05.02.1968

USA / SPOCKWeißer Riese

Der alte Mann mit dem weißen Haar wollte verhaftet werden. Immer wieder versuchte er, die Polizisten vor dem Wehrerfassungsamt in New York zu provozieren, ihre Kette zu durchbrechen -- vergebens.
Schließlich hatte einer der Uniformierten Mitleid: Für einen Augenblick ließ er -- im Dezember vorigen Jahres -- die Barriere öffnen, der Weißhaarige drang in das Wehrbüro ein, wurde (für ein paar Stunden) festgenommen und strahlte: "Endlich. Es ist das erstemal nach Dutzenden von Protesten, daß ich verhaftet werde."
Jetzt darf der alte Mann sogar vor Gericht auftreten. Ihm drohen bis zu fünf Jahren Gefängnis und 10 000 Dollar Geldstrafe, weil er -- so die Anklage -- die Wehrkraft zersetzt und die Einberufung amerikanischer Jugendlicher gestört habe.
Der Alte ist Dr. Benjamin Spock, 64, Amerikas und vielleicht der Welt berühmtester Kinderarzt.
Nach seinem Buch "Säuglings und Kinderpflege" ziehen Mütter und Väter in aller Welt ihren Nachwuchs groß. Der Leitfaden für Eltern -- 1946 erschienen -- wurde bisher in 29 Sprachen übersetzt und erreichte allein in den USA eine Auflage von 20 Millionen Exemplaren (Bundesrepublik: rund 350 000). Nur die Bibel steht häufiger in amerikanischen Bücherschränken als die Spock-Fibel. Jahr für Jahr bringt allein dieses Buch dem Autor 30 000 Dollar Tantiemen ein.
Früher feierten Amerikas Mütter Spocks Buch als Erlösung -- der Arzt widersprach erstmals der US-Vorstellung, Kinder müßten "strikt und streng" erzogen werden. Jetzt aber schicken sie ihm das Buch immer häufiger zurück. "Ich dachte, Ihnen könnte ich vertrauen", schrieb eine Mutter, "aber nie mehr werde ich ein Wort von Ihnen glauben." Eine andere teilte lediglich mit: "Ich habe Ihr Buch in tausend Fetzen zerrissen." Grund: Der Doktor ist gegen die Regierung.
Benjamin Spock, Sohn republikanischer Eltern, hatte immer demokratisch gewählt. 1956 warb er gegen Eisenhower für Adlai Stevenson, 1960 unterstützte er John F. Kennedy (Jacqueline Kennedy: "Doktor Spock ist für meinen Mann, und ich bin für Doktor Spock"), 1964 propagierte er Lyndon B. Johnson.
Doch kaum hatte Johnson im Februar 1965 die Bombardierung Nordvietnams befohlen, da wandte sich Spock von Johnson" dem "größten Betrüger des amerikanischen Volkes", ab. Spock: "Ich schäme mich, daß ich für ihn eingetreten bin." Fortan blieb Spocks Alterssitz in der Karibischen See meist unbenutzt, der weißhaarige Riese (1,93 Meter) mietete zusätzlich ein Appartement in New York.
Wo immer in den vergangenen Monaten in den USA gegen den Krieg in Vietnam und den Wehrdienst demonstriert wurde, Spock war dabei und verdammte den Vietnamkrieg: "Der Krieg ist militärisch hoffnungslos, moralisch falsch und politisch selbstmörderisch ... Wenn wir nicht aufpassen, eskalieren wir uns selbst von der Erdoberfläche."
Spock: "Amerika kann sich genauso brutal wie Nazi-Deutschland benehmen, es setzt sein ganzes Gewicht ein, um ein anderes Volk zu unterdrücken."
Der Arzt war auch dabei, als Demonstranten Anfang Dezember in einer Anti-Wehrpflicht-Woche überall in den USA gegen die Einberufungen protestierten und sich in Massen verhaften lassen wollten. In Boston führte Spock eine Demonstrantengruppe an, die ein paar Dutzend Einberufungskarten eingesammelt und an das Justizministerium geschickt hatte.
Amerikas Justizminister Clark hielt diese Zusendung für ungesetzlich und leitete erstmals ein Verfahren gegen Anti-Wehrdienst-Demonstranten ein. Wegen "Verschwörung zur Unterstützung und Beratung von Wehrdienstverweigerern" wurden zusammen mit dem Friedens-Doktor vier Gesinnungsfreunde angeklagt -- darunter Marcus Raskin, unter John F. Kennedy noch Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates.
General Hershey, US-Einberufungschef und Fürsprecher drastischer Maßnahmen gegen Wehrdienst-Demonstranten (SPIEGEL 53/1967), lobte das Ministerium: "Feine Arbeit."
Spock gab sich gelassen. "Offener Widerstand gegen die Einberufungen", so erklärte er, "ist der beste Weg zur Beendigung des Krieges ... Hoffentlich finden sich 100 000, 200 000 oder gar 500 000 junge Leute, die sich der Einberufung widersetzen oder in der Armee den Gehorsam verweigern."
Und: "Die Amerikaner sollen auf stehen und Johnson feuern."
Am letzten Montag wurde der Arzt in Boston erstmals vor Gericht gehört. Spock: "Ich bin unschuldig im Sinne der Anklage." Nach zehn Minuten vertagte Richter Francis J. W. Ford, 82, die Verhandlung.
1000 Spock-Freunde geleiteten ihr Idol zu einem Anti-Wehrdienst-Teachin in einer nahe gelegenen Kirche. Abends dozierte Spock bereits wieder in New York: "Die USA haben ihre Führungsrolle in der westlichen Welt verloren."

DER SPIEGEL 6/1968
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