05.02.1968

EIN ALTONAER IN BERLIN

Als junger Mann, neugierig und unentschieden, war er zu Richard Taubers Premieren in die Hauptstadt gefahren; dreißig Jahre später rührte ihn in einsamer Silvesternacht ein Rentner zu Tränen. Mit Sammelbüchsen und Plaketten klapperte er gegen die Quadriga am vermauerten Eingang der Linden an: "Macht das Tor auf!" Und bestürzt, ja erschreckt hörte er ein grelles Echo: "Springer-Presse, halt die Fresse!" schrieen, Stunde um Stunde, einige Hundert Studenten.
Die Wut der jungen Intelligenz kam ihm ganz überraschend, ein Jahr zuvor war doch noch alles ganz anders gewesen. "Wir wurden gefeiert von allen Parteien, wir wurden dekoriert, und es gab viele gute Worte." Aber nun, "ganz plötzlich ist diese große große Hetzkampagne da! Ich kann nur sagen, da muß ja wohl jemand dran gedreht haben."
Der Jemand es kann im Kopf des Altonaer Weltkindes nur Walter Ulbricht gewesen sein; im Ernst versuchte es eine Dokumentation des Verlags später nachzuweisen. Aber waren es der SED-Chef und seine ahnungslosen Dahlemer fellow-travellers allein? Im geschlossenen Raum dieser Stadt, unterm rechthaberischen Knall der sowjetischen Düsenjäger, dem Landegejaul der Tempelhofer Jets, unterm Rieseln politischer Phrasen und selbstverklärender Schlager von, beiderseits, abgründigem Schwachsinn gedeihen und wachsen die Emotionen.
Wenige Jahre erst, und der Rektor der Freien Universität entdeckte verstört in den Spinden der Studentenheime Spitzhacken und Sprengstoff-Patronen, die Werkzeuge der Tunnelgräber. Heute treiben seinen Nachfolger andere Sorgen um, als würden die unterirdischen Stollen nun von der anderen Seite der Mauer vorangebohrt. Die Berliner Studenten sind nach links geschwenkt; es war ihnen demonstriert worden, wie sich ein Monopol formuliert.
So waren sie genannt worden in "Bild", "BZ" und "Morgenpost": "Aufwiegler", "verrückte Halbstarke", "notorische Radaumacher", "geschulte kommunistische Straßenkämpfer", "aufgeputschter Mob". "FU-Studenten fertigen Bomben mit Sprengstoff aus Peking", schrieb die "Morgenpost", als Anfang April 1967 Polizisten Mitglieder der Kommune I festnahmen" die den US-Vizepräsidenten Humphrey mit Pudding bewerfen wollten.
Nach der Straßenschlacht vor der Oper während des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 berichtete die "Welt" über Perser, die mit Totschlägern und Stöcken auf die Demonstranten eingeprügelt hatten: "Anhänger des Schahs erwehrten sich der provozierenden Demonstranten." Die "BZ" gab die Schuld allein den Studenten: "Was gestern in Berlin geschah -- es hat nichts mehr mit Politik zu tun ... das war krimineu in übelster Weise ... Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen." Und den Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch eine Polizistenkugel kommentierte die "Morgenpost": "Die Drahtzieher der Demonstration wurden zu Mördern."
Vier der neun in West-Berlin erscheinenden Tageszeitungen gehören Axel Springer, darunter die drei mit den größten Auflagen: "BZ" (Auflage: 321 633); "Berliner Morgenpost" (225 622), "Bild-Berlin" (120 143). Die Berliner Ausgabe der "Welt" kommt wochentags auf rund 23 000, die "Welt am Sonntag" auf rund 48000 verkaufte Exemplare: 70 Prozent der Tageszeitungen, nach Auflage bemessen, gehören Springer:
Den ersten Fuß zwischen die Tür nach Berlin hatte die Technik geschoben. Für "Bild" in Berlin bedurfte es noch der Genehmigungen aller drei Besatzungsmächte, sie betrafen nur die Druckerlaubnis der Hamburger Form. Um auch eine Lizenz zur Herausgabe zu bekommen, nun schon vom Senat, mußte der Widerstand aller Berliner Zeitungsverlage beschwichtigt werden.
Es wurde wieder eine Aufgabe für Dr. Hans Funk, damals Verlagsdirektor aller drei Springer-Zeitungen und "Generalrepräsentant" des Hauses. Er war als Gründer, Vizepräsident, Ausschußvorsitzender oder dergleichen an, nach und nach, 24 Verlegerverbänden, Ausschüssen und ähnlichem beteiligt" und das hatte sich schon einmal ausgezahlt, als die Engländer Springer die Lizenz für das "Hamburger Abendblatt" verweigerten. Vom Senat war sie nur zu bekommen, wenn die übrigen Hamburger Zeitungsverleger zustimmten: "Fünkchen" (so Springer) machte sich ans Verhandeln.
In Berlin die gleiche Lage und derselbe Mann; die Sorgen der West-Berliner Verleger um ihren engen Markt eher noch größer. Die Senatslizenz" endlich von Dr. Funk erreicht, verbot "Bild-Berlin" einen Lokalteil und die Aufnahme Berliner Anzeigen. Erst 1958 fiel der Lizenzzwang auch in Berlin.
Funk erwarb, durch Vermittlung des Kreuzberger Bürgermeisters Kreßmann, den Scherl-Besitz im alten Berliner Zeitungsviertel (für eine Million) und arrondierte durch Zukäufe das Gelände, auf dem nun Springers Hochhaus über die Mauer leuchtet, inzwischen sorgsam gerüstet gegen eine Studenten-Invasion: Lautsprecher, deren Phonstärke die Schmerzschwelle übersteigt, sollen potentielle Protestanten gellend zum Rückmarsch zwingen.
Axel Springer war es zwischenzeitlich gelungen, sich in den Besitz der Ullsteins hineinzukaufen; die ersten 26 Prozent bekam er von den Erben Louis Ullsteins; den Beauftragten Kracht und Arning leisteten die uneinigen anderen Familienmitglieder wenig Widerstand; heute besitzt Springer 93 Prozent der Anteile. Zur Einweihung des Hochhauses an der Kochstraße wurde Initiator "Fünkchen" schon nicht mehr geladen; er war auf eigenen Wunsch ausgeschieden.
Seitdem -- "Jetzt bin ich Berliner" -- bezog Springer immer häufiger in seinem Grunewald-Haus in der Bernadottestraße 7 Quartier und erwarb unweit der einstigen Goebbels-Residenz auf der exklusiven Wannsee-Insel Schwanenwerder ein Grundstück von 29 929 Quadratmetern Größe. ("Schwanenwerder" nannte er auch seine Motorjacht.
Zwischen dem gläsernen, von Pförtnerhaus und Hundezwinger beschirmten Bungalow, den er sich dort am Wannsee-Ufer bauen ließ, und dem im Oktober 1966 eingeweihten, bronzefarbenen Turmbau an der Kochstraße teilt er seine Berliner Tage.
Morgens läßt er sich mit seinem schwarz-grün-grau lackierten Bentley über Inselbrücke und Avus in die Stadt fahren, schwebt im elektronischgesteuerten, musikdurchströmten Schnell-Lift aufwärts zu seiner Luxus-Etage im 19. Stock, greift schließlich -- nach einem Blick hinüber zum unerreichbaren, östlichen Herzen der Stadt -- zum Telephon, ergreift Besitz von seinem umstrittenen Imperium.

DER SPIEGEL 6/1968
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