29.01.1964

Datum: 27. 1. 1964 Betr.: Krüger

Datum: 27. 1. 1964 Betr.: Krüger
Den einstweiligen Amtsverzicht des Vertriebenenministers Hans Krüger begründete Regierungssprecher von Hase mit "zusätzlich aufgekommenen Aspekten". Dazu die "FAZ": "Die neuen Aspekte ..., die zu der Beurlaubung geführt haben, sind nach allgemeiner Ansicht in Bonn dem jüngsten Bericht der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL zu entnehmen ...
Was dem SPIEGEL zu entnehmen war - es war kein "Angriff", kein "Abschussartikel", kein Kommentar mit der Frage, wie dieser Staat einen Sonderrichter im Kabinett mit den KZ- und Einsatzgruppen-Prozessen in Einklang bringt. Es war eine geduldige und nüchterne Dokumentation in Selbstzeugnissen des betroffenen Ministers. Er fiel um so schneller und geräuschloser.
Als der Bonner SPIEGEL-Redakteur Hans-Roderich Schneider den Minister am 11. Dezember 1963 über Unterlagen befragte, wonach Krüger stellvertretender Beisitzer beim Sondergericht des Landgerichts Konitz gewesen war, bezeichnete Krüger den diesbezüglichen Dokumentenauszug als "Fälschung". In seinem Bericht für SPIEGEL 1-2/1964 schrieb daher Schneider: "... bestreitet Bundesminister Krüger: Er sei nicht während des Krieges Beisitzer des Sondergerichts gewesen ..."
Schon in der dritten Januarwoche aber suchte Schneider den Minister erneut in dessen Ministerium auf, um ihm ein unwiderlegbares Dokument für seine Zugehörigkeit zum Sondergericht Konitz vorzulegen. Krüger: "Das war mir völlig aus der Erinnerung weg."
Schneider wollte wissen, ob Krüger an Verhandlungen des Sondergerichts teilgenommen habe. Krüger: "Ich bin immer noch der Auffassung, dass ich an Verhandlungen nicht teilgenommen habe." Immerhin, Krüger konnte auch nicht positiv erklären, dass er nie ein Todesurteil mitunterzeichnet habe. Schneider bat, der Minister möge doch vollen Aufschluss über seine richterliche Tätigkeit in Konitz geben. Im Interesse Krügers, der schon von seiner ersten Darstellung habe abrücken müssen, sei es doch misslich, wenn vielleicht wenige Wochen später Todes- oder Zuchthausurteile mit Krügers Unterschrift vorgelegt würden. Hierauf Krüger: "Was soll ich denn machen, um zu verhindern, dass sich eines Tages doch herausstellt, dass ich an einem Todesurteil mitgewirkt habe?"
Schneider wandte ein: An Todesurteile, die man selbst verhängt habe, müsse man sich doch erinnern. Krüger: "Wissen Sie, ein Todesurteil, das macht ein Richter doch rein routinemassig."
Als Krüger am Tage nach der Veröffentlichung des zweiten Schneider-Berichts seine Ministertage gezählt sah, wollte er zwar auf das unausbleibliche Dementi nicht verzichten. Doch raffte er sich nicht selbst zu einer Erklärung auf, sondern "liess mitteilen". Die wiedergegebenen Äusserungen, so das Dementi, seien "in Form und Zusammenhang" falsch; inhaltlich bestritten wurde nur die Äusserung über "routinemässige Todesurteile".
Schneider aber kann die Notizen vorlegen, die er während des Gesprächs deutlich sichtbar und deutlich lesbar gemacht hat. Krüger sah, dass Schneider Aufzeichnungen machte, er wusste, dass sie im SPIEGEL veröffentlicht werden sollten. Er legte selbst die erforderlichen Gesprächspausen ein, solange Schneider in Langschrift seine Aufzeichnungen machte.

DER SPIEGEL 5/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Datum: 27. 1. 1964 Betr.: Krüger

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil