17.03.1965

Mit festem Schritt ins neue Reich

4. Fortsetzung
Katholische Wortführer hatten im Jahre 1933 versucht, eine gemeinsame Basis mit dem Nationalsozialismus zu finden. Diese Bemühungen wurden fortgesetzt.
Die von einigen Katholiken geäußerten Bedenken, erklärte Erzbischof Gröber, würden sich nicht auf den Staat beziehen, sondern auf diejenigen in der Regierung, die danach trachteten, "das friedliche Hineinwachsen der Katholiken in die neue Staatsform" zu blockieren.
Bischof Berning veröffentlichte ein Buch, das die Verbindung zwischen katholischem Denken und nationalem Bewußtsein hervorhob. Berning schickte Hitler ein Exemplar dieses Buches - "als Zeichen meiner Verehrung" - und bat den Führer, "daraus zu erkennen, welche Leistungen die Katholische Kirche für die Förderung des deutschen Volkstums als Blutgemeinschaft, Sprachgemeinschaft und Kulturgemeinschaft ... aufzuweisen hat".
Die Anstrengungen der Kirche, sich die populär gewordenen Begriffe der Nationalsozialisten zu eigen zu machen, waren so weit verbreitet, daß die Nationalsozialisten darin eine systematische Verschwörung des "politischen Katholizismus" sahen, die den Nationalsozialismus von innen her besiegen solle.
Ein Bericht von Himmlers Gestapo fand, daß die Kirche in der Weimarer Zeit die Werte "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" herausgestellt habe - "jetzt redet man dafür von Volkstum, Führerturm, Blut und Boden".
Ob die Kirche in der Tat nach einem vorgefaßten Plan vorging, wie die Nationalsozialisten argwöhnten, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Aber der Versuch, die katholische Begriffswelt dem neuen Meinungsklima anzupassen, wurde wirklich unternommen.
Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, daß selbst Bischöfe wie Berning und Gröber sich vollständig mit der nationalsozialistischen Ideologie identifiziert hätten. Wenn sie auch viele Punkte im nationalsozialistischen Programm und in der nationalsozialistischen Praxis guthießen, so machten sie doch auch manche Vorbehalte, was die Nationalsozialisten ihnen immer wieder vorwarfen.
Das Wichtigste für die Kirche war, und darauf bestand sie, daß man sie nicht in die Sakristei zurückdrängte und dort begrub. Sie weigerte sich, auf Gottesdienst und Kulthandlungen beschränkt zu werden, und betonte, daß die kirchliche Lehre alle Lebensbereiche, private wie auch öffentliche, umfasse.
Die Bereitschaft der Katholiken, dem Vaterland unter Einsatz ihres Lebens zu dienen, wurde so oft wie möglich verkündet. "Der Führer des Dritten Reiches", heißt es im "Handbuch" Erzbischof Gröbers, "hat den deutschen Menschen aus seiner äußeren Erniedrigung und seiner durch den Marxismus verschuldeten inneren Ohnmacht erweckt und zu den angestammten germanischen Werten der Ehre, der Treue und der Tapferkeit zurückgeführt." Aber auch das Christentum, so machte man hier geltend, stärke die Bereitschaft des Menschen zum Opfer und zu heroischen Taten.
Häufig führte man die Leistungen der Katholiken auf dem Schlachtfeld im Kriege 1914 bis 1918 auf und spielte die
Tatsache hoch, daß Albert Leo Schlageter ein Katholik war - ein am aktiven Widerstand gegen die Franzosen im Ruhrgebiet beteiligter Rebell, den die Nazis nach seiner Hinrichtung im Jahre 1923 zu einem gefeierten Nationalhelden und Märtyrer machten.
Kardinal Faulhaber predigte im November 1936, die christliche Weltanschauung fordere die Bereitschaft zum Leiden und heroische Taten. Diese Synthese werde durch den katholischen Offizier Schlageter und die Helden des Alcázar im spanischen Bürgerkrieg beispielhaft vor Augen geführt.
Das Propagandaministerium setzte dieser Praktik, sich die Helden der Nazi-Bewegung auszuleihen, schließlich ein Ende; es untersagte, die Namen Horst Wessel und Schlageter in der kirchlichen Presse zu erwähnen.
Professor Otto Schilling, ein prominenter katholischer Theologe, veröffentlichte 1934 einen Artikel, in dem er das Recht des deutschen Volkes auf "erweiterten Lebensraum" verteidigte und dafür eintrat, die Deutschland nach dem Weltkrieg zu Unrecht entrissenen Kolonien zurückzuholen.
Gröber wünscht in seinem "Handbuch" die friedliche Lösung der Konflikte zwischen den Völkern, fügt aber hinzu, daß die Liebe zum Frieden nicht zur Aufgabe einer "machtmäßigen Behauptung der nationalen Ehre, der Freiheit und des Lebensraumes" führen dürfe.
Auch der "Reichsverband für die katholischen Auslandsdeutschen" war aktiv damit beschäftigt, die Idee eines starken Deutschlands zu nähren. Dr. Emil Clemens Scherer, der Generalsekretär des Verbandes, führte aus, daß der Reichsverband dem Führer versprochen habe, das nationale Erwachen zu unterstützen, indem er die in den katholischen Missionen vorhandenen Kräfte mit einspannen wolle.
Die katholischen Kräfte brauchten allem Anschein nach nicht erst (von den außenpolitischen Zielen Hitlers) überzeugt zu werden.
Einen Tag nachdem Eitler den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund erklärt hatte (14. Oktober 1933), telegraphierten Kapitularvikar Steinmann und Dr. Klausener im Namen der "Katholischen Aktion" Berlins an Hitler: "In den Schicksalsstunden der Nation treten die Katholiken des Bistums Berlin in unerschütterlicher Liebe zum Volk und Vaterland geschlossen hinter den Führer und Kanzler in seinem Kampf für die Gleichberechtigung und die Ehre der Nation und die Wiederherstellung eines gerechten Friedens unter den Völkern."
Der Episkopat stand vor der Frage, ob auch er öffentlich zu den von Hitler für den 12. November 1933 angesetzten Reichstagswahlen und der Volksabstimmung über den Völkerbund-Austritt Stellung nehmen sollte. Die Verhandlungen in Rom über die Anerkennung katholischer Organisationen und andere Konkordatsprobleme machten nur geringe Fortschritte; in der Zwischenzeit dauerten die Belästigungen und Druckmaßnahmen an.
Unter diesen Umständen war die Frage, ob die deutschen Bischöfe trotz der Konkordatsverletzungen die Wahl durch eine Verlautbarung unterstützen sollten, ein schwieriges Problem.
Erzbischof Gröber unterrichtete Kardinal Bertram am 27. Oktober, daß mehrere Geistliche in Rom und er selbst eine bischöfliche Erklärung für notwendig hielten. Die Regierung würde eine solche Kundgebung zweifellos als einen nationalen Akt ersten Ranges willkommen heißen.
Das Problem liege in der Formulierung: "Eine Kundgebung ohne Einschränkung würde vonseiten des katholischen Volkes unmöglich verstanden werden. Umgekehrt würde die Unterlassung einer Kundgebung in der für unser Vaterland so schicksalsschweren Zeit als ein Mangel an patriotischem Sinn gedeutet werden. Auch die praktischen Folgen einer solchen Unterlassung wären nicht abzusehen. Es wird sich also darum handeln, die Würde mit der Vaterlandsliebe zu vereinigen und den Schmerz über Dinge, die in der letzten Zeit noch vorgekommen sind, mit dem Vertrauen auf eine baldige Abstellung zu verbinden."
Kardinal Bertram verschickte Kopien von Gröbers Brief an die übrigen Bischöfe und bat sie um Stellungnahme. Er fügte auch den Entwurf einer Erklärung bei, den man vielleicht verwenden könne, falls eine öffentliche Stellungnahme beschlossen würde. Antworten sollten bis zum 5. November 1933 eingehen.
In der Zwischenzeit versuchten die Nationalsozialisten, die Unterstützung einiger Bischöfe für den 12. November zu erzwingen. Unter Berufung auf eine Anweisung der bayrischen Regierung verlangte der Bürgermeister von Passau am 28. Oktober, die Geistlichen sollten am Wahltag ihre Gemeindemitglieder aufsuchen und sie zum Wahlgang auffordern.
Als der Bischof von Speyer von den Parteiführern seines Bezirks unter Druck gesetzt wurde, erklärte er öffentlich: Zunächst müsse sich einmal Berlin äußern, ob die Regierung wirklich bereit sei, die Konkordatsverpflichtungen einzuhalten.
Auch andere Bischöfe zögerten. Kardinal Bertram teilte dem Episkopat am 5. November mit, die Antworten auf seinen Rundbrief hätten gezeigt, daß es kaum möglich sei, "eine alle Vorschläge befriedigende Formulierung" zu finden. Manche Bischöfe hätten ernste Gründe gegen eine Kundgebung geltend gemacht. Er fügte den Text einer Erklärung bei, die er in seiner Erzdiözese zu veröffentlichen gedachte, aber er wies darauf hin, dieser Entwurf sei für die anderen Bischöfe keineswegs bindend.
Obwohl sich die Regierung über ihre Verpflichtungen in Sachen des Konkordats in absolutes Schweigen hüllte, nahmen die meisten Bischöfe zu den Wahlen Stellung.
Erzbischof Gröber rief die Katholiken in seiner Erzdiözese auf, ihre Solidarität mit dem deutschen Volk unter Beweis zu stellen und am 12. November ihre patriotische Pflicht zu erfüllen. Die Diözesen Berlin, Paderborn und Osnabrück übernahmen diese Erklärung.
Kardinal Bertram unterschied in seiner Kundgebung zwischen der Volksabstimmung und den Wahlen. Um den Frieden zu erhalten und aus Sorge um gleiche Rechte für das Vaterland innerhalb der Völkerfamilie, forderte er die Katholiken auf, an der Volksabstimmung teilzunehmen. Wie man sich zu den Reichstagswahlen zu stellen habe, die ja rein politischer Natur seien, überlasse er der Entscheidung des einzelnen Wählers. Diese Erklärung wurde vom Bischof von Limburg übernommen.
Die Auswirkung der bischöflichen Manifeste auf das Wahlergebnis läßt sich nicht genau nachprüfen.
Selbst wenn wir den wachsenden Druck während der Wahl und die gelegentlich ganz unverblümte Nötigung durch das Regime berücksichtigen, so ist doch einigermaßen klar, daß die meisten Deutschen, die den verlorenen Krieg und den Versailler Vertrag noch nicht verschmerzt hatten, es aufrichtig begrüßten, daß Hitler dem Ausland trotzte.
Wieder einmal waren die Stimmen der katholischen Bischöfe nur das Echo der öffentlichen Meinung. Wahrscheinlich wären die Menschen, die Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund billigten - es waren 95 Prozent -, durch eine opponierende Stellungnahme des Episkopats nicht entscheidend beeinflußt worden.
Aber die bischöfliche Erklärung sanktionierte die weitverbreiteten patriotischen und nationalistischen Gefühle der Katholiken. Der chauvinistischen Propaganda wurde somit durch die kirchliche Anerkennung und Würdigung von Hitlers angeblich friedlichen Absichten zum Erfolg verholfen.
Die Nationalsozialisten versuchten später, die Rolle der katholischen Bischöfe bei dem Wahlkampf um die Rückgewinnung des Saargebietes abzuwerten, um einen Prestigegewinn der Kirche zu verhindern. Doch konnten sie, wenn sie es auch nur widerwillig eingestanden, die Hilfe des Episkopats nicht völlig abstreiten.
Eine Woche vor der Abstimmung im Januar 1935 wies Reichspropagandaminister Goebbels bei der Eröffnung der Saar -Ausstellung in Berlin darauf hin, daß die Kirche "eine positive deutsche Haltung" zur Saar-Frage eingenommen habe. Es sei teilweise den Bemühungen des Bischofs von Trier zu verdanken, fuhr er fort, daß das Saargebiet nicht zu einer unabhängigen Diözese gemacht und damit von Deutschland losgelöst worden sei.
Goebbels hatte recht. Daß das Saargebiet Teil der deutschen Kirche und damit unter dem Einfluß der deutschen Geistlichen blieb, hatte zum großen Teil den Boden für die deutschfreundliche Gesinnung vorbereitet.
Am 15. Januar 1935 schrieb Bischof Sebastian von Speyer einen Hirtenbrief an seine Gläubigen im Saargebiet. Er dankte ihnen für ihre fünfzehn Jahre lange Treue zum deutschen Vaterland und dankte Gott, daß er ihnen eine solch großartige Gesinnung verliehen habe:
"Eure Treue am 13. Januar ist der neueste, glänzendste Beweis, daß katholische Kirche und Deutschtum keine Gegensätze sind, wie heutzutage vielfach behauptet werden will. Nein - der Katholizismus erfüllt vielmehr seine Anhänger mit Liebe und Treue auch
zum irdischen Vaterland, die sich allzeit opferfreudig erweist."
Besondere Dankgottesdienste wurden am Sonntag nach der Volksabstimmung überall in den Diözesen Trier und Speyer abgehalten, und am 26. Januar erklärte Bischof Sebastian in einer Predigt in Sankt Ingbert (Saar), daß das Ergebnis der Volksabstimmung nicht allein auf natürliche Weise zu erklären sei: Gott selbst habe gesprochen und denen eine erschütternde Antwort erteilt, die die Katholiken für politisch unzuverlässig hielten.
Die Gründe für die Haltung der deutschen Bischöfe lagen primär in deren starkem persönlichen Patriotismus. Historisch gesehen, war das Saarland deutsches Gebiet, und die Deutschen sahen keinen Grund, es auch nur zeitweilig aufzugeben, nur weil Deutschland jetzt von den Nationalsozialisten beherrscht wurde.
Der Episkopat hatte immer gegen das "Diktat des Versailler Friedens" gepredigt und alle unterstützt, die eine Revision forderten. Auch hatten die Saarländer sich immer als sehr deutsch empfunden, darum glaubten die Bischöfe, auf der Seite der Gewinner zu stehen.
Schließlich haben sie vermutlich auch gehofft, daß die patriotische Haltung des Episkopats den Nationalsozialisten imponieren und den Weg für eine Lösung der anstehenden Probleme bereiten würde. Doch in dieser Erwartung eines Lohnes, die wohl von vielen Bischöfen geteilt wurde, sollten die Katholiken gründlich getäuscht werden.
In Deutschland war man stolz und froh darüber, daß es der Nation gelungen war, die Fesseln von Versailles zu sprengen. Erzbischof Gröber dankte Gott in seiner Silvesterpredigt im Freiburger Münster für die Gnadenerweise, die er Deutschland im Jahre 1935 habe zuteil werden lassen: "Neu aufgerüstet steht nun das Reich in den Reihen der Völker wieder da, und statt der Unehre, die seit dem Versailler Frieden den deutschen Namen befleckte, sieht sich die Welt einem geschlossenen und machtbetonten Staat gegenüber."
In den frühen Morgenstunden des 7. März 1936 überschritten deutsche Truppen die Rheinbrücken, um die entmilitarisierte Zone zu besetzen. Die Bischöfe des Rheinlandes beeilten sich, ihre Freude kundzutun.
Am gleichen Tag noch telegraphierte Kardinal Schulte von Köln an Generaloberst von Blomberg, den Oberbefehlshaber der Wehrmacht, und hieß die deutsche Truppe als "Hüterin des Friedens und der Ordnung" willkommen. Am 8. März telegraphierte Bischof Galen von Münster an General Freiherr von Fritsch, den Oberbefehlshaber des Heeres: "Namens der treudeutschen Katholiken des Bistums Münster und besonders des Niederrheins begrüße ich die deutsche Wehrmacht, welche von heute an wieder den deutschen Rhein schirmt, als Schutz und Sinnbild deutscher Ehre und deutschen Rechtes."
In einem Interview mit der "Frankfurter Zeitung" dankte Bischof Sebastian von Speyer Gott für "das Glück und die Ehre der Wiederwehrhaftmachung unserer Heimat".
Ende Juli 1936 begann Deutschland, den Aufstand General Francos gegen die spanische Republik militärisch zu unterstützen. Dieses Eingreifen in den spanischen Bürgerkrieg gab nicht nur der jungen deutschen Luftwaffe Gelegenheit, wertvolle Erfahrungen zu sammeln, es bahnten sich dadurch auch enge Beziehungen mit Mussolinis Italien an.
Im Oktober 1936 entstand die sogenannte "Achse Rom-Berlin"; einen Monat später unterzeichnete Außenminister von Ribbentrop den Antikomintern-Pakt mit Japan, dem Italien danach beitrat.
Während dieser diplomatischen Winkelzüge machte Hitler wiederholt seinen Anspruch geltend, Verteidiger der westlichen Zivilisation zu sein. Die deutschen Bischöfe hatten schon immer Hitlers antikommunistische Haltung gepriesen; als Hitler jetzt zur Bildung einer gemeinsamen Front gegen den Bolschewismus aufrief, gingen sie bereitwillig darauf ein.
Sie wurden in dieser Haltung durch die nachsichtige Politik des Vatikans gegenüber Deutschland bestärkt. Der Vatikan war besorgt über die Volksfront-Regierungen in Spanien und Frankreich und nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges auch über die antireligiösen Verfolgungen im republikanischen Lager.
Der gemeinsame Hirtenbrief des deutschen Episkopats vom 19. August 1936 enthielt ein emphatisches Loblied auf Hitlers Außenpolitik. Wenn Spanien im Kampf gegen den Bolschewismus unterliegen würde, wäre die Zukunft Europas in ernster Gefahr. "Möge es unserem Führer mit Gottes Hilfe gelingen, dieses ungeheuer schwere Werk in Unerschütterlichkeit und treuester Mitwirkung aller Volksgenossen zu lösen!"
Dann aber schrieben die Bischöfe, es sei ihnen unverständlich, daß man die kirchlichen Organisationen, die katholische Presse und die Konfessionsschulen so feindselig behandle. "Wir Katholiken wollen doch wahrlich nichts anderes als von den Grundsätzen unseres Glaubens her am Wohle des deutschen Volkes mitwirken."
Doch wenn die Kirche dachte, auf diese Weise die Gunst der Regierung zu gewinnen, dann war dieser Plan verfehlt. Die Regierung verbot auch diesmal die Veröffentlichung des Hirtenbriefes, und wenn der Druck tatsächlich etwas nachließ, dann geschah dies hauptsächlich wegen der Olympischen Spiele.
Am 9. September 1936 hielt Hitler auf dem Nürnberger Reichsparteitag eine Rede, in der er wieder einmal zum Kampf gegen die bolschewistische Gefahr aufrief. Am selben Tag ging Papst Pius XI. in einer Ansprache vor einer Gruppe spanischer Flüchtlinge auf dieses Thema ein.
"Das zeitliche Zusammentreffen dieser beiden großen Reden und die Übereinstimmung ihrer Hauptgedanken", bemerkte das Ordinariat von Trier in einer Broschüre, "erscheinen uns als überzeugender Ausdruck dessen, was die Stunde fordert, nämlich eines verständnisvollen Zusammenwirkens von Staat und Kirche in Deutschland zur gemeinsamen Bekämpfung des gemeinsamen Feindes."
Am 4. November 1936 empfing Hitler Kardinal Faulhaber in seinem Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Dieses Treffen war von Nuntius Orsenigo und Staatssekretär Lammers arrangiert worden und dauerte drei Stunden.
Die Atmosphäre, schrieb Faulhaber in seinem Bericht an den deutschen Episkopat, sei zu Anfang äußerst gespannt gewesen, aber allmählich sei sie immer freundlicher geworden, und das Gespräch habe harmonisch geendet. Hitler lud den Kardinal sogar ein, mit ihm zu speisen.
Der Kanzler erörterte ausführlich die katastrophalen Folgen eines bolschewistischen Sieges in Spanien. "Die Katholische Kirche dürfe sich nicht darüber täuschen: Werde der Nationalsozialismus nicht Herr über den Bolschewismus, dann sei es auch mit dem Christentum und mit der Kirche in Europa vorbei. Der Bolschewismus sei ebenso der Todfeind der Kirche wie des Faschismus."
Faulhaber erwiderte, die Kirche habe diese Gefahr schon immer erkannt. Die deutschen Bischöfe hätten ihre Ansichten über den Bolschewismus in ihrem gemeinsamen Hirtenbrief von 1936 und auch vorher schon dargelegt. Er sei selber zugegen gewesen, als Pius XI. 1933 den Kanzler als den ersten Staatsmann bezeichnete, der ebenso wie der Papst die bolschewistische Gefahr klar erkannt habe. Er, Faulhaber, habe seit Jahren wiederholt vor der roten Gefahr gewarnt.
Man sprach auch über die Spannungen zwischen Kirche und Partei: Hitler leugnete wieder, daß er die Absicht habe, ein religiöser Reformator zu werden.
Gegen Ende des Gesprächs sagte der Kanzler zu Faulhaber: "Überlegen Sie, Herr Kardinal, und sprechen Sie mit den anderen 'Führern der Kirche', in welcher Weise Sie die große Aufgabe des Nationalsozialismus, den Bolschewismus nicht Herr werden zu lassen, unterstützen und in ein friedliches Verhältnis zum Staat kommen wollen. Entweder siegen Nationalsozialismus und Kirche zusammen oder sie gehen beide zugrunde. Ich sage Ihnen: Ich werde all das Kleine, was die friedliche Zusammenarbeit stört ... aus der Welt schaffen."
Als Faulhaber vom Obersalzberg zurückkam, war er von Hitlers staatsmännischen Fähigkeiten tief beeindruckt. In seinem Bericht schrieb er: "Der Führer beherrscht die diplomatischen und gesellschaftlichen Formen mehr, als ein geborener Souverän sie beherrscht." Vor anderen wieder rühmte er Hitlers schlichte Art.
Auf der Konferenz der bayrischen Bischöfe in Regensburg Ende November berichtete Faulhaber mündlich über sein Gespräch mit dem Führer. "Die Konferenz stimmt dem Antrage zu, gemeinsam mit den übrigen deutschen Bischöfen aufs neue den Bolschewismus zu verurteilen, der die größte Gefahr für den europäischen Frieden und die christliche Kultur auch in unserem Lande ist. Außerdem werden wir in dem von dieser Konferenz ausgehenden-Hirtenbrief neuerdings unsere mit dem vierten Gebot gegebene, loyale und positive Einstellung gegenüber der heutigen Staatsform und gegenüber dem Führer zum Ausdruck bringen."
Dieser Hirtenbrief wurde - am 13. Dezember 1936 von den Kanzeln verlesen. Die Kundgebung führte die Schwierigkeiten und Klagen der Kirche auf; sie versicherte dem Führer jedoch, daß die Bischöfe ihn "in seinem weltgeschichtlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus mit moralischen Mitteln in jeder Weise" unterstützen wollten.
Man kann die politische Klugheit der Nationalsozialisten daran messen, daß sie den Text dieses Hirtenbriefes verboten, weil dieser "in einer unbegründeten Weise Kritik an den Auffassungen und Maßnahmen von Staat und Partei" übe (wie es in einem Gestapo -Bericht vom 1. Januar 1937 hieß).
Etwa eine Woche später unterbreitete Kardinal Faulhaber den deutschen Bischöfen seinen Entwurf für eine neue bischöfliche Kundgebung gegen den Bolschewismus: "Das Ziel des neuen Hirtenwortes ist also, die Basis für neue Verhandlungen zu behalten. Ich kann nicht mehr sagen."
Die vorgeschlagene Formulierung, so schrieb Faulhaber, würde nicht als "Byzantinismus" betrachtet werden. Das Volk werde nicht aus der Fassung geraten, und "wir werden nicht danach fragen, ob die Emigranten mit diesem Hirtenwort zufrieden sind".
Die übrigen Bischöfe billigten Faulhabers Entwurf, und der gemeinsame Hirtenbrief vom 24. Dezember 1936 wurde am ersten Sonntag im neuen Jahr, am 3. Januar 1937, von den Kanzeln verlesen.
Dies sei eine Schicksalsstunde, warnten die Bischöfe: "Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat den Anmarsch des Bolschewismus von weitem gesichtet und sein Sinnen und Sorgen darauf gerichtet, diese ungeheuere Gefahr von unserem deutschen Volk und dem gesamten Abendland abzuwehren. Die deutschen Bischöfe halten es für ihre Pflicht, das Oberhaupt des Deutschen Reiches in diesem Abwehrkampf mit allen Mitteln zu unterstützen, die ihnen aus dem Heiligtum zur Verfügung stehen."
Die Rolle der Kirche bei der Unterstützung dieses Kampfes gegen den Bolschewismus, schrieben die Bischöfe weiter, könne viel größer und wirksamer sein, wenn die ständigen Angriffe gegen das Christentum aufhören würden und wenn die Kirche "auf ihrem eigenen Rechts- und Arbeitsgebiet jene Freiheit genießt, die ihr nach göttlichem Rechte und auch nach dem Reichskonkordat zugesichert ist". Aber die Katholiken würden dem Führer folgen, auch wenn man ihrer Zuverlässigkeit kein Vertrauen schenkte.
Die Bischöfe hatten also ihr möglichstes getan. Noch einmal hatten sie Hitler ihre Unterstützung für seine Außenpolitik zugesagt und die Gläubigen ermahnt, Hitler volles Vertrauen zu schenken.
Aber aus dem Quidproquo wurde nichts. Solange die Kirche auf der Verteidigung der Konfessionsschulen, der katholischen Organisationen und anderer durch das Konkordat garantierter Rechte bestand, waren die Nationalsozialisten nicht bereit, ihren Zermürbungskrieg aufzugeben.
Am 15. März 1938 (kurz nach dem Anschluß Österreichs an das Reich) besuchte Kardinal Innitzer, Erzbischof von Wien, Hitler. Drei Tage später gab der katholische Episkopat Österreichs eine Erklärung ab, die überall im Lande publiziert wurde. Sie pries die Leistungen des deutschen Nationalsozialismus im innen- und außenpolitischen Bereich; außerdem forderte sie die Gläubigen auf, am 10. April den Zusammenschluß mit Deutschland zu billigen.
Innitzer telegraphierte am 1. April an Kardinal Bertram, er hoffe, daß die deutschen Bischöfe sich der Kundgebung des österreichischen Episkopats zur Volksabstimmung anschließen würden; er fügte hinzu, diese Erklärung dürfe nicht "mit Klauseln und Bedingungen belastet sein".
Das Haupt der deutschen Hierarchie nahm diese Botschaft nur zur Kenntnis. Ein solch plumper Opportunismus war selbst einem so erfahrenen Diplomaten wie Bertram zuviel.
Natürlich wußten die deutschen Bischöfe, daß sie ebenfalls zum "Anschluß" Stellung nehmen mußten. Auf Befehl des Kirchenministers Kerrl sollten in ganz Deutschland und Österreich die Kirchenglocken läuten, "zu einem überwältigenden Bekenntnis der gesamten Nation für den Führer und sein Werk".
Bei mehreren ähnlichen Anlässen in der Vergangenheit hatten die Bischöfe schon klargelegt, man möge sie konsultieren und informieren, bevor man Glockengeläute anordne.
Kardinal Bertram faßte die Haltung der Kirche folgendermaßen zusammen: "Nur die kirchliche Obrigkeit kann Geläute anordnen, sowohl wegen des rein kirchlichen Charakters der konsekrierten Glocken wie wegen der Vorschrift des Canon 1169 'und nicht zuletzt wegen des religiösen Empfindens des Volkes, das gerade bezüglich des Glockengeläutes ein außerordentlich tiefes ist und sicher mit großer Pietät zu erhalten ist."
Die Bischöfe waren übereingekommen, nur bei patriotischen Anlässen Glockengeläute anzuordnen, wie zum Beispiel bei der Rückgliederung des Saargebietes, aber es zu vermeiden, wenn es sich um rein politische Anlässe handelte. Aber wie sollte man den "Anschluß" Österreichs bewerten? War die Volksabstimmung, die diese Annexion zusammen mit den neuen Reichstagswahlen besiegeln sollte, ein politisches oder patriotisches Ereignis?
Es scheint, als hätten die Bischöfe den patriotischen Charakter dieses Tages nicht bezweifelt; sie waren bereit, die Glocken läuten zu lassen. Am 3. April ordnete Kardinal Bertram an, dem Ersuchen von Kerrl nachzugeben.
Das Erzbischöfliche Ordinariat von München hatte schon am 1. April seine Bereitschaft angedeutet, Kerrls Anordnung Folge zu leisten, aber Faulhaber war sich noch nicht über die Form der Erklärung klar.
In einem Brief an die bayrischen Bischöfe schlug er drei Möglichkeiten vor: 1. eine einfache Ankündigung; 2. eine Erklärung, in der auf das gemeinsame Glockengeläut in allen Kirchen Deutschlands und Österreichs hingewiesen werden soll; 3. eine Anordnung, die Glocken zu läuten, mit dem Hinweis, dies geschehe, um die Katholiken am 10. April zu ermahnen, "in dieser weltgeschichtlichen Stunde ein Treuebekenntnis zum Führer und Reichskanzler Adolf Hitler abzulegen und die friedliche Zusammenarbeit von Staat und Kirche im Großdeutschen Reich mit ihren Gebetswünschen zu begleiten".
Faulhaber fügte hinzu, daß er die dritte Formulierung für die beste halte. Ein Bischof wenigstens hatte Bedenken bei dem Satz, der ein Treuebekenntnis zum Führer forderte. Daraufhin änderte Faulhaber seinen Entwurf, aber die bayrischen Bischöfe brachten trotzdem keine einheitliche Erklärung heraus.
Der Vatikan war über Kardinal Innitzers unterwürfige Handlungsweise ungehalten. Eine Rundfunksendung von Radio Vatikan kritisierte am 1. April das Manifest des österreichischen Episkopats scharf; hier handle es sich um einen Mißbrauch der kirchlichen Lehrfunktion. Vielleicht lag es an dieser Zurechtweisung durch den Heiligen Stuhl, daß die meisten deutschen Bischöfe diesmal keine Wahlkundgebungen herausbrachten.
Jedenfalls hatten die Nationalsozialisten die Erklärung der österreichischen Bischöfe vom 18. März 1938, und davon machten sie auch reichlich Gebrauch.
Selbst die Diözesanblätter, die noch immer unter der Leitung ihrer Bischöfe standen und von Geistlichen herausgegeben wurden, druckten nicht nur die (von der Reichspressekammer) angeordneten Texte und Bilder; sie veröffentlichten auch weitere Artikel, in denen sie die "heimgekehrten Brüder"
willkommen hießen
und an die Gläubigen appellierten, den "Anschluß" gutzuheißen.
Nur ein Fall ist bekannt, in dem ein Bischof seiner Zeitung verbot, der Propagandamaschine von Goebbels zu gehorchen.
Bischof Preysing von Berlin verbot die Publikation von Propaganda-Artikeln zur Volksabstimmung mit der Begründung, die Stimmabgabe bedeute eine Billigung kirchenfeindlicher Maßnahmen und habe zur Folge, daß man Erzfeinde der Kirche wie Rosenberg und Ley in den Reichstag wähle.
Als der Verleger den Herausgeber ganz einfach überging und den befohlenen Artikel dennoch einsetzte, informierte Preysing den Klerus, daß dies gegen seine ausdrückliche Weisung geschehen sei, und er forderte ihn auf, diese Information weiterzugeben, wo immer es angebracht erscheine. Seine Mitteilung solle jedoch nicht von den Kanzeln Verlesen werden.
Nach dem uns zur Verfügung stehenden Material scheinen die meisten Kirchenvertreter das unterwürfige Gebaren Kardinal Innitzers verworfen zu haben, aber das bedeutet nicht, daß sie sich gegen den "Anschluß" stellten.
Am 10. April 1938 erhielt das deutsche Volk einen Stimmzettel mit dem Wortlaut: "Bekennst Du Dich zu unserem Führer Adolf Hitler und damit zu der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich?" Auf diese Frage sollen 99,08 Prozent der Wähler mit "Ja" geantwortet haben.
Nach Aussagen des Regierungspräsidenten von Niederbayern kamen die meisten Nein-Stimmen aus den Bezirken, in denen die katholischen Parteien einst sehr stark gewesen v aren - abgesehen von den früheren Hochburgen des Kommunismus.
Wenn dies zutrifft, und vielleicht sogar nicht nur für Niederbayern, dann konnten es die Bischöfe aber kaum als ihr Verdienst betrachten, daß es ein paar solche Weitsichtige und Mutige gegeben hat - ganz im Gegenteil: Es sind mehrere Fälle bekannt, wo die kirchliche Obrigkeit einzelne Priester tadelte, die den Wahlen ferngeblieben waren und damit ihre ablehnende Haltung demonstriert hatten.
In einem Fall, in den zwei Vikare von Passau verwickelt waren, verlangte zum Beispiel der Generalvikar von den Priestern, sie sollten sich öffentlich entschuldigen und eine vom Generalvikar entworfene Erklärung mit folgendem Wortlaut unterzeichnen: "Wir versichern ausdrücklich, daß wir uns mit unserem Verhalten keineswegs gegen den bestehenden Staat und gegen den Führer stellen wollten."
In einem anderen Fall wurde ein Priester der Diözese Augsburg, der sich fortwährend geweigert hatte, mit dem Deutschen Gruß zu grüßen, und der außerdem den Wahlen am 10. April ferngeblieben war, in eine andere Gemeinde versetzt. "In Ihrem Verhalten", schrieb ihm das Ordinariat, "vermissen wir... bei Ihnen den Blick auf das Ganze."
Auch ein Bischof blieb den Wahlen vom 10. April fern: Dr. Johannes Baptista Sproll von Rottenburg; doch tat er es nicht, weil er Hitlers Österreich -Annexion nicht billigte.
Er erklärte Kardinal Bertram später seinen Standpunkt: Da man mit einer Ja-Stimme Männer gewählt habe, die seiner Meinung nach der Kirche und dem Christentum feindlich gegenüberstanden, und da er andererseits den Anschluß Österreichs nicht mit einer Nein -Stimme ablehnen wollte, sei er der Wahl überhaupt ferngeblieben.
Das führte zur Protestdemonstration, und der Bischof mußte die Stadt verlassen. Ein Ersuchen der Regierung, der Vatikan möge Sproll von seiner Diözese abberufen, wurde von Pacelli abgelehnt. Botschafter Bergen berichtete, daß Pacelli dennoch "allem Anschein nach das Vorgehen des Bischofs" nicht billige und daß Sprolls Verhalten in kurialen Kreisen als "reichlich ungeschickt" bezeichnet werde.
Als Sproll, angeblich auf ausdrückliche Anweisung des Heiligen Stuhls, am 16. Juli 1938 nach Rottenburg zurückkehrte, wurde das bischöfliche Palais vom Mob gestürmt und alles durchwühlt. Der Bischof weigerte sich, wieder fortzugehen, wurde aber schließlich von der Gestapo zwangsweise aus seiner Diözese verbannt.
Anfang Februar 1939 erschien in Frankfurt am Main eine neue katholische Wochenzeitung unter dem Namen "Der neue Wille". Die Zeitung trat für engere und freundlichere Beziehungen zwischen dem deutschen Katholizismus
und dem nationalsozialistischen Regime ein.
Am 19. März feierte sie Hitler als den Gründer einer großen deutschen Nation und rief die katholischen Bischöfe, die noch stark in mittelalterlichen Vorstellungen befangen seien, zur Anerkennung von Hitlers Plan auf, eine neue europäische Ordnung zu schaffen: "Jetzt ist der Augenblick, Versäumtes nachzuholen."
Die Gelegenheit für eine solche Geste des guten Willens ergab sich bei der Feier von Hitlers 50. Geburtstag am 20. April. Am Abend des 19. April läuteten die Kirchenglocken den großen Tag ein. Kardinal Bertram hatte die Entscheidung über das Glockengeläute jedem einzelnen Bischof überlassen; anscheinend ließen alle Bischöfe die Glocken läuten.
Am 20. April, dem Geburtstag selbst, schickte Kardinal Bertram Hitler ein Glückwunschtelegramm. In allen Kirchen wurden Votivmessen zu Ehren des heiligen Erzengels Michael, des Schutzpatrons der Deutschen, abgehalten, "um Gottes Segen für Führer und Volk zu erflehen".
Der Bischof von Mainz rief zum Gebet für "den Führer und Reichskanzler, Mehrer und Schirmer des Reiches" auf. In allen Diözesen hißten die Kirchen die Hakenkreuzfahne.
Die Frage, ob man die Hakenkreuzfahne an den Kirchen anbringen solle, hatte schon vorher zu großen Diskussionen innerhalb des Episkopats geführt
Das Hakenkreuzbanner wurde am 15. September 1935 zur Nationalflagge erklärt, aber schon am 8. Februar 1934 hatte Erzbischof Gröber angeordnet, sie bei patriotischen Anlässen zusammen mit den Kirchenfahnen zu hissen.
Bischof Galen dagegen hatte, selbst nachdem die Hakenkreuzfahne zur Nationalflagge erklärt worden war, verboten, sie an den Kirchen anzubringen; er war der Auffassung, daß das Gotteshaus Christus geweiht sei und nicht zu weltlichen Zwecken benutzt werden dürfe.
Am 5. Oktober 1935 befahl die Regierung den Bischöfen, die Hakenkreuzfahne an Nationalfeiertagen allein, also ohne Kirchenfahne, zu hissen. Vergeblich argumentierte Kardinal Faulhaber, daß dieser Befehl gegen die alte Tradition verstoße und daß die Kirchen über der Politik stünden.
Bertram war bereit nachzugeben und schrieb an den Innenminister, die kirchliche Obrigkeit hätte nichts dagegen einzuwenden, die Nationalflagge an Nationalfeiertagen zu hissen. Da aber die Beflaggung eine öffentliche Proklamation und in vielen Fällen sogar die Verherrlichung eines bestimmten Ereignisses darstelle, müsse sich die Kirche das Recht vorbehalten, sie zu verweigern, wenn die Feier in irgendeiner Weise unvereinbar mit dem katholischen Glauben und der Morallehre sei. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn man den Jahrestag des Sterilisierungsgesetzes feiern würde.
Dieser Standpunkt wurde von der Fuldaer Bischofskonferenz im August 1936 gebilligt, und als im Dezember 1937 General Ludendorff starb, verweigerten die Bischöfe die Beflaggung mit der Begründung, Ludendorff sei ein Gotteslästerer und Bekämpfer des Christentums gewesen; eine Beflaggung zu seinem Begräbnis würde deshalb einer blasphemischen Tat gleichkommen.
Andererseits sah die Kirche nichts Schlimmes darin, wenn Hitlers Geburtstag auf diese Weise gewürdigt wurde. Der Führer war die oberste rechtmäßige Macht, der man rückhaltlosen Respekt schuldete.
Daß sich die deutschen Bischöfe anscheinend nie die Frage gestellt haben, ob ein Expansionskrieg des Führers gerecht oder ungerecht sei, liegt auf der gleichen Linie wie ihre Bejahung von Hitlers Außenpolitik.
Sie lehrten ihre Gläubigen, dem Vaterland willig zu dienen, und Erzbischof Gröber fügte noch hinzu, die katholischen Theologen hätten es "niemals in den Urteilsbereich des Einzelnen mit all seinen Kurzsichtigkeiten und Gefühlsstimmungen gelegt, im Kriegsfalle die Erlaubtheit oder das Unerlaubtsein zu erörtern, sondern die letzte Entscheidung der rechtmäßigen Autorität überlassen".
Damit wurden alle eventuellen Zweifel einzelner Katholiken an der Rechtmäßigkeit der Ziele Hitlers wirksam entkräftet. Die Kirche sah es offenbar wieder einmal als ihr angestammtes Recht an, deutsche Waffen zu segnen.
Hitler hatte sich bereits im April 1939 für einen Krieg gegen Polen entschieden. Am 15. August war der Reichsbahn schon vorsorglich der Mobilmachungsbefehl erteilt worden. Auch die Bischöfe hatten zu dieser Zeit Instruktionen mit dem Vermerk "streng geheim" erhalten, in denen ihnen mitgeteilt wurde, wo die Priester sich für die Militärseelsorge melden sollten.
Als die Fuldaer Bischofskonferenz vom 22. bis 24. August 1939 zusammentrat, wußte der Episkopat, daß es zum Krieg kommen würde. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, daß die Bischöfe beschlossen, die Veröffentlichung des üblichen Hirtenbriefes aufzuschieben.
Doch wenige Tage nach Kriegsausbruch brachten die Bischöfe einen gemeinsamen Hirtenbrief heraus, der die katholischen Soldaten aufforderte, ihre Pflicht zu tun: "In dieser entscheidungsvollen Stunde ermuntern und ermahnen wir unsere katholischen Soldaten, in Gehorsam gegen den Führer, opferwillig unter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit ihre Pflicht zu tun."
Außerdem erließen die meisten Bischöfe eine Mitteilung an ihre eigenen Diözesanen. Bischof Sproll von Rottenburg erflehte Gottes Segen für alle, die dem Aufruf des Führers gefolgt waren, und bat Gott den Herrn, ihnen "Mut und Kraft" zu geben, "für das teure Vaterland siegreich zu kämpfen oder mutig zu sterben".
Nur Bischof Preysing von Berlin schlug einen anderen Ton an; er gab lediglich seiner väterlichen Sorge um alle zu den Waffen gerufenen Männer Ausdruck.
Am 30. September ordnete Reichskirchenminister Kerrl an, nach dem Einzug der deutschen Truppen in Warschau sieben Tage lang alle Kirchenglocken um zwölf Uhr mittags zu läuten, "zum dankerfüllten Gedenken des Sieges und zum Gedenken an die Gefallenen". Kardinal Bertram schlug vor, man solle dem Wunsch stattgeben, und die Kirchenglocken läuteten in allen Diözesen, um Hitlers ersten Sieg zu feiern.
Währenddessen hatte die SS damit begonnen, gemäß dem Befehl des Führers die Polen-Frage durch die Ausrottung der Intelligenz des Landes zu lösen: Der Klerus gehörte zu den ersten Opfern. Im Oktober und November wurden 214 polnische Priester hingerichtet, darunter das gesamte Domkapitel in Pelplin. Gegen Ende des Jahres 1939 waren 1000 polnische Welt- und Ordenspriester inhaftiert, viele in neu errichteten Konzentrationslagern.
Radio Vatikan und der "Osservatore Romano" informierten die Welt über die Ereignisse. Aber trotz dieser Berichte unterstützten die deutschen Bischöfe Hitlers Kriegsziele auch weiterhin.
Der geistliche Herausgeber des Passauer Bistumsblattes würdigte den raschen Sieg über Polen und entrüstete sich über die westlichen Demokratien, die einen Keil zwischen Regierung und Volk treiben wollten.
Das "Klerusblatt", das Organ des Landesverbandes der Diözesanpriester Bayerns, ermahnte jeden einzelnen, seinem Lande aus religiöser Überzeugung zu dienen und die deutschen Streitkräfte zu unterstützen, die in den Krieg gezogen seien, "um die Heimat zu verteidigen".
Dieser Krieg, erläuterte das Bistumsblatt von Hildesheim, werde vom Feind als "ein Krieg gegen ein heiliges Naturrecht: gegen das Recht des deutschen Volkes auf seine Freiheit" geführt.
Am 10. Mai 1940 überfiel Hitlers Wehrmacht Belgien, Holland und Luxemburg. Am selben Tag schickte Papst Pius XII. Sympathie-Telegramme an die Staatsoberhäupter dieser drei Länder. Die deutschen Bischöfe wußten zweifellos von der Handlungsweise des Papstes, aber an Ihrer rückhaltlosen Unterstützung der deutschen Kriegsziele änderte sich nichts.
Der rasche Sieg über Frankreich führte zu neuen Ausbrüchen von patriotischem Eifer und Stolz. Kardinal Schulte von Köln gab eigens eine Erklärung heraus, in der er Gott für den großartigen Sieg dankte, den die deutsche Wehrmacht errungen habe.
Wieder läuteten die Kirchenglocken zur Mittagszeit eine Woche lang, und die Fahnen wurden zehn Tage lang gehißt. Die bischöflichen Ordinariate informierten den Klerus, daß die Glocken von nun an bei patriotischen Anlässen ohne vorherige Genehmigung der kirchlichen Obrigkeit geläutet werden dürften.
Doch nach Ansicht des Regimes tat die Kirche immer noch nicht genug. Die Fuldaer Bischofskonferenz war im August 1940 zusammengetreten; aber da sich die Bischöfe nicht über die einzuschlagende Taktik einigen konnten, kam der übliche Hirtenbrief nicht zustande; das verärgerte die Nationalsozialisten, die ein eindrucksvolles Manifest zum Sieg erwartet hatten.
Als Bischof-Koadjutor Wienken, der den Episkopat in Berlin bei Verhandlungen vertrat, im September mit einem hohen Beamten des Propagandaministeriums zusammentraf, hörte er, der Staat erwarte, daß die Kirche die Kriegsziele mit mehr Begeisterung unterstütze. Alle Veröffentlichungen, die nicht vorbehaltlos diesem Zweck dienten, müßten ausgeschieden werden.
Als Bertram davon hörte, bat er Wienken, ein neues Gespräch herbeizuführen. Diese zweite Unterredung fand am 21. September 1940 statt; Wienken gab in Bertrams Namen eine Erklärung ab, die den Standpunkt der Kirche darlegen sollte.
Er wies darauf hin, "daß die Kirche den gerechten Krieg, insbesondere zur Sicherung von Staat und Volk, bejaht, um einen siegreichen Ausgang dieses jetzt brennenden Krieges, in einem für Deutschland und Europa segensreichen Frieden, betet und die Gläubigen zu den staatsbürgerlichen und soldatischen Tugenden aneifert".
Wienken schlug vor, man solle die katholischen Autoren und Priester anweisen, die kirchliche Lehre über den Krieg mit großer Sorgfalt zu behandeln und alles, was dem Staat oder den Kriegszielen abträglich sein könnte, zu vermeiden. Diese Weisung wurde bald darauf erteilt.
Während der folgenden Monate strengten sich die Bischöfe ganz besonders an, um keine Klagen wegen ungenügenden patriotischen Einsatzes auf sich zu ziehen. Viele Mitglieder des Episkopats begnügten sich nun nicht mehr damit, einen Frieden für das Wohl Deutschlands zu erflehen (die bisher übliche Formulierung), sondern sie beteten ausdrücklich für einen deutschen Sieg.
Der im Januar 1941 veröffentlichte Hirtenbrief Bischof Kallers von Ermland war vermutlich der enthusiastischste; er entlockte sogar dem Polizeichef Heydrich ein Lob:
"Mit Bewunderung schauen wir auf unser Heer, das in heldenhaftem Ringen unter hervorragender Führung beispiellose Erfolge erzielt hat und weiterhin erzielt. Wir danken Gott für seinen Beistand. Gerade als Christen sind wir entschlossen, unsere ganze Kraft einzusetzen, damit der endgültige Sieg unserem Vaterland gesichert werde. Gerade als gläubige, von der Liebe Gottes durchglühte Christen stehen wir treu zu unserem Führer, der mit sicherer Hand die Geschicke unseres Volkes leitet."
Hitlers Angriff auf die Sowjet-Union am 22. Juni 1941 bestärkte den Episkopat in der Unterstützung des Führers. "Wird aber gar dem deutschen Volk die Aufgabe gestellt, in der Abwehr des Bolschewismus die Führung zu übernehmen", hatte Kardinal Faulhaber in einer Predigt im Dezember 1936 gesagt, "dann kann es und darf es nicht auf den stärksten Bundesgenossen in diesem Abwehrkampf, auf das Christentum, verzichten."
In einem Hirtenbrief vom September 1941 nannte Bischof Rackl von Eichstätt den Ostfeldzug einen "Kreuzzug, einen heiligen Krieg für Heimat und Volk, für Glauben und Kirche, für Christus und sein hochheiliges Kreuz".
Lorenz Jaeger, der Erzbischof von Paderborn, bekundete seine Sympathie für die Verleumdungskampagne der Nationalsozialisten gegen die slawischen "Untermenschen" und bezeichnete Rußland als ein Land, dessen Menschen "durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christushaß fast zu Tieren entartet sind".
Sogar Bischof Galen von Münster, bekannt als ein mutiger Kritiker des Regimes, schrieb immer wieder von seiner Hoffnung auf einen deutschen Sieg. Die Nationalsozialisten bedienten sich verschiedener patriotischer Stellen aus Hirtenbriefen, um Freiwillige für die SS -Einheiten anzuwerben, die in Holland und anderen besetzten Ländern rekrutiert wurden.
Doch als Hitlers militärischer Stern zu verblassen begann, ließ die Begeisterung der Bischöfe merklich nach, und statt des Rufes nach einem deutschen Sieg wurde nun immer öfter die Hoffnung auf einen ehrenhaften und segensreichen Frieden laut.
Aber diese taktische Wendung bedeutete nicht, daß der Episkopat jetzt auf eine deutsche Niederlage hoffte. Kardinal Faulhaber verteidigte die Kirche in einer Mitteilung vom Oktober 1943 an das Kirchenministerium gegen diese Beschuldigung: "Niemand kann in seinem Innern einen unglücklichen Ausgang des Krieges auch nur wünschen. Jeder vernünftige Mensch weiß, daß in diesem Falle die staatliche und die kirchliche Ordnung, überhaupt jede Ordnung, vom russischen Chaos umgeworfen würden."
Aus Furcht vor einem russischen Sieg ermahnten die Bischöfe auch weiterhin die Gläubigen, ihre Vaterlandspflicht zu erfüllen; noch im Januar 1945 rief Erzbischof Jaeger die Katholiken auf, ihren Beitrag im Kampf gegen die beiden größten Feinde Deutschlands - "Liberalismus und Individualismus auf der einen, Kollektivismus auf der anderen Seite" - zu leisten.
Im April 1945, nachdem die alliierten Truppen in Sendenhorst bei Münster einmarschiert waren, wo Bischof Galen, vor den Bombenangriffen Zuflucht gesucht hatte, baten britische und amerikanische Reporter den Bischof um ein Interview. Aber Galen lehnte es ab, mit ihnen zu sprechen.
Seine Begründung: Er als deutscher Bischof fühle und leide mit seinem deutschen Volk. In einer Erklärung zu Ostern, seiner ersten Verlautbarung nach dem Einmarsch der Alliierten, sagte er, sein Herz habe geblutet beim "Anblick der durchziehenden Truppen unserer Kriegsgegner".
Bischof Galens trauervolle Reaktion auf den Sieg der Alliierten über Deutschland war vielleicht ein etwas extremer Fall. Es wäre aber sicher falsch, für die übrigen Bischöfe sehr viel andere Reaktionen anzunehmen.
Außer Bischof Preysing von Berlin, der Hitlers Kriege nie unterstützt hat, riefen alle deutschen Bischöfe die Gläubigen bis zur letzten Minute des Krieges zur Erfüllung ihrer Vaterlandspflicht auf.
Daß die Nationalsozialisten über Deutschland herrschten, die Kirche bedrängten und verfolgten und sich unaussprechlicher anderer Verbrechen schuldig gemacht hatten, änderte daran nichts. Der Schluß, zu dem der amerikanische Soziologe Gordon Zahn in seiner Untersuchung über das Pro blem gekommen ist, scheint in der Tat unausweichlich:
Tief verstrickt in den nationalistischen Mythos von Volk und Vaterland und fest entschlossen, unter Beweis zu stellen, daß Katholiken gute und
treue Deutsche seien, "wurden im Zweiten Weltkrieg die führenden Sprecher der Katholischen Kirche in Deutschland zu Werkzeugen nationalsozialistischer Kontrolle über ihre Anhänger - sei es durch ihre allgemeinen Aufrufe zu treuem Gehorsam gegenüber der legitimen Obrigkeit, sei es durch ihre noch direkteren Bemühungen, diese Anhänger zu sammeln für die Verteidigung von Volk, Vaterland und Heimat, als einer christlichen Pflicht".
Wie Gordon Zahn bemerkt, haben vielleicht einige deutsche Bischöfe vor sich selbst ihre Unterstützung der deutschen Kriegsziele rational gerechtfertigt, indem sie zwischen dem Krieg zur Verteidigung von Volk und Vaterland (und damit waren sie einverstanden) und dem Krieg zur Unterwerfung anderer Völker sowie zur Verteidigung des Dritten Reiches als solchem (das mißbilligten sie) unterschieden.
Aber eine solche geistige Konstruktion bildete offenbar nicht die Grundlage des Denkens von Josef Rarkowski, amtierendes Oberhaupt der Militärgeistlichkeit seit 1929, am 20. Februar 1938 zum episcopus castrensis (Militärbischof) geweiht.
Typisch für die Mentalität des Militärbischofs ist ein Artikel, den Rarkowski zu Hitlers Geburtstag im ersten Kriegsjahr in einer Zeitung für katholische Soldaten schrieb:
"Schon heute steht es als unbestrittene Tatsache fest, daß Adolf Hitler für unser Volk und für die ganze Welt von säkularer Bedeutung geworden ist. Kein anderer deutscher Staatsmann vor ihm verursachte so gewaltige Umwälzungen auf den verschiedensten Gebieten des völkischen Daseins wie er ... Er hat uns die große Wende, in der Werte wie Heimat und Volk, nationale Ehre und nationale Geschichte neue Wertschätzung erfahren, durch seinen Einsatz geschenkt.
"Unser Dank und unsere Bereitschaft, Treue mit Treue zu vergelten, möge Ausdruck finden in dem Gebet, das uns in diesen Tagen mehr bedeutet als in ruhiger Friedenszeit: 'Segne, o Gott, unsern Führer und Obersten Befehlshaber in allen Aufgaben, die ihm gestellt sind.'"
Seine Hirtenbriefe sind extrem nationalistisch und militärisch; kein Wort ausdrücklicher oder auch nur indirekter Kritik am nationalsozialistischen Regime kam je über seine Lippen. Da Rarkowski mit den Millionen Katholiken in Hitlers Wehrmacht viel engeren Kontakt hatte als die anderen Bischöfe, spielte er in der Förderung der deutschen Kriegsziele eine bedeutende Rolle.
Rarkowski tat immer sein Bestes, um die Gerechtigkeit der deutschen Sache herauszustellen. Im Oktober 1939, als der erste siegreiche Feldzug beendet war, fühlte er "Dankbarkeit gegenüber dem allmächtigen Gott, der den uns aufgezwungenen Waffengang gegen Polen sichtlich gesegnet hat".
Ein anderes Thema in Rarkowskis Verlautbarungen war die Ermahnung zum vollkommenen Gehorsam.
Jeder Soldat, der in den Militärdienst eintrat, mußte den Fahneneid ablegen: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen."
Als dieser Eid und ähnliche Formeln von Hitler für Staatsbeamte eingeführt wurden, belehrten die deutschen Bischöfe die Gläubigen, man könne diesen Eid ruhig ablegen, da kein Eid einen Christen verpflichte, etwas zu tun, was gegen die göttlichen Gebote und Gesetze verstoße; darum könnten sie auch Hitler absoluten Gehorsam ohne Vorbehalte und Einschränkungen geloben.
Es mag sein, daß diese Erklärung des Episkopats moraltheologisch gut fundiert war; aber diese Erklärung bahnte auch den Weg zu jenem Geist des blinden Gehorsams, der an so vielen Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands schuldig war, besonders während des Zweiten Weltkriegs.
Für die überwältigende Mehrheit katholischer Soldaten bedeutete der Fahneneid genau das, was er sagte, und sie dienten Hitler und seinen Untergebenen mit "unbedingtem Gehorsam" und "ohne Vorbehalte und Einschränkung". Der Militärbischof trug seinen Teil dazu bei, um hierüber keine Zweifel aufkommen zu lassen.
"Was diese Zeit fordert an Mühen, Blut und Tränen", betonte Rarkowski im August 1942, "was der Führer und Oberste Befehlshaber euch Soldaten befiehlt und die Heimat erwartet: Hinter all dem steht Gott selbst mit seinem Willen und seinem Gebot."
Der christliche Soldat "steht treu zu seinem Fahneneide und zu seiner Heimat, zu seinem Volk und zu seinem Führer, nicht aus Hoffnung auf Lohn, nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus heiliger Gewissensüberzeugung".
Als Bundespräsident Heinrich Lübke 1960 auf Hitlers Krieg zu sprechen kam, sagte er: "Wer nicht völlig verblendet oder gänzlich unerfahren war, konnte nicht ganz frei sein von dem drückenden Bewußtsein, daß dieser Krieg kein gerechter Krieg war."
Können wir annehmen, daß die deutschen Bischöfe weder verblendet noch unerfahren waren, daß ihnen die Ungerechtigkeit von Hitlers Sache vor Augen stand und sie trotzdem die theologische Ungeheuerlichkeit begingen, ihre Anhänger in den Dienst und den Tod für einen ungerechten Krieg zu schicken?
Oder können wir eine solche Verblendung unterstellen und den Bischöfen auf ihr Wort hin ihren oft beteuerten Glauben abnehmen, daß Deutschland einen gerechten Krieg um Lebensraum und zur Verteidigung gegen Plutokratie und Bolschewismus führte?
Alle uns zur Verfügung stehenden Beweise führen uns zu dem Schluß, daß der Episkopat, wenigstens während der ersten drei Kriegsjahre und vermutlich auch noch danach, nicht an der Gerechtigkeit der deutschen Sache gezweifelt hat.
Es war sicherlich nicht immer leicht, sich diese Überzeugung zu bewahren; Papst Pius XII. hatte - wenn auch indirekt, so doch eindeutig - den deutschen Angriff auf Holland, Belgien und Luxemburg verurteilt.
Allmählich erhielten die Bischöfe auch detaillierte Informationen über die brutale Behandlung polnischer Katholiken, über die systematische Aushungerung russischer Kriegsgefangener und über die Massenerschießungen von Geiseln im ganzen von den Nationalsozialisten besetzten Europa.
Der Episkopat versuchte, sein Gewissen zu entlasten, indem er mehrmals bei der Regierung in Berlin gegen die Behandlung der polnischen Kirche protestierte.
Der gemeinsame Hirtenbrief vom August 1943 bezeichnete den Mord "an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegsgefangenen" als sündhaft, und im gleichen Jahr warnten sowohl Bischof Galen als auch der neue Erzbischof von Köln, Joseph Frings, vor dem Haß gegen den Feind.
Es gab natürlich einige deutsche Katholiken, die Hitlers Krieg nur schweren Herzens unterstützten. Ein bedeutender Theologe, der zur Stunde seines plötzlichen Todes zum Bischof ernannt werden sollte, erklärte 1940, der Krieg sei, was Deutschland betreffe, ungerecht.
Viele Katholiken waren sicherlich ohne Begeisterung und mit unguten Gefühlen Soldat, aber nur sieben Katholiken im ganzen Großdeutschen Reich haben sich, wie Gordon Zahn in seiner Untersuchung feststellte, entschlossen, öffentlich den Kriegsdienst zu verweigern. Sechs von ihnen wurden hingerichtet, der siebente überlebte, weil man ihn für geisteskrank erklärte.
In fast allen Fällen übte die Kirche auf diese Kriegsdienstverweigerer einen Druck aus, um sie dazu zu bewegen, auf die offizielle Linie einzuschwenken.
Der katholische Gefängnisgeistliche versagte dem Pallottinerpater Franz Reinisch nach seiner Verhaftung die Heilige Kommunion, weil dessen Weigerung, Hitler den Treueid zu schwören, ein Verstoß gegen die allgemeine Christenpflicht sei.
Der Laie Josef Fleischer erinnert sich, daß ihn im Gefängnis ein hoher kirchlicher Würdenträger aufsuchte, der ihn von seiner Kriegsdienstverweigerung abbringen wollte, schließlich seinen Besuch mit einem Zornesausbruch beendete und ausrief, Leute wie Fleischer verdienten es, "einen Kopf kürzer" gemacht zu werden.
1939 äußerte einmal ein Gemeindepfarrer: "Wir warten halt, bis der saudumme Krieg aus ist", und man solle es denen, die es satt haben, erlauben, nach Hause zu gehen. Selbst dieser relativ harmlose Ausspruch eines Priesters hatte einen Verweis seines Ordinariats zur Folge; er mußte sich bei dem Offizier, vor dessen Soldaten er diese Bemerkung gemacht hatte, schriftlich entschuldigen.
Im großen und ganzen aber folgten die Katholiken bereitwillig den Ermahnungen ihrer Bischöfe, ihre Christenpflicht zu erfüllen und für das Vaterland zu kämpfen.
Da die Bischöfe jahrelang Hitlers aggressive Außenpolitik unterstützt hatten, wären sie wahrscheinlich auf Verständnislosigkeit gestoßen, wenn sie der Eroberung von Lebensraum widersprochen hätten. Römisch-katholische Soldaten desertierten, wie eine Untersuchung feststellte, relativ selten: "Es wurde praktisch kein einziger Fall von Fahnenflucht als moralische Auflehnung gegen die Greueltaten der Nationalsozialisten bekannt."
Man hat Verständnis für den einfachen deutschen Soldaten, der nicht herausfinden konnte, ob Polen wirklich die deutsche Minderheit mißhandelt und 1939 zuerst geschossen hatte, Auch konnte er nicht wissen, ob Holland und Belgien tatsächlich gegen ihre Neutralität verstoßen hatten, wie die nationalsozialistischen Propagandisten behaupteten, um damit den deutschen Angriff zu begründen.
Aber die Bischöfe hatten noch andere Informationsquellen. Ihre Aufgabe war es, die Gläubigen zu belehren, moralische Fragen und Schwierigkeiten aufzuklären und die moralische Führung zu übernehmen.
Als der Krieg ausbrach, belehrten sie in der Tat die Gläubigen, wie sie sich in dieser neuen Situation zu verhalten hätten: Sie verpflichteten sie moralisch zur Unterstützung der nationalen Kriegsziele.
Der katholische Episkopat muß daher seinen Teil der Verantwortung für das unsagbare Leid, das Hitlers Truppen über Europa brachten, auf sich nehmen.
Wären die Bischöfe in Zweifel über die Gerechtigkeit der deutschen Sache gewesen, dann hätten sie schweigen sollen. Statt dessen riefen sie ihre Anhänger bis zum bitteren Ende des Krieges auf, ihr Blut im Dienst für Gott und Vaterland zu vergießen.
IM NÄCHSTEN HEFT:
Die Naziführer fürchten den katholischen Patriotismus - 100 000 Mark für einen Brief von Oberst Mölders - Bischof Galen erzwingt den Stopp der Euthanasie - Die Kirche hilft nur katholischen Juden
Copyright: Verlag R. Piper & Co, München.
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SA-Führer Wessel (1929): Für Kirchenpresse gesperrt
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Wiener Kardinal Innitzer
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Innitzer-Brief zum Anschluß: "Heil Hitler!"
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Militärpfarrer Jaeger (1940)*
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... fast zu Tieren entartet"
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Rekruten-Vereidigung (1940): "Der christliche Soldat steht treu zum Führer"
* Auf dem Obersalzberg 1936.
* Von links: Bischöfe Bornewasser (Trier) und Sebastian (Speyer).
* Jaeger wurde 1941 zum Erzbischof, Anfang 1965 zum Kardinal ernannt.
Von Guenter Lewy

DER SPIEGEL 12/1965
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