03.03.1965

„DIE KIRCHE IST WIE EINE RAFFINIERTE FRAU“

Der Führer des Dritten Reiches beschäftigte sich immer wieder mit dem katholischen Klerus, vor dessen vermeintlicher Schlauheit er seine Untergebenen warnte. Regierungsrat Picker, der "Hitlers Tischgespräche" festhielt, schrieb auf*:
Wie geschickt es die Kirche, insbesondere die Katholische Kirche, verstehe, sich beim Träger der politischen Macht ein harmloses Ansehen zu geben und sich einzuschmeicheln, das habe er, der Chef, beim ersten Besuch des Bischofs Bertram nach der Machtübernahme erlebt.
Bertram habe nämlich in seiner Ansprache in so feierlicher Weise demütige Grüße der Kirche überbracht, daß man, wenn man es nicht am eigenen Leibe erfahren hätte, hätte glauben können, es sei nie ein Nationalsozialist seiner Überzeugung wegen von der Kirche ausgeschlossen, verfolgt oder in seiner Totenruhe beeinträchtigt worden.
Mit solch einem demütigen Getue habe sich die Kirche stets in die Macht eingeschlichen und sich auch bei den deutschen Kaisern, von Karl dem Großen an, eingeschmeichelt.
Ihre Technik sei die Technik raffinierter Frauen, die sich zunächst brav stellten, um sich ein gewisses Vertrauen beim Manne zu schaffen, dann die Zügel allmählich anzögen und sie schließlich so straff in die Hand nähmen, daß der Mann ganz nach ihren Wünschen tanzen müsse.
Bei einigem diplomatischen Geschick brächten es solche Frauen ja bisweilen bei ihren Männern - ebenso wie die Katholische Kirche bei den deutschen Kaisern - sogar fertig, daß diese sich trotz des Nasenringes, an dem sie geführt würden, in ihrem Handeln als Subjekt und nicht als Objekt fühlten. Vor wenigen Tagen habe die Kirche ein neues Stückchen dieser Art zu entrieren versucht. Der Episkopat Böhmens und Mährens habe nämlich um die Erlaubnis nachgesucht, für SS-Obergruppenführer Heydrich ein Glockengeläut veranstalten und ein Requiem lesen zu dürfen.
Er habe den Herren aber bedeutet, daß es besser gewesen wäre, sie hätten beizeiten für die Erhaltung des Lebens des stellvertretenden Reichsprotektors gebetet. Man denke nur an die enge Zusammenarbeit der Kirche mit den Mördern Heydrichs.
Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche sei ein lehrreiches Beispiel dafür, wie Unvorsichtigkeiten eines Staatsmannes sich auf Jahrhunderte auswirken könnten.
Als Karl der Große Weihnachten 800 in der Peterskirche in Rom im Gebet gehockt habe, habe der Papst ihm - bevor er zum Überlegen der Auswirkungen einer solchen symbolischen Handlung Zeit gehabt habe - schwupp: eine Krone aufs Haupt gesetzt.
Dadurch, daß er es geschehen ließ, habe er seine Nachfolger einer Gewalt ausgeliefert, die ein vielhundertjähriges Martyrium über die deutsche Staatsführung und das deutsche Volk gebracht habe.
Da es zu allen Zeiten - also auch heute - maßgebliche Leute gebe, die so unvorsichtig seien, sich von anderer Seite eine goldene Krone aufhängen zu lassen, könne man gar nicht nachdrücklich genug auf die ungeheuren Wirkungen einer solchen, oft fast nebensächlich erscheinenden Geste hinweisen.
Es liege auf derselben Linie und sei ein ebensolcher Unsinn, wenn das Auswärtige Amt glaube, jede Note des Vatikans unbedingt beantworten zu müssen. Dadurch, daß man antworte, anerkenne
man ja schon eine Befugnis des Vatikans, sich in innerdeutsche Angelegenheiten - wenn auch auf kirchlichem Gebiet - einzumischen und offiziell mit uns in Verbindung zu setzen. Was für gerissene Diplomaten die Katholische Kirche in ihren maßgeblichen Männern zur Verfügung habe und welche Vorsicht ihnen gegenüber am Platze sei, lehre ja nicht nur die Geschichte, sondern auch die Gegenwart in einer Fülle von Beispielen.
Als nach seinem Einzug nach Wien unter seinem Fenster ein ungeheures Gepfeife und Gejohle laut geworden sei und er dann erfahren habe, daß dies dem Wiener Kardinalerzbischof Innitzer gelte, der auf dem Wege zu ihm sei, habe er ein schuldbeladenes, niedergedrücktes Pfäfflein erwartet.
Statt dessen sei ein Mann von selbstbewußtem Auftreten erschienen, der ihn mit so strahlendem Gesicht angesprochen habe, als ob er während der ganzen österreichischen Systemzeit nie auch nur einem einzigen Nationalsozialisten je ein Härchen gekrümmt gehabt habe.
Er betone deshalb noch einmal, wenn man sich mit diesen Brüdern ins Gespräch einlasse, erkenne man sie schon an.
Der päpstliche Nuntius Orsenigo, der bei den Neujahrsempfängen in Berlin als Doyen des Diplomatischen Korps die Begrüßungsansprache halte, versuche immer wieder, die Unterhaltung auf die Lage der Katholiken in Deutschland zu bringen.
Er gehe dem von vornherein aus dem Wege, indem er sich in der liebenswürdigsten und interessiertesten Weise nach dem Leberleiden des hohen Herrn erkundige und, wenn dieses Thema erschöpft sei, schleunigst die Begrüßung der übrigen Diplomaten beginne.
Dr. Henry Picker: "Hitlers Tischgespräche Im Fahrerhauptquartier 1941-1942" Seewald Verlag,-Stuttgart; 1963; 546 Selten.

DER SPIEGEL 10/1965
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