06.03.2006

FILMErdenschwer und himmeltraurig

Die amerikanische Kino-Überraschung der Saison: zwei schwule Cowboys auf dem „Brokeback Mountain“.
Es beginnt ohne Umwege mit einem ersten Blickwechsel: Zwei eher schmächtige junge Burschen, die im weißen Morgenlicht vor einer Baracke stehen, wartend, der eine an seinen zerschrammten Pick-up gelehnt, der andere an die Wand, und einander misstrauisch beäugen - zwei hungrige Ranch-Arbeiter im ländlich-rückständigen Wyoming des Jahres 1963, vielleicht Konkurrenten um einen Job, der da zu kriegen sein soll.
Es zeigt sich dann: Beide kriegen den Job. Sie sollen den Sommer lang gemeinsam eine Schafherde von tausend oder zweitausend Stück über die baumlosen Höhen des Brokeback Mountain treiben und nachts vor den streunenden Kojoten beschützen. Die ersten Wochen dort oben umkreisen oder belauern Ennis und Jack, die beiden einsamen Hirten, die ihre Hüte nicht einmal zum Schlafen abnehmen, einander verkniffen, störrisch und wortkarg. Wer traut wem?
Schwer zu sagen, was genau sie dann eines Nachts so plötzlich und heftig unter der Zeltplane zusammentreibt und in gewalttätiger Umarmung übereinander herfallen lässt. Das erlöschende Feuer, der Whiskey, der eisige Wind und die Einsamkeit haben Sperren gelockert, und dann überwältigt sie rauschhaft eine Macht, von der sie selbst keine Vorstellung und für die sie erst recht kein Wort haben. Die Realität, der Ennis und Jack ihre wilde, verrückte Sommerverliebtheit auf dem Brokeback Mountain entgegensetzen, ist der Himmel selbst, davor die drohende, dunkle Masse des Berges, die pfeifenden Eiswinde, die plötzlichen Unwetter, die auf sie herabstürzen.
Der Film "Brokeback Mountain" von Ang Lee, der in bewundernder und geradezu buchstäblicher Treue einer Erzählung von Annie Proulx folgt*, zeigt eine ganz unerwartete und bewegende Großartigkeit in der Art, wie seine Bilder das Ungebändigte, Elementare dieser Leidenschaft und dieser Natur zusammenbringen. Er feiert das eine im andern.
Dass das gelingt, ist natürlich auch die Leistung der beiden "Stars" Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, die mit der eckigen Anmut junger Stiere aufeinander losgehen, des Kameramanns Rodrigo Prieto, der die riesigen Himmel leuchten lässt, und des Komponisten Gustavo Santaolalla, dessen Country-Musik mit einem zarten, elegischen Pathos die Spannung hält.
Die erdenschwere Realität der Wyoming-Gesellschaft, mit ihren Normen und Zwängen, fordert erst vier Jahre später ihr Recht, als Ennis und Jack einander zum ersten Mal wieder begegnen: Beide, wie das Leben so spielt, sind inzwischen verheiratete junge Familienväter, und sie begreifen
eigentlich erst in diesem Wiedersehensaugenblick, wie vom schrecklichen Blitz der aufschießenden Lust erleuchtet, was der Bergsommer damals, als sie noch keine 20 waren, für sie bedeutet hat und dass es unwiederbringlich verloren ist.
Was man nicht ändern kann, muss man nehmen, wie es kommt, sagt Ennis, und fortan treffen die beiden sich als treue Ehebrecher alle paar Monate, um sich auf einem Angel- oder Jagdausflug in der Bergeinsamkeit für ein paar Tage im Abglanz des einstigen Glücks zu sonnen.
Mag sein, sie ahnen, dass ihre heimlichen Vereinigungen ihnen überlebensnotwendiger sind als die Befriedigung, die sie bei ihren Frauen finden oder eben nicht finden. Doch weil sie Armeleutekinder ohne Schulabschluss sind und nichts zustande gebracht haben, worauf sie stolz sein könnten, ist ihr Selbsthass größer als ihr Mut: Anders oder gar woanders leben könnten sie nie. Sie erfahren, dass so viel Glück zugleich so viel Unglück sein kann, und also ein Fluch. Das Bild eines gelynchten Schwulen, dessen grausig verstümmelte Leiche man ihm als Jungen gezeigt hat, sitzt Ennis tief in der Erinnerung eingebrannt und findet zuletzt eine grausige Wiederkehr.
Ang Lee, 51, der als junger Student aus Taiwan in die USA gekommen und dort geblieben ist, zeigt sich in seinen Filmen verblüffend wandlungsfähig: mal europäisch-literarisch ("Sinn und Sinnlichkeit"), mal ganz und gar amerikanisch ("Der Eissturm"), mal märchenhaft chinesisch ("Tiger & Dragon"). Wie das? Und wo ist er - bei der Arbeit, wie man hört, auf seine asiatische Art stets leise, freundlich und unbeirrbar - er selbst? Die Voraussetzung solcher Beweglichkeit mag der delikateste Kunstverstand sein, ihr Geheimnis aber ist die Kraft, ganz bei sich zu bleiben und doch geradezu symbiotisch in einer Geschichte und ihren Bedürfnissen aufzugehen.
Die Schauspielerin Emma Thompson erzählt in ihrem Tagebuch, wie Ang Lee am ersten Drehort zu "Sinn und Sinnlichkeit" das Team um einen improvisierten Altar mit Orangen und Blumen und Räucherstäbchen versammelt, damit sich alle zusammen in einem buddhistischen Ritual unter vielen Verbeugungen Glück für die Arbeit wünschen.
So ist er, und man kann sich vorstellen, dass er auch auf dem Brokeback Mountain mit Felljacke und Cowboyhut im Kreis seiner Hirten und Schafe Räucherstäbchen entzündet hat, um günstige Winde und Wetter zu beschwören. "Brokeback Mountain" ist ja nicht nur eine verwegene Sommerliebesgeschichte, sondern erzählt über zwei Jahrzehnte hin von zwei Männern und ihren Frauen und ihren Kindern und ihrem Unglücklichsein, so schmerzhaft und schön wie nur irgendein himmeltrauriger Lebensroman. URS JENNY
* Annie Proulx: "Brokeback Mountain". Deutsch von Oskar Halbsattel. Diana Verlag, München; 368 Seiten; 7,95 Euro.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 10/2006
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