13.05.1959

TODESFALLBeileid auf Befehl

Dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Vier-Stern-General Adolf Heusinger, hat in den vergangenen Wochen ausgeechnet jene westdeutsche Garnisonsstadt Kummer bereitet, der er sich speziell verbunden fühlt; seine niedersächsische Heimatstadt Holzminden, deren Bürgermeister Bruno Brandes erst kürzlich noch - bei einem Heusinger-Besuch - prophezeite, daß der General "in den Geschichtsbüchern dieser Zeit gewürdigt werden wird".
Der Generalinspekteur mußte von seiner hohen Warte aus eingreifen, um das bei einem Besuch betonte "ausgezeichnete Verhältnis zwischen Truppe und Bürgerschaft" in Holzminden wenigstens in den äußeren Formen wiederherzustellen. Die Holzmindener Bürger hatten nämlich bei den Offizieren ihrer Garnison einen Niedergang
von militärischer Sitte und Anstand konstatieren müssen, der weite Kreise des an sich traditionell militärfreundlichen Städtchens zu einer demonstrativen Ablehnung der Uniformträger veranlaßte.
Die Holzmindener Bundeswehroffiziere ignorierten zum Verdruß der Bürger einen Trauerfall, der die kleine Stadt an der Weser außergewöhnlich bewegte und bei dem eine Anteilnahme des Militärs besonders naheliegend gewesen wäre. Zwei junge Soldaten des in Holzminden stationierten Pionier-Bataillons 7 waren es nämlich, die Ende Februar den Kaufmann Robert Poock mit einer Holzkeule niederschlugen und beraubten. Poock starb an den Folgen des Überfalls.
Die zivilen Staatsbürger Holzmindens erwarteten nach diesem Vorfall, daß das Bataillon in der Öffentlichkeit sein Mitgefühl bekunden und sich der Ortstrauer - Poock war ein angesehener Bürger der Stadt - anschließen würde. In ihrem Vertrauen auf den menschlichen Takt und die Beherzigung gesellschaftlicher Mindestformen durch die Bataillonsführung sahen sich die Holzmindener jedoch getäuscht.
Als durch das Städtchen die Kunde eilte, daß der Überfallene im Sterben, liege, schickte sich vielmehr eine Kompanie des Pionier-Bataillons 7 unbekümmert an, im benachbarten Stadtoldendorf ein Fest zu feiern, das auch der Kommandeur, Oberstleutnant Rudolf Witzig - 1940 Bezwinger des belgischen Forts Eben Emael (Lüttich) mit seiner Anwesenheit beehrte.
Die Tatsache, daß von der "herzlich eingeladenen Damenwelt" Stadtoldendorfs und Holzmindens insgesamt nur 13 Mädchen erschienen, hätte nun zwar den uniformierten Staatsbürgern Aufschluß über die Volksmeinung geben können, doch rollte die militärische Lustbarkeit planmäßig ab. Als der Morgen graute, kehrten die Pioniere gerade rechtzeitig nach Holzminden heim, um die Kunde entgegenzunehmen, daß der Kaufmann Robert Poock seinen Verletzungen inzwischen erlegen sei.
Aber auch jetzt war für die Offiziere des Bataillons die Stunde einer von der Bevölkerung sehr erwarteten Erklärung noch nicht gekommen. Dem Bruder des Getöteten erschien schließlich, der Verzicht des Bataillonskommandeurs und Standortältesten auf eine Beileidsbekundung geradezu als peinlich. Bruder Wilhelm Poock erinnerte sich des nach lokaler Auffassung neben Wilhelm Raabe - der hier allerdings lediglich einige Kindheitsjahre verbrachte - bedeutendsten Sohnes der Stadt, des Generals Heusinger, der zusammen mit dem Getöteten die Schulbank gedrückt hatte.
Der benachrichtigte Generalinspekteur rief denn auch beim stellvertretenden Kommandeur des Bataillons in Holzminden, dem Major Bahr, an - Oberstleutnant Witzig war im Urlaub - und erbat Bericht darüber, "was für Geschichten denn da gemacht worden sind". Heusinger vertrat den Standpunkt, daß "selbstverständlich eine Militärabordnung am Begräbnis teilnehmen muß".
Die Regung des Generals war ebenso menschlich wie ihre Verwirklichung kompliziert, weil nämlich militärische Reglements Anstandspflichten gegenüber Zivilisten weder eigens fordern noch erläutern. Das einzige Dokument, an das sich zuständige Befehlsgewaltige bei Vorfällen wie in Holzminden halten können, ist eine Verfügung des Bundesverteidigungsministeriums vom 20. Februar 1958 (Fü B I/3 Az. 13) über "Besondere Vorkommnisse", die regelt, wie schnell und in welcher Form zum Beispiel Sittlichkeitsdelikte oder Raubmorde, die Soldaten verübt haben, an höchste Stellen zu melden sind.
Diese vorgeschriebenen Meldungen waren denn auch von Holzminden peinlich korrekt abgegeben worden. Wie allerdings den - jenseits der Reglementierungs-Möglichkeiten liegenden - menschlichen Anstandspflichten in diesem Falle zu genügen sein würde, war auch dem alarmierten General nicht auf Anhieb klar. Heusinger zog die Generalleutnante Hans Röttiger, Inspekteur des Heeres, und Hans Joachim von Horn, Befehlshaber des Kommandos der Territorialverteidigung, in die Beratungen über das angemessene Benehmen der Holzmindener Offiziere mit ein.
Gegenstand der Besprechungen auf höchster Ebene war insonderheit eine Frage, die sich eigentlich ohne Generalshilfe hätte lösen lassen müssen: Ob nämlich die Abordnung der Bundeswehr beim Begräbnis des Kaufmanns Robert Poock in Uniform oder Zivil antreten sollte.
Unter den beteiligten Offizieren, insbesondere denen Holzmindens, hatte sich inzwischen die fatale Meinung eingewurzelt, eine öffentlich bekundete Teilnahme an dem Fall käme schlechthin einem Schuldbekenntnis der neuen Streitkräfte gleich.
Entsprechend dieser Vorstellung kam es an Stelle einer psychologisch dringend notwendigen Erklärung des Holzmindener Bataillonskommandeurs und Standortältesten an die Bevölkerung lediglich zu einer vom Wehrbereichskommando II in die Ortspresse lancierten Fünfzehn-Zeilen -Meldung, die geeignet schien, die Bürger nur noch mehr in Harnisch zu bringen.
Lakonisch und ohne Namen zu nennen, wurde "zu dem Überfall an dem Kohlenhändler" unter anderem mitgeteilt, was in Holzminden eigentlich niemand wissen wollte: "Den Soldaten, die der Mittäterschaft verdächtig sind, wurde die Ausübung des Dienstes und das Tragen der Uniform vorläufig verboten."
Die Meldung erschien an dem Tag, an dem der erschlagene Robert Poock zu Grabe getragen wurde. Ähnlichen Charakter wie die Zeitungsnotiz trug schließlich der Befehl, der nach Beratungen in Bonn über den Chef des Stabes im Wehrbereich II, Oberst i.G. Herzog, an das Holzmindener Bataillon erging. Betreffs des Begräbnisses des Kohlenhändlers wurde streng angeordnet, es habe "eine Abordnung von 1 Offizier, 1 Feldwebel und 1 Mannschaftsdienstgrad in Zivil teilzunehmen und einen Kranz mit Schleife ohne besondere Beschriftung niederzulegen".
Dieser Befehl wurde so wörtlich und diskret ausgeführt, daß kaum ein Holzmindener von der militärischen Beteiligung am Begräbnis etwas bemerkte. Der Einfachheit halber führte die Abordnung der Hauptmann Blesken, der bei der Familie Poock einige Zeit als Untermieter wohnte und deshalb wahrscheinlich auch ohne dienstlichen Befehl am Begräbnis teilgenommen hätte.
Die vorgesetzten Stellen des Bataillons, gemäß höchster Weisung auf gutes Einvernehmen mit der Bevölkerung der Garnisonsorte bedacht, sahen nun allerdings ein, daß diese militärische Geste auf keinen Fall genügen könne. Deshalb wurde von oben als Anstandspflicht befohlen,
- daß der Bataillonskommandeur einen
Tag nach der Beerdigung einen Besuch bei dem Bürgermeister der Stadt Holzminden
- und zwei Tage nach dem Begräbnis
einen Beileidsbesuch bei der Witwe abzustatten habe.
Über den "Vollzug der Besuche" mußte wiederum, ähnlich wie über ein "Besonderes Vorkommnis", Bericht gegeben werden. In erschöpfender militärischer Klarheit heißt es darüber in einem diesbezüglichen Schriftstück: "Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons, Major Bahr, führt in Abwesenheit des Bürgermeisters bei dem Stadtdirektor, Herrn Kretschmer, den befohlenen Besuch durch."
Auch der befohlene Besuch bei der Witwe wurde durchgeführt, und damit kein Stäubchen auf das Militär falle, unterstrich Major Bahr dabei, daß er "vor allem als Mensch" gekommen sei.
Allerdings hatte der Beileidsbefehl nicht beinhaltet, daß der Kondolenz-Offizier bei seinem Besuch im Trauerhaus auch dem dort ebenfalls wohnenden Bruder des Toten die Hand drücken müsse - der Major Bahr unterließ das demgemäß.
Noch einmal mußte daher die Bonner Generalität eingreifen, um den Holzmindener Offizieren den rechten Weg zu den normalen mitmenschlichen Beziehungen zu weisen. Generalleutnant Röttiger erteilte dem Bataillonskommandeur den Befehl, dem verbitterten Wilhelm Poock einen Röttiger-Brief zu überbringen und dabei formgerecht die Anteilnahme des Inspekteurs zu bekunden.
Nach bester Soldatenart führte Bataillonskommandeur Witzig den Befehl sogleich aus und bezeugte nach Order die Verbundenheit von Bevölkerung und Truppe.
General Heusinger, Oberstleutnant Witzig: Überfallenen-Ehrung
Opfer Poock und Frau
Diskrete Teilnahme

DER SPIEGEL 20/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TODESFALL:
Beileid auf Befehl

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Johnson droht Parlament: "Dann muss es Neuwahlen geben"
  • Dänemark: Leuchtturm wird verschoben
  • "Mr Europa" Jean-Claude Juncker: Backpfeifen und Tanzeinlagen