich & Lesser und Axel Springer & Sohn, in dem Christian Kracht im Januar 1963 der Vorsitz zufiel. Es bestand in der Hauptsache aus den früheren Objekt-Verlagsleitern -- Rolf von Bargen für die "Bild"-Gruppe, später auch Gruppe Zeitungsverlag genannt, Hans Heinrich Schreckenbach für das "Hamburger Abendblatt", Ernst Naumann für die aus "Hör zu" und "Kristall", das 1966 eingestellt wurde, bestehende Gruppe Zeitschriftenverlag -- und den Verantwortlichen für die Gesamtbereiche Technik und Kaufmännische Leitung, Walter Matuschke und Kurt Goebel.
Otto Siemer, Chefredakteur des "Abendblattes", fungierte als eine Art Sonderberater für Personalfragen und Verantwortlicher für redaktionelle Probleme, auf die dieses Gremium aber nie größeren Einfluß gewann, da sich der Verleger die Steuerung des redaktionellen Bereichs selber vorbehielt. "Welt"-Haus und Ullstein blieben noch außerhalb der Kompetenz des neuen Direktoriums.
Die Klammer bildete eine Art oberster Rat, in dem neben dem Verleger und seinem Kompagnon Voss auch Christian Kracht und die Leiter der "Welt"- und Ullstein-Gruppen saßen, der aber nach außen institutionell nie in Erscheinung trat und in zwei Jahren kaum zehnmal tagte.
Mit dem Tod des Verlagsleiters der "Welt", Schulte, mit Galliners Rücktritt und dem weiteren Rückzug von Karl Andreas Voss aus den Geschäften verwuchs Christian Krachts Hamburger Direktorium mit dieser Vorform der Holding-Konferenz. Der neue "Welt"-Statthalter Schreckenbach saß schon in beiden Gremien, die auf gelöste Ullstein-Organisation wurde für den Zeitungsteil fortan von Peter Tamm, für die in der Geschäftsbilanz nicht wichtige Buchproduktion von Hans Wallenberg vertreten, der damit auf einem Abstellgleis angelangt war und rund drei Jahre später "nach Durchführung der ihm gestellten verlegerischen Aufgaben" auch endgültig ausschied.
Im April 1965 war die "organisatorische Straffung", wie die Umstrukturierung hausoffiziell hieß, zunächst abgeschlossen. Einschließlich seines
* 1950 als werkstudent in Eddys Brotfabrik während eines Journalisten-Austausches an der State University of Montana.
Vorsitzenden Kracht zählt nun das oberste administrative Gremium, die Holding-Konferenz, zehn Mitglieder. Handeisrechtlich wurden die Geschäfte des Konzerns fortan ausschließlich über die mit 15 Millionen Stammkapital ausgestattete Holdinggesellschaft Axel Springer Verlag GmbH geführt, Axel Springers literarisch gemeinter Gründung von 1947, die alle Anteile der Tochtergesellschaften hält und in den Kommanditgesellschaften als persönlich haftende Gesellschafterin auftritt.
Alleinzeichnungsberechtigter Geschäftsführer wurde Christian Kracht, der damit zum zweiten Alleinherrscher im Konzern neben dem Eigentümer auf rückte. Karl Andreas Voss, der ausgeschiedene Patriarch, in seiner zweiten Lebenshälfte nun ungewöhnlich reich geworden und mit Pferdezucht beschäftigt, behielt auf seine beiden Einlagen von je 600 000 Mark eine begrenzte Gewinnbeteiligung, die vertragsgemäß mit dem Ende der Beteiligungen 1975 enden wird.
So teilte sich die Konzernwelt fortan in zwei Sphären, eine politisch-ideologische und eine wirtschaftliche, in den "Geschäftsführungsbereich Verleger Axel Springer", der sich mit dem Führungsinstrument des "Redaktionellen Beirats" über die Redaktionen stülpte und Zweck und Ende ausschließlich in der journalistisch-politischen Steuerung fand, und in den "Geschäftsführungsbereich Administration", den der Verleger seinem Vertrauten als nahezu gleichberechtigtem Hausmeier überließ. Der Journalist als Unternehmer schuf sich einen Unternehmer zu seiner Vertretung, um sich umgestört seinen politischen Träumen hingeben zu können.
Man wird sich die einmal wöchentlich tagende, gelegentlich auch abstimmende Holding-Konferenz gleichwohl nicht als Kollektivführung vorstellen können, so verfeinert der Führungsstil des Generalbevollmächtigten auch sein mag. Es ist ein delegierter Absolutismus, in dem die Herrscher der Häuser und das Kabinett der Fachminister Weisungen entgegennehmen, wohl auch miteinander koordinieren dürfen, aber nicht verbindlich beschließen können.
Beschlüsse auf Konzernebene bleiben allein Sache des Konzernbevollmächtigten, der wiederum nur im Rahmen einer genauen "Arbeitsanweisung" beschließen kann, eines vom Verleger Axel Springer ausgearbeiteten detaillierten Papiers, das seine Kompetenzen und Pflichten festlegt; die Berufung oder Abberufung von Holdingdirektoren oder Chefredakteuren etwa fällt nicht darunter.
Das System der "Arbeitsanweisung" setzt sich im Verhältnis von Generalbevollmächtigtem und Vorsitzendem der Hausdirektorien fort; der Kern, der den Handlungsspielraum bestimmt, ist der Finanzplan. Von den Häusern ausgearbeitet, kumuliert er im Gesamtfinanzplan des Konzerns, der dem Inhaber vom Generalbevollmächtigten einmal jährlich zur Ratifizierung vorgelegt wird. Zwei Tage im Jahr, sagt man, widmet sich der Verleger auf diese Weise den finanziellen Geschäften, danach wendet er sich wieder seinen anderen Ambitionen zu, den politischen, journalistischen und privaten. Über den genehmigten Plan hinaus sind der Dispositionsfreiheit verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt: Sie beträgt für den Generalbevollmächtigten bis zu 300 000 Mark, für die Hausdirektion bis 100 000 Mark im Jahr.
Den Kern des obersten Managements, im sozialen Status weit herausragend, bilden allerdings noch immer jene fünf bis sechs Getreuen der Ersten Stunde, die allein dem Eigentümer ihren steilen Aufstieg verdanken und ihm bedingungslos ergeben sind. Ihre Treue, die schon die Qualität von Glaubensbindung hat, ist hoch belohnt; man schätzt das gewöhnliche Einkommen dieser Handvoll Spitzenmanager auf 10 000 bis 15 000 Mark monatlich. Fast jeder im Konzern verdiene einige tausend Mark zuviel, um noch ein freier Mann zu sein, sagte ein Kenner der Verhältnisse einmal selbstironisch.
Auch die unteren Ränge ließ man am goldenen Topf teilhaben. Gemessen an der Rendite, nahezu der höchsten einer Branche in Deutschland, bleibt das soziale Gefälle jedoch beträchtlich. Man schätzt den Reingewinn des Verlegers heute auf 70 Millionen Mark jährlich.
Noch entscheidender als die sozialen Spannungen wird für den Konzern jedoch das Problem seiner Mammuthaftigkeit werden, der unvermeidliche Gegensatz zwischen zentraler Bürokratie und Autonomie-Tendenz der Produzierenden. Wird er seine Mammutorganisation gegliedert und damit leistungsfähig genug halten können, oder wird er das Saurierschicksal erleiden, wohl einen riesigen Körper auszubilden, aber kein Gehirn, das ihn beherrscht?
Spuren der Saurierkrankheit sind mindestens im verlegerischen Bereich schon zu bemerken: in der Unfähigkeit des Konzerns, ein angemessenes Bewußtsein innerhalb der Gesellschaft zu entwickeln, im Verfall seines Intelligenzblattes, in seiner nur noch geringen Anziehungskraft für produktive Intelligenz im redaktionellen Bereich. Was heute zu gesellschaftlichen und politischen Fehlhaltungen führt, kann morgen aber schon geschäftliche Einbuße bedeuten, ein Zurückfallen im harten Qualitätskampf am Markt, Mangel an Phantasie für die Bedürfnisse des Konsumenten von morgen, der kaum der "Bild"- oder "Hör zu"-Konsument von heute sein wird.
Der quantitative Erfolg der Springer-Produkte wird jedoch von dieser Krankheit kaum berührt. Durch den hohen Anteil von 30 bis 50 Prozent der Konzernblätter am Umsatz des Zeitungs- und Zeitschriftengroßhandels ist dieser his zu einem gewissen Grade in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten.
Es verwundert daher nicht, daß es im Großhandel, der praktisch über den Verkauf am Markt entscheidet, bisher auch zu den bedenklichsten Erscheinungen der konzentrierten Marktmacht gekommen ist.
Der geschäftliche Konformismus der Grossisten verwandelte sich in politischen, als die satirische Zeitschrift "Pardon" im Oktober 1962 ein polemisches Heft gegen den Verleger mit dem Titel "Krieg wegen Axel Springer?" veröffentlichte. Eine Reihe einflußreicher Grossisten in Norddeutschland, im Rhein-Ruhr-Gebiet und in Franken verweigerte die Auslieferung des Heftes.
Man weiß heute, daß die Befürchtung, der Verleger möge mit seiner Berlin-Agitation der Gefahr einer gewaltsamen Entladung "aus der Tiefe des Volkes" gegenüber nicht gerade achtsam gewesen sein, von der Wahrheit so völlig nicht entfernt war. Gleichwohl beriefen sich die Händler teils vordergründig, teils ehrlich in dem in Deutschland üblichen Eifer, die Polizei möglichst noch zu übertreffen, auf den Paragraphen 187 des Strafgesetzbuches, der Verleumdung unter Strafe stellt: Sie machten sich selber strafbar, wenn sie eine Zeitschrift auslieferten, die wahrscheinlich einen strafbaren Inhalt habe.
In dem Streit trat auch Herr Salzmann in Funktion, der Vorsitzende des Grossisten-Verbandes, bei dem die beiden jungen "Pardon"-Verleger Bärmeier und Nikel, den Ruin ihrer noch nicht durchgesetzten Zeitschrift fürchtend, Klage führten und auf das Grundgesetz verwiesen, das die Unterdrückung einer Meinung durch wirtschaftliche Macht verbiete.
Der Verbandsvorsitzende nannte als Antrieb seiner Kollegen nunmehr zwar nicht mehr den Paragraphen 187, aber "das Gewissen". Einen Wink oder eine Drohung des Verlagshauses Axel Springer habe es nicht gegeben, weil "Axel Springer so etwas nicht tut", stellte er lediglich fest, was für die Person des Verlegers durchaus zutreffen mag.
Die Grossisten, von Bärmeiers Belehrung über Meinungsfreiheit und Machtmißbrauch in 13 Punkten nur noch mehr verärgert, blieben bei ihrer Auslieferungsverweigerung, sie boten lediglich an, die Hefte zurückzuschicken und Adressen von Einzelhändlern zur Verfügung zu stellen, die der Verlag dann direkt beliefern könne. Mit dieser Form der "Schlichtung" gab der Grossisten-Verband dem einzigartigen Verhalten seiner Mitglieder, politische Parteinahme für den Großverleger mit wirtschaftlichem Boykott zu verbinden, nachträglich seinen verbandsoffiziellen Segen.
"Wink und Drohung" in massiver Form gab es jedoch in dem zweiten, bisher bedenklichsten Fall politischer Pression mit wirtschaftlichen Mitteln, in dem sich der Konzern seiner Marktmacht über die Grossisten zu bedienen suchte. Inspiriert von der konzerneigenen Rundfunkzeitschrift "Hör zu". hatte sich im Sommer 1960 ein politisches Kartell der großen Programmzeitschriften gebildet, das so lange keine Ostprogramme drucken wollte, wie "unsere Programme nicht in der Sowjetzonen-Presse gedruckt werden".
Als der Düsseldorfer Verleger Kurt Müller in seiner "TV Fernseh-Woche", einem kleineren Programmblatt, der Aufforderung nicht nachkam und weiterhin das Fernsehprogramm des DDR-Funks veröffentlichte, berief der Konzern im Namen aller Unterzeichner des Boykotts achtzehn umsatzstarke Grossisten nach Hamburg, die Müller wiederum die sofortige Einstellung des Vertriebs der "TV Fernseh-Woche" androhten: Sie sähen sich andernfalls nicht in der Lage, mit der weiteren Verbreitung des Blattes eine "staatspolitisch nicht zu verantwortende Maßnahme zu unterstützen".
Vergebens sein Recht suchend, zwei Nummern in unwürdiger Selbstzensur mit weißen Spalten druckend, ohne Kapitalhintergrund seinen Markt rasch verlierend und gesundheitlich von zu schwacher Konstitution, um den Nervenkrieg durchzuhalten, gab Müller schließlich auf; er verkaufte sein Blatt an den Bauer-Verlag und schied als kranker Mann aus dem Verlagsgeschäft aus.
Erbittert bis zum äußersten wurde der Kampf jedoch in der zweiten Runde, als ein Schwarm kleiner und kleinster Programmblätter, Berliner zumeist wie der "Funk-Express" und der "Lotto-Toto-Express", aber auch das linksgefärbte Reeperbahn-Blatt "Blinkfüer", den Boykott weiterhin ignorierten. Die hochwogenden Emotionen nach der Mauer schienen eine Gelegenheit zu bieten, auch gegen diese lästige Konkurrenz, die zusammengenommen inzwischen annähernd 600 000 Exemplare erreicht hatte und vor allem in Berlin für "Hör zu" spürbar wurde, endlich einzuschreiten.
In dem Rundschreiben, das die Zeitungshändler in "der Bundesrepublik am Freitag, dem 1. September 1961, die Berliner Einzelhändler am Samstag, dem 2. September 1961, erreichte, drohte der Konzern allen Händlern, die weiterhin Blätter mit Ostprogrammen vertrieben, den sofortigen Abbruch der Geschäftsbeziehungen an.
Die Zwangsmaßnahmen gegen "unsere Brüder und Schwestern im Osten" verlangten nun auch vom deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenhandel "klare Entscheidungen", lautete das Sendschreiben" in dessen eigens gedrucktem Briefkopf das Geschwader sämtlicher Konzernobjekte drohend aufgefahren war.
Die Verlagshäuser Axel Springer und "Die Welt" seien überzeugt, daß "die überwältigende Mehrheit ihrer Geschäftsfreunde" diese Ansicht teile und danach handele. Sollte allerdings jemand aus der Situation Nutzen ziehen wollen und weiterhin Objekte führen, "die der Ulbricht-Propaganda Vorschub leisten", so werde der Konzern seine Geschäftsbeziehungen zu ihm überprüfen.
Auch ein Handzettel war schon entworfen worden, den die Einzelhändler an ihre Kunden verteilen sollten, ohne Druckvermerk, aber offenbar im Hause gedruckt. Seine Sprache war noch lapidarer und glich bis in die Diktion der nationalen Selbstgleichschaltung der Zeitungsverleger von 1933.
"Die politisch bewegte Zeit verlangt von uns allen eine klare Entscheidung", ließ er die nicht gefragten Einzelhändler erklären. "Der deutsche Zeitschriftenhandel hat diese Entscheidung jetzt getroffen. Er ist der Meinung, daß es zu seiner selbstverständlichen nationalen Pflicht gehört, vorläufig keine Zeitschriften mehr anzubieten, die das ostzonale Rundfunk- und Fernsehprogramm abdrucken ... Es gibt viele. gute Programmzeitschriften" die Sie über Fernsehen und Rundfunk eingehend informieren. Ich will Sie jederzeit dabei gern beraten. Aber für Zeitschriften mit Ostprogrammen ist bei mir ab heute kein Platz mehr. Das müssen Sie verstehen. Ihr Zeitungs- und Zeitschriftenhändler.
Diesmal wehrten sich die betroffenen Blätter. Sie erstritten drei Gerichtsentscheidungen, die dem Konzern die weitere Verbreitung der Drohung untersagten. "Blinkfüer" führte eine Feststellungsklage auf Schadenersatz in zwei Instanzen beim Landgericht Hamburg und Hanseatischen Oberlandesgericht, der Verleger des "Lotto-Toto-Express", Hans Seif, erwirkte eine einstweilige Verfügung beim Kammergericht Berlin.
Seif setzte außerdem 1000 Mark Belohnung für die "Namhaftmachung von Personen oder deren Auftraggeber" aus, "die weiterhin wahrheitswidrig verbreiten", der "Lotto-Toto-Express" sei eine kommunistische Zeitung und sein Verkauf verboten.
Heftig reagierte auch der Verband der Berliner Einzelhändler, der unverzüglich ein scharfes Protesttelegramm an "Axel Springer, Hamburg 36" sandte: Der Berliner Zeitungs- und Zeitschriften-Einzelhandel habe das Rundschreiben vom 2. September 1961 mit Erstaunen zur Kenntnis genommen und sehe darin "eine Nötigung und Erpressung, die jeder gesetzlichen Grundlage widerspricht. Diktatorische Maßnahmen werden in Ihren Zeitungen abgelehnt. Ganz unserer Meinung. Handeln Sie selbst danach. Berlin-Hilfe ist auch, die Bild-Zeitung in Berlin für 10 Pfennig zu verkaufen und dem Einzelhändler den gerechten Rabatt zu gewähren. Darum finden die Berliner Händler Ihr Rundschreiben nicht angebracht".
Auf dem Berliner Kampfplatz trat der Konzern sogleich den Rückzug an, nicht dagegen im Falle "Blinkfüer". Um Hausjustitiare und Mittel nicht verlegen, einen Prozeß gegen einen kapitalschwachen Gegner bis zur letzten Instanz durchzufechten, sicher auch nicht unbeeinflußt von dem Gedanken, in dem "Blinkfüer"-Herausgeber Ernst August Aust einen alten Kommunisten zum Gegner zu haben, der gleichzeitig einen Staatsgefährdungsprozeß beim Landgericht Hamburg anhängig hatte, und damit quasi das Interesse des Staates selber zu vertreten, ging der Konzern in diesem Falle bis vor den Bundesgerichtshof und erstritt ein erstaunliches, höchstrichterliches Urteil.
"Die Drohung des Hamburger Axel Springer-Verlages mit einer Liefersperre seiner Presseorgane gegenüber sämtlichen Zeitschriftenhändlern" die nach dem Bau der Berliner Mauer Rundfunk- und Fernsehprogramme der Sowjetzone vertreiben wollten, ist nach den Feststellungen des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe nicht (nicht) rechtswidrig gewesen", kabelte die Nachrichtenagentur Upi am 13. November 1963 ungläubig vom Sitz des höchsten Gerichts.
Das Urteil des sonst so abwägenden hohen Gerichtshofs, seiner Präzedenz wegen um so weniger verständlich, fand unter Juristen scharfe Kritik. Liest man die schriftliche Begründung, so muß man zu dem Schluß kommen, daß die Richter von den Konzentrationsmechanismen auf dem Pressegebiet so gut wie nichts verstanden und die Verfassungsbedeutung des Falles nicht erkannten.
Da der Entschluß zum Boykott der "spontanen Gegenwehr" gegen die östliche Propaganda, also rein politischen Erwägungen entsprungen sei, so ungefähr die Gedankengänge der Richter des 1b-Zivilsenats, habe auch kein wettbewerblich schädigendes Motiv, folglich kein rechtswidriger Eingriff in den eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb "Blinkfüer" vorgelegen. Der nachgewiesene Auflagenrückgang von zehn Prozent sei für Schadenersatzansprüche außerdem zu geringfügig.
Die mögliche Schädigung der Händler sei nur eine "Nebenwirkung" gewesen, die bei der "folgerichtigen Durchführung" des politischen "Anilegens" des Konzerns "nicht zu umgehen" gewesen sei. Sie brauche noch nicht berücksichtigt zu werden, da der Streit nur zwischen den Verlagen ginge -- in der Tat hatte sich Herrn Salzmanns in "nationaler Pflicht" und "klarer Entscheidung" konformer Grossisten-Verband mit keinem Wort gemeldet.
Mag der Rückzug der Richter auf die rein formale Position in einem Zivilstreit bis zu diesem Punkt noch plausibel erscheinen, so tauchen daneben jedoch Wortfärbungen und Gedankensprünge auf, die in ihrer Vermischung von geschäftlichen und politischen Interessen dem Kopfe Axel Springers oder seines Chefjustitiars Arning selber entsprungen sein könnten: Ohne vollständige Boykottandrohung hätten einzelne Händler, die weiter Blätter mit Ostprogrammen vertrieben, gar einen "geschäftlichen Nutzen", ein "Monopol" erringen können -- ein wettbewerbliches Motiv also, das eben noch bestritten wurde.
Ferner: Die Blätter des Konzerns hätten sich unglaubwürdig gemacht, wenn sie ihren weiteren Vertrieb neben Blättern mit Ostprogrammen zugelassen hätten -- ein dubioses, weltanschauliches Argument, das in der übrigen Praxis des Konzerns, seine Geschäfte mindestens nach rechts ohne Rücksicht auf politische Nachbarschaft zu machen, auch keinerlei Stütze fand.
Schließlich: Der Konzern sei berechtigt gewesen, im Vertrieb von Ostprogrammen eine mittelbare Unterstützung des Zonenregimes zu sehen und diese als "für die Öffentlichkeit nicht tragbar" anzusehen, darum habe er einen Weg der Meinungsäußerung beschreiten dürfen, der ihm in einer "die Lebensinteressen des eigenen Volkes weniger berührenden Angelegenheit" nicht offengestanden hätte -- eine für den demokratischen Staat völlig unmögliche Gleichsetzung der politischen Meinung einzelner mit den "Lebensinteressen des Volkes", die Konzession eines privaten Zensurrechts festzusetzen, was "für die Öffentlichkeit tragbar" sei und was nicht.
Analysiert man das Urteil auf seinen Kern hin, so erlaubten die Richter dem Riesen, seinen großen Körper nach seinem "Gewissen" zu bewegen, auch wenn er andere dabei niedertrat. Die Richter beriefen sich auf das sogenannte Lüth-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Januar 1958, das dem damaligen Hamburger Senatsdirektor und Publizisten Erich Lüth das Recht zugestanden hatte, gegen Filme des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan zum Boykott aufzurufen.
Sie übergingen dabei aber, daß es sich hier nicht um die Aktion eines mächtigen Wirtschaftsunternehmens gegen wirtschaftlich Schwächere, sondern um die Aktion eines einzelnen gehandelt hatte, von dem kein einziger Verleiher oder Kinobesitzer wirtschaftlich abhing.
So brachten die obersten Zivilrichter Axel Springers "Partei in Privatbesitz" zu Verfassungsehren.
Die Mühe der Richter, dem unmöglichen Verhalten einen Rechtsgrund zu finden, wurde jedenfalls schlecht belohnt. Ein Jahr später druckte die Konzernzeitschrift "Hör zu" selber Ostprogramme. Was eben noch die "Lebensinteressen des eigenen Volkes berührte", war nun, wie der "liebe Leser" der Erklärung von "Hör zu" entnahm, ein Kundendienst "im Interesse der Leser in Berlin und den Zonenrandgebieten".
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Konzernblätter formieren sich zu einer Kampagne -- Mit Bonner Hilfe und Minoxkamera für ein Springer-Fernsehen -- Die Monopol-Gefahren werden Überprüft -- Der alte Nationalismus findet eine neue Bühne -- Axel Springer als Politiker
Von Hans Dieter Müller

DER SPIEGEL 6/1968
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