05.02.1968

PERSONALIENAlexej Kossygin, Josef Ertl, Siegfried Zoglmann, Asher Ben Natan, Walter Scheel, Judi Dench, Herman Ferdinand Arning

Alexej Kossygin, 63, Sowjet-Premier, entspannte sich während seiner Indien-Reise von den politischen Gesprächen auf einem Volkstanz-Festival in Neu-Delhi. Der Russe hatte Indiens zweitem Staatsgast, Marschall Tito, Moskaus Bedenken gegenüber der Wiederaufnahme deutsch-jugoslawischer Beziehungen vorgetragen und angedeutet, die UdSSR unterstütze Bulgariens Ansprüche auf das griechisch-jugoslawische Mazedonien. Anschließend fuhr Kossygin zum Volksfest und ließ sich von einer Tanzgruppe aus dem Pandschab einen Turban aufsetzen, ein Modell, das in Indien heute -- neben Folklore-Gruppen -- vorwiegend Kellner in besseren Restaurants tragen.
Josef Ertl, 42, Rechtsaußen der FDP-Bundestagsfraktion aus dem bayrischen Bad Wiessee, empfing vorletzten Dienstag nach seiner Wahl zum Nachfolger des Berliners William Bonn als stellvertretender Fraktions-Vorsitzender ein Telegramm: "Zum Sieg des Bayern über den Preußen: kleine Koalition rückt näher. Herzlichen Glückwunsch, Dein Willy Brandt." Überrascht fragte der Freidemokrat beim Bonner Postamt nach der Echtheit des Telegramms und erfuhr, eine Angestellte habe den Namen "Brandt" selbst eingefügt, da der Sozialdemokrat am selben Tag Glückwunschtelegramme an den neuen FDP-Fraktionsvorstand aufgegeben habe. Wirklicher Absender des Kabels an Ertl: der Bonner Korrespondent der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", Willy Zirngibl aus Nürnberg.
Siegfried Zoglmann, 53, Redakteur aus Düsseldorf, wurde am vorletzten Dienstag nach seiner Niederlage bei der Wahl der stellvertretenden FDP-Bundestagsfraktions-Vorsitzenden von einem schwäbischen Mitglied des Liberalen Studentenbundes gefragt: "Wie beurteilet Sie d' Zsammesetzong vom Bardeibräsidiom?" Zoglmann: "Ich verstehe nur Westfälisch und kann Ihnen deshalb nicht antworten." Als ein zweiter Student die Frage auf Hochdeutsch wiederholte, fertigte ihn der Freidemokrat ab: "Ich habe gerade Ihrem Kollegen meine Antwort gegeben."
Asher Ben Natan, 46, Israels Botschafter in Bonn und leidenschaftlicher Schnellfahrer, demolierte auf einer Dienstreise nach Brüssel seinen neuen Citroen DS 21. Ben Natan: "An dem Unfall war ich nicht schuld." Seinen französischen Wagen ersetzte Israels Deutschland-Botschafter durch ein "lokales Modell" (Ben Natan): einen Opel. Der Diplomat machte eine Probefahrt in einem Opel Admiral mit Achtzylinder-Diplomat-Motor: "Ich habe ihn in der Stadt und auf der Autobahn Bonn -- Köln gefahren. Ich ziehe alle Wagen sehr hoch, den hier habe ich bis 200 Stundenkilometer gefahren und dann bestellt. Ich sehe nicht ein, warum ich immer französische Modelle fahren soll." Der Israeli über seine Fahrgewohnheiten: "Ich rase gern. Meine schnellste Fahrt war Bonn -- Paris (500 Kilometer) in fünf Stunden."
Walter Scheel, 48, FDP-Chef, kurierte die Bonner Journalistin Helegine Ihlefeld, 31 (Bild), die zu einem Interview mit dem Politiker mit einer "gräßlichen Migräne" in das Bonner Restaurant "Tulpenfeld" gekommen war. Der Freidemokrat zu der leidenden Redakteurin: "Sie bestellen sich jetzt eine starke Tasse Kaffee mit Zitrone." Helegine Ihlefeld folgte dem Rat, und während sie Seheeis Hausmittel einnahm, massierte ihr der Politiker zehn Minuten lang den Nacken. Nach dem Interview war die Korrespondentin schmerzfrei.
Judi Dench, 32, britische Schauspielerin, trägt in der Rolle der Feenkönigin Titania in einer Verfilmung von Shakespeares Lustspiel "Ein Sommernachtstraum" als Kostüm lediglich Rindenstückchen auf der Brust und etwas Laub um die Hüften. Lord Birkett, der den Farbfilm für die Royal Shakespeare Company produzierte, motivierte die Kostümwahl: "Die Feen zu Shakespeares Zeit waren mehr Tiere und Bäume als Menschen. Ihnen Hemdehen anzuziehen, schien uns falsch." Aufkäufer der US-Fernsehgesellschaft CBS nahmen Anstoß an Titania: "Warum spielt sie nackt?" Lord Birkett korrigierte: "Sie ist nicht nackt, sie ist grün angemalt." Die Amerikaner waren damit zufrieden: "Gut, dann ist alles in Ordnung. Wir kaufen den Film."
Herman Ferdinand Arning, 56, Axel Springers Chefjurist und stellvertretender Vorsitzender der Hamburger Freidemokraten, unterzeichnete während des FDP-Parteitags in der Bar des Freiburger Hotels "Colombi" eine Resolution des Liberalen Studentenbundes (LSD) gegen die Pressekonzentration. LSD-Schatzmeister Reinhard Roericht traf nach Mitternacht auf den im Oktober 1967 von seiner Stellung als Springer-Chef der Abteilung elektronische Publikationsmittel abgelösten Arning und bat um dessen Unterschrift. Der Hamburger Rechtsanwalt las die Resolution durch, die eine -- notfalls zwangsweise -- Beschränkung des Marktanteils jedes Presseunternehmens auf höchstens 20 Prozent (Springers Marktanteil an Tageszeitungen: 40 Prozent) fordert, und unterzeichnete, fügte jedoch handschriftlich an: "obwohl ich gegen einzelne Punkte erhebliche Bedenken habe". Der LSD-Antrag wurde jedoch nicht ins Tagungsprogramm aufgenommen: Die Studenten fanden nur etwa 30 Unterzeichner, erforderlich waren 50.

DER SPIEGEL 6/1968
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