26.02.1968

GUATEMALA / TERRORWeiße Hand

"Schafft zwei, drei, viele Vietnam", hatte Lateinamerikas Revolutions-Idol "Che" Guevara sechs Monate vor seinem Tod im vorigen Oktober gepredigt. Die Vereinigten Staaten selbst folgen der Aufforderung des US-Feindes Guevara -- in Guatemala.
In der mittelamerikanischen Republik tobt ein "Bürgerkrieg ohne Schützengräben" (Vizepräsident Clemente Marroquín Rojas). In 18 Monaten starben fast 2000 Menschen unter den Kugeln, Messern und Gewehrkolben von Terroristen.
Im Januar gab es allein an drei Tagen acht Terror-Tote -- und erstmals fielen auch Amerikaner in diesem Bürgerkrieg vor Amerikas Haustür: der Leiter der US-Militärmission in Guatemala, Oberst John D. Webber, 47, und der Marine-Attaché, Korvettenkapitän Ernest Munro, 40. Auf der Avenida de las Américas in Guatemala City hatten Guerrilleros mit Maschinenpistolen aus einem fahrenden Chevrolet auf die Ford-Limousine der Amerikaner geschossen.
Webber und Munro sind Opfer einer Politik der USA, die vorgibt, den Kommunismus zu bekämpfen, tatsächlich aber im Bunde mit der herrschenden Schicht das Land ausbeutet und die vorhandenen politischen und sozialen Spannungen noch verschärft.
In Guatemala sichern US-Geld und US-Gewehre die feudalistische Gesellschaftsstruktur. Noch immer gehören 72 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche (vorwiegend Kaffee-, Baumwoll- und Bananenplantagen) knapp zwei Prozent der Grundbesitzer.
Noch immer besitzt die nordamerikanische United Fruit Company zehn Prozent des Plantagenbodens in Guatemala, eines Staates von der Größe der DDR (mit 4,4 Millionen Einwohnern). Die US-Firma erwirtschaftete jährlich Gewinne bis zu 70 Prozent.
Auch Guatemalas klapprige Eisenbahnen, die "International Railways of Central America", gehörten der United Fruit, bis sich der Konzern nach dem US-Anti-Trust-Gesetz von ihnen trennen mußte -- zugunsten der New Yorker Investoren Abraham Weber und Louis Yeager. Die Bahn dampft weiter für die USA -- steuerfrei.
476 Millionen Mark Steuern nimmt Guatemala pro Jahr ein. Aber nur 28 Millionen stammen aus der Einkommensteuer. Den größten Anteil holt sich der Staat aus den Verbrauchssteuern, von denen vor allem die Armen betroffen werden.
Und drei Viertel der Bevölkerung sind arm: Sie verdienen durchschnittlich 80 Pfennig am Tag. Indianer und Mestizen stellen 85 Prozent des Volkes. Nur 17 Prozent der Guatemalteken können schreiben und lesen. Im Departement El Quiche betreut ein Arzt 120 000 Einwohner. Die Menschen werden durchschnittlich kaum 40 Jahre alt.
Nachdem Reform-Präsident Jacobo Arbenz Guzmán 1952 begann, brachliegenden Grundbesitz -- auch der United Fruit -- zu enteignen, ernannte der damalige US-Außenminister Dulles ihn zum Kommunisten.
Dulles hatte in den dreißiger Jahren als Partner des New Yorker Anwaltsbüros Sullivan & Cromwell die Verträge zwischen United Fruit und Guatemala mit ausgearbeitet. 1954 ließ sein Bruder Allen Dulles, damals Chef des Geheimdienstes CIA, den in den USA ausgebildeten Oberst Castillo Armas mit einer Söldnertruppe von Honduras nach Guatemala einmarschieren. Arbenz wurde zum Rücktritt gezwungen.
Den Großgrundbesitzern wurden die bereits enteigneten 6069 Quadratkilometer Land zurückgegeben. Seit dem Arbenz-Sturz verhinderten sieben Präsidenten, darunter vier Militärdiktatoren, jede Reform in Guatemala. Das Land machte seither "buchstäblich keine politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Fortschritte mehr" ("Washington Post").
Progressive Offiziere, die im November 1961 gegen die reaktionäre Diktatur putschen wollten, wurden in die Berge vertrieben. Dort gründeten Marco Antonio Yon Sosa und Luis Turcios Lima die Guerillatruppe "MR-13".
Seither kämpfen etwa 200 Guerrilleros -- verstärkt durch studentische Wochenend-Partisanen -- gegen die Feudalherren. Sie überfielen Armeestreifen, kidnappten reiche Geschäftsleute, erschossen Großgrundbesitzer und drängten, in fünfjährigem Kampf, die 5000-Mann-Armee des Landes in die Defensive.
Um den seit Juli 1966 amtierenden Präsidenten Julio César Méndez Montenegro zu halten, schickten die Amerikaner Waffen, Geld und ihren Militär-Missionschef Webber. Der zähe Karriere-Offizier, im Sommer 1966 in die Kaffee-Republik entsandt, eskalierte den Bürgerkrieg: In den USA, in der Panama-Kanalzone und auf der Hazienda "La Cajeta" im guatemaltekischen Zacapa ließ er Guatemalas zahlreiche Offiziere (ein Oberst kommt auf 30 Mann) von amerikanischen Special Forces für den Nahkampf drillen.
In Panama stiegen, wie Vizepräsident Marroquin Rojas berichtete, US-Bomber auf, die Partisanen-Schlupfwinkel in Guatemalas Bergen mit Napalm bombardierten.
Die schärfste Waffe gegen die linken Freischärler aber ist der Terror der sogenannten Zivil-Milizen.
Seit Ende 1966 bildeten sich mindestens fünf dieser Organisationen. Die berüchtigste nennt sich "Weiße Hand". Von reaktionären Rechten finanziert, von der Armee rekrutiert und geführt, jagen sie nicht nur Guerrilleros.
Auf den Todeslisten der Rechts-Terroristen stehen -- neben den im Exil lebenden Expräsidenten Arévalo und Arbenz -- auch Abgeordnete, Advokaten, Journalisten und alle vermeintlichen Linken.
So kidnappten am 8. Januar vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Zivilisten die Sekretärin Rogelia Cruz Martinez, 26. Das hübsche Mädchen -- vor neun Jahren "Miß Guatemala" -- war früher mehrfach wegen ihrer Guerilla-Kontakte verhaftet worden. Drei Tage nach ihrer Entführung fand ein Bauer 80 Kilometer außerhalb Guatemala City ihre unbekleidete Leiche mit eingeschlagenem Schädel.
Mindestens zwei Abgeordnete der Regierungspartei wurden bereits aus politischen Gründen ermordet. Die "Weiße Hand": "Für das Volk ist es besser, den Witwen der Abgeordneten eine Pension zu zahlen, als die Verräter an ihrem Platz zu lassen."
"So ist dieses Land nun einmal", sagte US-Oberst John Webber, der Vater der guatemaltekischen Eskalation, kurz bevor er von den Guerrilleros erschossen wurde.

DER SPIEGEL 9/1968
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