10.03.1965

ALICE EKERT-ROTHOLZTonnenweise Tränen

Sie empfindet das Erfinden von Romanen als "größten Machtrausch, den man haben kann, wenn man nicht in die Politik geht". Als Romanautorin befaßt sie sich "mit der Seele der Dinge". Sie sagt: "Mich inspirieren nur heiße Länder." Und wenn sie eine ihrer Romanfiguren sterben lassen muß, vergießt sie heiße Tränen, doch dann sagt sie sich, und zwar "erbarmungslos": "Landgraf, werde hart!"
Denn Alice Ekert-Rotholz, 55, ist eine Erfolgsautorin, eine aus jenem Bestseller strickenden Damenkranz der Margaret Mitchell und Vicki Baum, der Pearl S. Buck und Anne Golon. Fünf Romane, alle seelenvoll und aus heißen Ländern, hat sie bisher geschrieben; der fünfte - "Die Pilger und die Reisenden" * - haftet zur Zeit auf der deutschen Bestsellerliste (siehe Seite 151).
Rotholz-Werke wurden in zwölf Ländern übersetzt und von sieben deutschen Buchklubs übernommen. Der zweite Rotholz-Roman, "Wo Tränen verboten sind", ist von der "Columbia" zur Verfilmung erworben worden. Weltauflage aller Rotholz-Bücher: 2,5 Millionen.
Dabei hielt sich die deutsch schreibende, in London lebende gebürtige Hamburgerin - Vater: Engländer schwedisch-russischer Abstammung; Mutter: Deutsche - noch vor einem Jahrzehnt für "gänzlich unfähig", einen Roman zu schreiben.
Noch früher, um 1930, hatte sie Gedichte und Chansons geschrieben - für Ossietzkys und Tucholskys "Weltbühne"; eines dieser Frühwerke hieß immerhin schon wie ein Bestseller: "Menschen im Hotel".
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte die Autorin ("Ich war und bin überzeugte Pazifistin") mit ihrem Mann, dem deutschen Zahnarzt Leopold Rotholz, nach England. 1939 zog das Paar nach Thailand. In Bangkok wurde Alice Ekert-Rotholz in der Missionsarbeit aktiv; sie leitete eine "Vereinigung junger Christinnen", übersetzte und las einer gemischtasiatischen Zuhörerschaft aus Goethes "Werther vor - Alice Ekert-Rotholz: "Der Eindruck war enorm. Die Japanerinnen vergossen tonnenweise Tränen."
Als sie 1952 nach Europa zurückkehrte, kannte sich Alice im Wunderland Ostasien gründlich aus. Im deutschen Rundfunk berichtete sie über ihre Erlebnisse, doch das Angebot des Hamburger Hoffmann-und-Campe-Verlags, ihre Land-und-Leute-Kenntnisse zu einem Roman zu verarbeiten, lehnte sie zunächst ab - sie unterschätzte ihre Fähigkeiten und wollte sich mit einem Fortsetzungsbericht für das "Hamburger Abendblatt" bescheiden.
Die "Abendblatt"-Serie über die Erlebnisse einer deutschen Familie in Ostasien - Arbeitstitel: "Petersens im Wunderland" - erschien nie. Nach dem dritten Kapitel hatte die Autorin Mut gefaßt und das Manuskript doch noch zu Hoffmann und Campe getragen. Und was dann geschah, wird Alice Ekert-Rotholz "nie vergessen", denn - spricht sie - "so fing doch eine Weltkarriere an". Der "Wunderland"-Bericht wurde zum Roman "Reis aus Silberschalen", der Erstlingsroman zum Bestseller.
Der internationale Erfolg blieb ihren folgenden Büchern so treu wie deren Themen gleich - "immer wieder der Europäer im Morgenland" ("FAZ") - und deren Titel ("Wo Tränen verboten sind", "Strafende Sonne - lockender Mond", "Mohn in den Bergen") gleich schön blieben.
Auch die Machart blieb dieselbe: "Alice Ekert-Rotholz", schrieb die Züricher "Weltwoche", "ist eine deutsche Autorin, die wie eine Engländerin
schreibt. Zahlreiche Personen, überraschende Handlungen, schrullige Charakterzüge, geschickt verwendete Lokalfarbe und gute Kenntnisse exotischer Länder sichern ihren Büchern den Erfolg."
Die Gunst der Kritiker schwankte jedoch. So sah beispielsweise die "FAZ" im dritten Rotholz-Werk ein "ungewöhnlich glücklich" gelungenes "Gesellschaftsgemälde", im vierten aber nur noch das "Musterexemplar des Illustriertenromans der anspruchsvollen Art". Die "Welt" mokierte sich über den "Duft der großen, weiten Welt" im Rotholz-Oeuvre, bescheinigte der Autorin aber "erfreulich trockenen Witz" und "erstaunlich sichere Porträttechnik".
Eine tatsächlich erstaunliche Technik wird von Alice Ekert-Rotholz zur Vorbereitung ihrer Romane praktiziert: Die Schriftstellerin zeichnet, bevor sie zu schreiben beginnt, Porträts der Hauptfiguren des geplanten Romans - bis zu acht pro Person, bis zu achtzig pro Roman. Diese Blätter breitet sie auf dem Fußboden ihrer Wohnung im Londoner Villenviertel Hampstead aus; während sie - im Drehstuhl oder auf dein Teppich zwischen ihnen sitzend, oft behaglich bei Kaffee - über den Porträtskizzen meditiert, sie manchmal verschiebt und vertauscht wie Karten eines Patience-Spiels, spinnt ihre Phantasie die Fäden der Romanhandlung.
Dabei fühlt sich die Bestseller-Autorin, fern allen Phantasiehemmungen und Schreibskrupeln moderner Neuromanciers, nach guter alter Dichter-Art bald "unter einem Zwang", denn sie macht "die Handlung nicht selbst, das machen diese Leute (die porträtierten Figuren)".
Auch ihren neuen Roman "Die Pilger und die Reisenden", der wie die früheren nach einjährigen Milieustudien und Meditationen und einem weiteren Jahr regelmäßiger Schreibarbeit (neun Stunden täglich) entstand, hat Frau Rotholz wieder schreiben "müssen": "Wenn ich ihn nicht geschrieben hätte, wäre ich wahnsinnig geworden."
Der Roman (Kapitelüberschrift: "Lacrimae rerum - Die Tränen in den Dingen") spielt im heutigen Australien und handelt vom Gegensatz zwischen Alteingesessenen und neuen Einwanderern, aber auch von einem Photomodell, das in "phallischer Nacht" einem Perlenmagnaten erliegt und später ermordet wird, sowie vom Hin und Her und Her und Hin zwischen dem erfolgreichen Architekten Alexander Rigby und seiner Frau Anne, einer "Pastellschönheit".
Alexander "reißt" Anne "abrupt in eine wildfremde Welt, in der traumhafte Schönheit und der Abfall der Großstadt übergangslos im grellen Licht stehen"; Anne aber "zeigt Alexander nicht, daß Liebe ein Fremdwort in meinem Wörterbuch war"; erst nach "harten seelischen Kämpfen" erkennt sie, "daß ihre Kälte einen Mann wie Rigby nicht besser, sondern nur noch schwieriger" macht; dann, Ende gut, haben "seine Küsse ihre eigene Sprache gesprochen" - so schreibt Alice Ekert-Rotholz.
Und sie spricht: "Ich identifiziere mich mit meinen Figuren." Darin und in der "deutschen Tiefe" ihrer Romane, so meint sie, liege vielleicht auch das Geheimnis ihres Erfolgs.
* Alice M. Ekert-Rotholz: "Die Pilger und die Reisenden". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 512 Seiten; 16,80 Mark.
Schriftstellerin Alice Ekert-Rotholz, Rotholz-Skizzen Bestseller unter Zwang

DER SPIEGEL 11/1965
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