15.01.1964

BOOTEDrunter und drüber

Das Vehikel sieht aus wie ein überdimensionaler Saugbohnerbesen ohne Stiel. Mit einer Geschwindigkeit von rund 50 Stundenkilometern fegt es über Land und See. Vier Personen können darin sitzen. Und sie genießen, wie die Erbauer des Gefährts verkünden, "die pfiffigste Art, sich im Zeitalter der Raumfahrt fortzubewegen": auf einem Kissen aus Luft.
Als "erstes Luftkissenfahrzeug für den Durchschnittsbürger" propagierte die Herstellerfirma die über fünf Meter lange, drei Meter breite Sperrholzapparatur, die unter Aufbietung aller Motorenkräfte (39 PS) knapp 25 Zentimeter über dem Untergrund schweben kann.
Das unter dem Namen "Hoverbout"* zum Kauft reis von 17 000 Mark präsentierte Gefährt ("Wir haben an die Familie gedacht, viele Familien können sich so was leisten") war die meistbestaunte Attraktion auf der diesjährigen Internationalen Bootsausstellung ("Größte Bootsschau der Welt") in London, die vergangene Woche zu Ende ging.
Insgesamt 562 schwimmende Fahrzeuge und das eine, das schwebt, hatten die Bootsbauer auf dem Londoner Messegelände Earls Court zur Schau gestellt: vom handgefertigten Steinzeitboot (250 Mark) bis zur dieselgetriebenen 300 000 -Mark-Motorjacht (Länge über alles: 17,6 Meter).
"Ob Schlamm, Sand, Wasser, Schnee, Eis, Moor oder Watt", so versichern die Erbauer des Hoverbout, die Zwillingsbrüder Bob und Wally Clark, für den Umherschweber "ist eins wie das andere".
Derartige Zwittergefährte machten zum erstenmal im Sommer 1959 von sich reden, als das von der englischen Flugzeugfirma Saunders Roe erbaute Hovercraft SRN 1 ("Fliegende Untertasse") den Ärmelkanal überquerte (SPIEGEL 32/1959). Der britische Bootskonstrukteur Christopher Cockerell hatte das neuartige Luftkissenprinzip schon einige Jahre zuvor ersonnen und mit dem Staubsauger seiner Frau und einem Ventilator erprobt.
Umgekehrt wie beim Staubsauger, wird von einem Propeller ein kräftiger Luftstrom aus dem Boden des Gefährts herausgepreßt. Die durch Düsen ausströmende Luft bildet ein Druckluftpolster, auf dem das Fahrzeug - scheinbar schwerelos - einige Zentimeter über dem Untergrund schwebt: halb Schiff, halb Flugzeug.
Bis heute haben sich Großschweber mit 100 Tonnen Gewicht und Platz für 300 Passagiere, wie die Konstrukteure sie damals erträumt hatten, allerdings noch nicht verwirklichen lassen. So wechselte der einstige Saunders-Roe -Aerodynamiker Frederick Cross kurzerhand den Arbeitgeber und beschränkte die Dimensionen seiner Träume: Er entwarf für die Sportbootswerft der Zwillinge Clark "das bisher einzige Sportboot mit Luftkissen, das in der Welt auf den Markt gebracht wurde" - den Wochenend-Schweber Hoverbout.
Aber der Luftkissen-Markt belebt sich schon. Auf der Londoner Großschau kleiner Schiffe bot noch eine andere englische Firma, die Union Dynamics Limited, luftgepolsterte Wasser-Vehikel feil. Freilich: Die als "sportliche Version des großen Hovercraft" angekündigten "Dynacraft"-Boote (11 000 Mark) entpuppten sich als Pseudo-Schweber.
Ein schwächlicher Hilfspuster, von einem 9-PS-Zweitaktmotor betrieben, hebt nur den Bug des dreisitzigen Sonntags-Renners einige Zentimeter über die Wasserfläche und läßt das Boot sanfter als andere Schiffe seiner Größe über die Wellen gleiten. Das Heck mit der Schraube des Außenbordmotors bleibt - wie bei jedem Motorboot - im Wasser.
Zweite ungewöhnliche Ausstellungs -Attraktion in London war ein neuartiger Bootstyp: das Ein-Mann-Vergnügungs-U-Boot.
Auf der Berliner Wassersportausstellung im März 1963 war ein derartiges Tauchgefährt erstmals gezeigt worden. Aber das "Jedermann-U-Boot" des Erfinders Hanns Trippel (geplante Tauchtiefe: 30 Meter; Preis: 5700 Mark) sank schließlich unter der Last zweier Behelfsgewichte nur einen halben Meter unter die Wasseroberfläche ("Bild am Sonntag": "Gluck, gluck - weg war er ..."). Taucher Trippel verkündete, 500 Boote seien schon bestellt und die Serienproduktion werde "noch in diesen Tagen" beginnen.
Aber Boot und Erfinder tauchten erst Ende Juli wieder auf - diesmal am Ammersee, wo Trippel mehrere Tauchversuche "erfolgreich" absolviert haben wollte.
Auch in London sollte Trippel tauchen. Aber sein Boot war, als die Ausstellung vorbereitet wurde, noch immer nicht betriebssicher. Kurzerhand entschlossen sich die britischen Importeure, Ersatz zu besorgen. Der in Geretsried (Oberbayern) ansässige Heinrich Graf von Hagenburg, ehemaliger Kunstflugmeister und Inhaber einer Kunststoff -Spezialfirma, wurde beauftragt, durch eine Eigen-Konstruktion die geplante Ein-Mann-Schau zu retten.
Nach einigen Probefahrten - im Ammersee - fuhr das 820 Kilogramm schwere deutsche U-Boot (per Luftfracht) gen England.
"Wie eine grüne Bohne mit aufgesetztem Türmchen" - so umschrieb es ein Londoner Journalist - präsentierte sich das Hagenburg-Boot den Schaulustigen. "Es läßt sich damit ebensoleicht fahren wie mit einem Fahrrad", behauptete der Betriebsleiter der oberbayrischen Werft, Gerhard Czardebon. Und Tag für Tag steuerte er gleichmütig vor den Augen der Zuschauer das von einem batteriegespeisten Elektromotor getriebene Boot in die Tiefe. Czardebon: "Dabei kann ich kaum schwimmen."
Mit Gleichmut quittierten freilich auch die Inselbewohner die mäßig tiefentüchtige Bohne aus Bayern, für die ein Preis von 17 000 Mark genannt wurde. Lord Jellicoe, Erster Lord der britischen Admiralität und Schutzherr der Londoner Bootsschau: "Es gibt so viele Arten, sich nasse Füße zu holen."
* Hoverbout: zusammengezogen aus (engl.) to hover = schweben und about = umher.
Luftkissenboot Hoverbout: Es gibt so viele Arten ...
... sich nasse Füße zu holen; Deutsches Ein-Mann-U-Boot

DER SPIEGEL 3/1964
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