17.02.1965

GEBIETSANSPRÜCHEMit Marx gegen Moskau

Als die russischen Truppen in Rumäniens Provinz Bessarabien einfielen, drang kaum ein Wort von den russischen Plünderungen und Gewalttaten über die Grenzen. Einer notierte später das Treiben der Moskowiter: der Europa-Korrespondent der "New York Tribune".
Die Russen hätten "ihr wahres Gesicht gezeigt: Plünderung und Annexion von Bessarabien haben alle Illusionen zerstört", meldete der Journalist nach New York. "Es gab grausame Exzesse, Zwangsabgaben aller Art, Frondienste, Diebstahl, Mord."
Und: "Männer und Frauen wurden vor Wagen gespannt, die Kosaken waren Kutscher und sparten nicht mit Stockhieben. Mehr als 30 000 Rumänen wurden aus der Feldarbeit herausgerissen, um als Arbeitsvieh zu dienen."
Der Korrespondent resümierte: "Nie hat eine schrecklichere Vernichtung von Leben stattgefunden. Eine riesige Plünderung, Diebstahl durch Offiziere, Barbarei durch russische Soldaten."
Der Bericht des Journalisten stammt nicht aus dem 20. Jahrhundert, und er behandelt daher nicht den Einmarsch sowjetischer Truppen im Juni 1940, sondern die zaristische Invasion im Jahre 1806.
Und dennoch droht der verblichene Bericht, der niemals in der "New York Tribune" veröffentlicht wurde, für die rumänisch-sowjetischen Beziehungen zu einem Sprengstoff zu werden, denn der Verfasser des Reports ist der Urvater des Kommunismus, der Emigrant und Journalist Karl Marx.
Mit dem Marx-Bericht will Rumäniens kommunistischer Parteichef Gheorghe Gheorghiu-Dej seine Forderung auf Rückgabe des einst rumänischen Bessarabien (und der Nordbukowina) begründen und den Sowjets das historische Recht auf den Besitz Bessarabiens streitig machen.
Die Provinz Bessarabien, mit 45 000 Quadratkilometern ein Land von der Größe Niedersachsens, ist ein altes Streitobjekt zwischen Rumänien und Rußland.
1806 fielen russische Truppen zum fünftenmal in die rumänische Provinz ein und besetzten sie. 1812 annektierte der Zar endgültig Bessarabien: Nach einem Sieg über den türkischen Sultan ließen sich die Russen vom Osmanischen Reich, der damaligen Schutzmacht Bessarabiens, das Gebiet abtreten.
Bessarabien blieb bis Anfang 1918 russischer Besitz. Erst 1920 fiel das Gebiet durch den Pariser Vertrag an Rumänien zurück.
Zwei Jahrzehnte später wendete sich das Blatt erneut: Im Juni 1940 befahl Josef Stalin gemäß einem Geheimabkommen mit Adolf Hitler den Anschluß Bessarabiens an die Sowjet-Union und vereinigte die Beute mit der moldauischen Sowjetrepublik.
Stalins Kommissare betrieben eine gründliche Russifizierung des rumänischen Bevölkerungsteils: Sie ersetzten das lateinische durch das kyrillische Alphabet, die rumänische durch eine moldauische Nationalität. Eifrigster Russifizierer war damals der heutige sowjetische Parteichef Leonid Breschnew, den Stalin 1950 als Parteisekretär nach Bessarabien geschickt hatte.
Lange Zeit mußte die rumänische KP-Führung der Russifizierungs -Aktion Breschnews in Bessarabien tatenlos zuschauen. Erst als die Auflockerung im Ostblock vor allem den rumänischen Genossen erlaubte, wieder nationale Töne anzuschlagen, rührte sich Parteichef Gheorghiu-Dej.
Seine Befreiungsstunde schlug am 10. Juli 1964, als Chinas Parteichef Mao Tse-tung offen die Revision der Sowjetgrenzen im Fernen Osten forderte und dabei auch auf Stalins Annexionen in Osteuropa hinwies. Gheorghiu -Dej entsandte seinen Ministerpräsidenten Ion Gheorghe Maurer nach Moskau, um die Rückgabe Bessarabiens zu fordern.
Da meldete sich bei der rumänischen Parteiführung Professor Andrei Otetea, 70, Historiker an der Universität Bukarest und intimer Marx-Kenner. Er erzählte dem Genossen Parteichef, im Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte müsse noch ein Marx-Manuskript liegen, mit dem man Rumäniens Bessarabien-Ansprüche auch gegenüber Moskau unanfechtbar begründen könne.
In der Tat hatte sich Marx als Emigrant in London etwa um 1860 mit der Bessarabien-Frage beschäftigt. Der Europa-Korrespondent der "New York Tribune" plante damals eine dreiteilige Artikelserie über die russischen Besatzergreuel in Rumänien, doch die Serie erschien nie. Grund: "Tribune" -Verleger Horace Greeley hielt- die Marxschen Berichte für übertrieben.
Doch die Unterlagen, die Marx für seine Artikel benutzt hatte, blieben erhalten: Lesenotizen, die sich Marx bei der Lektüre zeitgenössischer Werke über Rumänien machte.
Als der rumänische Parteichef von der Existenz der Marx-Artikel erfuhr, setzte er Professor Otetea im Juli 1964 nach Amsterdam in Marsch.
Zwei Wochen lang vertiefte sich Marx-Kenner Otetea in einen anderthalb Meter hohen Stapel von Marx -Handschriften, dann hatte er gefunden, wonach er suchte: die bis dahin unveröffentlichten Manuskripte, in denen Marx die Rechtmäßigkeit der russischen Ansprüche auf Bessarabien bestreitet.
Im Dezember 1964 legte Otetea zusammen mit dem polnischen Marx-Forscher Professor Stanislaus Schwann das Ergebnis seiner holländischen Studien in einem Buch vor: "Karl Marx - Aufzeichnungen über die Rumänen". Die Auflage von 20 500 Exemplaren war binnen zwei Tagen vergriffen. Ein Exemplar gelangte jetzt auf Schleichwegen in den Westen.
Die sowjetischen Leser konnten bald entdecken, was die Rumänen an der Marx-Schrift so faszinierte. Die Artikel enthalten eine Marxsche Lesenotiz, die besagt, daß die Türken kein Recht gehabt hätten, Bessarabien 1812 an Rußland abzutreten, da die Hohe Pforte nie Souverän der rumänischen Länder gewesen sei, sondern nur ein Lehensrecht besessen habe.
Der Bukarester Staatsverlag veröffentlichte inzwischen eine Karte, auf der alle russifizierten Städte- und Flußnamen Bessarabiens ausgemerzt und durch rumänische Namen ersetzt worden sind. Karl Marx: "Der Rumäne nährt für den Moskowiter nur Haß."
* A. Otetea und S. Schwarm: "K. Marx -Insemnari despre Români". Editura Academiei Republicii Populare Romane, Bucuresti.
Rotormisten in Rumänien (1944): "Der Rumäne nährt für den Moskowiter nur Haß"

DER SPIEGEL 8/1965
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