06.01.1965

Martin MorlockSTUNDENTANZ

Ein Glücksfall habe sich zugetragen, tönt es zart von karmesinrotgeschminkten Manneslippen: Mademoiselle, die niemals mit Journalisten Worte wechsle, "jamais, jamais", wolle mich empfangen. "Alles, was über sie in den Zeitungen steht, ist erfunden", versichert der Privatsekretär, gleichwohl bereitet er mich vor: "Mademoiselle spricht viel."
"Um so besser", sage ich arglos und betrete - es ist 14.10 Uhr das mir bezeichnete Zimmer im 1. Stock des Hauses Nr. 31, Rue Cambon.
Da steht sie, umwuchert von venezianischen Spiegeln, ägyptischen Jünglingsköpfen, China -Wandschirmen, steinernen Aphroditen und goldenen Salonlöwen; zierlich und kniefrei, im bortenverzierten Standardkostüm, auf dem dunklen Kurzhaar-Gelock ein Gebilde, das an einen bayrischen Trachtenhut gemahnt: Gabrielle ("Coco") Chanel, 81, Erfinderin des kurzen Rockes, der "Bubi" -Frisur, des sonnenbraunen Teints, der Farbe Beige und des Ratschlags, ein Nerzcape so achtlos übers Parkett zu schleifen, als wär's ein Stück Kanin.
"Treten Sie näher, wir sind nicht im Theater!" ruft sie mir zu und beginnt sogleich
von einem Ski-Unfall zu berichten, der ihr in den 50er Jahren widerfuhr. Ganze 70 war sie damals alt. "Hier, sehen Sie, die Knöchel - immer noch geschwollen!" Sie läßt sich auf eine mit beigefarbenem Wildleder bezogene Couch sinken und hält mir die nylonumsponnene Beweislast vor Augen.
Dieser Behinderung halber, erfahre ich, besitzt sie auch keine Hunde - "Selber kann ich sie nicht ausführen, und auf Dienstboten ist kein Verlaß" -, sondern zwei Rennpferde, die sie freilich nur in kleinere Rennen schickt, denn: "Das Publikum erwartet von mir, daß meine Pferde gewinnen." Erst kürzlich wieder habe ihre Stute "Romantica" einen Sieg errungen. "Mein Diener hat's mir erzählt."
Inzwischen ist es 14.30 Uhr. Mademoiselle drückt ihre Zigarette aus und holt sich aus goldener Schale einen Himbeerbonbon. Während sie, schräg hingestreckt, mit dem Kreuzbein auf der Couchkante balanciert, tritt Versonnenheit in ihren Blick: "Milliarden Frauen auf dieser Welt wollen angezogen werden. Stellen Sie sich das vor - Milliarden!"
Und schon ist sie bei einem unerschöpflichen Gegenstand: "Wenn ich ein Mann wäre, und ich wäre gerne einer, würde ich die heutigen
Frauen verachten. Dieser unweibliche Ehrgeiz, diese ekelhafte Geschäftstüchtigkeit - und diese idiotischen Tänze!" Sie schnellt aus den Polstern und führt mir sekundenlang einen Twist vor.
"Dummheit ist schlimm. Aber immer noch besser dumm und ein Luxusgeschöpf als eine, die alles an sich reißen will."
Um 15.00 Uhr kenne ich ihre Meinung zum Thema "Mannequins": "Ich würde lieber Geschirr spülen als Kleider vorführen." Schier von selbst gleiten wir ins Fahrwasser der Mode. Coco springt abermals auf, öffnet ihren mit Sicherheitsnadeln gesteckten Chanel-Kostümrock, nestelt an den Jackettknöpfen ...
Ein Strip-tease! durchschauert es mich - aber nein, sie weiht mich nur in die Geheimnisse einer Kunst ein, die jeglicher Damenfigur ("Stellen Sie sich hier eine Brust vor") Genüge tut.
Plötzlich schwebt ein Batisttüchlein vor meiner Nase. "Riechen Sie!, mein neuestes Parfüm. Es wird niemals erscheinen, weil ich meinem 'Nr. 5' nicht Konkurrenz machen kann."
Um 16.30 Uhr liegen sämtliche ihrer Kollegen zerschmettert am Boden. "Die machen eher Kabarett als Mode. Ich bin die einzige, die wirklich arbeitet."
Sodann kommt Cocos Rede auf die Armut ("Ich mag keine Leute, die nicht gut riechen"), den Reichtum ("Ich würde auch Schnürsenkel verkaufen"), Pablo Picasso ("Er hat mir gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil er seine Strohmatte geheiratet hat"), Charles de Gaulle ("Kommt sich vor wie der Sonnenkönig"), die Italiener ("Teppichhändler") und die französische Presse ("Alles Angsthasen").
Als eine gewaltige Rokoko -Pendule ("Scheußlich, aber sehr teuer") 18.05 Uhr anzeigt, klingelt das Telephon: Serge Lifar, der Ballettmeister, wartet seit einer Stunde im Vorzimmer.
"Ein netter Kerl, wenn er den Mund hält. Ich werde ihm ein Ballett für Monte Carlo entwerfen. Alles in Schwarz. Dort ist nämlich gerade Hoftrauer."
Schritt für Schritt lächle ich mich dem Ausgang zu, dabei vernehme ich unter anderem, daß "Jungens zwischen 17 und 20 viel essen müssen, denn sie sind die Zukunft", daß "nur amüsante Menschen zu ertragen" seien und daß ich "wieder mal vorbeischauen" möge.
Hoffart im Herzen, stehe ich auf der Rue Cambon. Vier Stunden bei Coco Chanel - wie hätte ich ahnen können, daß ich so amüsant bin!
Coco Chanel
Von Martin Morlock

DER SPIEGEL 1/1965
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