05.02.1968

BELGIEN / METROPOLEFreie Herzen

Früher schob Gärtner Luden Verbrugghe eine Handkarre durch das Brüsseler Diplomatenviertel Uccle. Heute fährt er im Kombiwagen vor, hat einen Gehilfen und verlangt für seine Blumen den dreifachen Preis. Er nennt seine Firma "Euro-Jardin".
Drei kleine Versicherungsvertreter in Brüssel machten sich selbständig und nennen sich jetzt "Eurassur", "Euro-Assur" und "Europassur": Mit der Vorsilbe "Euro" geben sich Brüssels Kauf- und Handeisleute international. Und "Euro" bringt Geld.
Belgiens Hauptstadt, die früher die altmodische Intimität flämischer Brueghel-Gemälde pflegte, stieg 1967 zum größten Bürokratenzentrum der Welt auf. Der Zuzug von Montanunion aus Luxemburg und Nato aus Paris ließ die Zahl der ausländischen Beamten und Technokraten auf 16 000 ansteigen. Brüssel wurde Millionenstadt -- mit 198 diplomatischen Vertretungen.
Fast jeder fünfte Brüsseler ist heute Ausländer. Denn im Sog der internationalen Behörden siedelten sich auch Scharen staatlicher und privater Lobbyisten an. 836 ausländische Firmen ließen sich im Euro-Center nieder, außerdem 34 Handelskammern und 266 andere internationale Organisationen.
728 amerikanische Unternehmen gründeten in Belgien Zweigstellen. Auf der fünf Jahrhunderte alten von goldbemalten Zunfthäusern umgebenen "Grand' Place" im Zentrum Brüssels sangen 1967 erstmals amerikanische Nato-Ehefrauen und -Sekretärinnen Christmas carols in den belgischen Winter.
Die Dollarflut brachte den Einkaufszentren ein um elf Prozent besseres Weihnachtsgeschäft als im Vorjahr. Aber die Geschäftswelt paßte sich auch amerikanischem Preisniveau an. Soziologen der Universität Löwen berechneten, daß ein Belgier, der seinen Lebensstandard halten will, im Brüssel der Dollar-Invasion fast doppelt soviel verdienen muß wie ein Landsmann im Norden oder Süden des Landes.
Brüssels Stadtbild amerikanisiert sich:
> In den letzten Jahren wuchsen fünf Wolkenkratzer mit 20 bis 35 Stockwerken in die Höhe.
> In der Nähe des Nordbahnhofs soll ein Klein-Manhattan nach New Yorker Vorbild entstehen.
> Ein Netz von Untergrund-Autobahnen ist im Bau, das die Wohnviertel der 19 Gemeinden umfassenden Stadt direkt mit dem Zentrum verbinden soll.
Stolz nannte Belgiens Regierungschef Paul Vanden Boeynants Belgiens Hauptstadt "das Herz der freien Welt".
Für die zahllosen weiblichen Angestellten der Europa-Behörden freilich ist das Herz der freien Welt mehr eine Welt der freien Herzen. Denn auf zehn Junggesellen in den Europa-Behörden kommen 58 unverheiratete Mädchen.
In zehn EWG-Jahren endete nur für 41 Euro-Mädchen der Brüsseler Wartestand in einer Euro-Ehe. Belgier aber sind nicht sonderlich begehrt. Denn -- so erklärten 18 von 20 befragten EWG-Sekretärinnen -- belgische Männer sind "doof, grob und schlecht gewaschen".

DER SPIEGEL 6/1968
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