10.03.1965

„DAS IST AUFPEITSCHUNG DER BEVÖLKERUNG“

Der Historiker Hans Müller hat in seiner Dokumentation "Katholische Kirche und Nationalsozialismus"*, der Serien-Autor Lewy entscheidende Anregungen verdankt, den Kampf des Münsteraner Bischofs Clemens August von Galen gegen den Nazismus detailliert aufgezeichnet. Am 28. Mai 1935 schrieb Galen an den Oberpräsidenten von Westfalen:
Nach Zeitungsmeldungen ist für Sonntag, den 7. Juli 1935, eine große Zusammenkunft der Amtswalter der NSDAP des Gaues Westfalen-Nord nach Münster einberufen. Im Zuge der Veranstaltungen ist auch eine Versammlung auf dem Hindenburgplatze geplant, bei welcher der Reichsleiter für weltanschauliche Schulung Alfred Rosenberg eine Ansprache halten soll.
Ich erlaube mir, darauf aufmerksam zu machen, daß die Ankündigung dieses Planes in der christlichen und besonders der katholischen Bevölkerung der Stadt Münster und des Münsterlandes bereits starkes Befremden erregt hat, und daß die Ausführung desselben unfehlbar eine lebhafte Beunruhigung hervorrufen müßte.
Es ist bekannt, daß Alfred Rosenberg nach eigenem Zugeständnis in seinen Schriften Ansichten vertritt, welche "sich unmöglich mit den bisherigen offiziellen (christlichen) Bekenntnissen vereinigen" lassen; daß er diese Ansichten mit einer für Andersdenkende aufreizenden Leidenschaft vertritt, daß er besonders die Katholische Kirche, das Papsttum, die christliche Vergangenheit unseres Volkes mit Schmähungen überhäuft.
Nach den beschämenden öffentlichen Anfeindungen des Christentums an den Abenden des 16. und 25. Mai in Münster und der dadurch hervorgerufenen Gegenwirkung und Spannung kann ich die Befürchtung nicht von der Hand weisen, daß ein öffentliches Auftreten Rosenbergs am 7. Juli zu tiefgreifender Beunruhigung und vielleicht zu verhängnisvollen Zusammenstößen in Münster führen wird.
Ich fühle mich verpflichtet, schon jetzt darauf aufmerksam zu machen und um des Friedens willen den Antrag zu stellen, daß ein Auftreten Rosenbergs in Münster in absehbarer Zeit von der zuständigen Regierungsstelle verhindert wird.
Am 21. Juli 1935 berichtete der "Kirchliche Anzeiger für die Katholischen Gemeinden von Dortmund":
In weiteren Ausführungen beleuchtete Reichsleiter Rosenberg noch einmal die geschichtliche Situation von 1918 bis 1933, um dann an einem Beispiel darzustellen, wie, anstatt dem Nationalsozialismus zu danken für die Errettung Deutschlands und somit auch aller katholischen Deutschen, die Zentrumsführer mit Hilfe der nach Auflösung der politischen Partei noch gebliebenen Organisationen im Unterirdischen, oft aber auch schon offen kämpfen gegen den neuen Staat. Reichsleiter Rosenberg verlas Stellen aus einem Brief, den der Bischof von Münster an den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen gerichtet hatte. Rosenberg erklärte: "Indem der Gau Westfalen -Nord mich zu seinem Gautag ersucht, eine Rede zu halten, ist es selbstverständlich, daß ich hier in einer parteiamtlichen Eigenschaft spreche und nicht als Privatperson, wie es vielleicht der Bischof Clemens August glaubte hinstellen zu können. Dieser, die gesamte Partei und den heutigen Staat herausfordernde Brief zeigt dabei, was man an gewissen Stellen unter sogenannter Religionsfreiheit begreift, nämlich die Unterdrückung aller Anschauungen, die nicht mit einem bestimmten Dogma zusammenfallen.
"Der Brief des Bischofs grenzt an die Drohung, die ihm kirchlich unterstellten katholischen Deutschen zu Unruhen aufzureizen. Seine letzten Worte, daß eine Beruhigung seinerseits gegenüber der als Provokation bezeichneten Rede von mir wohl kaum Erfolg haben würde, ist die typische Art, einer unmittelbaren gesetzlichen Feststellung der Drohung zur Aufpeitschung der Bevölkerung zu entgehen."
Schon einen Tag noch der Rede Rosenbergs veröffentlichte der Dom- und Pfarrklerus Münster folgende Erklärung: Gestern abend ist vor vielen Tausenden an der bischöflichen Amtsführung unseres geliebten Oberhirten, des hochwürdigsten Herrn Bischofs Clemens August, eine öffentliche Kritik geübt worden, die wir im Namen der Katholiken der Stadt Münster sofort und entschieden zurückweisen.
Wir verurteilen diese Form der öffentlichen Kritik der Amtstätigkeit unseres Bischofs um so schärfer, als sie in einer Versammlung geschehen ist, in der auch große Teile der katholischen Jugend zugegen waren, und zwar von einem Redner, der in seinem bekannten Buche sagt, das Kruzifix müsse aus unseren Kirchen und von den Dorfstraßen verschwinden.
Wir sind überzeugt, daß am morgigen Tage der Großen Prozession die Gläubigen unserer Stadt dem Redner die rechte Antwort geben werden.
* Hans Müller: "Katholische Kirche und Nationalsozialismus". Nymphenburger Verlagshandlung, München; 436 Seiten, 28 Mark.
Münster-Bischof Galen
Besuch des Reichsleiters verbeten

DER SPIEGEL 11/1965
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