05.02.1968

„GEFAHREN DES MONOPOLS“

Durch meine Tätigkeit im Verlagswesen habe ich den Vorteil, die wachsende Tendenz zur Konzentration sowohl in der Bundesrepublik als auch in Großbritannien in unmittelbarer Nähe dieser Zeitungsgiganten miterlebt zu haben. Der Trend zur Konzentration ist aus der wirtschaftlichen Situation erwachsen und ist bedingt durch den technischen Fortschritt. Aber weder in Großbritannien noch in den USA gibt es eine ähnliche Entwicklung wie die in der Bundesrepublik, nämlich zur Monopolstellung einer einzigen Verlagsgruppe.
Man ist sich dort innerhalb der Presse, der Regierung und des Parlaments darüber klar, daß eine solche Entwicklung für ein demokratisches Land große Gefahren mit sich bringt, wer auch immer hinter dem Monopol stehen möge. So hat man in Großbritannien Untersuchungen über die Konzentration In der Presse durch unabhängige Kommissionen -- sei es die Royal Commission oder die Economist Research Unit -- angestellt, in deren Zusammensetzung weder die Namen von Lord Thomson noch von Cecil King noch von sonstigen Verlegern zu finden sind. Die Verleger wurden als Zeugen geladen -- nicht als Richter über sich selbst.
Vergleicht man damit die Zusammensetzung der von Bonn eingesetzen Kommissionen, in der zum Beispiel auch Herr Springer Mitglied ist, so erheben sich Zweifel, ob das Ergebnis einer solchen Untersuchung unabhängig sein kann. Es ist eine Tatsache, daß man in Großbritannien die Gefahren einer Monopolstellung im Pressewesen schon viel früher erkannt hat als in der Bundesrepublik, und es würde der Bundesrepublik wohl anstehen, aus diesen Erfahrungen ebenfalls Nutzen zu ziehen.
Die Monopol-Stellung der Springer-Gruppe kommt am deutlichsten in West-Berlin zum Ausdruck: Wer wie ich miterlebt hat, wie die Zeitungen der Springer-Gruppe immer mehr von der Hamburger Zentrale gesteuert wurden, wird sich nicht über die "Berichterstattung" anläßlich des Schah-Besuches in Berlin wundern. Wundern muß man sich nur, daß die verantwortlichen Stellen in Berlin erst jetzt anfangen zu begreifen, was es heißt, einem Pressemonopol ausgesetzt zu sein.
Ich möchte noch auf einen weiteren, in der Diskussion unbeachteten Punkt hinweisen: Man darf nicht darüber hinwegsehen, daß Herr Springer außerdem noch zumindest einen indirekten Einfluß auf Verlagshäuser in der Bundesrepublik ausüben kann, die ihm nicht gehören, bei denen er jedoch Teilauflagen seiner Zeitungen drucken läßt. Für viele dieser Verleger wäre es eine wirtschaftliche Katastrophe, einen solchen Druckauftrag zu verlieren
Es bleibt nur zu hoffen, daß die Regierung die Gefahren erkennt, die der Demokratie aus einer Monopolstellung in der Presse erwachsen können -- ganz gleich, wer hinter dem Monopol steht. Und daß CDU und SPD gemeinsam, in der Großen Koalition, gegen die Monopolstellung der Springer-Gruppe Schritte unternehmen werden. Dann, und nur dann, ist die Freiheit der Presse auf demokratischer Grundlage gewährleistet.
* Leserbrief an die "Zelt" vom S. September 1967.

DER SPIEGEL 6/1968
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