05.02.1968

VIETNAM / VIETCONG-OFFENSIVEGrenzen der Macht

Den Kommunisten scheint vorerst der Dampf ausgegangen zu sein.
General Westmoreland, amerikanischer Oberbefehlshaber in Vietnam (Ende Januar).
Die Amerikaner sind Greenhorns. General Giap, nordvietnamesischer Verteidigungsminister.
Amerikas oberster Vietnam-Soldat
erwies sich als schlechter Prophet. Kaum waren die Worte Westmorelands verklungen, da kamen Giaps Guerillas mit mehr Dampf als je zuvor.
Sie kamen, 50000 Mann stark, in Selbstmord-Stoßtrupps und Bataillonen. Zum Feuerwerk, mit dem die Buddhisten am Montag in Vietnam ihr "Jahr des Affen" eröffneten, zündeten sie tödliche Kanonenschläge.
Sie stürmten in 55 Städte und Stützpunkte und machten, wie die polnische Militärzeitung "Zolnierz Wolnosci" triumphierte, "die Armee einer Super-Weltmacht lächerlich".
Die Garben ihrer Maschinenpistolen, die Granaten ihrer Mörser und die Wucht ihres Angriffs zerfetzten den offiziellen Optimismus, den die amerikanischen Informationsoffiziere, gestützt auf ermunternde Sieges-Hochrechnungen ihrer Computer, unermüdlich aus Vietnam in die Welt verbreitet hatten.
Die Amerikaner hatten den Feind vor Monaten schon fast totgesagt. 87 543 Mann verloren die Kommunisten laut US-Rechnung allein im letzten Jahr, eine Viertelmillion seit 1961. Die Vietcong, so verkündeten Amerikas Sprecher, müßten immer häufiger Kinder rekrutieren, um die Verlust-Lücken wieder aufzufüllen.
Doch letzte Woche überrumpelte der dezimierte Feind -- in dessen Reich mehr Bomben einschlugen als in Grolldeutschland während des ganzen Zweiten Weltkrieges -- die stärkste Militärmacht der Welt.
Giaps Neujahrs-Offensive, die urplötzlich ganz Vietnam zur Front machte, brachte selbst Westmorelands Optimismus ins Wanken. Am letzten Donnerstag, als sein Befehlsstand "Pentagon Ost" im Schußfeld der roten Angreifer lag, schwante dem General: "Es wird noch schlimmer kommen."
Es war schon schlimm genug. Mit sowjetischen Panzerfäusten schossen Partisanen ein Loch in die Beton-Mauer der für 10,4 Millionen Mark als Festung errichteten US-Botschaft im Zentrum der Hauptstadt Saigon.
Sechs Stunden lang beherrschten die Roten da"s Symbol der amerikanischen Präsenz in Vietnam, dann erst konnten Fallschirmjäger, Ledernacken und Militärpolizisten -- mit Hubschraubern auf dem Botschaftsdach gelandet -- das beschädigte Domizil des Johnson-Statthalters Ellsworth Bunker zurückerobern. Bis zum Wochenende waren Botschafts-Besucher dem Feuer kommunistischer Scharfschützen ausgesetzt, die sich in umliegenden Bauten eingenistet hatten.
Zwei Tage lang berannte eine gemischte Streitmacht von Amerikanern, Koreanern und Südvietnamesen, verstärkt durch die Saigoner Feuerwehr, ein Nebengebäude des Präsidenten-Prunkpalastes in Saigon. Dann erst ergaben sich die überlebenden Guerillas: neun Mann und ein Mädchen.
Im Sturzflug mußten US-Düsenbomber ihren eigenen Zentral-Stützpunkt angreifen: den Flughafen Tan Son Nhut am Rande Saigons, auf dem Vietcong-Trupps Maschinen gesprengt und Treibstofftanks in Brand gesteckt hatten. Und sie mußten sogar die Hauptstadt Saigon bombardieren, wo sich an zahlreichen Punkten starke Vietcong-Gruppen in Pagoden und eroberten Militär-Objekten festgesetzt hatten.
US-Bomber warfen Napalm auf die Hochland-Stadt Ban Me Thuot, die ganz in die Hand des Feindes gefallen war, und sie flogen auch Einsätze gegen Vietnams zweitgrößte Stadt, Da Nang, wo ·die roten Angreifer allein US-Flugzeuge im Wert von hundert Millionen Mark vernichteten.
Vietcong in südvietnamesischen Uniformen (zu denen sie rote Armbinden trugen) stürmten und zerstörten südvietnamesische Offiziers-Villen und Radio Saigon im Zentrum der Hauptstadt. Sie enthaupteteten mehrere Offiziere, die von Südvietnams oberstem Polizisten, General Eguyen Noc Lon, gerächt wurden: Mit der Pistole erschoß er einen gefesselten Vietcong.
Auf einem Obstmarkt mitten in der Hauptstadt stellten Guerillas amerikanischen Militär-Polizisten eine Falle: 25 MPs tappten hinein, alle wurden getötet oder verwundet.
Wie in Saigon sah es in 24 von 44 Provinz-Hauptstädten aus. Im vietnamesischen Berlin, der alten annamitischen Kaiser-Hauptstadt Hué, wehte die Fahne der roten Befreiungsfront von der Zitadelle.
Die Guerillas stürmten sogar Städte, die bis dahin keinen Schuß gehört hatten: so Dalat, das Refugium pensionierter vietnamesischer Putsch-Generäle und erfolgreicher Korruptionisten, so einen Flugplatz beim Riesen-Stützpunkt Cam Ranh, der als so sicher galt, daß US-Präsident Lyndon B. Johnson dort schon zweimal landete, um seine Vietnam-Krieger zu ermuntern.
Überall im Lande, zwischen Entmilitarisierter Zone im Norden und Mekong-Delta im Süden, zwischen Südchinesischer See im Osten und laotischkambodschanischer Grenze im Westen zeigte die Geisterarmee des Generals Giap "den Amerikanern schmerzhaft die Grenzen ihrer Macht in Asien" ("New York Times").
Die Roten erreichten mit ihrer Offensive aber noch mehr: Sie bewiesen, daß alle Erfolgsmeldungen über "sichere" oder "befriedete" Gebiete leeres Gerede sind; seit letzten Montag gibt es in Vietnam keine sichere Stadt mehr.
Vor allem aber: Sie demonstrierten der Bevölkerung, daß weder die Regierung noch die Amerikaner die Macht haben, irgend jemanden vor den Partisanen zu schützen, daß allein ein Abzug der Amerikaner den Frieden bringen kann. An vielen Orten sympathisiert die Bevölkerung offen mit den Vietcong: In Saigon brachten ihnen Hausfrauen Essen, in Hué kämpften Buddhisten Seite an Seite mit den roten Angreifern.
In fünf Tagen fielen knapp 300 GIs und etwa 700 Soldaten der Verbündeten. Für die Vietcong errechneten die Amerikaner zehnmal soviel Tote, die Zahl der getöteten Zivilisten gaben sie nicht bekannt,
Das Bombardement der Amerikaner auf Städte im Süden brachte die Bevölkerung noch mehr gegen die fremden Besatzer auf: Es forderte mehr Opfer unter den Zivilisten als unter den Partisanen. Und die Maßnahmen der südvietnamesischen Regierung isolierten die Führungsclique vom Volk: Sie verhängte Kriegsrecht, Ausgehverbot und Pressezensur, um das Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern.
Alle diese militärischen und psychologischen Erfolge errangen die Kommunisten mit Angriffen, die sie selbst wie auch die Amerikaner nur als Auftakt einer großen Offensive ansehen, jener Offensive, mit der General Giap seine Prophezeiung wahrmachen will, daß 1968 das Jahr der Entscheidung im Vietnamkrieg werden soll.
Der Ort, an dem der Hauptschlag der Kommunisten erwartet wird, war letzte Woche einer der ruhigsten in Vietnam: der Stützpunkt Khe Sanh im äußersten Nordwesten des Landes, wo 8000 Ledernacken und vietnamesische Rangers -- auf zwei Quadratkilometer zusammengedrängt -- den Angriff von 40 000 Nordvietnamesen erwarten, die Khe Sanh seit Wochen eingeschlossen haben.
Den Sturm auf das Fort, das nach Giaps Plänen Amerikas Dien Bien Phu werden soll, zögerten die Roten hinaus: Sie brachten weiteren Nachschub und Munition heran und gruben sich, um dem pausenlosen Bombenhagel Hunderter US-Maschinen zu entgehen, in Tunnels an die Barrieren der Basis heran.
Nach der Vietcong-Überraschungsoffensive im ganzen Land sind die Amerikaner jetzt nicht mehr so sicher, daß ihr General Westmoreland recht hatte, als er versicherte, Khe Sanh könne gehalten werden.
Aber der rote Aufmarsch richtet sich nicht nur "gegen den Stützpunkt Khe Sanh. Westmoreland rechnet inzwischen, wie er letzten Donnerstag erklärte, mit einer kommunistischen Invasion der Nordprovinzen Südvietnams, die durch eine Stützpunktkette mit 70 000 GIs, vor allem Mannes, geschützt werden.
Mit einer solchen breit angelegten Offensive könnten General Giaps Nordvietnamesen zwei wichtige Ziele erreichen:
>Amerikas Elitetruppe, die Ledernacken, bezwingen -- was zugleich ein großer psychologischer Erfolg wäre;
> durch die Besetzung eines Teils Südvietnams die Ausgangsposition für künftige Verhandlungen verändern -- die Voraussetzung für eine Teilung Vietnams wäre dann nicht mehr gegeben.
Bisher hat General Giap erst ein Achtei seiner regulären Armee für die Invasion der Nordprovinzen bereitgestellt. Jederzeit kann erweitere Divisionen in die Schlacht werfen. Die Amerikaner hingegen mußten bereits Truppen aus anderen gefährdeten Landesteilen abziehen und sich der Roten in Saigon mit Etappensoldaten aus Bürostuben und Leichtverwundeten aus Lazaretten erwehren.
Ihrem obersten Kriegsherrn Lyndon B. Johnson bleiben, so scheint es, nur zwei Möglichkeiten: Verhandlungen in absehbarer Zukunft oder eine weitere Eskalation des Krieges.
Weitere Eskalation aber bedeutet nicht nur die Einberufung von Reservisten -- Pläne für die Reaktivierung zweier Reserve-Divisionen werden bereits vorbereitet.
Weitere Eskalation bedeutet auch. daß sich jene düstere Vision erfüllen könnte, die Lyndon Johnson im Sommer 1967 seiner Tochter Lud anvertraute: "Dein Daddy wird möglicherweise als der Mann in die Geschichte eingehen, der den dritten Weltkrieg ausgelöst hat."
Denn: Im Sandkasten spielen die Militärs des Pentagon -bereits alle Möglichkeiten durch, gegen feindliche Massierungen wie um Khe Sanh taktische Atomwaffen einzusetzen.

DER SPIEGEL 6/1968
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