03.03.1965

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

2. Fortsetzung
Als die Weltöffentlichkeit am 9. Juli
1933 von dem zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl paraphierten Konkordat erfuhr, betrachtete man dieses Ereignis allgemein als einen großen diplomatischen Sieg Hitlers.
Man hätte aber den Vertrag ebensogut als eine bedeutende Leistung des päpstlichen Staatssekretärs Eugenio Pacelli ansehen können; denn er hatte seit seiner Ernennung zum päpstlichen Nuntius für Deutschland im Jahre 1920 darauf hingearbeitet.
Durch die politischen Umwälzungen von 1918 und durch die neuen Reichs- und Länderverfassungen von 1919 schien eine formelle Neuregelung der Beziehungen von Kirche und Staat unvermeidbar. Die offenen Fragen, wie etwa der staatlichen Subventionen an die Kirche, des legalen Status der Geistlichkeit, der Ernennung von Bischöfen, der Unterstützung von konfessionellen Schulen und des Religionsunterrichts in staatlichen Schulen, forderten eine Entscheidung.
Die Reichsregierung selbst war an freundlichen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl aus außenpolitischen Gründen interessiert. Sie trachtete danach, die Neueinteilung der Diözesangrenzen für das vorwiegend katholische Saargebiet und für die abgetretenen deutschen Ostgebiete (Danzig und Oberschlesien) zu verhüten. Eine solche Reorganisation der betreffenden Diözesen hätte die französischen und polnischen Ansprüche gefestigt und die mögliche Rückgliederung dieser Gebiete an Deutschland gefährdet.
Konkordatsverhandlungen fanden von 1919 bis 1922 statt; und später streckten die deutsche Regierung und der Vatikan in regelmäßigen Abständen erneut ihre Fühler aus.
Die Verhandlungen blieben hauptsächlich deswegen erfolglos, weil im Reichstag und auch im Reichsrat (der Ländervertretung in der Weimarer Republik) eine nichtkatholische Mehrheit bestand; diese widersetzte sich aus verschiedenen Gründen einem formellen Vertrag mit dem Vatikan. Die extreme Linke und die extreme Rechte, Liberale und Sozialisten und auch die protestantischen Kirchen - sie waren alle nicht bereit, die erforderlichen Konzessionen zu machen, vor allem nicht in der Schulfrage.
Statt dessen mußte sich der Heilige Stuhl damit begnügen, Konkordate mit drei Ländern abzuschließen, nämlich mit Bayern (1924), Preußen (1929) und Baden (1932), in denen die große Mehrheit der deutschen Katholiken lebte.
Nach dem 30. Januar 1933 aber waren die politischen Realitäten einem radikalen Wandel unterworfen, der in den Artikeln des Ermächtigungsgesetzes vom 23. März seinen Höhepunkt fand.
Am 5. April schrieb Ministerialrat Fritz Menshausen; der Vatikanreferent des Auswärtigen Amts, in einem Memorandum: "Durch die neue Zusammensetzung des Reichstags und insbesondere durch das, inzwischen verabschiedete Ermächtigungsgesetz hat sich die Lage völlig verändert. Es hat sich die Möglichkeit ergeben, den Wünschen des Heiligen Stuhls auch ohne Zuziehung des Reichstags in vollem Maße zu entsprechen."
Zwei Tage später, am 7. April, teilte Vizekanzler Papen Menshausen mit, daß er bei seinem bevorstehenden Besuch in Rom dem Vatikan vorschlagen werde, ein Konkordat abzuschließen.
Unser Wissen darüber, wer als erster das Konkordat angeboten hat, ist fragmentarisch. Papen, ein Mann, der nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt ist, hat immer behauptet, daß es ausschließlich seine Idee gewesen sei.
In seinen nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichten Memoiren berichtet er, daß er Anfang 1933 über den Antiklerikalismus des radikalen Flügels der NSDAP sehr besorgt gewesen sei. Selbst Hitlers Versicherung friedlicher Absichten gegenüber der Kirche, schrieb er, konnten seine Befürchtungen nicht zurückdrängen. "Ich beschloß daher, Ostern nach Rom zu fahren, um die Möglichkeiten für den Abschluß eines umfassenden Vertrages zu prüfen."
Auch Pater Leiber, damals Privatsekretär des Kardinals Pacelli, berichtet, die Initiative für das Konkordat von 1933 sei von der deutschen Regierung ausgegangen, deren Sprecher Papen war. Der päpstliche Staatssekretär hätte 1933 einen bloßen Modus vivendi vorgezogen, der die Gültigkeit der Länderkonkordate für die Zukunft garantierte. Ja Pacelli stellte, wie Pater Leiber sich erinnert, zimlich weitgehende Forderungen, um das Reich von seinem Wunsch nach einem Konkordat abzubringen.
Aber die Version des Vatikans läßt die Frage offen, ob von Papen nur Sprecher der Regierung oder auch Urheber des Plans war. Das Auswärtige Amt war von der Absicht Papens, nach Rom zu fahren, schon vor dessen Abreise am 7. April unterrichtet. Wie wurden Papens Pläne dem Auswärtigen Amt bekannt? War Hitler informiert? Wie paßt Görings Anwesenheit in Rom in dieses Bild?
Papens eigenes Zeugnis über die Kette der Ereignisse ist unklar, wenn nicht widersprüchlich. Aus seinen Memoiren muß man entnehmen, daß er Hitlers Zustimmung zu den Verhandlungen für einen Vertrag mit dem Vatikan erst nach seiner Rückkehr aus Rom einholte. Aber aus einem Brief Papens
an den deutschen Vatikan-Botschafter von Bergen im Jahr 1934 geht hervor, daß er seine Gedanken über ein Konkordat mit Hitler unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 erörterte.
Und 1949 erklärte er vor einem deutschen Entnazifizierungsgericht, daß er Hitler im April 1933 vorgeschlagen habe, die Rechte der beiden christlichen Konfessionen durch Verträge sicherzustellen: "Er war damit einverstanden. Ich bin in seinem Auftrage nach Rom gefahren."
Schließlich bemerkte Papen 1956 in einer Zeugenaussage, daß es Reichspräsident Hindenburg gewesen sei, der ihm den offiziellen Auftrag erteilt habe. Verträge zum Schutz der christlichen Kirchen vorzubereiten. Daraus schloß man, Hindenburg und nicht Hitler, habe Papen nach Rom geschickt.
All diese Vermutungen übergehen eine Person, die sehr wohl die entscheidende Rolle gespielt haben kann: Monsignore Kaas.
Viele Jahre lang diente Ludwig Kaas als ein wertvoller und vertrauenswürdiger Mittelsmann zwischen der deutschen Regierung und dem Vatikan. Kaas war mit Pacelli seit 1925 eng befreundet, als er von Kardinal Bertram zum Berater des Nuntius in Berlin ernannt wurde. Der Prälat, seit Dezember 1928 Vorsitzender der Zentrumspartei, hatte eine wichtige Rolle beim Abschluß der
Konkordate mit Preußen und Baden gespielt.
Anfang 1933 sollte er eigentlich nach Rom reisen, um höchst geheime Gespräche mit Pacelli über die Zustände in Eupen und Malmedy zu führen; dieser Besuch wurde wegen der unsicheren politischen Situation in Berlin verschoben und fand erst am 24. März statt;
Bei dieser Gelegenheit wird Kaas vermutlich wohl auch die alte Frage eines Konkordats angeschnitten haben. Aber bevor all diese Angelegenheiten geklärt werden konnten, wurde Kaas zu Besprechungen mit Hitler zurückgerufen. Am 31. März war er wieder in Berlin.
Während des Aufenthalts von Kaas in Rom hatten die deutschen Bischöfe ihr Verbot der. Zugehörigkeit zur NSDAP widerrufen. Am 2. April, nach einer Besprechung von mehreren Zentrumsführern mit Hitler, Frick und Lammers (dem Staatssekretär in der Reichskanzlei) über die laufenden Entlassungen katholischer Staatsbeamter, hatte Kaas eine private Unterredung mit Hitler.
Am 7. April verließ er Berlin - ob von sich aus oder von anderer Seite dazu veranlaßt, ist schwer zu sagen. Am folgenden Morgen traf er Papen in München, und sie reisten zusammen nach Rom. Dort nahm er aktiv an den Konkordatsbesprechungen teil.
Keine der bis jetzt erwähnten Informationen beweist letztlich, daß Kaas die Papen-Reise nach Rom veranlaßte. Doch nach allem, was bekannt ist, scheint es mehr als wahrscheinlich, daß Kaas Hitler auf die Bereitschaft des Heiligen Stuhls, ein Konkordat abzuschließen, aufmerksam gemacht hat.
Es ist unwahrscheinlich, daß Papen seine Reise nach Rom in der Osterzeit angetreten hätte, ohne wenigstens eine Andeutung erhalten zu haben, ob der Vorschlag eines Konkordats eine freundliche Aufnahme finden werde.
Wenn man versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren, ergibt sich folgender Ablauf:
Am 25. Februar 1933 war beschlossen worden, ein Memorandum Kardinal Pacellis vom Oktober 1932 (über die Bedingungen des Vatikans für den Abschluß eines Reichskonkordats) in zwei getrennten Noten zu beantworten, die - wie Vatikanreferent Menshausen skizziert hatte - die meisten Forderungen der Kurie als politisch unrealisierbar zurückweisen sollten. Diese Noten wurden nie abgeschickt, obwohl Kaas offensichtlich durch Menshausen von ihrem Inhalt unterrichtet worden war und sie vermutlich mit Pacelli während seines Rom-Besuches in der letzten Märzwoche diskutiert hatte.
Nach seiner Rückkehr aus dem Vatikan, oder spätestens am 2. April, machte Kaas Hitler auf diese Vorverhandlungen aufmerksam und berichtete ihm von der Bereitschaft des Heiligen Stuhls, eine Vereinbarung auf der Basis von Pacellis Note zu unterzeichnen.
Es kann auch sein, daß Botschafter Bergen Hitler davon unterrichtete, als er Ende März aus dem Vatikan nach Berlin zurückkehrte und von Hindenburg wie auch von Hitler am 30. März empfangen wurde.
Da der Widerstand des Reichstags durch die Wahlen am 5. März und die Annahme des Ermächtigungsgesetzes vom 23. März ausgeschaltet worden war, entschloß sich Hitler, die Möglichkeit eines Konkordats mit Rom zu prüfen.
Auf der Kabinettssitzung am 7. März hatte er schon davon gesprochen, wie wichtig es sei, die Kurie zu bewegen, beide katholischen Parteien fallenzulassen. Ein solcher Vertrag mit dem geistlichen Mittelpunkt des Weltkatholizismus, so glaubte er, würde außer den Vorteilen für die innerdeutsche Situation zweifellos das Prestige des NS-Regimes in der Welt beträchtlich erhöhen.
Darum befahl er Papen nach Rom zu fahren, und veranlaßte er das Auswärtige Amt, sich mit dem Vizekanzler vor dessen Abreise in Verbindung zu setzen und ihn mit den Ergebnissen
früherer Verhandlungen gründlicher vertraut zu machen.
Daß bei dieser Mission die Wahl auf den Katholiken Papen fallen würde, war naheliegend. Es ist auch möglich, daß Papen bei Hitler bereits sein Interesse für eine Annäherung zwischen dem Nationalsozialismus und dem Heiligen Stuhl angemeldet hatte.
Um den guten Willen und die Aufrichtigkeit der neuen Regierung zu unterstreichen, schickte Hitler auch Hermann Göring nach Rom, Minister ohne Geschäftsbereich und wichtiger Würdenträger der Partei, der 1931 in einer Friedensmission im Vatikan gewesen war. Da das gesamte Unternehmen geheimgehalten werden sollte, traf sich Papen mit Kaas erst in München, während Unterhändler Göring direkt nach Rom flog.
Das Tagebuch von Kaas gibt uns einen ziemlich detaillierten Bericht über das Informationsgespräch zwischen dem Prälaten und Papen während ihrer gemeinsamen Reise von München nach Rom.
Als sie auf Hitlers Rede vom 23. März zu sprechen kamen, sagte Kaas (laut seinem Tagebuch) zu Papen: "Ich könne mich sowohl im nationalen Interesse als auch vom Standpunkt des deutschen Katholiken nur aufrichtig freuen, wenn auf dem durch diese Erklärungen beschrittenen Wege weitergegangen werde. Nichts könne zu einer inneren Konsolidierung des autoritären Regimes mehr beitragen. Infolgedessen stellte ich mich auch aus innerer Überzeugung auf die Seite der positiven Mitarbeit."
In diesem Zusammenhang, so schreibt Kaas weiter, habe er besonders die konfessionellen Schulen und die katholischen Organisationen erwähnt, deren Zukunft noch unbestimmt sei. Papen erwiderte, all diese Probleme könnten durch ein Konkordat zwischen dem Reich und dem Heiligen Stuhl gelöst werden.
Als Konzession an die Gegenseite, fuhr Papen fort, müsse man hauptsächlich an "eine weitgehende Entpolitisierung des Klerus" denken. Wenn erst einmal die Interessen der Kirche hinreichend geschützt seien, dann solle die Zentrumspartei, für die diese Aufgabe ja dann wegfalle, eine rein politische Partei werden, die sich, genau wie alle anderen politischen Gruppen, um die Sympathie der Katholiken bemühen müsse.
Kaas schreibt hier: "Ich habe diesem Gedankengang Grundsätzlich nicht widersprochen, sondern vor allem darauf hingewiesen, daß zunächst einmal der Nachweis für die Schaffung hinreichender kulturpolitischer Garantien (für die Katholiken) erbracht sein müsse. Wenn letzteres der Fall sei, werde ich wahrhaftig nicht kleinlich sein."
Papens Wunsch, sich an der Zentrumspartei zu rächen, überrascht nicht. Seit Juni 1932 hatte er nicht aufgehört, eifrig nach einer solchen Gelegenheit zu suchen.
Er war damals praktisch aus der Partei "herausgestimmt" worden, und im September desselben Jahres hatten die Abgeordneten der Zentrumspartei im Reichstag dem von den Kommunisten unterstützten Mißtrauensvotum gegen Papens Regierung zugestimmt.
Aber daß Monsignore Kaas, vor zwei Tagen noch geschätzter Führer der Zentrumspartei, so bereitwillig Papens Meinung über die "Entpolitisierung der Geistlichkeit" teilte, ist weniger verständlich. Wahrscheinlich läßt es sich dadurch erklären, daß Kaas sich stark auf den Schutz der kirchlichen Interessen im Bereich von Erziehung und Religion konzentrierte. Dafür war er bereit, einen Preis zu zahlen.
Auch war ihm zweifellos während seines März-Besuches im Vatikan mitgeteilt worden, was sehr bald ein offenes Geheimnis wurde: daß auch die Kurie die deutschen katholischen Parteien für entbehrlich hielt.
Es hatte schon immer eine gewisse Spannung zwischen der Zentrumspartei und dem Heiligen Stuhl bestanden. Ähnlich wie im Fall der von Don Sturzo geführten "Popolari" (der katholischen Volkspartei) in Italien, waren der Kurie die eigentlich politischen Verpflichtungen der Partei stets verdächtig erschienen. Die Kurie hatte die Zentrumspartei unterstützt, solange die Partei als Bollwerk für die kirchlichen Forderungen im Bereich der Erziehungs-, Ehe- und Scheidungsgesetzgebung in Deutschland diente.
Der erfolgreiche Abschluß des Konkordats mit Mussolini* hatte den Vatikan in der Ansicht bestärkt, daß ein Konkordat eine weit bessere Lösung für die Beziehungen mit Hitler sei, als daß man sich auf katholische politische Parteien verlasse. Schließlich konnte die Partei, seitdem der Reichstag durch das Ermächtigungsgesetz funktionsunfähig gemacht worden war, der Kirche kaum noch nützen.
Nach der Ankunft der beiden Deutschen in Rom am 9. April 1933 wurde Monsignore Kaas als erster von Kardinal Pacelli empfangen.
Der Heilige Vater, so schreibt Papen in seinen Memoiren, bemerkte, "wie beglückt er sei, in Hitler eine Persönlichkeit an der Spitze der deutschen Regierung zu sehen, die den kompromißlosen Kampf gegen Kommunismus und Nihilismus auf ihre Fahne geschrieben habe".
Der bayrische Gesandte beim Heiligen Stuhl berichtete zwei Tage später, der Papst habe von den beiden deutschen Staatsmännern einen guten Eindruck bekommen und er sei jetzt wegen mancher Dinge erleichtert.
Am 15. April trafen sich Papen und Kaas bei Kardinal Pacelli; und Kaas wurde gebeten, den Entwurf eines Konkordats vorzubereiten. Kaas erwähnt in seinem Tagebuch, er habe unter anderem auch den Artikel für die Entpolitisierung der Geistlichkeit entworfen.
Weitere Gespräche zwischen Kaas und Pacelli fanden an den folgenden beiden Tagen statt, und am 18. April hatte der päpstliche Staatssekretär eine lange Unterredung mit Papst Pius XI. über das Konkordat. Am Abend des 18. April fuhr Papen nach Berlin zurück.
Von diesem Zeitpunkt an geben die Akten des deutschen Auswärtigen Amts ein ziemlich vollständiges Bild von den bevorstehenden Verhandlungen. Sie wurden hauptsächlich von Monsignore Kaas geführt, der in Briefkontakt mit Papen in Berlin stand und laufend mit Botschafter Bergen in Rom Verbindung hatte.
Der Artikel 31 über die politische Rolle der Geistlichen wurde bald zum Zankapfel, und der Vatikan entschloß sich schließlich, diesen Punkt und auch die übrigen Punkte des Vertragsentwurfes zunächst mit den deutschen Bischöfen zu beraten, bevor er sich festlegte.
Papen zeigte sich ungeduldig, als er von dieser Verzögerung erfuhr. Wie Papen vorausgesehen hatte, akzeptierten die Bischöfe den Regierungsentwurf des Artikels 31 nicht, aber Kardinal Faulhaber unterrichtete anschließend den Vizekanzler, "daß man das Zustandekommen des Konkordats daran keinesfalls scheitern lassen wolle".
"Um zu vermeiden, daß Kaas öffentlich im Zusammenhang mit unseren Verhandlungen erscheint", schlug Faulhaber außerdem vor, daß ein Mitglied des Episkopats nach Rom reisen solle, um offiziell an den Schlußverhandlungen teilzunehmen. Er nannte Bischof Preysing von Eichstätt für diese Aufgabe, aber Papen schlug Erzbischof Gröber von Freiburg vor und setzte seinen Vorschlag auch durch.
Am 16. Juni unterrichtete Papen den Botschafter Bergen, daß Hitler damit einverstanden sei, wenn er (Papen) nach Rom gehe, um die Verhandlungen persönlich zu Ende zu führen. "Meine Reise hat aber nur dann einen Zweck, wenn seitens Vatikan unseren Wünschen Artikel 31 Genüge geleistet wird."
Als der Vizekanzler in Begleitung von Botschafter Bergen Kardinal Pacelli am Abend des 29. Juni 1933 aufsuchte, fand er den päpstlichen Staatssekretär sichtlich beunruhigt über die letzten Berichte aus Deutschland.
Der Gesellentag des Kolpingvereins vom 8. bis 10. Juni war in München gewaltsam auseinandergetrieben worden. Der Kongreß christlicher Gewerkschaften wurde am 24. Juni aufgelöst. Am 23. Juni forderte Goebbels unter Gewaltandrohung die Auflösung der Zentrumspartei.
Besonders in Bayern war eine große Anzahl von Priestern festgenommen worden; viele hatte man mißhandelt. Die Büros katholischer Organisationen waren durchsucht und deren Eigentum beschlagnahmt worden. Kardinal Faulhaber klagte am 5. Juli, daß fast 100 Priester in den letzten Wochen verhaftet worden seien.
Der Nazi-Terror gegen die deutschen Katholiken blieb in der europäischen Presse nicht unerwähnt, doch Papen versuchte, Pacelli zu überzeugen, die Angriffe der ausländischen Presse seien Teil eines Planes der feindlichen Mächte, den Vatikan vom Abschluß eines Vertrages mit Deutschland abzubringen.
Bergen telegraphierte an das Auswärtige Amt: "Vizekanzler gab ein anschauliches Bild der Entwicklung und der Gründe, weshalb Nationalsozialismus heute von ganzer Welt bekämpft werde. Er aufforderte Kardinalstaatssekretär durch schnellen Abschluß Konkordats zur allgemeinen Befriedung mit beizutragen."
Innerhalb der nächsten drei Tage wurden in den Verhandlungen, die im Schatten der Nachrichten aus Deutschland standen, alle früheren Schwierigkeiten gelöst. Endgültige Einigung erzielte man am Abend des 2. Juli.
Bergen lobte in einem Brief an Reichsaußenminister von Neurath die Verhandlungspartner: "Herr von Papen hat die Verhandlungen mit Geschick und Verve geführt; die Erledigung offizieller Konkordatsverhandlungen in vier Sitzungen ist ein Rekord und Novum; ohne die ausgezeichnete Vorarbeit des Prälaten Kaas wäre dies nicht zu erzielen gewesen."
Papen schickte den allerseits gebilligten Konkordatstext nach Berlin, um Hitlers Zustimmung einzuholen. In einem Begleitschreiben erläuterte 'der Vizekanzler die wichtigsten Abänderungen.
Der umstrittene Artikel 31 war jetzt Artikel 32 geworden. Man hatte sich dazu entschlossen, wie Botschafter Bergen es in seinem Bericht an Neurath einen Tag später ausdrückte, "um die Diskussion über die für den Vatikan sehr peinliche Frage der Entpolitisierung der Geistlichkeit an die letzte Stelle zu bringen und die Kurie vor die schwierige Entscheidung zu stellen, ob sie es würde verantworten können, alle in den früheren Artikeln mühsam erreichten Zugeständnisse allein wegen des Art. 32 zu opfern". Der Artikel 31 regelte nun die Tätigkeit verschiedener katholischer Organisationen.
Über Artikel 32 schrieb Papen an Hitler: "Artikel 32 endlich bringt die Lösung, die Sie, Herr Reichskanzler, gewünscht haben, indem der Heilige Stuhl Bestimmungen erläßt, welche für alle Mitglieder (des Klerus) und Ordensleute die Mitgliedschaft und die Tätigkeit in politischen Parteien ausschließen."
Den Zentrumsführern in Deutschland wurde nun klar, daß für ihre Partei das Ende gekommen war. Freund und Feind standen ihr jetzt gleichermaßen fern. Am 22. Juni wurde die Sozialdemokratische Partei geächtet, am 28. Juni löste sich die Deutsche Staatspartei auf, und einen Tag später trat der Führer der Deutschnationalen Volkspartei, Hugenberg, in dramatischer Weise von der Regierung zurück, während seine Gefolgsleute die Partei liquidierten.
Unter diesen Umständen erkannten auch Brüning und die anderen Führer des Zentrums, daß sie die Partei nicht mehr zusammenhalten konnten. Der
Nazi-Terror gegen den "politischen Katholizismus" hielt unvermindert an, während die Nachrichten aus Rom darauf hindeuteten, daß der Vatikan sich entschieden hatte, die katholischen Parteien fallenzulassen.
Am 29. Juni teilte Brüning dem britischen Botschafter in Berlin, Sir Horace Rumbold, mit, daß die Zentrumspartei sich wohl am nächsten Tag auflösen werde: Er könne nicht mehr mit der Unterstützung seiner eigenen Anhänger rechnen. "Er hatte auch Grund zu glauben, daß der Kardinalstaatssekretär der Zentrumspartei in ihrer gegenwärtigen Form feindlich gegenübersteht", berichtete der Diplomat.
Ob der Vatikan tatsächlich Druck auf die Zentrums-Führung ausübte, die Partei aufzulösen, läßt sich nicht feststellen. Pater Leiber bestreitet, daß der Vatikan die Zentrumspartei für das Konkordat geopfert habe, während der Politik-Wissenschaftler K. D. Bracher die Verhandlungen in Rom als "einen Dolchstoß in den Rücken" bezeichnet. Beides ist teilweise richtig.
Strenggenommen mag Leiber recht haben, denn die erzwungene Auflösung war ja schon im Gange, mit oder ohne Konkordat; sie hätte nur durch offene Herausforderung vermieden werden können. Aber die Kurie war sich über die Bedeutung des Artikels 32 klar und machte sicherlich keine großen Anstrengungen, die Partei zu retten.
Im Gegenteil, am 3. Juli konnte Papen an Neurath telegraphieren: "In Verhandlung, die ich heute abend mit Pacelli, Erzbischof Gröber und Kaas hatte, ergab sich, daß Auflösung Zentrumspartei mit Abschluß Konkordats hier als feststehend betrachtet und gebilligt wird. Erneut wird aber Abschluß abhängig gemacht von baldiger Erklärung Kanzlers, daß damit endgültig Friede hergestellt und Übergriffe untergeordneter Stellen revidiert werden. Eine solche Erklärung würde auch der Zentrumspartei ihren Entschluß psychologisch erleichtern."
Hitler bevollmächtigte Papen in einem Telephongespräch am 1. Juli, Pacelli mitzuteilen, daß er nach dem Konkordatsabschluß "für eine durchgreifende und volle Befriedung zwischen dem katholischen Volksteil und der Reichsregierung oder den Länderregierungen" sorgen wolle.
Papen übermittelte dieses Versprechen; daraufhin stimmte Pacelli dem Konkordat zu, einschließlich Artikel 32.
Obwohl Papen während der Verhandlungen nie ausdrücklich die Auflösung der katholischen Parteien gefordert hatte, bestand wenig Zweifel, daß er und Hitler genau dies beabsichtigten.
Am 2. oder 3. Juli sprach Kaas vom Vatikan aus telephonisch mit dem Zentrumsführer Joseph Joos und fragte ihn ungeduldig: "Habt ihr euch noch nicht aufgelöst?" Die Bayerische Volkspartei löste sich am 4. Juli auf, die Zentrumspartei veröffentlichte ihren Auflösungsbeschluß am späten Abend des 5. Juli.
Die Verhandlungen über das Konkordat befanden sich nun in ihrer Endphase. In einer Reihe von Sitzungen am 4. und 5. Juli prüfte Hitler zusammen mit Neurath, Frick, Graf Schwerin von Krosigk (Finanzminister) und Gürtner (Justizminister) den Vertragsentwurf, und man nahm einige Änderungen vor:
Die meisten von Neurath eingetragenen Änderungen resultierten aus Vorschlägen von Rudolf Buttmann, dem Leiter der Abteilung Kulturpolitik im Innenministerium, die dieser in großer Eile auf Anordnung Hitlers in einem Memorandum ausgearbeitet hatte. Buttmann wurde dann nach Rom geschickt, um den Vatikan zu bewegen, die Änderungen zu akzeptieren, aber er war nicht in allen Punkten erfolgreich.
Diese letzten Verhandlungen wurden wiederum von Papen, Pacelli, Kaas und Gröber geführt, Buttmann kam hinzu. Die Frage, welche katholischen Organisationen durch Artikel 31 geschützt werden sollten, verursachte eine lange Diskussion.
Schließlich beschloß man, einen Satz einzufügen, der besagte, daß die Reichsregierung und der deutsche Episkopat über diese Organisationen in "vereinbarlicher Abmachung" verfügen würden. Um vorzugreifen: Dieses Einverständnis wurde nie erreicht.
In den Abendstunden des 8. Juli telegraphierte Bergen an den Außenminister. "Konkordat ist heute abend sechs Uhr von Vizekanzler und Kardinalstaatssekretär paraphiert worden."
Papen erinnert sich, daß Goebbels, Heydrich und andere extrem antiklerikale Mitglieder der Partei bis zum letzten Augenblick mit aller Kraft gegen den Konkordatsabschluß protestierten und versuchten, das Abkommen durch Gewaltakte gegen den Klerus und die katholischen Organisationen zu sabotieren.
Es scheint, als habe Papen zu jener Zeit wirklich an die guten Absichten Hitlers geglaubt, denn in mehreren Briefen aus dem Vatikan flehte er den Kanzler an, dem Terror gegen die Katholiken, besonders in Bayern, Einhalt zu gebieten.
Da Hitler wartete, bis das Konkordat unterzeichnet war, ehe er tatsächlich den Gewaltakten Einhalt gebot, ist ein wirklich tiefer Bruch zwischen ihm und seinen radikalen Anhängern wegen der kirchlichen Angelegenheiten im Jahre 1933 ziemlich unwahrscheinlich.
In der Kabinettssitzung am 14. Juli berichtete Vizekanzler Papen über die erfolgreich verlaufenen Verhandlungen. Dann ergriff Hitler das Wort. Er wies eine Debatte über Einzelheiten zurück, hob den großen Erfolg hervor und die Bedeutung des Konkordats.
Der Kanzler sah, wie es in dem Protokoll über die Kabinettssitzung heißt, "3 große Vorteile":
- "daß der Vatikan überhaupt verhandelt habe, obwohl, besonders in Österreich, damit operiert würde, daß der deutsche Nationalsozialismus unchristlich und kirchenfeindlich wäre;
- "daß der Vatikan zur Herstellung
eines guten Verhältnisses zu diesem einen nationalen deutschen Staat bewogen werden konnte. Er, der Reichskanzler, hätte es noch vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten, daß die Kirche bereit sein würde, die Bischöfe auf diesen Staat zu verpflichten. Daß das nunmehr geschehen wäre, wäre zweifellos eine rückhaltlose Anerkennung des derzeitigen Regiments;
- "daß mit dem Konkordat sich die
Kirche aus dem Vereins- und Parteileben herauszöge, z. B. auch die christlichen Gewerkschaften fallenließe."
Am 20. Juli 1933 wurde das Konkordat im Vatikan in einer feierlichen Zeremonie von Papen und Pacelli offiziell unterzeichnet und besiegelt. Man tauschte Geschenke aus und gab seiner gegenseitigen Anerkennung und Freude Ausdruck. Die Aussöhnung zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl war nun Wirklichkeit geworden.
Es herrscht Übereinstimmung darüber, daß das Konkordat wesentlich dazu beigetragen habe, das Prestige des Hitler -Regimes in der Welt zu stärken.
Kardinal Faulhaber formulierte es in einer Predigt im Jahre 1937 so: "Zu einer Zeit, da die Oberhäupter der Weltreiche in kühler Reserve und mehr oder minder voll Mißtrauen dem neuen Deutschen Reich gegenüberstehen, hat die Katholische Kirche, die höchste sittliche Macht auf Erden, mit dem Konkordat der neuen deutschen Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen. Für das Ansehen der neuen Regierung im Ausland war das eine Tat von unschätzbarer Tragweite."
Das Konkordat war aber tatsächlich nicht der erste diplomatische Sieg Hitlers; ihm ging fünf Tage vorher der Vier-Mächte-Pakt mit Frankreich, Großbritannien und Italien voraus. Doch der Prestigegewinn durch das Konkordat war weitaus größer.
Es kann auch nicht abgestritten werden, daß das Konkordat der Kirche einen gewissen Nutzen brachte, denn es stellte eine rechtliche Basis her für Proteste gegen die feindseligen Maßnahmen des Regimes. Obgleich Geist und Buchstabe des Vertrages praktisch vom ersten Tage seines Abschlusses an von Hitler verletzt wurden, hatte doch die Kirche damit wenigstens eine Handhabe, sich gegen diese Verstöße durch legale Argumente zu wehren.
Doch diese Errungenschaft, dieser juristische Vorteil hatte auch Nachteile. In den Tagen der Verfolgung, die schon bald begannen, erwies sich das Konkordat als "eine Hemmung", wie der Historiker Gerhard Ritter bemerkt hat, weil die Katholiken "fürchten mußten, durch allzu öffentliche und allzu laute Proteste die Weitergeltung seiner Bestimmungen erst recht zu gefährden".
So war durch den Pakt mit Hitler eine Politik der Vorsicht geboten, wo eigentlich eine Politik der Härte erwünscht oder am Platze gewesen wäre. Ein offener Konflikt oder Bruch mit dem Regime mußte unter allen Umständen vermieden werden, denn beides hätte die noch respektierten Privilegien des Konkordats gefährdet.
Verschlimmert wurde die Situation noch dadurch, daß das Konkordat eigentlich gar kein Abschreckungsmittel gegen die nationalsozialistischen Angriffe darstellte. Gleichzeitig aber erstickte es schon im Keim jeden latent vorhandenen katholischen Widerstand gegen das Regime Hitlers.
Zweifellos waren nur wenige Katholiken zum Kampf gegen das Regime bereit. Hätte sich der Vatikan geweigert, auf das deutsche Angebot einzugehen, so hätten die meisten Katholiken dies wahrscheinlich als unfreundlichen Akt gegen ihr Land aufgefaßt und als unrealistischen Standpunkt mißbilligt, der die erwünschte Aussöhnung mit Hitlers Regime verhindere.
"Die Kapitulation vollzogen nicht", wie der linkskatholische Publizist Carl Amery scharf bemerkte, "in erster Linie die Bischöfe oder die Zentrumsprälaten oder die Monsignori, sondern das juste milieu des deutschen Katholizismus."
Kein Führer, Laie oder Kleriker, kann den generell akzeptierten Werten und Denkweisen in einer von ihm geleiteten Gruppe lange entgegentreten, wenn er seine Führerstellung und seinen Einfluß aufrechterhalten will. Die Führerstellung des Heiligen Stuhls im Weltkatholizismus bildet keine Ausnahme dieser Regel.
Auch Pater Leibers Ansicht stimmt, nicht das Konkordat, sondern die Ja-Stimme der Zentrumspartei zum Ermächtigungsgesetz und die Friedenserklärung der deutschen Bischöfe vom 28. März hätten den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime von Anfang an unmöglich gemacht. Der Konkordatsabschluß, so bemerkt er richtig, ging völlig logisch aus diesen beiden Entscheidungen hervor.
Aber Leibers Argument hat zwei große Schwächen. Zunächst unterschätzt er den direkten oder indirekten Anteil des Vatikans an diesen beiden früheren Ereignissen. Zweitens bekommt er die sehr wichtige Motivkraft nicht in den Griff, die allen drei Versuchen, sich der im Werden begriffenen Diktatur anzupassen, gemeinsam ist, Alle drei Entscheidungen waren ein Versuch, einen Modus vivendi mit dem neuen Deutschland zu finden.
Die Bekanntgabe des Konkordatsabschlusses zwischen Deutschland und dem Vatikan löste eine neue Welle der Hoffnung im katholischen Lager aus, selbst bei denen, die über die Auflösung der katholischen Parteien nicht gerade glücklich waren.
Am 10. Juli 1933 sandte der Aachener Bischof Vogt ein Dank- und Glückwunschtelegramm an Adolf Hitler, in welchem er versprach: "Diözese und Bischof werden am Aufbau des neuen Reiches freudig mitarbeiten." Einen Tag später wurde der Osnabrücker Bischof Berning von Göring (seit dem 11. April preußischer Ministerpräsident) zum Mitglied im neuerrichteten preußischen Staatsrat ernannt.
Dieses Gremium besaß zwar keinerlei Machtbefugnis, aber die Tatsache, daß ein katholischer Bischof für ein Staatsamt mit beträchtlichem Prestige ernannt worden war und es auch akzeptiert hatte, ließ allgemein ein optimistisches Gefühl aufkommen. (Vor der Berliner Hedwigskirche versammelten sich sogar katholische SA-Männer zum Dankgottesdienst und sangen außer dem Tedeum das Horst-Wessel-Lied.)
Im Namen der Fuldaer Bischofskonferenz schickte Kardinal Bertram ein Anerkennungs- und Dankschreiben an Hitler, das weithin bekannt wurde:
Der katholische Episkopat habe seine "aufrichtige und freudige Bereitschaft ausgesprochen, nach bestem Können zusammenzuarbeiten mit der jetzt waltenden Regierung, die die Förderung von christlicher Volkserziehung, die Abwehr von Gottlosigkeit und Unsittlichkeit, den Opfersinn für das Gemeinwohl und den Schutz der Rechte der Kirche als Leitstern ihres Wirkens aufgestellt hat".
Auch Kardinal Faulhaber übersandte dem Kanzler einen handgeschriebenen Glückwunschbrief: "Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in 6 Monaten weltgeschichtlich verwirklicht. Für Deutschlands Ansehen nach Osten und Westen und vor der ganzen Welt bedeutet dieser Handschlag mit dem Papsttum, der größten sittlichen Macht der Weltgeschichte, eine von unermeßlichem Segen."
Den untergeordneten Dienststellen dagegen wünschte der Kardinal, daß sie bei der Durchführung des Reichskonkordats "nicht allzuweit hinter der staatsmännischen Größe des Führers" zurückblieben.
Zum Schluß bat er den Führer, diese große Stunde mit einer Amnestie zu krönen für alle, die sich nicht irgendwelcher Verbrechen, sondern ihrer politischen Überzeugung wegen in Schutzhaft befänden. Der Kardinal schloß sein Schreiben: "Uns kommt es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler."
Andere waren nicht weniger begeistert. Bischof Bornewasser sprach auf einer katholischen Jugendversammlung im Dom von Trier und erklärte: "Aufrechten Hauptes und festen Schrittes sind wir eingetreten in das neue Reich und sind bereit, ihm zu dienen mit dem Einsatz aller Kräfte unseres Leibes und unserer Seele."
Der Bischof und Vizekanzler Papen versicherten Hitler in einem gemeinsamen Telegramm anläßlich der feierlichen Ausstellung des Heiligen Rocks im Dom zu Trier am 24. Juli "unserer unverbrüchlichen Mitarbeit am Neuaufbau des Deutschen Reiches".
In einer Ansprache am 13. August an die zum Heiligen Rock pilgernden katholischen Gesellen bestätigte Generalsekretär Nattermann, daß Hitler und
Kolping, wenn dieser noch lebte, einander jetzt die Hände schütteln könnten.
Der Gesellenverein und die NSDAP, erklärte Nattermann, hätten das gleiche Ziel: dir Einheit des deutschen Volkes; und er wäre glücklich, wenn aus "treuen Kolpingsöhnen ebenso treue SA- und SS-Männer" würden.
Generalvikar Steinmann, der das Amt des erkrankten Berliner Bischofs Schreiber übernommen hatte, sagte vor einer Versammlung von mehreren tausend katholischen Jugendlichen: "Was wir alle ersehnt und erstrebt haben, ist Tatsache geworden: Wir haben ein Reich und einen Führer, und diesem Führer folgen wir treu und gewissenhaft ... Wir fragen nicht nach der Person, sondern wir wissen, daß derjenige, der an der Spitze steht, von Gott uns als Führer gesetzt ist."
Es ging noch weiter. Der "Völkische Beobachter" veröffentlichte ein Bild von Steinmann im Kreise mehrerer Geistlicher, der mit erhobenem rechten Arm den Hitlergruß der vorbeimarschierenden katholischen Jugendorganisationen erwidert.
Als eine deutsch-amerikanische Zeitschrift in New York, "Aurora und Christliche Woche", Steinmann deshalb vorwarf, er habe die Regierung Hitlers in einer unwürdigen Weise unterstützt, antwortete dieser in einem offenen Brief: Die deutschen Katholiken betrachteten die Hitler-Regierung in der Tat als eine gottgegebene Autorität; doch schuldeten sie ihr nicht nur darum Treue und Gehorsam, sondern weil diese Regierung den Bolschewismus besiegt, die atheistisch-marxistische Bewegung vernichtet und das deutsche Volk von der Plage der Schund- und Schmutzliteratur befreit habe.
Besonders zwei Bischöfe waren eifrig bestrebt, die Anerkennung des deutschen Katholizismus als vertrauenswürdigen Partner des neuen Staates herbeizuführen. Einer davon war Bischof Berning von Osnabrück, das von Göring ernannte Mitglied des Preußischen Staatsrats. Bei seiner Amtseinführung als Ratsmitglied erklärte Berning, daß die deutschen Bischöfe den neuen Staat nicht nur bejahten, sondern ihm "mit heißer Liebe und mit allen unseren Kräften" dienen wollten.
Der andere Bischof, der beim Hitler -Regime einen guten Namen hatte, war Erzbischof Gröber. Am 9. Oktober sprach Gröber auf einem katholischen Vereinstreffen in Karlsruhe und erklärte unter starkem Beifall, "daß sich der Erzbischof restlos hinter die Reichsregierung und das neue Reich stelle".
Kardinal Bertram hatte kurz zuvor in einem Brief an katholische Theologiestudenten geschrieben, keiner solle länger an der Aufrichtigkeit der Kirche zweifeln, wenn sie die neue Ordnung bejahe und sich dafür einsetze.
Auch diesmal formulierte der Episkopat, bis zu einem gewissen Grade natürlich, nur die schon weitverbreiteten Gefühle im deutschen Katholizismus, der sich nach dem erfolgreichen Konkordatsabschluß mit Rom in einem geradezu euphorischen Zustand befand. Dies war auch die Stunde der Opportunisten, die sich gegenseitig darin übertrafen, zahlreiche verwandte Wesenszüge zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus zu entdecken.
Der Kirchenhistoriker Professor Joseph Lortz sah grundsätzliche Ähnlichkeiten zwischen der nationalsozialistischen und katholischen Weltanschauung. Beide waren gegen Bolschewismus, Liberalismus, Relativismus, Atheismus und die öffentliche Unmoral, und beide traten sie für eine berufsständische Gesellschaftsordnung ein.
Lortz zufolge waren die deutschen Katholiken aufgrund ihres Gewissens verpflichtet, den Nationalsozialismus aus ganzem Herzen zu unterstützen, da er nicht nur die gesetzliche Obrigkeit verkörpere, sondern in hohem Maße Deutschland selbst.
Michael Schmaus, damals Professor für Dogmatik in Münster, erinnerte seine Leser daran, die deutschen Bischöfe hätten das Verbot der Zugehörigkeit zur NSDAP nicht aufgehoben, wären sie der Ansicht gewesen, daß die katholischen und nationalsozialistischen Ideen miteinander im Widerspruch stünden.
Während katholisches und liberales Denken, so Schmaus, niemals miteinander vereinbart werden könne, sollten und könnten der Katholizismus und der Nationalsozialismus Hand in Hand marschieren. Die Katholiken hätten schon immer das in Blut und Boden wurzelnde Schicksal des Volkes als eine Offenbarung der göttlichen Vorsehung angesehen.
Der weltberühmte Tübinger Theologe Karl Adam stellte fest, daß nicht nur zwischen dem Nationalsozialismus und dem Katholizismus kein Widerspruch bestünde, sondern daß sie zusammengehörten wie Natur und Gnade. In Adolf Hitler hätte Deutschland endlich einen wahren Volkskanzler gefunden:
"Und nunmehr steht er vor uns als der, den die Stimmen unserer Dichter und Weisen gerufen, als der Befreier des deutschen Genius, der die Binden von unseren Augen nahm und uns durch alle politischen; wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, konfessionellen Hüllen hindurch wieder das eine Wesenhafte sehen und lieben ließ: bluthafte Einheit, unser deutsches Selbst, den homo Germanus."
Es kann kaum bezweifelt werden, daß diese Aufrufe zur ideologischen Gleichschaltung es den deutschen Katholiken wesentlich erleichterten, den Nationalsozialismus zu bejahen.
Da prominente Männer wie Adam, Lortz und Schmaus sich der Linie des neuen Regimes und der Bewegung anschlossen, sagten sich viele Katholiken, daß der Nationalsozialismus trotz einiger unwesentlicher Fehler eigentlich gar nicht so schlecht sein könne.
Überdies erschienen alle diese Bücher mit Zustimmung der kirchlichen Autorität und trugen somit den Stempel der Rechtgläubigkeit.
Um die Jahreswende faßte die jesuitische Monatszeitschrift "Stimmen der Zeit" die Lage in einem Artikel zusammen. Das Hakenkreuz habe bewiesen, wie schöpferisch es sein könne:
"Die Person Hitlers selber ist zum Symbol des Glaubens der deutschen Nation an ihren Bestand und ihre Zukunft geworden." Der zügig erfolgte Konkordatsabschluß habe gezeigt, daß es zwischen dem Hakenkreuz und dem Kreuz Christi keine Feindschaft zu geben brauche. "Im Gegenteil: Das Zeichen der Natur findet Erfüllung und Vollzug erst im Zeichen der Gnade."
Generalvikar Mayer von Mainz - vor 1933 ein unüberhörbarer Gegner des Nationalsozialismus - bot nun an, für Peter Gemeinder, den 1931 gestorbenen Gauleiter von Hessen, ein kirchliches Begräbnis abzuhalten, das man ihm damals gemäß den geltenden Bestimmungen verweigert hatte.
Mayer schlug vor, das Grab noch nachträglich zu segnen und eine besondere Messe für die Seele des Verstorbenen zu lesen. Dazu wollte er die Ortsgruppe der NSDAP einladen.
Der Fall Gemeinder war seinerzeit eine Sensation gewesen; die Kirche wollte jetzt anscheinend alles wiedergutmachen. Aber die Nationalsozialisten lehnten das Friedensangebot ab. Gemeinders Witwe sagte, der Reichsstatthalter Sprenger habe ihr befohlen, die Zustimmung zu der geplanten Feier zu verweigern.
Diese kleine Episode charakterisiert besser als alles andere die Lage, in der sich die Kirche am Ende des ersten Jahres der nationalsozialistischen Herrschaft befand.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Hitler droht mit der Aufkündigung des Konkordats - Nazis ermorden katholische Führer - Der Vatikan torpediert einen Kompromiß mit Hitler - Die katholischen Organisationen werden liquidiert
Copyright: Verlag R. Piper & Co, -München.
* Zu den sogenannten Lateranverträgen vorn 11. Februar 1929, in denen Mussolini die weltliche Souveränität des Papstes über die vatikanische Stadt Rom anerkannte, gehörte auch ein Konkordat, das der Katholischen Kirche Italiens die Rolle einer Staatsreligion einräumte.
Generaivikar Steinmann (M.), Amtsbrüder*: "Dem Führer folgen wir treu und gewissenhaft"
Zentrums-Flugschrift (1933): Die Kurie verriet...
. . . die katholische Partei "VB"-Schlagzeile
Zentrums-Führer Kaas
Aus innerer Überzeugung...
Pater Leiber
... den Klerus entmündigt
Heiliger-Rock-Pilger von Papen (M)*: Aus treuen Kolpingsöhnen treue SS-Männer
Konkordat-Anhänger Neurath
Artikel 31 korrigiert
Konkordat-Gegner Heydrich
Abschluß sabotiert
Konkordats-Abschluß 1933 in Rom*: "Der Handschlag mit dem Papsttum ist eine Großtat von unermeßlichem Segen"
Bischof Berning
"Gott erhalte unserem Volk...
Kardinal Faulhaber
... unseren Reichskanzler"
Unterhändler Papen, Chef: Die Geistlichen entpolitisiert
Theologe Adam
"Katholizismus und Nazismus...
Kirchenhistoriker Lortz
... gehören zusammen ...
Theologe Schmaus
...wie Natur und Gnade"
Dankgottesdienst zum Konkordats-Abschluß*: Nach dem Tedeum das Horst-Wessel-Lied
* Mit Ministerialdirektor Klausener (1.) auf einem katholischen Jugendtreffen des Bistums Berlin im Sommer 1933:
* Auf dem Wege zum Dom In Trier zur Ausstellung des Heiligen Rocks, 24. Juli 1933.
* V. l.: Unterhändler Kaas, Papen, Pizzardo, Pacelli, Ottaviani, Buttmann, Montini (Paul VI.) und Klee.
* Vor der Hedwigskirche in Berlin.
Von Guenter Lewy

DER SPIEGEL 10/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Mit festem Schritt ins Neue Reich“

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter