05.02.1968

Siegfried Lenz über Lawrence Durrell / Henry Miller. „Briefe“VON GENIE AN GENIE

Von Siegfried Lenz, 41, erschien zuletzt ein Band mit vier Hörspielen: „Haussuchung“. Im Herbst dieses Jahres soll sein neuer Roman „Deutschstunde“ erscheinen. -- Der englische Schriftsteller Lawrence Durrell, 55, ist durch die vier zusammenhangenden Romane „Justine“, „Balthasar“, „Mountolive“ und „Clea“, das sogenannte Alexandria-Quartett, berühmt geworden. In diesem Jahr erscheint in England sein neuer Roman „Tunc“. Mit Henry Miller, 76, dem „Wendekreis“- und „Sexus“-„Plexus“ -- „Nexus“-Autor, ist Durrell seit 1935 befreundet.
Daß einer in jungen Jahren begeisterte Briefe an einen Schriftsteller schreibt, das geht noch, das wird man ihm nachsehen, falls es nötig ist. Daß aber einer, der mehr und mehr selbst zu einem "heraldischen" Schriftsteller wird, seine ursprüngliche Begeisterung durch (einstweilen) vierundzwanzig Jahre ernähren kann, sie, bis auf gelegentliche Einschränkungen, variationsreich erneuert und ins Recht setzt, das erregt nicht nur unser Interesse, sondern appelliert auch schon an unsere Wundergläubigkeit. Schließlich lehrt die vergleichende Erfahrung, daß es für literarische Begeisterung keinen Frischhaltebeutel gibt, ja daß sie häufig genug in ihr Gegenteil umschlägt.
Wer dennoch, gegen diese Erfahrungsregel, erleben möchte, wie und mit welchen Worten sich Begeisterung für einen Schriftsteller manifestiert und am siebenfachen Leben erhält, der ist auf den vorliegenden, und ich sage gleich: außerordentlichen Briefwechsel zwischen Henry Miller und Lawrence Durrell angewiesen.
Durrell hat angefangen. Im Jahre 1935 -- damals ganze 23 -- schrieb er dem in Paris lebenden Henry Miller von Korfu aus einen Leserbrief, in dem er Millers "Wendekreis des Krebses" nicht nur als literarisches Modell seiner Generation begrüßte, sondern auch gleich bekannte, daß dies "das einzige Werk von wirklich großem Format" sei, "dessen sich unser Jahrhundert rühmen darf". Und nach dem ersten Fanfarenstoß seiner Begeisterung wischte er auch gleich, sagen wir als Zugabe, "Lady Chatterley" und "Ulyssses" als "schwache, schmuddelige Rohentwürfe" vom Tisch.
Man versteht da schon, daß der um zwanzig Jahre ältere Miller in seiner Antwort gestand, Durrells Brief habe ihn etwas durcheinandergebracht. Allerdings attestierte er dem ungestümen, jedenfalls nicht zimperlichen Bewunderer, daß dieser einen "geschelten Brief geschrieben" und als erster "den Nagel auf den Kopf getroffen" habe. Und instinktsicher fragt er zum Schluß an, ob der junge Briefschreiber nicht womöglich selber Schriftsteller sei. Durrell gibt sich zu erkennen ("Ja, ein Schriftsteller, daß Gott erbarm!") und wird von Miller aufgefordert, ihm eigene Arbeiten zu schicken, "damit ich Ihnen einige Ihrer gewagten Komplimente zurückgeben kann".
Und damit ist nicht nur der Briefwechsel zwischen zwei bedeutenden Schriftstellern eröffnet; hier nehmen zwei epistolographische Großmeister einen verschwenderischen Austausch auf über alles, was sie betrifft, von der Malerei bis zur Mythologie, von der Lektüre bis zur Liebe, von den Planeten bis zur Flora, vom Schreiben bis zum Schlafen. Am Ende zeigt es sich, daß der Bewunderer dem Bewunderten nicht nur gewachsen ist, sondern von diesem selbst mit gutmütigem Rippenstoß den Thron hinaufgeschickt wird.
Sie können mit sich zufrieden sein. Die gewagten Komplimente, die Miller einst empfing, kann er mit leichter Hand an Durrell zurückgeben, und im Lauf der Korrespondenz wird denn dies zu einem phantastischen Leitmotiv: der unerschrockene Austausch von Komplimenten, der den Leser so ergreift, daß er von Zeit zu Zeit vor begeisterter Zustimmung in die Hände klatschen möchte. So genügt es Miller nicht, Durrells "Weihnachtsgedicht" ein Meisterwerk zu nennen und seinen Urheber ein Genie; er bekennt auch gleich, daß das Gedicht ihn umgeworfen und "fast hysterisch" gemacht habe. Und Durrell, "in leichtem Delirium", übersieht in seiner Antwort das Wörtchen "fast": "Und wenn Sie darüber ... hysterisch werden konnten ... Ein höheres Lob gibt es nicht."
In der Tat, man ist nicht kleinlich, Lob wird in größter Münze gezahlt; es gibt wohl kaum einen zweiten Briefwechsel. in dem sich die Partner so beharrlich ein Genie nennen oder doch einander geniale Fähigkeiten nachsagen. Aber dabei bleibt es nicht. Zwei hervorragende Schriftsteller, die sich als Außenseiter, als Verbannte begreifen und die im anderen den Mit-Außenseiter sehen, wählen Formen der gegenseitigen Ermutigung und Bestätigung, die, sozusagen, an Großherzigkeit nichts zu wünschen übriglassen.
"Noch nie ist jemand das gewesen, was Sie sind, unter den Säugetieren", schreibt Durrell, und bald darauf Miller, nach der Lektüre von Durrells "Schwarzer Chronik": "Das geht weit über Lawrence und die ganze Bande hinaus. Sie sind bei den Asteroiden angelangt."
Übrigens wirft diese Lektüre Miller nicht um; diesmal ist er "benommen" und "wie betäubt". Wie riskant die Metaphern der gegenseitigen Hochschätzung dann werden, zeigt Durrell mit der Anrede: Ehrwürdiger, Erhabener; doch Miller läßt das nicht auf sich sitzen: "O Hoher und Mächtiger Lama", schreibt er, "wie sind Sie zu Ihrer großen Weisheit gelangt? ... Stehen Sie noch dort oben auf der höchsten Spitze des Mount Everest?"
Flachs? Ironie? Ruhmrednerische Seligkeit" die nicht danach fragt, wie weit über das Ziel hinausgeschossen wird? Keineswegs; alle die bewundernden Geständnisse, die die beiden wortgewaltigen Außenseiter füreinander übrig haben, sind aufrichtig, entsprechen ihrem ästhetischen Ideal, ihrer künstlerischen Überzeugung. Der Briefwechsel liefert den Beweis dafür.
Nach vierzehn Jahren hartnäckiger Begeisterung fällt auf einmal das Thermometer, stürzt, muß man wohl sagen; statt Zustimmung -- Zorn, statt Bewunderung -- rabiate Trauer. Dem Ehrwürdigen werden die Leviten gelesen, denn er hat sein Buch "Sexus" veröffentlicht, und nach der Lektüre sieht Durrell sich gezwungen, dem Freund unter anderem dies zu bescheinigen: "Die moralische Vulgarität so vieler Stellen darin ist künstlerisch peinlich. Diese törichten, sinnlosen Szenen, die keine raison d'être haben, keinen Humor, die nur kindische Explosionen von Obszönität sind -- was für ein Jammer ...
Wie wird Miller darauf reagieren, so fragt man sich, und nimmt nicht ohne Bewunderung die Antwort des älteren Löwen zur Kenntnis, der seinem Kritiker großmütig freistellt, ihn zu verdammen, wo es ihm nötig erscheint, und im übrigen feststellt: "Ich verstehe, daß Du es aus Liebe zu mir tust."
Bald darauf erhält denn die Begeisterung füreinander wieder Auftrieb, und sie dauert, dauert bis zum Ende der Korrespondenz. Zu Durrells Alexandria-Tetralogie bemerkt schließlich Miller: "Niemand unter den Lebenden könnte so etwas schreiben. Ich sagte es schon zuvor -- Du bist jetzt König." Und Durrell gibt das Lob zurück: "Aber ich würde natürlich beide Arme dafür geben, diesen "Nexus" geschrieben zu haben
Man muß bedenken, in welcher Lage sich diese Schriftsteller befanden, wie sie sich selbst verstanden und wie sie ihr Verhältnis zur Welt bestimmten, dann wird man die Gründe dieser dauerhaften Begeisterung einsehen. Zwei, die eine persönliche Verbannung als angemessenen Ort für einen Schriftsteller ansahen, gaben sich zu erkennen, und es zeigte sich, daß ihre Flaggen-Alphabete übereinstimmten.
Welche Übereinstimmungen? Dieser Briefwechsel -- bekenntnisreich, oft vergnüglich, mitunter dramatisch -, der sich ganz unwillkürlich zu einer Doppelbiographie ausweitet, macht es deutlich: Miller hört nicht auf, an Amerika zu leiden; Durrell, der glaubt, als "Hamlets kleines Patenkind" zur Welt gekommen zu sein, kann sich nicht mit England befreunden. Beide haben kein Geld. Für beide wird das Essen zum Problem. Beide glauben, zumindest vorübergehend, an den "Künstler als Heller". Beide aquarellieren. Beide empfinden sich, im Hinblick auf ihre Bücher, als exklusive Schriftsteller und stimmen darin überein, daß der Versuch, sich als Künstler zu verwirklichen, den Wunsch impliziert, sich "als Gott zu verwirklichen".
Ist es angesichts dieser und anderer Übereinstimmungen verwunderlich, daß der Weg dieser Schriftsteller gewissermaßen auf dauerhaftem Parallelkurs lag? Vom ersten Augenblick an sind sie Verbündete. Und zu diesem fast zwangsläufig entstandenen Bündnis gehört, daß man sich darüber klar wird, gegen wen man sich zu wehren hat. Also besichtigt man in Briefen sein Zeitalter, tauscht seine Kenntnisse über Personen aus, überprüft sich selbst auf seine Möglichkeiten -- und dabei ergibt sich die Notwendigkeit, sich gegen so ziemlich alles wehren zu müssen. Vermutlich liegt es daran, daß nicht wenige dieser Briefe den -- manchmal versteckten" manchmal offenbaren -- Charakter des Manifests haben. Adressiert an einen einzelnen, richten sie sich dennoch mit ihren Ermutigungen und Bezichtigungen an alle, die es angeht.
Außerdem bestätigen diese Briefe die Ansicht, daß Starrsinn und Kompromißlosigkeit zu den nützlichsten Tugenden eines Schriftstellers gehören: "Der Engel sei Ihr Wasserzeichen", schreibt Miller an den jungen Durrell. "Wenn es für Sie keinen Verleger gibt, müssen wir einen erfinden."
Selbstverständlich finden beide Schriftsteller, wenn auch unvollkommene, Verleger, ihre Bücher werden gedruckt. Und da in den Jahren der vorliegenden Korrespondenz ihre einstweilen wichtigsten Bücher erscheinen, erfährt man in Selbstaussagen, Kommentaren und Plädoyers in eigener Sache die aufschlußreichsten Spiegelungen. Jedenfalls trägt dieser Briefwechsel zu einem zwar nicht grundsätzlich neuen, aber doch besseren Verständnis dieser Autoren bei.
Und er demonstriert nicht zuletzt, wie infektiös Begeisterung sein kann: Während man noch bei diesen Episteln ist, greift man sich seinen Miller, seinen Durrell heraus, um sie, mit neuen Kenntnissen ausgestattet, noch einmal zu lesen.
* Mit seiner fünften Ehefrau, Hoki Tokuda.

DER SPIEGEL 6/1968
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