05.02.1968

„WIR WERDEN VON DEN USA KOLONISIERT“

Jean-Jacques Servan-Schreiber, 43, Herausgeber des Pariser Nachrichtenmagazins „L'Express“, warnt in seinem Bestseller (Auflage in Frankreich: 450000) vor der wirtschaftlichen Annexion Europas durch die USA und ruft zu industriellen Zusammenschlüssen gegen die Invasion auf. Ober das Buch, von dem am 4. März eine deutsche Ausgabe im Hamburger Hoffmann und Campe Verlag erscheint (Preis 26 Mark), diskutierten im Niederländischen Fernsehen Brian Beedham vom Londoner „Economist“, Willem L. Brugsma von der „Haagse“ Post, Amsterdam, und Leo Brawand vom SPIEGEL. Dem in englisch geführten Gespräch sind folgende übersetzte Auszüge entnommen.
BRUGSMA: Herr Servan-Schreiber, das erste Kapitel Ihres Buches handelt von dem, was Sie die Invasion Europas nennen. Würden Sie uns bitte die fundamentalen Tatsachen dieser amerikanischen Invasion kurz erläutern?
SERVAN-SCHREIBER: Diese zweite amerikanische Invasion ist theoretischer, finanzieller und industrieller Art. Nach zehnjährigem Bestehen des Gemeinsamen Marktes ist es heute eine Tatsache, daß nur die großen amerikanischen Firmen es verstanden haben, die neuen Möglichkeiten, die durch diesen Markt geschaffen wurden, voll zu nutzen -- und nicht die europäischen Firmen. Die Amerikaner investieren nicht einfach bestimmte Summen, sondern sie investieren auf jenen strategischen Sektoren, die für die zukünftige Entwicklung entscheidend ·sein werden. Wenn dieser Prozeß anhält, werden in wenigen Jahren die großen Entscheidungen über die wirtschaftliche Entwicklung Europas von den Amerikanern getroffen werden. Sie werden dann -- um es summarisch auszudrücken -- in Europa wirtschaftlich die Macht ergriffen haben.
BEEDRAM: Wie Sie selbst in Ihrem Buch sagen, ist es im wesentlichen nicht eine Frage des Geldes: 90 Prozent des Kapitals, mit dem die Amerikaner die europäischen Firmen aufgekauft haben, sind von Europäern aufgebracht worden. Einige Leute erklären die Entwicklung damit, daß die Amerikaner besser ausgebildet sind und mehr Geld für Forschung und Entwicklung aufwenden, so daß sie bessere Führungskräfte hervorbringen können. Aber liegt es nicht einfach daran, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, mehr Geld für diese Dinge auszugeben, als wir in Europa?
SERVAN-SCHREIBER: Es ist ganz einfach eine Tatsache, daß sie aus ihrem Geld mehr Kapital schlagen. Sie machen einen größeren Profit. Ich glaube, daß ihr industrieller Gewinn in den letzten Jahren durchschnittlich etwa sieben Prozent des Bruttosozialprodukts betrug. Das ist ungefähr das Doppelte der in Europa erzielten Gewinne. Außerdem -- und das ist von entscheidender Bedeutung -- geben die Amerikaner diesen Gewinn nicht aufs Geratewohl aus, sondern investieren ihn in weit größerem Maße als wir in die Forschung und Entwicklung. Man hat berechnet, daß heute 94 Dollar pro Kopf der amerikanischen Bevölkerung zu Forschungszwecken verwendet werden gegenüber 25 Dollar in Europa, also fast das Vierfache.
BRAWAND: Herr Servan-Schreiber, bevor wir Europäer völlig unser Selbstbewußtsein verlieren: Es ist nicht nur eine Frage des amerikanischen Managements und Kapitals, sondern auch eine Frage der Bodenschätze. Es dürfte zum Beispiel sehr viel kostspieliger sein, aus einer Zeche im Ruhrgebiet, etwa 800 Meter unter Tage, Kohle abzubauen als nahezu im Tagebau in den Vereinigten Staaten. Und noch etwas: Sie propagieren, der Dollar sei nicht entscheidend. Ich halte ihn für einen wichtigen Faktor, weil der Wechselkurs zwischen ihm und den europäischen Währungen nicht stimmt. Er wurde vor so langer Zeit festgesetzt, daß die Amerikaner heute Gebäude, Bauplätze und Fabriken in Deutschland zu einem sehr niedrigen Preis kaufen. Ich meine, daß ein Dollar nicht vier Mark entspricht, sondern drei Mark oder vielleicht auch nur 2,50 Mark. Das sind auch Gründe dafür, daß es den Amerikanern gelungen ist, in solchem Maße in Europa Fuß zu fassen.
SERVAN-SCHREIBER: Natürlich haben Sie recht mit dem, was Sie über die Bodenschätze sagen, jedoch nur auf den ersten Blick. Nehmen wir zum Beispiel die Energie. Wir haben Kohle, Heizöl, Atomenergie und Wasser. Das Problem, um das es hier geht, ist ein Problem der Intelligenz und der Organisation. Wenn die Kohle zu teuer ist, muß man umschalten und Heizöl kaufen oder Atomkraftwerke bauen.
BRUGSMA: Herr Servan-Schreiber, ich möchte Ihnen eine Frage stellen, die vielleicht einen entscheidenden Hinweis auf die Vormachtstellung der Amerikaner gibt. Wir haben noch nicht über die Computer gesprochen, obwohl Sie die Computer-Industrie ausführlich in Ihrem Buch behandeln. Können Sie uns einige Zahlen nennen?
SERVAN-SCHREIBER: Ja, in Frankreich sind acht von zehn Computern amerikanischen Ursprungs. 70 Prozent der in den Ländern des Gemeinsamen Marktes vorhandenen Computer wurden ebenfalls von amerikanischen Firmen geliefert. Somit wird die Computer-Industrie völlig von den Amerikanern beherrscht. Dabei darf man nicht übersehen, daß es sich hier nicht um eine Industrie unter anderen handelt, sondern um die Industrie der Zukunft. Alle anderen Industriezweige werden von der Elektronik-Industrie abhängen. Darum investieren die Amerikaner auf diesem Sektor in atemraubendem Tempo so viel Geld. Wir dagegen sehen untätig zu.
BEEDRAM: Würden Sie sagen, daß die Elektronik-Industrie an den Platz getreten ist, den bisher die Schwerindustrie eingenommen hat?
SERVAN-SCHREIBER: Ich gehe noch einen Schritt weiter: Das Ziel der ersten industriellen Revolution bestand darin, Maschinen zu bauen, um den Menschen von einem Teil seiner körperlichen Arbeit zu entlasten. Die zweite industrielle Revolution, in der wir uns jetzt befinden, hat zum Ziel, sehr viel kompliziertere Maschinen zu bauen, die den Menschen von einem Teil seiner geistigen Arbeit entlasten und damit seine geistige Kapazität erhöhen. Was die Elektrizität in der ersten industriellen Revolution war, ist meines Erachtens die Elektronik in der zweiten. Sie ist eine unerläßliche Notwendigkeit. Ein Land, das vor 50 Jahren nicht die Elektrizität eingeführt hätte, wäre als völlig unterentwickelt bezeichnet worden -- unser Problem besteht jetzt darin, die Elektronik einzuführen.
BRAWAND: Herr Servan-Schreiber, ich gratuliere Ihnen zu der hohen Auflage Ihres Buches. Aber wenn wir Ihre Anregungen verwirklichen wollen, das heißt, wenn wir Europäer uns gegen die Invasion zusammenschließen wollen, so hätte ich es vorgezogen, wenn Sie nur ein Exemplar Ihres Buches geschrieben und verkauft hätten -- an einen einzigen Leser und ihn überzeugt hätten: General de Gaulle.
SERVAN-SCHREIBER: Unsere moderne Zeit lehrt uns, rational zu denken. Mit anderen Worten, wir sollten uns nur mit Dingen befassen, die wir wirklich beeinflussen können. General de Gaulle läßt sich nicht mehr beeinflussen. Er hat seine festgefügten Vorstellungen von dem europäischen Problem. Er ist keinesfalls gegen den Gemeinsamen Markt; er ist aber gegen jede Art Föderation, gegen jede Art supranationaler Macht. Und er ist gegen den Beitritt Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt. Doch das ist kein Grund, die Hoffnung aufzugeben und die Hände in den Schoß zu legen. Ich glaube, daß wir, wenn wir die Zeit nutzen, in der General de Gaulle noch an der Macht ist, an vielen Problemen arbeiten können und daß insbesondere die Industriellen unserer Länder zusammenarbeiten können. Nichts hindert zum Beispiel die französische Firma Bull General Electric und die Firmen Siemens und Olivetti an einer Zusammenarbeit. Warum arbeiten sie nicht zusammen? Warten sie etwa auf de Gaulle? Ich glaube, der General wird zum Sündenbock für ihre Untätigkeit gemacht.
BRAWAND: Übersehen Sie bitte nicht die Schwierigkeiten einer solchen Zusammenarbeit, selbst in den Ländern des Gemeinsamen Marktes mit ihren verschiedenen Steuern, ihren unterschiedlichen Rechtssystemen, ihren Kartellbestimmungen und all den Problemen, mit denen wir uns in Brüssel täglich auseinandersetzen müssen.
SERVAN-SCHREIBER: Aber wir müssen schrittweise vorgehen. Mir ist bekannt, daß zum Beispiel Siemens, Olivetti und die französische Firma General Electric sich nicht zusammenschließen könnten, selbst wenn sie es wollten. Die Gesetzgebung in den Ländern der EWG verbietet es. Doch Europa muß seine Wahl treffen, es muß seine Prioritäten festsetzen, das heißt, seine Mittel auf einigen Gebieten konzentrieren und dafür andere Sektoren aufgeben. Ich bin davon überzeugt, daß wir uns auf die Elektronik und auch auf die Atomenergie konzentrieren sollten -- und ganz bestimmt auch auf Nachrichten-Satelliten und dergleichen, möglicherweise auch auf die Aeronautik.
BEEDHAM: Ich glaube, daß wir dies tatsächlich zu spät erkannt haben, daß wir es erst jetzt erkennen. Darin stimme ich mit ihnen überein. Wenn das europäische Problem so gelöst werden soll, wie Sie es vorschlagen, dann erfordert das doch ein föderiertes Europa, nicht wahr?
SERVAN-SCHREIBER: Wenn unsere Generation die amerikanische Herausforderung nicht erkennt und ihr nicht entsprechend begegnet, so wird es in 15 Jahren zu spät sein. Soviel ist sicher. Darum müssen wir uns zusammentun und uns zunächst darüber klarwerden, welche Entscheidungen zu treffen sind. Und diese Entscheidungen werden sehr tiefgreifend sein, weil wir begreifen müssen, daß es sich bei der heutigen amerikanischen Überlegenheit um eine -- wie ich es nennen möchte, obwohl ich weiß, daß diese Bezeichnung etwas provokatorisch oder radikal ist -- kulturelle Überlegenheit handelt. Natürlich sind die Amerikaner nicht intelligenter als wir, aber sie setzen ihre Intelligenz besser ein, und das ist Kultur. Wir müssen begreifen, daß die Herausforderung unserer Kultur und nicht unserem Geld gilt. Und dagegen müssen wir uns durch geeignete Maßnahmen zur Wehr setzen. Letzte Woche war ich in einem sehr hübschen, sonnigen Ort an der Südküste Frankreichs in der Nähe von Nizza. Diesen Ort hatte der amerikanische Elektronik-Gigant IBM gewählt, um dort sein Hauptlaboratorium in Europa zu errichten. Ich betrachtete dieses prächtige, moderne Gebäude, in dem 600 französische Wissenschaftler für die IBM arbeiten, und ich dachte, daß dieses Gebäude viel imposanter ist als das Hauptquartier der Shape in der Nähe von Paris, das unsere Regierung so gern loswerden wollte, weil sie es für ein Symbol amerikanischer Militärbesatzung hielt. In Wahrheit verkörpert dieses IBM-Gebäude die eigentliche Besatzung. Hier wird mit französischem Geld, französischen Wissenschaftlern und auf französischem Boden gearbeitet, um Erfindungen zu machen. Und diese französischen Wissenschaftler machen fortlaufend Erfindungen und schicken sie jeweils per Telex nach New York.
BRAWAND: Herr Servan-Schreiber, für meinen Geschmack lassen Sie sich etwas zu sehr von prächtigen amerikanischen Gebäuden und Zahlenreihen beeindrucken. Ich würde gern erfahren, ob Sie der Ansicht sind, daß wir. wenn wir eines Tages den technologischen und industriellen Stand der Amerikaner erreicht haben, auch den sogenannten "American way of life" übernehmen müssen, das heißt die amerikanische Lebensweise, nach der ich persönlich nicht leben möchte.
SERVAN-SCHREIBER: Ja, das ist natürlich eine sehr wesentliche Frage. Wissen Sie, wir könnten darüber diskutieren, ob wir Amerikaner werden und die amerikanische Lebensweise übernehmen möchten oder nicht. Aber um diese Frage geht es im Grunde ja nicht, sie ist rein theoretischer Art. Angenommen, wir versagen und die Amerikaner beherrschen in zehn Jahren das Wirtschaftsleben Europas. Was wird dann aus uns? Werden wir Amerikaner? Niemals Wir werden von Amerika kolonisiert. Die Zentren der Entscheidungen werden dann nicht mehr in Europa liegen. So haben wir gar keine Wahl, ob wir Amerikaner werden oder Europäer bleiben wollen. Unsere Wahl besteht darin, amerikanische Vasallen zu werden oder aber eine eigene Zivilisation zu entwickeln. Es geht nicht darum, ob wir den "American way of life" lieben oder nicht -- genau wie Sie möchte ich auch lieber nach meiner Facon als nach der amerikanischen leben. Entscheidend ist allein, daß, wenn wir uns nicht die Mittel schaffen, eine eigene Zivilisation zu entwickeln, wir gar keine Zivilisation haben werden.

DER SPIEGEL 6/1968
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