24.02.1965

„GEFAHREN FÜR GLAUBE UND SITTE“

Konrad Graf von Preysing, Bischof von Eichstätt, später Bischof von Berlin, war einer der wenigen hohen katholischen Geistlichen, die ihre Kirche 1933 vor einer Annäherung an das NS-Regime warnten. Am 31. Mai 1933 legte Preysing der Fuldaer Bischofskonferenz das folgende Schreiben vor:
Ich bitte, in dem Hirtenwort (wie auch in den anderen Kundgebungen) kein Bekenntnis zur "neuen Ordnung", zum "neuen Staat" aufzunehmen.
Begründung: Der neue Staat wird von seinen Schöpfern mit der nationalsoz(ialistischen) Partei gleichgesetzt. Er hat somit - wie diese - Grundlagen, die mit anderer Weltanschauung nicht vereinbar sind.
Ich bitte, ein das Hirtenwort grundsätzlich dogmatische und ethische Ausführungen einzufügen, die ... eine Verwerfung der Irrtümer in dogmatischer und ethischer Beziehung enthalten, die der Grund für die Verurteilung des Nationalsozialismus in den letzten Jahren waren. Begründung:
a) Wir sind es dem katholischen Volke schuldig, ihm die Augen zu öffnen über die Gefahren für Glaube und Sitte, die sich aus der n.s. (= nationalsozialistischen) Weltanschauung ergeben.
b) Wir müssen den Nationalsozialisten, die katholisch bleiben wollen, einen Prüfstein geben, an dem sie Wahr und Falsch an der neuen Bewegung unterscheiden,
c) Ohne solche Reserve ist unsere Stellung zu kath(olischen) Organisationen, die nicht rein religiös sind (Jugendvereine, Studentenkorporationen, Parteien), unverständlich und widerspruchsvoll.
d) Wir müssen uns bei einem, wahrscheinlich kommenden Konflikt auf diesen Hirtenbrief berufen können.
e) Wir können auch zu so vielfachen praktischen Verstößen gegen das Sittengesetz Distanz halten.
Abschließend gestatte ich mir zu bemerken, daß wir in einer ähnlichen Gefahr uns befinden wie zur Zeit des Modernismus. Er hat die christl (ichen) Termini gebraucht und sie zu gleicher Zeit ihres Inhalts beraubt (Wahrheit, Offenbarung).
Heute wird den Worten Gott, Christentum, Sittlichkeit, Recht ihr Sinn genommen und ihnen ein entleerter, besser gesagt, verdeckter Sinn gegeben.
Bischof Preysing (l.)*
Konflikt vorausgesehen
* Mit Bischof Dr. Matthias Ehrenfried von Würzburg.
Von Bischof Preysing

DER SPIEGEL 9/1965
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