19.02.1964

DEUTSCHE ZEITUNGLetzte Ente

Mit der Goldenen Ente 1963, einem Preis für die beste Unternehmenspublizität, hat die Phoenix-Rheinrohr AG in Düsseldorf eine Trophäe von besonderer Seltenheit errungen. Es ist die letzte Ente der Stifterin "Deutsche Zeitung". Das Organ der Industrie wurde letzte Woche vom "Handelsblatt" geschluckt.
Kurz bevor die Rotationsmaschinen der "Deutschen Zeitung" (DZ) in Köln zum Druck der Freitag-Ausgabe vergangener Woche anliefen, erfuhren Chefredakteur Dr. Hans Hellwig und Verlagsdirektor Dr. Karl Goebel von ihrer Entlassung. Zugleich ging ein Stapel blauer Briefe an die 60 Redakteure und das gesamte technische Personal zur Post.
Der überrumpelte Hellwig mußte in die bereits druckfertige erste Seite die Mitteilung seines Verlegers Dr. Hans Günter Hauffe einrücken, daß "der Verlag des ,Handelsblatt' in Düsseldorf und der Verlag der 'Deutsche Zeitung mit Wirtschaftszeitung' in Stuttgart und Köln" ihre beiden Zeitungen ab 1. April als "einheitliches Organ" erscheinen lassen wollen.
Um vierzehn Uhr am Donnerstag vergangener Woche hatten DZ-Eigner Hauffe und Handelsblatt-Verleger Dr. Friedrich Vogel nach fünf Monaten zäher Geheimverhandlungen beschlossen:
- Die 1946 zunächst als Wochenblatt gegründete und später als Tageszeitung fortgeführte "Deutsche Zeitung" erscheint am 31. März zum letzten Male.
- Die Wirtschafts-Fachzeitung "Handelsblatt" (Auflage etwa 35 000) darf künftig den Untertitel "vereinigt mit Deutsche Zeitung" tragen; sie wird - nach den Plänen ihres ambitionierten Herausgebers Vogel - auf zwei zusätzlichen Seiten dann ständig auch über Tagespolitik berichten und ihren Kulturteil erweitern. Ursache für das Hinscheiden der "Deutschen Zeitung" ist die Weigerung der in einem "Förderkreis" zusammengeschlossenen Wirtschaftsmäzene, weiterhin bis zu vier und fünf Millionen Mark pro Jahr in das notorische Defizit-Unternehmen einzuschießen.
Jahrelang hatte Hauffes Duzfreund Gustav Stein, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), die Geldgeber immer wieder anzuzapfen vermocht. Er argumentierte, die DZ müsse als wirksames Industrie-Sprachrohr am Leben erhalten werden. Stets assistierte ihm Verleger Hauffe. Die "Durststrecke" sei bald überwunden.
Der Durst hatte sich geregt, als Altverleger Curt E. Schwab 1959 sein damals nur zweimal wöchentlich erscheinendes Blatt neben "Welt" und "Frankfurter Allgemeine" zur dritten großen Tageszeitung der Bundesrepublik machen wollte. Jedoch: Noch im Umstellungsjahr fiel die verkaufte Auflage von 29 286 auf 26 759 Exemplare zurück.
Drei Millionen Mark gingen verloren, die Schwab-Kompagnon Hauffe - Treuhänder einer Firmengruppe "in der gehobenen Schicht der mittleren Unternehmen" - allein aufbringen mußte. Schwab resignierte und stieg Ostern 1960 aus.
Seit jener Zeit klopfte DZ-Gönner Stein für seinen Freund Hauffe an die Direktionstüren zwischen Rhein und Ruhr. Im BDI-Präsidium deckte der Chef der Gutehoffnungshütte, Dr. Hermann Reusch, das Hilfswerk des Verbandsgeschäftsführers.
Auf einem Konto der von Hermann Josef Abs dirigierten Deutschen Bank kamen jährlich bis zu fünf Millionen Mark zusammen. Der Kreis der Finanziers, zu dem neben Reuschens Gutehoffnungshütte die Deutsche Bank, die AEG, Bayer-Leverkusen sowie Unternehmen des Kohlebergbaus und der Erdölindustrie gehörten, wurde zum bestgehüteten Geheimnis der DZ.
Chefredakteur Hellwigs Artikel waren nach dem Herzen der Unternehmer. Er
- attackierte Ludwig Erhards Kartellpolitik,
- bekämpfte Erhards Mark-Aufwertung,
- versuchte den Kanzlerkandidaten Erhard 1959 ins Amt des Bundespräsidenten wegzuloben und später, ihn weiter zu diskreditieren.
Das Blatt offenbarte sich seinen Lesern gegenüber selbst als Verfechter des "Bürgerlichen einschließlich des Kultur- und Lebensbürgerlichen".
Weil es zumeist kritiklos die Politik Konrad Adenauers propagierte, galt es als absolut regierungsfromm. Die DZ teilte nicht nur Adenauers Abneigung gegen Erhard, sondern hielt, wie der frühere Bundeskanzler, bis zuletzt Frankreich für den besseren politischen Bundesgenossen als die USA. Nachdem trotz aller DZ-Mäkelei doch Erhard ins Bonner Kanzler-Palais eingezogen war, fühlten sich die BDI-Mitglieder als Bundesgenossen der Zeitung nicht mehr wohl.
Zudem hatte Hellwigs strammer Kurs die Leserschaft kaum zu mehren vermocht. Statt der erhofften hunderttausend Abnehmer fanden sich bis Ende 1963 nur knapp 40 000 DZ-Bezieher.
Bereits 1962 bestürmten die unruhig werdenden Geldgeber ihren Mäkler Stein, die notleidende Zeitung zu kurieren. Im Februar jenes Jahres versuchten Stein und Hauffe, den Verleger des Düsseldorfer "Industriekurier", Hugo Wrietzner, zur Fusion mit der DZ zu bewegen. Sie lockten den IK-Chef mit einer Lebensrente und dem Gemeinschaftstitel "Deutsche Zeitung mit Industriekurier". Wrietzner lehnte ab.
Nicht einmal eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft kam zustande. Einzige Erwerbung der "Deutschen Zeitung": Der stellvertretende IK-Verlagsdirektor Karl Goebel wechselte zum DZ -Verlag über.
Wenig später mühten sich die sanierungsbedürftigen Kölner, künftig neben "Industriekurier" und "Handelsblatt" an der Düsseldorfer Wertpapierbörse als Börsenpflichtblatt zugelassen zu werden*. Damit hätten sie sich die Pfründe der großflächigen Bilanzanzeigen erschließen können.
Voreilig empfahl sich die DZ schon allen Werbeagenturen der Bundesrepublik in einem Rundschreiben als Düsseldorfer Pflichtblatt. Eine Einstweilige Verfügung des Handelsblatt -Verlegers Friedrich Vogel stoppte jedoch diese Kampagne. Die Genehmigung blieb aus, und die DZ mußte auf die erhofften Einnahmen verzichten.
Im Sommer vergangenen Jahres kam es im BDI-Präsidium zum offenen Aufruhr gegen Steins DZ-Finanzierung. Potente Mitglieder seines Förderkreises versagten ihm die Gefolgschaft. Gustav Stein mußte Freund Hauffe seinem Schicksal überlassen, und der DZ-Verleger suchte nach einem würdigen Abgang seines Blattes.
Vom September bis zum Donnerstag vergangener Woche handelte Hans Günter Hauffe mit Handelsblatt-Herausgeber Vogel die Einzelheiten der Begräbnis-Zeremonie aus.
Ergebnis: Der Titel "Deutsche Zeitung" wird vom "Handelsblatt" kassiert und das Häuflein der unentwegten DZ -Abonnenten zum Bezug des Düsseldorfer Blatts aufgefordert. Friedrich Vogel braucht für diese Transaktion keinen Pfennig zu bezahlen. Seine ständige Redensart war ohnehin gewesen: "Die DZ macht sowieso nicht mehr lange."
So mußte Chefredakteur Hans Hellwig noch am selben Nachmittag die von den beiden Kontrahenten taktvoll formulierte - Schreckensnachricht in sein Blatt einrücken. "Auf Grund der Erforschung der Lesermeinung", so erfuhren die DZ-Käufer am Freitagmorgen, hätten sich die beiden Verlage zum Zusammengehen entschlossen.
Hans Hellwig blieb keine Zeit mehr, die Botschaft auf der ersten Seite der Freitag-Ausgabe geschickt zu plazieren. Unmittelbar unter dem Verlegereinschub prangt eine fette Glossenüberschrift: "Der Weg in den Tod."
* Im Pflichtblatt müssen Firmen, die Wertpapiere in den Börsenhandel einführen wollen, ausführliche "Prospekt"-Anzeigen veröffentlichen.
"DZ"-Chefredakteur Hellwig
Entlassen
"Handelsblatt"-Verleger Vogel
Gestärkt
"Deutsche Zeitung", "Handelsblatt"
Verschmolzen
"DZ"-Verleger Hauffe
Verdurstet

DER SPIEGEL 8/1964
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