08.01.1964

Datum: 6.1.1964 Betr.: Telemann

Datum: 6.1.1964
Betr.: Telemann
Mehr als fünf Jahre lang ist die Fernseh-Kolumne "Telemann" regelmässig im SPIEGEL erschienen. Das hektisch um sich greifende Medium TV sollte in einem "News Column" verfolgt werden. Der Kolumnist - so kündigte der SPIEGEL-Herausgeber den Lesern an - "schlendert durch die Studios und spricht mit dem Fernseh-Volk".
Vom Autor eines Columns werden Prägnanz des Stils und Fähigkeit zur Kontinuität verlangt. Der SPIEGEL fand diesen Autor in Martin Morlock - einem Mediziner.
Allerdings, dem Arztberuf hatte er entsagt - aus Unbehagen am Gefüge einer Gesellschaft, die Doktoren, Pastoren und Majoren Sozialkredit blanko einräumt. Zu seinem Beruf hatte er das satirische Feuilleton und das Kabarett gemacht; er schrieb Fernsehkritiken für die "Süddeutsche Zeitung", Texte für das "Kom(m)ödchen" und als "Azillus" Zeitkritik in Knittelversen für die Münchner "Abendzeitung".
In mehr als 200 "Telemann"-Kolumnen hat Morlock dem "Fernseh-Volk" und dessen Publikum nicht nur Erlauschtes aus Studio-Gesprächen vor Augen gehalten,
sondern auch die Zweifel eines Individualisten, der nicht widerstandslos zusah, wie das Fernsehen unter dem plakativen Begriff "Massenmedium" Inbegriff der Gesellschaft zu werden drohte. Ein Riese an literarischer Bildung und an Gestalt (1,96), sieht sich Morlock gefährdet wie ein Dinosaurier des letzten Stammes, wenn Howland und Maegerlein gemeinsamer Nenner menschlichen Zusammenlebens sind. Sein Instinkt für die natürlichen Feinde der Individualität machte ihn am Fernsehschirm wachsam. Was sich in den kunstvollen Facetten der Artikel des Arztes Morlock spiegelte, war meistens nicht nur ein abendliches Fernsehprogramm, sondern auch der labile Zustand einer Gesellschaft, die den Kritiker als Arzt braucht. Wie schmerzhaft Morlocks satirisch zugespitzte Gedankensplitter unter die Haut gehen konnten, hat vielleicht am deutlichsten von allen Heinz Maegerlein erfahren. Mit dem aufgegriffenen Zitat aus Maegerleins eigenen Begleitworten zum fernsehbaren Tun ("Ich greife jetzt in diesen Kasten") ist dessen
törichte Gesprächigkeit unübertrefflich karikiert. Und seit Maegerlein ausbrach in die Sport-Apotheose "Nur wer glühen kann, lebt", hängt ihm bis an das Ende seiner Fernsehtage Morlocks Maegerlein-Apotheose an: "Da steht er dann, vom Sardellenscheitel bis zur Turnvatersohle eine einzige Absage an die Mächte der Finsternis, und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht und glüht."
Ein Morlock ist in der "Zeitmaschine" von Wells eine lichtempfindliche Kreatur, die unter der Erde für besonnte Ästheten ("Elois") schuftet, nachts aber an die Oberfläche kommt, um Elois zu fressen. Was es heissen konnte, wenn der SPIEGEL-Morlock zuschnappte, haben im "Fernseh-Volk" erfahren müssen Wallenreiter und Dr. Grzimek, Münster und Peter von Zahn, Holzamer und Irene Koss. Und nicht nur sie.
Nachdem das erste Fernseh-Jahrzehnt überstanden ist im ganzen doch mit weniger Schaden an Bildung und Geschmack als Skeptiker gefürchtet hatten -, überlässt der SPIEGEL das Fernsehen der Kulturredaktion. Die Rubrik "Fernsehen" wird im SPIEGEL ebenso vertreten sein wie "Presse" und "Film". Eines News Columns wird das Fernsehen zukünftig ebensowenig bedürfen wie diese Medien der Publizität. Morlocks Kolumnen greifen über das Fernsehen hinaus, ihr Stoff ist die ganze Gesellschaft, ihr Platz die "Personalien"-Seite.

DER SPIEGEL 1/1964
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