06.01.1965

Die Ehrenwerte Gesellschaft

2. Fortsetzung
Der Zusammenstoß zwischen Mussolini und der Mafia war unvermeidlich. Beide Seiten unterschätzten dabei offenbar die Stärke ihres Gegners.
Zwar war es Don Calò und anderen weitblickenden Mafia-Führern ratsam erschienen, sich durch Beiträge an die faschistische Kriegskasse rückzuversichern. Aber Benito Mussolini war sich dennoch klar darüber, daß die Mafia von alters her ein Interesse daran hatte, Italien zu schwächen und zu teilen; auch früher hatte sie der Unterstützung revolutionärer Regierungen stets einen Dolchstoß in den Rücken folgen lassen.
Nach diesem bewährten Muster schienen sich denn nun auch Obstruktion und Sabotage zu wiederholen. Faschistische Beamte, die nach Sizilien geschickt wurden, um die von der Mafia bestochene und kontrollierte Verwaltung zu ersetzen, wurden ignoriert. Faschistische Gerichtshöfe, die straffällige Mafia-Angehörige aburteilen sollten, fanden es ebenso unmöglich, sie zu überführen, wie vordem demokratische Gerichte. Einheit und Disziplin einer im Gleichschritt marschierenden Nation gab es auf dem Festland - nicht aber auf Sizilien.
In Palermo konnte ein Parteimitglied mittags auf der belebten Via Maqueda im Beisein Hunderter von Menschen erschossen werden, und kein einziger wäre bereit gewesen zu bezeugen, er habe auch nur einen Schuß gehört. Berichtete ein Carabinieri-Offizier: "Es gibt nur zwei Arten von Zeugen. Die einen leben in der Nähe des Tatortes und haben unter keinen Umständen etwas gesehen oder gehört. Die anderen wohnen in der Nachbarschaft der Angeklagten - sie haben, als der Schuß fiel, gerade aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie der Angeklagte seelenruhig auf seinem Balkon stand."
Beunruhigende Tatsachen kamen ans Licht, als die Faschisten die Aktivität der Mafia untersuchten. Dem Duce wurde gemeldet, die Mafia habe völlige Kontrolle über die sizilianische Wahlmaschinerie; die Mafia-Abgeordneten im Parlament verbrächten ihre Zeit damit, die Untersuchungen von Verbrechen der Ehrenwerten Gesellschaft" zu blockieren; andere seien darauf spezialisiert, in Parlamentsreden darzulegen, daß es die Mafia gar nicht gebe.
Damals waren Gewalttaten in Sizilien zehnmal so häufig wie im übrigen Italien. Dem Duce wurde von der kleinen Stadt Favara berichtet, die innerhalb eines Jahres 150 Mafia-Morde erduldet hatte und in der während des Jahrzehnts zuvor nur ein einziger Mann auf natürliche Art an Altersschwäche gestorben war.
Noch unerfreulicher für Mussolini, der von Eroberung und imperialer Größe träumte, war die unpatriotische Einstellung Siziliens in Kriegszeiten. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beispielsweise hatte die Mafia das Gerücht verbreitet, daß die zur Ausbildung nach Italien eingezogenen Soldaten dort kastriert würden. Die Mafia offerierte - gegen entsprechende Bezahlung - Mittel und Wege, dem Wehrdienst zu entkommen. Während des Krieges beherbergte die Insel Schwärme von Deserteuren, die von der Mafia beschützt und ausgebeutet wurden.
Mussolinis Kampagne gegen die Mafia wurde schließlich durch einen Vorfall ausgelöst, der sich während seines Besuches in Sizilien im Jahre 1924 zutrug. In den Straßen Palermos hatten die Funktionäre noch ohne Schwierigkeiten die geräuschvolle Begeisterungs-Kulisse aufbauen können, wie sie der Duce damals schon gewohnt war. Doch dann äußerte er - zur Bestürzung seines Gefolges - den Wunsch, eine Kleinstadt in der Umgebung zu besuchen. Seine Wahl fiel auf Piana dei Greci - offenbar hatte er irgendwann eine Broschüre der Fremdenverkehrsindustrie in die Hand bekommen, die einen Besuch dieses Gemeinwesens angelegentlich empfahl.
Der armselige kleine Ort war von den Nachfahren albanischer Flüchtlinge aus der seinerzeit europäischen Türkei bevölkert, die in Sizilien Schutz gefunden hatten. Touristen-Attraktionen waren ein folkloristisches Programm mit alt-albanischen Trachtengruppen und ein religiöses Kuriosum: Piana dei Greci war die einzige Stadt Siziliens,
in der es eine griechisch-orthodoxe Kirche und einen amtierenden Popen mit langem Bart und hohem, schwarzem Hut zu sehen gab.
Zwei Hindernisse standen Mussolinis Abstecher im Wege. Einmal das Sicherheitsrisiko: Schon in Palermo hatte man alle verfügbaren Polizisten Rücken an Rücken mit geladenen Gewehren im Zehn-Meter-Abstand entlang der Via Maqueda aufbauen müssen, um den Parade-Weg des Duce abzusichern. Piana dei Greci aber war der Polizei nicht nur wegen seiner exotischen Trachten bekannt, sondein es war auch berüchtigt als ein Sammelpunkt unzufriedener Bauern und wegen seiner Teilnahme an einem Bauernaufstand in den neunziger Jahren.
Das zweite Problem war die Person des Bürgermeisters und Mafia-Potentaten Don Ciccio, der den Regierungschef namens der Stadt willkommen heißen würde: Er war berüchtigt wegen seines krankhaft ausgeprägten Selbstbewußtseins. Man sah bereits voraus, daß nur mit äußerstem Geschick bei der Begegnung der beiden Potentaten ein peinlicher Eklat vermieden werden könnte.
Don Ciccio Cuccia, ein bösartiger Frosch von einem Mann, war dafür bekannt, daß er alle nur denkbaren Situationen dazu ausnutzte, sich in seiner Selbstherrlichkeit zu bestätigen und - typische Mafia-Leidenschaft - weiteres "Ansehen zu gewinnen".
So hatte einige Jahre zuvor König Viktor Emanuel einen Abstecher nach Piana dei Greci unternommen. Der König, wird berichtet, war in sehr schlechter Stimmung - gelangweilt von den albanischen Volkstänzen und zudem gepeinigt von der wilden Dudelsackmusik. Doch plötzlich fand er sich auch noch ins Innere der festlich dekorierten und von Weihrauchduft erfüllten Kirche gedrängt, wo gerade eine fremdartige griechisch-orthodoxe Zeremonie begann. Seine Majestät wollte zurück ins Freie, wurde aber geschickt von seinem Gefolge getrennt und nach vorn manövriert - an die Seite Don Ciccios. Und ehe der König sich's versah, wurde ihm trotz aller Proteste ein schreiendes Kind in den Arm gedrückt - Sekunden später war er Taufpate von Don Ciccios Sohn geworden.
Das vermehrte Prestige, das der Mafia-Potentat mit diesem Trick errungen hatte - es wurde automatisch noch das Kreuz eines Ritters von der Krone Italiens übersandt -, mag ihn dazu verleitet haben, auch den Besuch Benito Musselinis für seine Publicity-Sucht auszunützen. Gelegenheit dazu bot sich gleich nach der Ankunft der Besucher -Kolonne.
Cesare Mori, Mussolinis Polizeichef, der über die Sicherheitsvorkehrungen in Piana dei Greci alles andere als glücklich war, schlug vor, der Duce möge für die Stadtrundfahrt Don Ciccios Wagen benutzen. Der Staatschef setzte sich neben den Bürgermeister, und seine Motorrad-Eskorte formierte sich beiderseits des Wagens. Da fragte Don Ciccio den Polizeichef mit lauter Stimme: "Verzeihen Sie, Hauptmann, was sollen all die Polizisten? Solange Sie in meiner Nähe sind, ist nichts zu fürchten. Ich bin hier derjenige, der befiehlt!" Spätestens in diesem Augenblick wurde dem Duce klar, wie in Sizilien die Dinge lagen: Sogar sein eigener Polizeichef hatte es für angebracht gehalten, ihn, den obersten Herrn
des Staates, unter den Schutz der Mafia zu stellen.
Mussolini widersetzte sich Don Ciccios Vorschlag, auf die Eskorte zu verzichten - ein "Mangel an Respekt", den Ciccio Cuccia damit beantwortete, daß er die Räumung des Hauptplatzes anordnete, als Mussolini seine Rede hielt. War der König einst mürrisch gewesen
- Mussolini kochte vor Wut: Als er mit
seiner Ansprache begann, bestand sein Auditorium aus etwa zwanzig Dorftrotteln, Bettlern und Schuhputzern - ein eigens von Don Ciccio ausgesuchtes Publikum.
Noch war der vorgeschobene Unterkiefer des Diktators nicht zu einem allgemein gefürchteten Gefahrensignal geworden, sonst hätte Don Ciccio ahnen können, was ihm blühte. Vermutlich machte er sich nicht einmal die Mühe, Mussolini zuzuhören - er hätte freilich gut daran getan. Denn Mussolinis Ansprache hatte ein unvorhergesehenes Thema: Sie war die Kriegserklärung an die Mafia. Wochen später wiederholte der Duce sinngemäß vor dem faschistischen Parlament, was er in Piana dei Greci gesagt hatte. Doch diesmal saß Don Ciccio schon im Gefängnis.
Den Auftrag Mussolinis, die Mafia zu liquidieren, erhielt der Präfekt Mori - ein Mann, der alle bombastischen und
ordengeschmückten Figuren, die in den ersten Jahren des Faschismus über die politische Bühne Italiens stelzten, an pathologischem Machtwahn noch weit übertrumpfte.
Cesare Mori war vom Polizisten zum Chef der gesamten
Polizeistreitmacht aufgestiegen; er war mithin der zweitmächtigste Mann im Staate, nach dem Duce. Trotzdem blieb er im Grunde ein einfacher Polizist, der den Erfolg eines Unternehmens im wesentlichen nach der Anzahl der Verhaftungen beurteilte. Der Präfekt war bei Mussolinis Niederlage in Piana dei Greci mit dabeigewesen, Don Ciccio hatte ihn - buchstäblich zur Seite gestoßen, und er hatte mit anhören müssen, wie man ihn einen "sbirro" nannte - ein übler italienischer Schimpfname für Polizisten.
So gönnte sich Mori, ein Mann mit ausgeprägtem Sinn für Theatralik, denn auch das Vergnügen, die Verhaftung Don Ciccios persönlich durchzuführen: Er schickte ihm eine Einladung zu einer Cocktail-Party - die Party endete im Ucciadone-Gefängnis zu Palermo.
Danach setzte er - mit Mussolinis Freibrief - die Aktion in Gang, die er zuweilen scherzhaft seinen "Attila-Plan" nannte. Unbekümmert um demokratische Legalität, ließ Mori die Verdächtigen zu Tausenden verhaften. Ganze Schiffsladungen von Opfern wurden in Ketten auf Strafinseln transportiert - der Terror des Cesare Mori gab wie niemals zuvor oder danach Gelegenheit, alte persönliche Fehden zu begleichen und Rivalitäten in Geschäft und Liebe auszumerzen.
Sofern faschistische Gerichte überhaupt Rechtsprechung praktizierten, war sie hart, unklar und oberflächlich. In vielen Fällen wurden zwei oder gar drei Personen wegen ein und derselben Straftat verurteilt und eingesperrt. Wenn Mori über ein Dorf herfiel, bedeutete das manches Mal, daß die gesamte männliche Bevölkerung verhaftet oder verschleppt wurde. Die einzige Möglichkeit, ihn zu besänftigen, so fanden die Sizilianer heraus, bestand darin, zu seiner Ankunft Triumphbögen mit der Aufschrift "Ave Caesar" zu errichten.
Die Untersuchungsmethoden, die der Präfekt bevorzugte, stammten aus der Zeit der Inquisition. Obwohl seit mehr als einem Jahrhundert ungesetzlich, wurden sie in den Verliesen der Polizei noch immer im geheimen praktiziert. Mori soll die "Cassetta" wiedereingeführt haben, eine Folter, die in Hunderten von Fällen angewendet wurde, um den Verhafteten Geständnisse abzuzwingen.
Die Cassetta war eine 90 Zentimeter lange, 60 Zentimeter breite und 45 Zentimeter hohe Kiste, auf welcher der Häftling festgeschnallt wurde, während der Peiniger ans Werk ging. Der nackte Oberkörper des Opfers wurde mit Salzwasser übergossen, dann ausgepeitscht. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß diese Methode viel schmerzhafter war und dennoch weniger Verletzungsmerkmale hinterließ als eine normale Züchtigung. Brachten die Schläge kein Geständnis, wurden die nächsten Grade der Peinigung angewendet: Das Opfer wurde gezwungen, große Mengen Salzwasser zu schlucken, es wurden Fingernägel ausgerissen, Hautstreifen herausgeschnitten oder die Genitalien zerquetscht.
In den Tagen des Mittelalters war die Inquisition mit Dissidenten auf diese Weise umgegangen. Mori fügte der mittelalterlichen Methode lediglich eine moderne Note hinzu, indem er die Folter noch um eine Elektroschock-Apparatur bereicherte. Oft führte die Tortur auf der Cassetta zu lebenslangem Siechtum.
Mori hatte zuweilen extravagante Einfälle. Als er erfuhr, daß Mafia-Mörder ihre Opfer gelegentlich aus einem Mauer -Hinterhalt belauerten, ordnete er an, sämtliche Mauern in Sizilien innerhalb von 24 Stunden bis auf eine Höhe von 90 Zentimeter abzutragen. Oftmals traf er Entscheidungen von auffallender Unlogik: Wer Stichwaffen bei sich trug, wurde - so Moris Anordnung - mit langjähriger Kerkerhaft bestraft; aber die Hirten durften weiterhin ihre handlichen Äxte mit sich führen. Die Folge: eine Epidemie von Morden, die mit der Hirtenaxt begangen wurden.
Im Jahre 1927 berief Mussolini das faschistische Parlament ein, um zu verkünden, daß der Kampf gegen die Mafia nun beendet sei. Unter dem stürmischen Beifall der Abgeordneten hielt er den Arm seines Präfekten Mori wie zur Siegerpose eines Boxers in die Höhe und feierte ihn als "Inkarnation der reinen weißen Flamme faschistischerGerechtigkeit".
Die Arbeit mit dem Schlachtermesser in Sizilien nannte er eine "heroische Chirurgentat ausgeführt mit einem mutig geführten Skalpell". Und während seines langen und detaillierten Berichts von dem chirurgischen Eingriff fiel auf, daß der Duce sich mit besonderem Genuß über die Unternehmungen in Piana dei Greci ausließ, vor allem über das Schicksal "dieses Bürgermeisters, der alle feierlichen Gelegenheiten dazu nutzte, sich photographieren zu lassen". Es wurde deutlich, daß Benito Mussolini Don Ciccios Schlag gegen seine Eitelkeit auch nach drei Jahren noch immer nicht verwunden hatte.
Die Wirkung der von Mori ausgeführten Säuberungsaktion konnte jedoch nur vorübergehend sein. Sie mähte allenfalls die Spitzen des Unkrauts ab; was aber not getan hätte, war eine Änderung des Bodens und des Klimas, das die Frucht hervorbrachte.
Die intelligenteren Mitglieder der Mafia
- größtenteils Rechtsanwälte und Ärzte - waren schlau genug, sich Moris Zugriff durch den Beitritt zur faschistischen Partei zu entziehen. Etlichen einflußreichen Männern wurde die Ausreise nach den Vereinigten Staaten erlaubt, andere durften nach Tunesien auswandern - mit der Verpflichtung, von dort aus den Franzosen möglichst große Schwierigkeiten zu bereiten. Es war die unbedeutende Garnitur der "Ehrenwerten Gesellschaft", die ins Gefängnis wanderte.
Dennoch - einen bedeutsamen Effekt hatten die Maßnahmen Moris: Die Mafia-Chefs wie Don Calò und Konsorten verloren ihre kurz zuvor gewonnenen feudalen Privilegien. Als wieder Pachtland der Großgrundbesitzer versteigert wurde, erreichten die Preise ihr altes Niveau; die meisten Mafia-Oberen, die der Säuberung entgangen waren, zogen für den Augenblick vor, nicht weiter aufzufallen.
Den Bauern ging es damals - bis zum
Einmarsch der Alliierten im Jahre 1943
- besser als jemals zuvor. Wenigstens
konnten sie jetzt mit dem Gutsherrn über Vertragsbedingungen verhandeln, ohne daß sie Gefahr liefen, eins über den Kopf zu bekommen und in eine Erdspalte oder einen jener stillgelegten Bergwerksschächte geworfen zu werden, die von der Mafia mit Vorliebe als Friedhöfe benutzt wurden.
Zumindest einen großen Fisch hatte der Polizisten-Chef Mori bei seiner Mafia-Aktion ins Netz bekommen: Don Vito Cascio Ferro, ein Vierteljahrhundert lang, als Vorgänger von Don Calò, anerkannter Chef der Mafia, spektakulärster Verbrecher in der sizilianischen Geschichte.
Don Vito war in seiner Jugend in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Dort war er eines der aktivsten Mitglieder der "Schwarzen Hand" geworden, einer Vereinigung von Flüchtlingen der Mafia, der neapolitanischen Camorra und einer weniger bekannten kalabresischen Verbrechervereinigung. Die Auswanderer hatten sich geschickt den andersartigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen der Neuen Welt angepaßt. Im Gegensatz zu so ungehobelten Mafia-Persönlichkeiten wie Don Ciccio von Piana dei Greci und Don Calò Vizzini achtete Don Vito stets peinlich auf sein Äußeres. Seit seiner Rückkehr nach Sizilien fand er zudem Gefallen an einem anachronistischen Zug in seiner Kleidung: Er ging im Gehrock, trug einen weitgeschwungenen Filzhut, ein plissiertes Hemd sowie eine altmodische Halsbinde. Und um die Zeit, da Mafia -Verfolger Mori auf der Szene erschien, hatte er seine überaus würdige Erscheinung noch durch einen langen, weißen Vollbart unterstrichen.
Er war ein Liebling der High Society, die sich in Palermos glanzvollsten Salons zu treffen pflegte. Er mußte Kunstausstellungen, eröffnen, balgte sich mit Herzögen und Herzoginnen bei Gesellschaftsspielen und lauschte ehrfürchtig bei Dichterlesungen oder wenn auf Edisons neuartigen Phonographen-Walzen "Donauwellen" dargeboten wurden. Er liebte es, in vornehmer Gesellschaft am Drosselschießen teilzunehmen, modisch gekleidet in Knickerbocker und Norfolk-Jacke; er schloß sich aristokratischen Zirkeln an, die an Allerseelen armen Kindern Kuchen und Süßigkeiten bescherten. Frauen vornehmer Abstammung sprachen von einer seltsamen magnetischen Kraft, die einen Raum durchstrahle, wenn Don Vito gegenwärtig sei. Und einmal rügte er seinen Friseur: Er hatte Locken von Don Vitos Kopf an einen Amulette-Hersteller verkauft.
69 schwere Verbrechen wurden ihm, zumindest als Mittäter, zur Last gelegt, 20 davon waren Morde - er wurde in allen Fällen freigesprochen. Nur in einem der Fälle gab Don Vito später zu - und brüstete sich sogar damit -, einen Menschen umgelegt zu haben. "Meine Tat war uneigennützig", pflegte er zu sagen, "sie war die Antwort auf eine Herausforderung; ich hätte mir nicht leisten können, sie zu ignorieren."
Das Opfer war Joseph Petrosino, ein amerikanischer Detektiv, der Nachforschungen über die Schwarze Hand anstellte. Seine Recherchen in der Chicagoer Unterwelt hatten ihn davon überzeugt, daß es eine Verbindung zwischen der amerikanischen Geheimgesellschaft und der Mafia gab.
So reiste er 1909 hinüber nach Sizilien, um die Methoden der Dachorganisation an Ort und Stelle zu studieren. Zwei amerikanische Verbrecher begleiteten ihn, Mitglieder der Schwarzen Hand; sie hatten sich bereit erklärt, den Detektiv bei seinen Nachforschungen zu unterstützen - wahrscheinlich hatten sie die Mafia schon im voraus über Petrosinos Pläne informiert.
Am Abend des Tages, da Petrosinos Schiff im Hafen von Palermo festmachte, dinierte Don Vito wie gewöhnlich mit einem einflußreichen Mitglied der Palermoer Gesellschaft, diesmal mit einem Abgeordneten des Parlaments. Plötzlich gab er vor, sich an eine überaus wichtige Sache zu erinnern, die er zu erledigen vergessen habe, bevor er von zu Hause wegging, und bat, ihn für einige Augenblicke zu entschuldigen. Dann lieh er sich den Wagen desGastgebers und fuhr zur Piazza Marina, unweit des Hafens.
Zur gleichen Zeit verließ Joseph Petrosino sein Hotel, das gleichfalls in der Hafengegend lag; offenbar hatte er vor, zu einem geheimen Rendezvous zu gehen. Minuten später erloschen die Lichter in Palermo. Don Vito erwartete den Amerikaner schon; er tötete ihn mit einem einzigen Pistolenschuß. Dann kehrte er zum wartenden Wagen zurück und fuhr wieder zum Haus seines Gastgebers - er kam zum Nachtisch gerade noch zurecht. Als später ein Verdacht auf Don Vito fiel, war der Politiker vor Gericht bereit zu schwören, daß sein Gast zur Mordzeit das Haus nicht verlassen habe-Eine erdichtete Anklage wegen Schmuggels mußte schließlich herhalten, dem alten Mafia-Führer den Prozeß zu machen. Don Vito begnügte sich damit, den Fortgang der Verhandlung geringschätzig zu ignorieren. Für einen Mafia-Exponenten alter Schule war "Ansehen" alles - auch in dieser verzweifelten Situation. Als einVertreter der Verteidigung für eine milde Strafe plädierte, tadelte ihn der Altmeister der Mafia: Dieses sei eine Taktik, die "im Widerspruch zu meinen Prinzipien steht; sie ist eine Beleidigung meiner Autorität".
Vor der Urteilsverkündung erhielt der Angeklagte Gelegenheit zu einem letzten Wort. Don Vito sagte: "Meine Herren, da Sie mir keines meiner zahlreichen Verbrechen nachweisen konnten, waren Sie gezwungen, mich wegen des einzigen Deliktes zu verurteilen, das ich nie begangen habe." Diese Erklärung traf in der Tat genau den Sachverhalt.
Noch im Gefängnis übte Don Vito seinen ungeheuren Einfluß aus - er bewirkte Reformen. Er entwarf eine Art Wohlfahrtsplan, wonach Kriminelle, die noch auf freiem Fuß waren, verpflichtet wurden, zum Unterhalt der Angehörigen von Strafgefangenen beizutragen. Er selbst zahlte aus seinem Privatvermögen größere Summen für die Aussteuer der heiratsfähigen Töchter seiner Mitgefangenen.
Gefangene reinigten seine Zelle und machten ihm das Bett. Aufseher, die sich zuviel herausnahmen, wurden entlassen, wenn Vito dem Gefängnisdirektor Meldung machte. Noch bis vor kurzem war das Motto, das Mitgefangene (Don Vito war Analphabet) für ihn im sizilianischen Dialekt in eine der Korridorwände eingeritzt hatten, unter einer schützenden Glasplatte zu betrachten: "Vicaria, malalia e nicisitati, si vidi lu cori di l'amicu" ("Im Gefängnis, bei Krankheit und in Not entdeckt man das Herz seines Freundes"). Der Anflug von Sentimentalität ist eine letzte Facette im Charakterbild dieses phantastischen alten Verbrechers.
Kurze Zeit nach seiner Einlieferung ins Ucciadone-Gefängnis in Palermo starb Don Vito an einem Herzleiden. Die Zelle, in der er gehaust hatte, blieb seither außergewöhnlichen Gefangenen vorbehalten.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Ein Arzt enthüllt die Geheimnisse der Mafia - Dynamit gegen Reporter - Mafia -Schwur mit Blut und Asche
Copyright DER SPIEGEL/Econ Verlag.
Mussolini, Offiziere (1928): Kriegserklärung an die Mafia
Polizeichef Mori (l.)*: Für den Sohn des MafiaChefs ...
... eine Patenschaft vom König: Viktor Emanuel
MafiaMitglieder vor Gericht in Palermo (1930): Auf der Spur der Schwarzen Hand ...
USDetektiv Petrosino
... zwischen Suppe und Nachtisch ermordet
* Piana dei Greci.
Von Norman Lewis

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