10.02.1965

AFFÄRENBettgeflüster

Verweilen wir einen Augenblick bei dem Bilde.
Karl von Clausewitz, "Vom Kriege".
Im Schatten der Schandmauer ein Sittensumpf: hinterm Kudamm ein SSD-Bordell, in den Betten westliche Geheimnisträger, in den Nischen Ulbrichts Mikrophone, auf den Barhockern Mata Haris - solch Hoheslied von Spionage auf west-östlichem Diwan sang eine Woche lang "Bild".
Die Groschen-Gouvernante der Nation ("Wir wollen keinen Profumo-Skandal!") sah den Verdacht erhärtet, "daß prominente Politiker ... Gäste des Spionage-Bordells" gewesen seien. Das Bettgeflüster im Etablissement "Clausewitz" zu Berlin wuchs sich in "Bild" Schlagzeilen aus zu einem Skandal von Keeler-Kaliber und Wennerström -Wichtigkeit.
Was wirklich unter dem Namen des preußischen Strategen Karl von Clausewitz geschah, war ungleich unpolitischer. Es agierten:
- im Vordergrund Hans Helmcke, 47,
Inhaber der Luxus-Absteige - "Clausewitz", einer "New York Press Agency" und einer Lizenz als Privatdetektiv, von der "Süddeutschen Zeitung" beschrieben als eine der schillerndsten Figuren von Berlin";
- als Randfiguren "Clausewitz"-Geschäftsführer Fritz Wussow, 55, und Exil-Ungar "Konsul Josy" Eugen Indig, 42, zeitweilig ebenfalls Helmckes Geschäftsführer, in Hamburgs Vergnügungsviertel und bei der Hamburger Polizei bekannt "als ein Mann, der mit Juwelen handelt und viel Geld hat" und - nach eigenen Angaben - "als V-Mann für die Polizei tätig";
- im Hintergrund ein halbes Dutzend
hochkarätige Alleinunterhalterinnen aus dem "Clausewitz", und ein stattlicher Kundenkreis aus "der freien Wirtschaft" ("Die Zeit").
Der geborene Cuxhavener Helmcke hatte seine Karriere hinter dem Ladentisch seines Vaters begonnen der noch heute in Hamburg honorig einen Groß und Einzelhandel in Lebensmitteln betreibt.
Nach dem Kriege machte sich der Filius als Klein- und Großhändler gelbständig. Bevorzugte Handelsobjekte: Haushaltsartikel, Tee, Tabakwaren und Schweinefleisch, das er von einer Holsteiner Konservenfabrik in Büchsen abpacken ließ und an Warenhäuser verhökerte.
Anfang der fünfzigers Jahre zog es Helmcke in die Neue Welt. In New York fand er einen Job als Taxifahrer und auch das Vertrauen zweier betagter Schwestern aus der Heimat, der aus Neuenkirchen bei Cuxhaven gebürtigen Emma Gelhaar und Johanna Wetjens. Nach dem Ableben der alten Damen kehrte Helmcke mit einer Erbschaft von rund 250 000 Dollar in die Bundesrepublik zurück.
Die hinterbliebenen Anverwandten waren mißtrauisch. Eine Enkelin der Johanna Wetjens prozessierte jahrelang gegen Helmcke, und sieben Zeugen sagten zu ihren Gunsten aus. Doch Helmcke ließ die Situation wieder bereinigen: Sein Geschäftsführer Wussow besuchte - wie die polizeilichen Ermittlungen ergaben - sämtliche sieben Zeugen, zeigte eine Blechmarke vor, präsentierte sich wahlweise als "Staatsanwalt" oder "Kriminalbeamter" und machte die Zeugen auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen ihrer Aussagen aufmerksam. Alle Zeugen fielen um und zogen bereits abgegebene eidesstattliche Versicherungen zurück.
Dollar-Erbe Helmcke hatte das Geld der alten Damen zu dieser Zeit bereits nutzbringend in Berlin angelegt - zunächst in einer Firma, die unter anderem Würstchen-Sieder vertrieb; dann im "Clausewitz", das seit Jahren als West-Berlins teuerstes Etablissement seiner Art gilt. Von Taxifahrern verbreiteter Werbe-Slogan: "Wennse Jeld haben - in der Clausewitz jibts dufte Puppen.
Daß nicht nur zahlungskräftige Besucher (Whisky 3,50 Mark, Sekt 80 Mark, Dame 120 Mark} im dritten Stock der Clausewitzstraße 4 klingelten, sondern bisweilen auch Sittenpolizisten, war Helmckes Berufsrisiko: Seine Vorgängerin, die das Unternehmen 1947 gegründet hatte, war zweimal wegen Kuppelei verurteilt worden, nachdem die Polizei ihr Institut inspiziert hatte.
Kurz vor Weihnachten letzten Jahres stellte sich die Sittenpolizei wieder einmal im "Clausewitz" ein und kontrollierte. Wichtigster Fund: drei Ost-Berliner Telephonnummern im Notizbuch des Eigentümers. Sie wurden als Anschlüsse des Staatssicherheitsdienstes der DDR identifiziert.
Darauf stellte das Amtsgericht Tiergarten am 9. Januar gegen Helmcke wegen des Verdachts landesverräterischer Beziehungen einen Haftbefehl aus. Daß sich dahinter keine welterschütternde Spionage-Affäre verbarg, wurde schon wenig später offensichtlich, als die für gravierende Delikte dieser Art zuständige. Bundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall an den West-Berliner Generalstaatsanwalt beim. Kammergericht zurückreichte.
Die Boulevard-Blätter des Springer -Konzerns "BZ" und "Bild" aber standen auf der Wacht. Und nachdem die "BZ" am 26. Januar mit der Schlagzeile "Spionagenest im Bordell" herausgekommen war, zog "Bild" nach.
- "Stimmt es", fragte "Bild", "daß nicht nur Berliner Politiker, sondern auch Bundestagsabgeordnete, ja sogar Minister dort Gäste waren?"
- "Mußten die Sittenakten mit Rücksicht auf etwa darin verzeichnete prominente Besucher auf höhere Weisung verschwinden?" fragte "Bild", nachdem es festgestellt haben wollte, daß die Ermittlungsakten im Fall "Clausewitz" bei der Staatsanwaltschaft "nicht aufzufinden" seien.
- Tonbänder mit "Clausewitz"-Geflüster, über geheime Abhöranlagen aufgenommen, seien beschlagnahmt worden kolportierte "Bild". Angeblich sollten auch kompromittierende
- Prominentenphotos von der Polizei
entdeckt worden sein.
Auf dem Höhepunkt des Pseudoskandals marschierte "Bild"-Reporter Günter Strehlow zur Berliner CDU. Um politisches Gewicht für den "Bild"-Stoff bemüht, erkundigte er sich, ob die Partei nicht eine parlamentarische Anfrage einbringen wolle.
Aber so willkommen der Berliner CDU ein politisches Gewicht sein mußte, das man dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt als Ballast im Wahljahr hätte anhängen können - mangels Masse ließ sich das nicht machen: Die polizeilichen Ermittlungen ergaben einwandfrei, daß keine politische Prominenz zu den "Clausewitz"-Gästen zählte. Es gab keine kompromittierenden Photos. Die Abhöranlage entpuppte sich als automatischer Telephonbeantworter, der während der Abwesenheit eines Anschlußbesitzers eingeschaltet werden kann.
Und die angeblich verschwundenen Ermittlungsakten befanden sich genau dort, wo sie zu sein hatten: bei der Kriminalpolizei. Weil sich Beamte der West-Berliner Kripo durch die "Bild" Verdächtigungen verleumdet fühlten, stellten Kriminalrat Horst Schramm und Hauptkommissar Georg Schießer Ende letzter Woche Strafantrag gegen das Blatt.
Die Berliner Christdemokraten hielten nicht für tunlich, die Sache durch eine große Dringlichkeitsanfrage im Plenum des Berliner Abgeordnetenhauses zur Sprache zu bringen. CDU-Chef Amrehn: "Das ist mir eine zu schmutzige Angelegenheit." Ende letzter Woche wurde in der CDU lediglich der Plan erörtert, den Senat mit einer sogenannten Kleinen Anfrage - die schriftlich beantwortet wird - um Bekanntgabe des endgültigen Ermittlungsergebnisses zu ersuchen.
"Bild"-Schlagzeile
Auf der Jagd noch Prominenten ...
"Clausewitz"-Wirt Helmcke
... ins Leere geschossen

DER SPIEGEL 7/1965
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