05.02.1968

ARGENTINIEN / FLEISCHEXPORTSühne für Seuche

Argentiniens Nationalisten wollten Rache. Sie verlangten die Besetzung der (600 Kilometer vor ihrer Küste gelegenen) britischen Falkland-Inseln oder die Enteignung und Ausweisung der englischen Kolonie in Argentinien.
Denn Britanniens Landwirtschaftsminister Fred Peart hatte am 4. Dezember vor dem Unterhaus einen Importstop für Fleisch verkündet -- um die in England wütende Maul-und-Klauenseuche zu bekämpfen. 411 900 Stück Briten-Vieh mußten seither notgeschlachtet werden.
Den Ursprung der Seuche konnten die Engländer bis heute nicht feststellen. Gleichwohl, so klagte die argentinische Zeitschrift "Primera Plana", schob Ihrer Majestät Regierung "mit Hippie-würdiger Leichtfertigkeit" den Fleischimporten aus Südamerika die Schuld an der Seuche zu.
Das Einfuhrverbot verletzte Argentinier-Stolz, noch härter aber traf es Argentiniens Außenhandel. Der zunächst auf drei Monate begrenzte Stop wird Argentinien 64 Millionen Mark kosten. Denn England war der größte Abnehmer für argentinisches Rindfleisch, das -- neben Getreide -- wichtigstes Exportgut des Landes ist.
Auf den weiten Ebenen der Pampas, auf Estancias von der Ausdehnung deutscher Großstädte grasen fast 55 Millionen Rinder -- im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr als sonstwo auf der Welt.
Mit einer von den legendären Gauchos ererbten Geschicklichkeit können zehn Hirten 10 000 Stück Vieh überwachen, brandmarken, kastrieren, impfen oder zum Verkauf aus der Herde aussondern. Endlose Viehtransporte rollen allnächtlich in die Hauptstadt. Allein auf dem Viehgroßmarkt von Liniers in Buenos Aires werden täglich bis zu 28 000 Rinder aufgetrieben.
Die größte Scheibe ihrer Rindfleischproduktion teilen sich die Argentinier selbst zu: 1966 verzehrten sie 75 Prozent ihrer Jahreserzeugung von fast 2,4 Millionen Tonnen. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 80 Kilo (Bundesrepublik: 19,5 Kilo) hält das 22-Millionen-Volk zwischen Urwald und Antarktis unangefochten den Weltrekord im Beefsteak-Essen.
Andächtig grillen Bauarbeiter in der Mittagspause ihren Braten inmitten des Verkehrsgewühls von Buenos Aires. Genüßlich mampfen die Bürger der Hauptstadt nach zehn Uhr abends in Dutzenden von Restaurants an der kilometerlangen La Plata-Uferstraße ihren "asado", ein üppiges Mixed Grill, das trotz der Geldentwertung auch heute kaum mehr als zwei Mark kostet.
Dennoch bleibt für den Export mehr, als die Argentinier verkaufen können, wenn England, der älteste Kunde, seinen Markt abriegelt.
Vor 100 Jahren eroberten Britanniens beste Rinderrassen -- Shorthorn, Hereford und Aberdeen Angus -- Argentiniens Weiden. Sie verdrängten die von den Spaniern eingeführten langhörnigen Iberer-Tiere.
Zur Blütezeit des Empire wurde Argentinien als sechstes Dominion in Englands Krone bezeichnet -- so sehr hatte die argentinische Landwirtschaft ihren Export auf den englischen Markt ausgerichtet.
Während des Zweiten Weltkriegs belieferte Argentinien die Briten-Insel trotz der deutschen Blockade. Ein 1944 von US-Präsident Roosevelt vorgeschlagenes Handelsembargo gegen das deutschfreundliche Argentinien lehnte Premier Churchill aus Sorge um Englands Fleischversorgung ab: "Mit den Fleischrationen der britischen Truppen würden Sie Ihre Soldaten nicht in die Schlacht schicken."
Zur Krönung der Königin Elizabeth bestellte der Hof von St. James 1953 für den Festschmaus Hunderte junger Rinder ("Baby-Beefs") in Argentinien.
Noch vor zehn Jahren lieferte das Land zwei Drittel seiner Rindfleischausfuhr nach England, in den ersten neun Monaten 1967 noch 30 Prozent. 2500 Tonnen vorwiegend tiefgekühltes Fleisch ("Chilled"), in Leinensäcke eingenähte Rinderviertel, wurden bis zur britischen Einfuhrsperre jede Woche in englische Häfen verfrachtet.
Englands Steak-Stop verdroß die Argentinier um so mehr, als sie seit 1960 scharfen Seuchen-Schutz eingeführt haben: Dreimal im Jahr muß jedes Rind gegen Maul- und Klauenseuche geimpft werden.
1966 lieferten 24 Laboratorien 150 Millionen Portionen Impfstoff, und 258 Kommissionen des argentinischen Landwirtschaftsministeriums kontrollierten 357 983 Viehzüchter. Britische Veterinäre inspizieren zudem das für England bestimmte Vieh in Argentinien vor und nach dem Schlachten.
Daher vermuten die Argentinier, die Maul- und Klauenseuche sei für die Engländer nur ein Vorwand; die negative Zahlungsbilanz und der traditionelle Unmut britischer Landwirte über das billigere argentinische Fleisch aber seien die wahren Gründe für den Stop der Importe.
Und tatsächlich strebt die britische National Farmers" Union mit Hilfe der Regierung die insulare Selbstversorgung bis 1971 an. "Unter dem starken Druck der britischen Viehzüchter" ("International Herald Tribune") erwägt das Landwirtschaftsministerium in London jetzt, den Fleisch-Import-Bann ständig beizubehalten.
Im britisch-argentinischen Fleischkrieg fand die Invasion der Falkland-Inseln zwar nicht statt. Aber argentinische Pferdezüchter, die auf dem englischen Pferdemarkt von Newmarket Rassepferde für eine Million Dollar kaufen wollten, besannen sich anders.
Und die Regierung in Buenos Aires verzichtete auf den Kauf von 14 britischen "Beagle"-B 206-Militärflugzeugen im Wert von einer Million Pfund.

DER SPIEGEL 6/1968
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