05.02.1968

KUNST / BIENNALEGegen den Strom

In die Kunst-Konkurrenz der Nationen gehen die Deutschen gemessenen Schrittes und ziemlich chancenlos. Sie treten zur 34. Biennale, die diesen Sommer in Venedig stattfindet, mit einer "Altherrenmannschaft" ("Süddeutsche Zeitung") an.
Die Biennale-Ausstellung, eine Art Weltmeisterschaft, zu der sich Maler, Graphiker und Bildhauer in Nationalriegen "formieren, war in den letzten Jahren junger Kunst und jungen Künstlern günstig -- der amerikanische Pop-Pionier Robert Rauschenberg und der in Frankreich lebende Kinetiker Julio Le Pare bekamen nacheinander den Großen Preis für Malerei. 1966 erhielten junge Deutsche -- der Neu-Expressionist Horst Antes und der Draht-Techniker Günter Haese -- begehrte Nebenpreise.
In diesem Jahr jedoch will der deutsche Biennale-Kommissar, der Hamburger Museumsdirektor Professor Alfred Hentzen, 64, "ein bißchen gegen den Strom schwimmen". Hentzen, von der Kulturabteilung des Bonner Auswärtigen Amtes ernannt, nominierte zwei Veteranen und einen historisierenden Außenseiter:
> den Maler Richard Oelze, 67, der in Ostenholz bei Hameln phantastische, dem bewährten Surrealismus nahe Visionen von Figuren und Landschaften entwirft;
> den Hamburger Bildhauer Gustav Seitz, 61, der sacht abstrahierte vollplastische Statuen formt und sich vor Experimenten hütet;
> den Hamburger Graphiker Horst Janssen, 39, der seine perfekte Druck- und Zeichentechnik vorwiegend am skurrilen Stilvorbild der älteren Meister Klinger, Klee und Ensor trainiert.
Diese Mannschaft spiegelt auch einen Mangel: Nach biennalereifen Pop- und Op-Deutschen schaute Hentzen ("Ich kann die Kunst nicht machen, nur auswählen") vergebens aus. In Oelze, Seitz und Janssen hingegen glaubt er schließlich drei Künstler gefunden zu haben, "die international noch nicht in ihrer ganzen Bedeutung gesehen worden sind".
Bedeutende Künstler sind die deutschen Venedig-Kandidaten tatsächlich; in der Neuheiten-Konkurrenz mit den Vertretern anderer Länder jedoch dürften sie sich antiquiert ausnehmen.
Die Briten nämlich wollen zum Beispiel zeltartige Kunststoff-Skulpturen von Phillip King und flirrende Op-Panneaus der Malerin Bridget Riley zeigen, die Franzosen haben den Collage-Künstler Arman ausgewählt, die Schweizer den Kinetiker Jean Tinguely.
Im offiziellen amerikanischen Pavillon werden zwar -- als Auswahl eines Biennale-Kommissars aus Nebraska -- Werke der eher konservativen Künstler Edwin Dickinson, Fairfield Porter, Richard Diebenkorn und Ernest Trova zu sehen sein. Dafür jedoch soll die New Yorker Avantgarde um so vollzähliger in einer Sonderschau vorgeführt werden: einem von der Biennale-Direktion organisierten Gegenstück zur fast gleichzeitigen Kasseler "Documenta".
Vom internationalen Aufgebot der Neuigkeiten will Deutschlands Kommissar Hentzen sich dennoch nicht entmutigen lassen: Er hofft darauf, daß die internationale Jury nach Pop und Kinetik auch mal was anderes prämiieren will, und rechnet mit einer "gesunden Chance, einen Preis zu gewinnen
Die beste Preis-Gelegenheit freilich glaubt er schon seit zwölf Jahren entschwunden: 1956 galt der fast 90jährige Expressionist Emil Nolde als Favorit für den noch nie an einen Deutschen vergebenen Großen Malerei-Preis; doch die Aussicht zerschlug sich.
"Nolde", bedauert Hentzen, "hatte die Heimtücke, kurz vor der Biennale zu sterben."

DER SPIEGEL 6/1968
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