04.12.1967

GENERALESchwerer Schritt

"Generalleutnant Bennecke", so las Generalleutnant Bennecke am Montag letzter Woche in der Zeitung, "ist von der Bundesregierung zum Nachfolger des Oberbefehlshabers der Atlantischen Streitkräfte Europa-Mitte benannt worden."
Der General rief im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe an und fragte, ob es denn stimme, was in der "Frankfurter Allgemeinen" über ihn stehe. Amtliche Antwort: "Wir können es nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren." Von Freunden im Ministerium erfuhr der Drei-Sterne-General schließlich, daß sein Dienstherr, Bundesverteidigungsminister Gerhard Schröder, am vorletzten Freitag bei Nato-Chef Lyman Lemnitzer und den übrigen Nato-Partnern angefragt hatte, ob Bennecke als Nachfolger des im nächsten Jahr pensionsreifen Grafen Kielmansegg genehm wäre.
Generalleutnant Albert Schnez, den Schröder eigentlich als Nachfolger Kielmanseggs auf den Nato-Posten im holländischen Brunssum schicken wollte, hatte verzichtet, weil die Regierung in Den Haag ihn für einen Nazi hält (SPIEGEL 46/1967).
Bei Durchsicht der "streng vertraulichen" Personalakte Schnez hatten die Holländer eine Bewerbung des Weltkrieg-II-Obersten um Aufnahme in die Bundeswehr gefunden, worin Schnez geschrieben hatte, er könne erst dann wieder Soldat werden, wenn die Frage der "Kriegsverurteilten" auf "honorige Weise" gelöst sei. Genau das -- für die Holländer ein überzeugender Beweis dafür, daß Schnez ein Nazi sei -- hatten Kanzler Adenauer und sein Wehrplaner Theo Blank damals allen Soldaten feierlich versprochen.
Schröder hatte nicht sofort einen Ersatzmann für Schnez parat. So wurden in Offizierskasinos und unter Militärjournalisten mehrere Kandidaten genannt:
> Generalinspekteur Ulrich de Maizière, im Offizierkorps "Mieser" genannt, der bereit war, aber von Schröder nicht freigegeben wurde, weil der Minister die bequeme Zusammenarbeit mit ihm schätzt und den General als letzten Aktiven aus der Gründerzeit der "Inneren Führung" in Bonn behalten möchte;
> Luftwaffeninspekteur Johannes Steinhoff, den Schröder wegen der noch immer nicht gänzlich gelösten Starfighter-Misere braucht und bei dessen Berufung nach Brunssum, wo bereits drei Flieger in führenden Positionen sind. "die Luftwaffe ein erdrückendes Übergewicht bekommen hätte" (Kielmansegg);
> Generalleutnant Gerhard Wessel, derzeit Bonner Vertreter im Militär-Ausschuß der Nato in Brüssel und vormaliger Abwehrchef der Bundeswehr, der Nachfolger des Bundesnachrichtendienst -- Generals Gehlen werden soll und dem Verteidigungsminister wegen der engen Zusammenarbeit zwischen BND und Bundeswehr in München wichtiger ist als in Brunssum.
So blieb von der kleinen Crew deutscher Spitzenmilitärs nur Jürgen Bennecke übrig, Kommandierender General des 1. Korps in Münster -- das Urbild eines Teutonen. Mit 55 Jahren sieht der General wie ein Hauptmann aus, den jeder Regimentskommandeur ob seiner unverwüstlichen Jugendfrische gern zum Adjutanten hätte.
Die gesunde Farbe im Gesicht und der weit ausgreifende, schwere Schritt sind Überbleibsel aus den Jahren nach 1945, als der Ex-Oberstleutnant im südbadischen Markgräfler Land über die Scholle des von ihm gepachteten Bauernhofs stapfte.
1952 rückte Bennecke, der sich nach eigenem Zeugnis "immerhin auf englisch unterhalten und englische Zeitungen lesen kann", wieder ein: in die "Militärische Abteilung" des Amtes Blank.
Nach Aufstellung der Bundeswehr, 1956, leitete er die Unterabteilungen Organisation und Ausbildung im Führungsstab des Heeres. Dann kommandierte er eine Panzerbrigade, eine Panzergrenadierdivision und die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese, von wo er im Herbst 1966 zum I. Korps ging.
Daß auch dieser Kandidat wegen eines Makels in der Personalakte abgelehnt werden könnte, braucht Minister Schröder nicht zu befürchten. Bennecke war nichts -- nicht mal Pfadfinder. Für die Hitlerjugend war er in jenen Tagen schon zu alt.
Selbst seine Hobbys sind unverfänglich: "Wandern mit Rucksack auf dem Buckel und Pilzesammeln."

DER SPIEGEL 50/1967
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