05.02.1968

MALEREI / FONTANAGlücklichste Erwartungen

Vor zwei Jahrzehnten verübte der Italiener Lucio Fontana seinen ersten Gewaltakt: Er durchstieß eine Bildfläche, die er zuvor bemalt hatte.
Nun ist Fontana 68 Jahre alt, doch er zerschlitzt und durchlöchert noch immer unermüdlich eine Leinwand nach der anderen -- ein Attentäter, der "die Malerei zerstört, um die Idee zu schaffen" (Fontana). Die Idee heißt "Concetto spaziale" (räumlicher Entwurf).
In diesen Wochen stellt die Hannoveraner Kestner-Gesellschaft in einer großen Fontana-Retrospektive, die zuvor in Amsterdam, Eindhoven und Stockholm gezeigt wurde, 60 solcher "Concetti spaziali" zur Schau.
Es sind Riesen-Eier in Gold und Schwarz (Titel: "Ende Gottes"), monochrome Flächen in Weiß, Rot, Gelb, Blau, Indigo, Türkis, Grau, Violett, Silber und Bonbonrosa, teils erhöht durch Marmorstückchen und farbige Glassplitter, teils umgeben von popartigen" Rahmen, die mit grotesken Geschwülsten ins Bild wuchern, immer vertieft durch Perforation:
Die Lein- und Papierwände sind scheinbar willkürlich zerfetzt, von langen, klaffenden Schnittwunden und den rhythmischen Mustern feiner Durchlöcherungen verletzt -- der "Spazialismo" Fontanas macht das Bild zum Schlachtfeld. Er wischt die Raum-Illusion der alten Gemälde beiseite und eröffnet zugleich eine ganz reale dritte Dimension.
Zu dieser ziemlich unbekümmerten Bilderstürmerei gegen alles illusorische, Wirklichkeit suggerierende, aussageträchtige Malwerk hat der einstige Bildhauer und Keramiker, 1899 in Argentinien geboren, während des Zweiten Weltkriegs in argentinischer Emigration, schon 1946 in einem "Weißen Manifest" aufgerufen. Es forderte "eine Kunst, die von allen ästhetischen Kunstgriffen frei ist", und verwarf "die von der spekulativen Kunst erfundene ästhetische Unwahrhaftigkeit".
Fontana, in einem riesigen Mailänder Renaissance-Palazzo zu Hause und umgeben von der noblen Aura eines italienischen Aristokraten, hat diese Forderung seither mit manischer Beharrlichkeit und Monotonie verwirklicht -- und sogar mit dem Plazet des internationalen Kunstbetriebs.
Seine "Raumentwürfe" werden zu Preisen zwischen 10000 und 40000 Mark gehandelt, sie hängen unter anderem im Amsterdamer Stedelijk Museum, in der Londoner Tate Gallery und im New Yorker Museum of Modern Art. Auf der venezianischen Biennale 1966 "brachten sie ihm einen Großen Preis ein.
Die jüngere Generation seiner Zunftgenossen, von Fontana generös unterstützt, bringt dem Meister, der den Bildcharakter des Bildes zerstört hat, eine fast schon legendäre Verehrung entgegen. "In dieser Welt", rühmte der deutsche "Zero"-Artist Heinz Mach, "verwirklicht ein Künstler wie Fontana unsere glücklichsten Erwartungen."
Und der "Zero"-Lichtbildner Otto Piene pries den "Tyrannen-Mörder": "Er zeigt den Menschen und "der Malerei, daß sie nicht immer das sein muß, was die Gewohnheit von ihr erwartet. Er spießt sie auf, schlitzt ihr den Bauch auf ... Er schneidet ins Fleisch der verblödeten Zweibeinigkeit."
Piene: "Die Malerei ist tot, es lebe Fontana !"

DER SPIEGEL 6/1968
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