17.03.1965

BERLINAbenteuer mit Hertha

Vom Schleifen, Spielen und Bestatten leben die Männer, unter deren Führung Berlins einziger Bundesliga -Klub in seine bisher schwerste Krise und an das Tabellenende schlitterte. Rettung erhofft sich Hertha BSC jetzt von einem Gerichtsvollzieher.
Klub-Vorsitzender Siegfried Schmidt (Beruf: Schleifmittelfabrikant), Spielausschuß-Obmann Wolfgang Holst (Spielautomatenvertreter) und Schatzmeister Günter Herzog (Beerdigungs -Unternehmer) wurden entmachtet. Neuer Trainer ist seit Anfang März der Gerichtsvollzieher Gerhard Schulte.
Hertha BSC - gegenwärtig von einem Notvorstand geführt - droht nicht allein wegen schlechter sportlicher
Leistungen Abstieg aus der Bundesliga. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat die Kassenbücher beschlagnahmt, um den Verdacht auf unerlaubte Zahlungen zu überprüfen. Ein nachgewiesener Verstoß kostet die Bundesliga-Lizenz.
Der Abstieg der einzigen Berliner Mannschaft aus der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse wäre zugleich ein Politikum. Die Bundesliga ist eine der auffälligsten Klammern zwischen Berlin und dem Bundesgebiet. Hertha BSC wird im Ostblock und sogar im Ost -Berliner "Sport-Echo" entgegen der Drei-Staaten-Theorie in der Tabelle der "Profiliga West" registriert.
Als die Berliner Mannschaft während der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 in Abstiegsnot geriet, wurde beim DFB eine Sonderregelung ventiliert: Hertha BSC solle vom Abstieg ausgenommen werden, damit Berlin in jedem Falle in der Bundesliga vertreten sei. Eine Fußball-Lex Berlin erübrigte sich 1964: Zwei noch schwächere Klubs stiegen ab.
Doch Anfang 1965 geriet Berlins beste Mannschaft erneut in Abstiegsnöte. Das Grundübel: Den Berliner Klubs fehlen die Talente aus der Provinz. Statt dessen wanderten viele der besten Spree-Kicker ab. Der Berliner Bernd Patzke wurde in der Fußball-Emigration sogar Nationalspieler.
Um völligen Ausverkauf zu stoppen, gründeten 1957 etwa 20 wohlhabende Berliner unter dem späteren Hertha -Vorsitzenden Schmidt einen Hilfsfonds. Für den Verzicht auf bundesdeutsche Verträge steckten die Fußballpatrioten einigen Spielern bis 1963 heimlich insgesamt 236 000 Mark zu.
Seit der Einführung der Bundesliga 1963 genügte es nicht mehr, Berliner Spieler zu halten. Die in schnörkeligen Trophäen und Wimpeln im Klubhaus am Gesundbrunnen konservierte Tradition zählte nicht als Kredit auf die Bundesliga. Für Hertha BSC (zwischen
1926 und 1931 sechsmal im deutschen Endspiel und zweimal Deutscher Meister) wurde es zur Existenz-Frage, bundesdeutsche Kicker-Reserven zu mobilisieren. "Die Westdeutschen haben uns vor dem Abstieg gerettet", behauptete Hertha-Vorsitzender Schmidt nach der ersten Bundesliga-Saison 1964. Hertha verpflichtete deshalb für die nächste Spielzeit 1964/65 zusätzlich vier Spieler aus dem Bundesgebiet.
In der Standard-Elf spielte nun von 1964 an eine Fraktion von sechs Neu-Berlinern, darunter die Nationalspieler Wolfgang Fahrian (Autotyp: Porsche S 75) und Hans-Jürgen Sundermann. Doch die Entwicklungshelfer enttäuschten.
Um so mehr fühlten sich die Berliner Hertha-Spieler zurückgesetzt. Die Zugereisten erhalten 200 Mark mehr Grundgehalt (1900 Mark) als die bestbezahlten Berliner. Solange Hertha BSC gewann, erhielten die Hertha-Berliner
höhere Siegprämien. Doch mit den Siegen blieben auch die Prämien aus.
Der Vorstand geriet in Panik. Er versuchte, mitten in der Saison Rudi Gutendorf, derzeit Trainer des Meidericher SV, zum Umsteigen zu bewegen. Nach einem Lokaltermin in Berlin verzichtete Gutendorf: Der Spielausschuß des Klubs hat das Recht, die Mannschaftsaufstellung mitzubestimmen. Auch der ungarische Star-Trainer Jenö Csaknady und der damals in Saarbrücken tätige Helmut Schneider ließen sich nicht auf ein Abenteuer mit Hertha ein.
Der 1963 engagierte Hertha-Trainer Josef Schneider kündigte, bereits entnervt, zum Ende der laufenden Spielzeit und will künftig statt einer anderen Bundesliga-Mannschaft die Jugendspieler des Hamburger SV trainieren.
Der Berliner Kessel platzte an seiner dünnsten Stelle. "Erst wenn die Westdeutschen aus der Mannschaft verschwunden sind", drohte Herthas Stammverteidiger Günter Schimmöller, "werden wir wieder besser spielen." Der Vorsitzende sperrte ihn sofort. Daraufhin brach der Vorstand auseinander: Zwei andere Vorstandsmitglieder hoben die Sperre wieder auf, ein Mißtrauensantrag stürzte den Gesamtvorstand.
Den Sargverkäufer und Schatzmeister Herzog konnte der als Notvorstand bestellte Alt-Nationalspieler Hans Sobek allerdings nicht abschütteln. "Daß Herzog die Kasse weiter kontrollieren will, ist doch klar", sagte der abgesetzte Mannschaftsbetreuer Holst, "er hat 100 000 Mark in den Verein investiert."
Mit Herthas Investitionen beschäftigte sich wiederholt der DFB; erstmals nachdem Nationaltorhüter Fahrian 1964 zu Hertha BSC gestoßen war, obwohl er vorher schon einen Vertrag bei Eintracht Franfkfurt unterschrieben hatte. Der DFB-Buchprüfer konnte die Berliner jedoch nicht überführen, mehr als das zulässige Handgeld von 10 000 Mark gezahlt zu haben. Allerdings hatte er über 100 000 Mark Bargeld zählen müssen. Deshalb wurde der Verdacht laut, Herthas Vorstandsherren hätten das in den Büchern geführte, "aber dennoch fehlende Geld bündelweise herbeigeschafft" (so der Düsseldorfer "Mittag"). Nach Herthas schwarzer Kasse wurde weiter gefahndet. Denn der Klub war in Zahlungsschwierigkeiten geraten, obwohl er in der ersten Bundesliga-Serie mit 84 959 Besuchern bei einem Spiel und einem Durchschnitt von 34 395 zwei Zuschauer-Rekorde aufgestellt hatte. In den bisherigen Heimspielen dieser Saison stieg die durchschnittliche Besucherzahl sogar auf 35 450 an (Tabellenerster Werder Bremen: 25 300). Herthas Zahlmeister Herzog nährte den Verdacht: "Wenn ich heute spreche, gibt es morgen Hertha BSC nicht mehr."
Der letzte Februar-Freitag wurde für den Berliner Klub zum Schwarzen Freitag: Der DFB konfiszierte die Kassenbücher zu einer intensiven Überprüfung. Mittelsmänner bemühten sich bereits beim DFB um eine Amnestie für den Verein. Nur Herthas Funktionäre sollen für Verstöße bestraft werden.
Die Hertha-Anhänger in Bonn und Berlin schöpften indessen Hoffnung auf bessere sportliche Leistungen: Notvorstand Sobek übertrug dem Trainer die alleinige Mannschafts-Aufstellung.
Hertha-BSC-Notvorstand Sobek, Klub-Trophäen: Hilfe vom Gerichtsvollzieher

DER SPIEGEL 12/1965
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