03.03.1965

PFLICHT KAM VOR FREIHEIT

In einer Fußnote des SPIEGEL (8/1965) bin ich als ehemaliger "Rechtskatholik" bezeichnet, in der Nummer 9 als "Mitglied" der Organisation "Kreuz und Adler" genannt. War ich es - beides? Ein erklärendes Wort, ohne Selbstanklage und ohne falsche Verteidigung, scheint mir nützlich zu sein.
Das Wort "Rechtskatholiken" war meiner Erinnerung nach Anfang der dreißiger Jahre nicht gebräuchlich. Da ich von meiner Schulzeit an erklärter Pazifist und von meiner Studentenzeit an aktiver Verfechter der Arbeitnehmerinteressen war (schon damals, in München, gegen den Nationalsozialismus), hätte ich mich auch nicht dazugerechnet.
Aber, streng katholisch erzogen, war ich in vielem traditionell konservativ gesinnt. Das hieß im wesentlichen: für "Ordnung", für die Geltung der "ewigen Werte" in der Gesellschaft, für in erster Linie die "Pflicht", nicht die "Freiheit" (also auch gegen "Liberalismus" und "Marxismus").
Die "Ordnung" mußte nach dieser Generalauffassung vom Menschen
und von der Welt nicht gesucht, erarbeitet und jeweils hergestellt werden, sondern sie war vorgegeben, bleibend, man brauchte sie nur anzuwenden, man mußte sie, wenn sie gestört war, wieder herstellen. Auch ich war während meiner jungen Jahre teilweise in dieser Ideologie befangen. Ganz und gar, ja in vielem radikal sozialreformerisch orientiert, sah ich wegen des Denkens "in absoluten Werten" lange Zeit dennoch nicht, daß die gesellschaftlichen Kräfte und ihre konkreten Interessen in der Politik mindestens ebenso wichtig sind wie die Wertvorstellungen, die man verficht.
Ich habe angefangen, meine eigene Ideologie zu durchschauen, als ich in Italien 1926 den Korporativstaat des Faschismus studierte, und von 1927 an in Österreich während der immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen den Christlichsozialen einerseits, den Austromarxisten und dann den Nationalsozialisten andererseits.
Der "Christliche Ständestaat", den (der christlichsoziale österreichische Bundeskanzler) Engelbert Dollfuß - in Übereinstimmung mit Ideen der päpstlichen Sozialrundschreiben - ab 1932 vertrat, war nur eine notdürftige Plattform, um Bestand zu behalten. Wir hatten aber keine andere. Die Situation war so vertrackt wie prekär: Mussolini allein schützte damals Österreich. Er war es bekanntlich, der, als Dollfuß 1934 ermordet wurde, gegen einen Überfall Hitlers mehrere Divisionen am Brenner aufmarschieren ließ.
In jenen Jahren war ich für die christlichen Gewerkschaften in Wien tätig. Meine Aufgaben brachte es mit sich, daß ich wiederholt an Beratungen mit dem Bundeskanzler teilnahm. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland bat mich Dollfuß, der wußte, daß ich mit dem Katholischen Akademikerverband in guten Beziehungen stand, festzustellen, ob Aussicht bestand, daß die "Papen -Richtung" im Reich an Einfluß gewann.
Wir waren selbstverständlich daran interessiert, die Macht des Nationalsozialismus so begrenzt zu wissen wie nur möglich. In Österreich selbst gab es einige
prominente deutschgesinnte konservative Katholiken, die als Helfer von Wert sein konnten.
Ich fuhr Ende März 1933 nach Berlin und nahm insbesondere Kontakt mit dem damaligen Chefredakteur der "Germania", Emil Ritter. Nach Wien zurückgekehrt, wurde ich, meiner Erinnerung nach telephonisch, um meine Zustimmung zur Unterzeichnung eines Aufrufs für die neue Organisation "Kreuz und Adler" gebeten, und ich habe nicht nein gesagt.
Bald darauf, schon wenige Monate später, war es klar, daß für uns in Österreich die "Papen-Katholiken" keinerlei Verbesserung der Situation bedeuten konnten. Dollfuß ließ die wenigen illusionistischen "Sympathisierenden" in Wien unmißverständlich wissen, daß sich niemand weiter um Kontakte zu bemühen brauche.
Am schwierigen und harten Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus war ich von da an in zunehmendem Grade beteiligt. Schließlich kam mein Name auf die erste Verhaftungsliste, die die Gestapo mitbrachte, als die Wehrmacht am 12. 3. 1938 in Österreich einmarschierte.
Kogon
Von Eugen Kogon

DER SPIEGEL 10/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PFLICHT KAM VOR FREIHEIT