05.02.1968

MODE / PARISKnie gerettet

Den schönsten Schrecken jagte den Pariser Modedamen diesmal kein Kleid, sondern ein Neger ein. Der baumlange Schwarze schlüpfte -- im kalkweißen Salon des Minirock-Erfinders Courrèges -- aus Jacke und Pullover, nestelte erfolgreich am Hosenschlitz und stampfte, nur noch mit einem weißen Trikotslip bekleidet, zum Vorführplateau. Dort bewegte er rhythmisch seine langen Glieder und mischte sich wohlig unter Courrèges" kurzberockte Mädchen.
Courrèges zeigte, außer heim schwarzen Mann, auch sonst mehr Nacktes. Er will, daß Damen künftig unter den Jacken von Wollkostümen keine Blusen, sondern nur noch wollene Büstenhalter tragen oder gar nur kleine Wollblümchen, vorzugswise Margeriten, die eben die Brustwarzen verdecken. "Die Oberkellner in den Restaurants, die schon vom Minirock verschreckt waren", sinniert Modeberichterin Eugenia Sheppard in der "Heraid Tribune", "was werden die sagen, wenn eine Dame jetzt beim Essen die Jacke auszieht?"
Aber so fortschrittlich sind längst nicht alle an der Seine. Viele Pariser Modeschöpfer, darunter Dior und Patou, blicken rückwärts in die dreißiger Jahre -- zu Bonnie und Kleid:
Lange, enge Jacken mit V-Ausschnitten, dazu Faltenröcke und wehende Chiffonschals,
hohe, runde Augenbrauen, dunkelrote Schmollmündchen, Apfelbäckchen und gar rötliche Nasenspitzen, die Haare gekräuselt in Wellen bis auf die Schultern und bedeckt mit Baskenmützen, Turbanen und Herrenhüten.
Aber wo der echten Bonnie die Röcke bis um die Knöchel und der Film-Bonnie bis um die Waden wedelten, stoppt der Pariser Rückwärtsgang: Die Rocksäume verhalten vier bis zehn Zentimeter überm Knie. "Dreißig Zentimeter Rocksaum", lobt der ·,Express", "haben die Pariser Haute Couture vorm Desaster gerettet."
Den Maxirock haben die Pariser Couturiers wegen mangelnder Nachfrage vorerst fallengelassen. Er hat das Pariser Straßenpflaster kaum gesehen, geisterte nur verstohlen durch die Londoner Carnaby Street, und nur die Londoner Twiggy schleppte ihn jüngst über die Champs-Elysées.
Der blinde Eifer der englischen Hofschneider, Sommerkleider zehn Zentimeter unterm Knie zu beenden, verführte südlich des Kanals nur den Altmeister Balmain. Er verlängerte seine Rocksäume noch einen Tag vor seiner Modenschau und vergaß, den alten Knick auszubügeln. Aber selbst der brave "Figaro" monierte-. " Das macht bloß alt.
Für die zweite Tageshälfte eröffnet Paris schöne Aussichten. "Der Busen". frohlockt Marc Bohan vom Haus Dior, "wird nach Einbruch der Dämmerung wieder getragen." Dazu der Londoner "Observer": "Und was tun wir mit dem Ding die übrige Zeit des Tages?" Besonders schmucklos führt ihn Yves Saint-Laurent vor, nämlich nackt und rosig unter einer hauchdünnen und weltoffenen schwarzen Chiffonbluse. Außerdem entblößt der Dior-Schüler zwischen Rock und Oberteil einen bisher weitgehend verschonten und von Schönheitschirurgen gemiedenen Körperteil: den Nabel.
Rückwärtig wagten sich die Anfängerinnen Mia Fonssagrives (24) und Vicky Thiel (23), denen Liz Taylor 600 000 Mark Startkapital gestiftet hat, am tiefsten. Unter strenger Anweisung, vor Burton stets "den Po zu wedeln", führte eins ihrer Mannequins einen schwarzen Bikini vor, in dessen hinterem Ausschnitt es franzbrötchenhaft wabbelte. Das Ehepaar Burton senkte betreten die Augen, Liz auf einen Riesendiamantring, Burton auf ein ihm ungewohntes Getränk, Selterswasser.
Pierre Cardin kann sich nur rühmen, das teuerste Kleid der Saison (300 000 Mark) beizusteuern: An einem breiten silbernen Halsring hängt langer schwarzer Crêpe, verziert durch einen ungeschliffenen Diamanten. Die Londoner "Times" beim Anblick des graugrün-schmuddeligen Mineralklümpchens: "Nur der Herr, der die Rechnung bezahlt, kann wissen, daß es ein Diamant ist."
Verschwenderisch füllte am Wochenende Monsieur Rouet, Verkaufsdirektor von Dior, in seinem Appartement am Arc de Triomphe die Kelche mit Champagner. "Ah, sie sind doch gekommen", frohlockte "Paris Match", "sie sind doch gekommen." Die amerikanischen Einkäufer hatten die schlimme Drohung, Paris wegen de Gaulles Sticheleien gegen Juden und Dollars zu boykottieren, nicht wahr gemacht.
"Business-", erläuterte der Boß "des New Yorker Warenhauses Bergdorf Goodman, "is business." Die Pariser Haute Couture kann nicht ohne die Amerikaner (40 Prozent allen Umsatzes), die US-Konfektion nicht ohne den Pariser Ideenreigen leben.
Etwaigen Widerstand der Endverbraucher (Sarah Middleman von der New Yorker Fifth Avenue·. "Unsere Kunden wollen nichts Französisches mehr kaufen") wollen die Amerikaner mit einer Tailor-List überspielen: Die Etiketten der Pariser Couturiers" die US-Konfektionäre bislang stolz und gegen teure Lizenzgebühr ins Futter von Jacken und Mänteln nähten, sollen künftig im Rockfutter verborgen werden.

DER SPIEGEL 6/1968
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