24.02.1965

JEDERZEIT MIT KARAJAN

Als "Gastspiel des Jahres" wurde in westdeutschen Zei-Jungen der Besuch der Ost-Berliner Komischen Oper gewürdigt, die letzte Woche im Stuttgarter Staatstheater Offenbachs "Ritter Blaubarts und Paisiellos Barbier von Sevilla" aufführte. Der Intendant der Komischen Oper, der Österreicher Walter Felsenstein, 63, will den zeitgenössisch- "kulinarischen" Opernbetrieb zu einer selbständigen Gattung des "musikalischen Theaters" reformieren.
SPIEGEL: Herr Felsenstein,warum haben Sie in der Bundesrepublik so lange keine Opern-Regie mehr geführt?
FELSENSTEIN: Meine komplizierte Tätigkeit an der Komischen Oper hat es mir einfach nicht gestattet.
SPIEGEL: Hatten Sie viele Angebote aus Westdeutschland?
FELSENSTEIN: In letzter Zeit nur aus Stuttgart und Frankfurt.
SPIEGEL: Mit dem Ensemble der Frankfurter Oper wollen Sie in Kürze Offenbachs "Ritter Blaubart" inszenieren?
FELSENSTEIN: Ja, und Stuttgart hat meine Zusage für eine Opern-Regie.
SPIEGEL: Es ist überliefert, daß Sie den Text fast aller fremdsprachigen Opern Ihres Repertoires völlig neu übersetzen. Sind unsere Texte alle falsch?
FELSENSTEIN: Diese Übersetzungen sind nahezu alle falsch.
SPIEGEL: Können Sie ein paar gravierende Beispiele nennen?
FELSENSTEIN: Die Übersetzung von "Carmen". Katastrophal. Bei unseren Übersetzungen und Bearbeitungen ging es nur darum, nach Möglichkeit die Originalform herzustellen, wir wollen möglichst text- und partiturtreu sein.
SPIEGEL: Sie versetzen also die Opern, die Sie aufführen, gewissermaßen in den Zustand völliger Unbekanntheit?
FELSENSTEIN: Jede. Sehen Sie, in der "Verkauften Braut" singt die Marie auf allen deutschen Opernbühnen die berühmte Arie "Gläubig blick' ich auf zu dir". Und wie heißt es tatsächlich? "Wenn ich das einmal erfahre, kann ich nimmer dir verzeih'n." Ein Verbrechen!
SPIEGEL: Warum lassen Sie in Ihrer
Komischen Oper keine sogenannten Stimmstars singen? Warum arbeiten Sie mit keinen weltberühmten Dirigenten zusammen? Die einzige Ausnahme war doch Otto Klemperer?
FELSENSTEIN: Und Karajan.
SPIEGEL: Das war aber vor 24 Jahren, als er in Aachen anfing.
FELSENSTEIN: Unter den berühmten Stimmen gibt es eine Reihe von Leuten, die ich nicht brauchen könnte.
SPIEGEL: Warum?
FELSENSTEIN: Weil sie nicht die Geduld und die Zeit für das aufbringen, was ich Werkkenntnis nenne, und sie wollen auch nicht wirklich studieren. Aber es gibt ebenso viele berühmte Sänger, die zeitlich verhindert sind.
SPIEGEL: Könnten Sie sich eine Felsenstein-Inszenierung mit Herbert von Karajan als Dirigenten denken?
FELSENSTEIN: Ich wünsche sie sehnlichst. Über sie wird immer wieder verhandelt. Wir kennen uns ganz gut, und ich schätze ihn, und er mich auch.
SPIEGEL: Schätzen Sie ihn auch als Opern-Regisseur?
FELSENSTEIN: Er ist der bedeutendste Opern-Dirigent. Ich weiß nicht, ob er es nötig hat zu inszenieren.
SPIEGEL: Was kostet eine Felsenstein -Inszenierung, beispielsweise die "Zauberflöte" mit 282 Proben, "Carmen" mit 375 Proben und "Falstaff" mit 387?
FELSENSTEIN: Sie sind mit Zahlen sehr gut versehen. Je nach Reife und Begabung der Sänger und je nach der Schwierigkeit des Werkes brauche ich für Proben ungefähr die achtzig- bis hundertfünfzigfache Aufführungsdauer, also ungefähr acht Wochen.
SPIEGEL: Was kostet nun also eine Ihrer Neuinszenierungen?
FELSENSTEIN: Ich habe keine Zahlen zur Hand.
SPIEGEL: Sie sind als Intendant in der bewundernswerten Lage, diese Zahlen nicht kennen zu müssen. Die westdeutschen Intendanten hingegen ...
FELSENSTEIN: Da bei mir nicht mehr als drei oder vier Inszenierungen im Jahre herauskommen, komme ich mit dem mir zugedachten Etat, der keineswegs märchenhaft ist, aus.
SPIEGEL: Nicht märchenhaft, Sie bekommen doch ungeheure Subventionen?
FELSENSTEIN: Nein, ich weiß genau, daß mein Theater etwas mehr als die Hälfte von dem erhält, was die Deutsche Oper in West-Berlin bekommt. Es ist ja kein Geheimnis. Soviel ich weiß, bekommt die Deutsche Oper 17 Millionen und ich zehn in Ost-Mark.
SPIEGEL: Herr Felsenstein, es fällt auf, daß Sie die moderne Musik links liegenlassen. Gibt es denn keine Avantgarde-Komponisten, die Opern schreiben können? In der DDR beispielsweise Dessau und Gerster?
FELSENSTEIN: Ich habe zeitgenössische Werke aufgeführt. SPIEGEL: Ganz selten.
FELSENSTEIN: Immerhin: Milhaud, Britten, Kurka, Kusterer. Mein Repertoire ist, wie Sie wissen, aus methodischen Gründen nicht groß. Wenn ich im Jahre nur drei oder vier neue Werke aufführe, dann ist die Zahl der modernen Opern eben prozentual gering. Auch ich habe einen Einnahme -Etat, den ich einigermaßen erfüllen muß.
SPIEGEL: Herr Felsenstein, Sie wenden sich an ein neues Publikum, an das "naive Publikum". Meinen Sie mit Brecht, daß die Naivität die oberste der ästhetischen Kategorien ist?
FELSENSTEIN: Immer war. Ich sehe die Möglichkeit, breitere Kreise der Menschen für das Theater zu erfassen, als das früher der Fall war. In der DDR ist nachweislich der Zugang zum Theater materiell und auch gesellschaftlich viel leichter geworden als früher. Ich wende mich mit Schärfe gegen die, die ich Halbgebildete nenne, die aus irgendwelchen Gründen der Selbstgeltung "Giovanni", "Figaro", "Traviata" auswendig kennen und dabei doch gar keine Ahnung davon haben, was in den Stücken vorgeht. Ich liebe Leute, die ein Werk nicht kennen, aber bei einer guten Aufführung in der Lage sind, dieses Werk kennenzulernen.
SPIEGEL: Warum inszenieren Sie, wenn Sie das breite Publikum erfassen wollen, keine Opern im Fernsehen?
FELSENSTEIN: Ich komme aus dem Ost-Berliner Fernsehatelier nach Stuttgart. Ich habe Janáceks "Schlaues Füchslein" inszeniert.
SPIEGEL: Ist das Ihre erste Fernsehinszenierung?
FELSENSTEIN: Ja.
SPIEGEL: Sind weitere vorgesehen?
FELSENSTEIN: Bis zur nächsten dauert es einige Zeit - so lange, bis die vielen technischen Zufälligkeiten ausgeschaltet sind.
SPIEGEL: DDR-Kritiker reklamieren Ihr "Musiktheater" stets für den "sozialistischen Realismus". Sind Sie damit einverstanden?
FELSENSTEIN: Mir ist keine umfassende Definition des Begriffes bekannt. Ich will nicht sagen, daß ich "sozialistischen Realismus" inszeniere. Aber meine Arbeit ist nicht konträr, da für mich äußerste Verständlichkeit auf der Bühne oberstes Gebot ist. Sozialistisch ist in meinen Augen beispielsweise, eine "Carmen"- oder "Zauberflöte"-Inszenierung nicht in einer Premiere und in ein paar weiteren Aufführungen möglichst gut zu halten, sondern in derselben Qualität mindestens in 100 bis 200 Aufführungen zu zeigen. Das heißt: Ich habe 200 000 Menschen mit einem Werk, das sie nicht kannten, bekannt gemacht.
SPIEGEL: Herr Felsenstein: Sie sind nach wie vor österreichischer Staatsbürger. Sie wohnen nach wie vor in West -Berlin und fahren zu Ihrer Arbeit nach Ost-Berlin. Das soll wohl so bleiben?
FELSENSTEIN: Ich nehme an; ich habe mich damit nicht befaßt.
Intendant Felsenstein
Katastrophal übersetzt

DER SPIEGEL 9/1965
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