12.02.1968

UNTERNEHMEN / GIRMES AGSamt ohne Sorge

Alle redeten von der Talsohle, Erich Selbach, 62, nicht. "Auf vier gesunden Beinen", so Vorstandschef Selbach, erkletterten die Girmes-Werke AG in Oedt bei Krefeld im Krisenjahr 1967 einen Erfolgsgipfel.
Das rheinische Unternehmen, drittgrößte Weberei der Bundesrepublik, stach von der Branche ab wie Samt von Sackleinen. Acht Prozent Umsatz hatte die Industrie am Jahresende eingebüßt, Girmes hatte neun Prozent gewonnen. Große Textilfirmen mußten schon im letzten Jahr ihre ohnehin kargen Dividenden drastisch kürzen oder ganz ausfallen lassen, Girmes zahlte wieder den Gala-Satz von 18 Prozent und legte sogar noch ein Prozent als Bonus zu. Selbach über die Glanzleistung: "Wie das kommt, haben wir uns auch schon häufig gefragt."
Gar so rätselhaft war es nicht. Das 1879 gegründete Unternehmen, dessen Verwaltung in einem winkligen Gebäude aus dem Jahr 1896 über 212 Millionen Mark Umsatz gebietet, ist Europas größter Hersteller von Samt, Möbel-Velours und Teppichböden. Dazu beherrscht Girmes einen derzeit besonders heißen Markt: Neun von zehn der modischen Webpelze sind aus Girmes-Material geschneidert.
Erich Selbach, der seit 30 Jahren im Vorstand sitzt, ist immer auf der Suche nach Produkten, "die nicht die Großväter schon machten". Lange vor der Konkurrenz begann er Teppiche und Möbelstoffe aus modernen Synthetics herzustellen. Als Konfektionäre noch umständlich Futter in Popelinemäntel nähten, wurden die Gewebe bei Girmes schon luftdurchlässig ("atmungsaktiv") verklebt.
Selbach kann in Oedt frei schalten, denn er ist mit der Firma verheiratet. Ihm und der Familie seiner Frau Ursula, geborenen von Beckerath, gehört ein Aktienpaket, andere sind im Besitz der Commerzbank und der Düsseldorfer Trinkaus-Bank; etwas weniger als die Hälfte des Grundkapitals von 21 Millionen Mark ist unter 1700 freien Aktionären verstreut. Der Industrielle freut sich: "Keiner hat eine Sperrminorität von 25 Prozent."
Der Chef glaubt an das Leistungsprinzip. Jede Abteilung muß sich strikter Erfolgskontrolle unterwerfen, die Gehälter der meisten Spitzenmanager richten sich nach dem Geschäftsergebnis. "Die Leute sind", so Selbach, "mit ihrem eigenen Portemonnaie beteiligt."
Sogar untereinander machen sich die drei Konzernfirmen Johs. Girmes & Co. AG, Grefrath Velour AG und Niedieck AG Konkurrenz.
Einmal in jedem Jahr fliegt der Boß mit zwölf Verkaufsexperten in die USA und sucht in Warenhäusern nach Neuheiten. Denn "vieles von dem, was man da zu sehen bekommt, kommt vier Jahre später zu uns". Girmes wurde nicht zuletzt deshalb größter Nutznießer der Wehpelz-Mode, weil die Firma das Material als erste statt in herkömmlichen Tierfell-Mustern in Lila und Giftgrün einfärbte.
In der Krise hatte Erich Selbach andere Sorgen als die Konkurrenz. Er hat seine "Last, aus der Fabrik herauszuholen, was der Verkauf verlangt".
Die Girmes-Aktien notieren an der Düsseldorfer Börse mit über 600 Punkten und sind damit teurer als Aktien der Deutschen Bank.

DER SPIEGEL 7/1968
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