05.02.1968

Seefahrt / U-BooteAbsolut sicher

Wir denken niemals daran -- wir fühlen uns an Bord absolut sicher." Das antwortete noch vor wenigen Wochen der Zweite Offizier des französischen U-Bootes "Minerve" einem Reporter des französischen Fernsehens auf einer Zwei-Tage-Tauchtour vor Toulon.
Am vorletzten Samstag versank die "Minerve" vor Toulon mit der gesamten Besatzung -- einschließlich Zweitem Offizier. Am anderen Ende des Mittelmeeres suchten unterdessen Flotteneinheiten der Israelis und Engländer, der Amerikaner und Türken bei schwerem Sturm die Gewässer im Südwesten von Zypern nach einem anderen überfälligen U-Boot ab: Israels "Dakar".
Routinemäßige Meldungen waren das letzte Lebenszeichen beider Boote gewesen. Danach befanden sich beide auf Positionen, an denen das Mittelmeer rund 2000 Meter tief ist.
Die "Dakar" war mit 69 Mann an Bord auf der Fahrt von Portsmouth nach Haifa, wo sie am 29. Januar erwartet wurde. Israel hatte das U-Boot, Baujahr 1944, 1280 Tonnen groß, vor drei Jahren von den Engländern gekauft. Nach Umbau und Überholung galt die "Dakar" als das modernste der fünf U-Boote Israels.
"Dakar" und "Minerve" waren ähnlich konzipiert: Hochsee-Boote mit Schnorchel, angetrieben durch konventionelle Diesel- und Elektromotoren.
Die 700 Tonnen große "Minerve", seit 1984 im Einsatz, war "ein sehr sicheres Boot", erklärte Kapitän Bouillot, der die "Minerve" 22 Monate lang befehligt hatte. Der neue Kommandant, Andre Fauve, 33, hatte erst elf Tage vor dem Unglück seinen Dienst an Bord angetreten.
Relativ neu an Bord war auch die israelische Besatzung der "Dakar". Am 10. November hatte sie das Schiff in Portsmouth übernommen. Nach Probefahrten vor England lief sie Anfang Januar ins Mittelmeer aus.
Mit "Dakar" und "Minerve" sanken seit der Jahrhundertwende 223 U-Boote insgesamt durch Unfall. Rund 4000 U-Boot-Fahrer kamen dabei um.
Die Deutschen, der Welt aktivstes U-Boot-Volk, stehen mit 76 Unfällen an der Spitze der Liste. Danach folgen England mit 47, die USA mit 28 und Frankreich mit 20 durch Unglück verlorenen Booten. Durch Feindeinwirkung dagegen verloren die Deutschen im Zweiten Weltkrieg allein 711 U-Boote" nur 42 durch Unfall. Die häufigste Ursache war Kollision.
Erst am 14. September 1966 starben deutsche Mariner wieder den U-Boot-Tod: Das Schulboot "Hai" sank auf der Doggerbank, weil Wasser durch die Zuluftschaltung ins Boot eingedrungen war. Die Suche begann erst fünf Stunden nach der letzten Positionsmeldung. Von der 20köpfigen Besatzung konnte nur einer gerettet werden, die anderen ertranken oder starben an Unterkühlung.
Die meisten U-Boot-Fahrer der Geschichte starben beim Untergang der atomgetriebenen "Thresher" (3750 Tonnen) vor der amerikanischen Ostküste: 129 Mann wurden am 10. April 1963 bei einem Tauchversuch in 2600 Meter Tiefe mit dem modernsten U-Boot der Vereinigten Staaten durch den Wasserdruck zerquetscht. Mit jedem Meter Tiefe wächst er pro Quadratmeter Bootfläche um eine Tonne.
Gummihandschuhe und kleine Ausrüstungsgegenstände tauchten als einzige Zeugen an der Oberfläche auf. Die Toten blieben in der Tiefe.
Für die Franzosen ist der Untergang der "Minerve" das dritte Unglück vor Toulon:
Am 6. Dezember 1946 versank das ehemals deutsche U 2326 infolge eines Tauchunfalls: 22 Tote. Am 24. September 1952 versank das ehemals englische U-Boot "Sportsman" als französische "La Sibylle" ebenfalls infolge eines Tauchunfalles: 51 Tote.
Die letzte Hoffnung, die 121 U-Boot-Fahrer von "Dakar" und "Minerve" noch lebend zu finden, schwand mit den Sauerstoffvorräten an Bord: Drei Tage konnte die "Dakar", vier Tage die "Minerve" maximal unter Wasser bleiben. Aber nach Ablauf dieser Frist waren die Unglücksboote nicht einmal geortet worden.
Im westlichen wie im östlichen Mittelmeer wurde die Suche erschwert, weil von keinem der beiden Boote Notsignale aufgefangen werden konnten:
> Zwischen letzter Positionsangabe und Unglück lagen vielleicht mehrere Stunden, so daß ein Seegebiet von vielen hundert Quadratkilometern als Unglücksstelle in Frage kam.
> Eine Funkstille von mehreren Stunden gilt als normal, weil unter Wasser kein Funkverkehr möglich ist. Die Suchaktionen konnten deshalb erst eingeleitet werden, als die Boote überfällig waren. Entscheidende Stunden gingen verloren.
"Durch das kleinste Loch", hatte ein Mann der "Minerve" vor dem Unglück erläutert, würden in der geplanten Tauchtiefe von 300 Metern "100 Liter Wasser pro Sekunde hereinschielten. Nach drei bis vier Minuten wären wir hinüber".

DER SPIEGEL 6/1968
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