03.03.1965

EUTHANASIEImmer mit Liebe

Die Anklagebank glich einem kleinbürgerlichen Kaffeekränzchen. Doch die 14 schlichtgekleideten Matronen klatschten nicht. Schluchzend duckten sie sich unter Blitzlichtfeuer und Scheinwerferglut. Sie sollen Beihilfe zum Mord geleistet haben.
Noch nie saßen so viele betagte und kränkelnde Frauen (Durchschnittsalter: 57) auf einmal vor einem deutschen Gericht wie in dem Euthanasie-Prozeß, der am Montag letzter Woche vor dem Münchner Schwurgericht begann. Sie waren alle Pflegerinnen in der Heil - und Pflegeanstalt Obrawalde/Meseritz (Brandenburg) gewesen, in der von Mitte 1942 bis Januar 1945 mindestens 8000 Insassen ermordet worden sind.
Ärzte suchten die Todeskandidaten aus, Pflegerinnen töteten nach Anweisung: durch Injektionen von Luft oder Morphin-Scopolamin, durch Einflößen von Barbitursäure-Präparaten und gelegentlich auch durch Klistiere.
Jetzt stehen die Pflegerinnen unter der Anklage, "bei der gemeinschaftlichen Tötung von Menschen, die heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen erfolgte, durch Tat Hilfe geleistet zu haben".
Hauptangeklagte sind
- die Abteilungsoberschwester Luise
Erdmann, 63, in 210 Fällen;
- die Forstarbeiterin Margarete Tunkowski, 54, in 200 Fällen;
- die Krankenschwester Erna Elgert,
58, in 200 Fällen;
- die Krankenschwester Martha Winter, 56, in 150 Fällen.
Die Anzahl der Mordbeihilfen, die den übrigen Angeklagten angelastet werden, liegt jeweils unter 50; bei drei Angeklagten ist es nur ein Fall.
Alle Frauen gaben vor Gericht mehr oder weniger umwunden zu, an den Morden beteiligt gewesen zu sein. Alle bestritten, was die Staatsanwaltschaft behauptet: aus nationalsozialistischen Motiven die Kranken als "unnütze Fresser" angesehen und deshalb getötet zu haben. Und sie verwahrten sich gegen den Vorwurf der Heimtücke, die der Staatsanwalt darin sah, daß sie die Opfer durch "Vorspiegelung einer Heilbehandlung ... zur widerstandslosen Einnahme des Giftes bewogen" hätten.
Die Angeklagte Tunkowski beispielsweise bestand darauf, den Kranken allein aus Mitgefühl zugeredet zu haben, die "Arznei" zu trinken: "Sie sollten doch nicht merken, daß sie sterben mußten ... Ich habe meinen Dienst an diesen Kranken immer mit Liebe und besonderer Geduld versehen."
Warum aber ihre "mit Liebe und besonderer Geduld" umhegten Kranken sterben mußten, diese Frage haben sich die Angeklagten damals nicht gestellt: Was sie taten, so erläuterten sie vor
Gericht bekümmert und glaubwürdig, hielten sie für ihre Pflicht. Und ihr zu gehorchen, war ihnen, die fast alle aus sozial dürftigem pommerschem Landmilieu ins Beamtenverhältnis aufgestiegen waren, nach Herkunft und Erziehung selbstverständlich. Ärzte wie Regime galten ihnen als unantastbare Autoritäten.
Bezeichnend für diese Einstellung ist ein bei den Akten liegendes Nachkriegs -Führungszeugnis der Angeklagten Luise Erdmann, in dem ihr ein bayrischer Chefarzt "fast unterwürfige Haltung" attestiert und einen "Subordinationsgeist, wie er bei manchen Schwestern, die aus nördlichem Milieu kommen, auffällt".
Bezeichnend sind auch die Antworten, die den Schwestern heute, vor Gericht, auf die Frage nach dem Warum einfallen:
- "Wir mußten uns dem Gesetz und
den Anordnungen der Ärzte beugen."
- "Wir Krankenpflegerinnen hatten gehorsam zu sein. So sind wir angelernt worden."
- "Wenn das ungesetzlich gewesen wäre, hätte das in einem staatlichen Heim doch nicht passieren können. Dann wäre doch die Polizei gekommen."
- "Als Beamtin hatte ich einen Treueid auf Adolf Hitler geschworen."
Die Tatsache, daß die seinerzeit zu blindem Gehorsam erzogenen 14 Frauen zwar heute ihre Taten bereuen, offenkundig aber außerstande sind, das vom Staatsanwalt unterstellte Unrechtsbewußtsein zu entwickeln, bewog die Verteidiger schon am zweiten Verhandlungstag zu gemeinschaftlicher Aktion.
Sie beantragten, den Professor Helmut Erhardt von der Universität Marburg zu laden. Er soll als Zeuge über jene Tagung aussagen, zu der im April 1941 alle deutschen Gerichtspräsidenten und Generalstaatsanwälte nach Berlin zitiert worden waren, um dort Referate über die Notwendigkeit der Ausmerzung "lebensunwerten Lebens" anzuhören. Die Tagung endete, ohne daß einer der Anwesenden Widerspruch gegen die Tötungs-Thesen erhoben hätte.
"Wenn", so folgerte der Sprecher der Anwälte, "damals schon die Juristen in den höchsten Positionen keinen Widerspruch erhoben, wie soll man dann von diesen biederen Frauen, die alle nur eine einfache Volksschulbildung haben, verlangen können, daß sie die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen abzuwägen vermochten."
Tatsächlich ist allen Staatsanwälten diese Berliner Tagung spätestens seit dem Grafeneck-Prozeß bekannt, der im Sommer 1949 als eines der ersten Euthanasie-Verfahren in Tübingen stattfand.
Dort war neben anderen der Krankenpfleger Heinrich Unverhau aus Neuruppin des gleichen Delikts angeklagt wie die 14 Frauen in München. Und der Staatsanwalt, der gegen ihn dreieinviertel Jahre Zuchthaus beantragte, führte aus, was jetzt auch in München anklang: Der Angeklagte hätte sich straflos weigern und einfach aus Grafeneck "abhauen" können.
Damals schrieb der Justiz-Schriftsteller Gerhart Herrmann Mostar: "Ja, du lieber Himmel: warum sind denn der Staatsanwalt von Ulm und der Generalstaatsanwalt von Stuttgart nicht
abgehauen ...? Oder warum haben sie denn dann nicht Anzeige wegen Massenmordes erstattet, wie es ihre gesetzliche Pflicht gewesen wäre?"
Und Unverhaus Verteidiger, der Rechtsanwalt Dr. Falk, wurde in seinem Plädoyer noch massiver: "Wehe der Rechtsordnung, die den kleinen Mann für das bestraft, was die berufenen Wahrer dieser Rechtsordnung zu tun versäumten!"
Der Krankenpfleger Unverhau wurde freigesprochen.
Ob das Münchner Schwurgericht das Unverhau-Urteil als Präzedenzfall anerkennen und die 14 Pflegerinnen gleichfalls freisprechen wird, ist jetzt, zu Beginn des auf drei Wochen veranschlagten Verfahrens, noch ungewiß.
Immerhin bestätigte Vorsitzender Thomas den Verteidigern, die Juristen -Tagung von 1941 sei "gerichtsbekannt". Und er gab überdies zu verstehen, daß ihm die Problematik der Mordanklage gegen extrem autoritätshörige, dabei unübersehbar gutherzige Todesgehilfinnen durchaus gegenwärtig ist.
Richter Thomas zu den Angeklagten: "Das ist ja gerade das Sonderbare an diesem Fall, mit dem wir alle ringen müssen, daß Sie als Schwestern den Patienten helfen wollten und doch diese Dinge getan haben."
Angeklagte Pflegerinnen im Münchner Euthanasie-Prozeß: Tod im Klistier

DER SPIEGEL 10/1965
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