05.02.1968

GODARDMarsch mit Mao

Sein erster Film hieß "Außer Atem" und seitdem (1959) ist der französische Cine-Rebell Jean-Luc Godard, 37, nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Während seine Nouvelle-Vague-Genossen Truffaut und Chabrol sich längst kommerziellen Großproduktionen verdungen haben, hält Godard das Ideal der ersten Stunde hoch -- das flinke, improvisierte, aktuelle "Kino der Autoren".
Der nervöse Mann mit der dunklen Brille, von Cinéasten staunend umraunt und von Jungfilmern aller Länder kopiert, hat bislang 15 Langfilme gedreht und mehrere Episoden für Omnibus-Filme; pro Jahr bringt er drei Lichtspiele fertig, und zuweilen dreht er zwei zur gleichen Zeit. "Eines Tages", vermutet "France-Soir", "werden alle französischen Filme von Godard sein."
"Ich mache meine Filme nicht beim Drehen", erklärt der Franzose seine Fruchtbarkeit, "sondern beim Lesen, Essen, Trinken, Träumen, ja sogar im Gespräch." Er macht sie letzthin auch mit neuer Ambition -- sie sollen "Analysen des modernen Lebens" sein und "Bericht über die Lage der Nation".
Godard drängt mit Verve zu einem Cine-Journalismus, der fix in Bilder bringt, was auf der Hand und in der Luft liegt -- Krieg, Sex, Pop, Werbung, auch Comic-Klischees, Kino-Muster und modische Philosopheme.
So stellte er dar:
> Algerienkrieg und OAS-Terror im "Kleinen Soldaten";
> die "Kinder von Karl Marx und Coca-Cola" im Twen-Film "Masculin -- Feminin";
> Gelegenheits-Prostitution in Pariser Trabantenstädten im Lichtspiel "Deux ou troischoses que je sais delle" (Zwei oder drei Sachen, die ich von ihr weiß);
> die Ben-Barka-Affäre und die "Amerikanisierung des französischen Lebens" in "Made in USA";
> die Wochenend-Hysterie der Pariser Automobilisten im jüngsten Film "Week-End".
Jetzt kommt ein Godard-Film in die deutschen Kinos, der in Paris wie in Berlin, in New York wie in Peking Verständnis finden kann: "La Chinoise" (Die Chinesin), vor "Week-End" entstanden, schildert Leben und Reden in einer Kommune französischer Jung-Maoisten.
Als Anfang 1967 die Gedanken des Vorsitzenden Mao zum Studenten-Bestseller wurden, Jane Fonda und Gatte Roger Vadim ihr Windspiel auf Mao Tse-tung tauften und die ersten Kommunarden Tisch und Bett teilten, hatte Godard das Szenario entworfen; im August schon war Uraufführung.
"La Chinoise" heißt die Hauptfigur einer Fünfer-Kommune, die es von der Mao-Meditation zur revolutionären Aktivität treibt. Mit dem Mord an einem sowjetischen Kulturfunktionär namens Scholochow" der zur Verbrüderung in Paris weilt, soll dem Revisionismus ein erster Schlag versetzt werden.
Das Los zur Terror-Tat fällt auf die "Chinesin", Tochter eines Bankiers aus der französischen Provinz. Weil sie die Zimmernummer des Opfers aus dem verkehrt liegenden Hotelbuch falsch abgelesen hat" erschießt sie zunächst einen andern; gleichmütig wendet sie sich sodann dem Richtigen zu.
Nach der Tat verlassen die Cine-Maos die pop-bunte Wohnung in Paris und gehen zurück in die Provinz -- resigniert. "Ich glaubte einen großen Sprung vorwärts getan zu haben", sagt die Attentäterin" "aber es war nur der Beginn eines langen Marsches."
Godard arbeitet, wie zumeist, mit Reportage-Technik, montiert Fakten und Fiktion, Hack-Schnitte erwecken den Eindruck eines Kino interruptum, und Godards treuer Kamera-Kamerad Raoul Coutard baut seine modische Farb-Ästhetik auf das Rot der stets griffbereiten Mao-Bibel.
Reden und Rauchen sind die Haupttätigkeiten der Kommunarden, sie teilen sich mit über Kapitalismus, Revisionismus, Brecht und Vietnam, und Godard legt das Protokoll unreflektiert vor. "La Chinoise", zugleich naiv und künstlich, bietet keine Analyse, sondern bestenfalls Material dafür -- Bruchstücke einer großen Konfusion.
Godards Drang zur filmischen Polit-Aktualität läuft parallel mit einer Abkehr von früheren Vorbildern: Seinen Erstling "Außer Atem" hatte er nach dem Muster amerikanischer Gangster- und Action-Filme gedreht" und sein Held Jean-Paul Belmondo mußte die Gesten Humphrey Bogarts imitieren.
Mit dem Engagement der Amerikaner in Vietnam wandelte sich Godards Schönheits-Sinn. In den Gangster-Film "Pierrot le Fou" (1965) schnitt er schon eine Vietnam-Sequenz ein und erläuterte: "Der Krieg in Vietnam wird von Gangstern geführt, also paßt er sehr gut in einen Gangsterflim." Und jetzt dreht er seine Filme als "Kampfmittel gegen den wirtschaftlichen und ästhetischen Imperialismus des US-Kinos".
Inzwischen hat Godard auch die Verwandtschaft gewechselt. 1964 verließ ihn seine erste Frau, die Dänin Anna Karina" Hauptdarstellerin einiger seiner Filme. Im vergangenen Jahr vermählte sich Godard mit der Hauptdarstellerin der "Chinoise" -- mit Anne Wiazemsky, 20, Enkelin des gaullistischen Literaten Francois Mauriac.
Die Ex-Gattin hat inzwischen verraten, warum Godard stets eine dunkle Brille trägt: "Nicht seine Augen sind zu schwach, sondern sein Universum ist zu mächtig."

DER SPIEGEL 6/1968
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