31.03.1965

„ARMEE UND KIRCHE SCHÜTZEN VOR KOMMUNISMUS“

Der Genfer Historiker Saul Friedlander hat in den Akten des ehemaligen Reichsaußenministeriums Berichte und Telegramme gefunden, die es zur Gewißheit machen, daß der Vatikan im Zweiten Weltkrieg einen deutschen Sieg im
Ostfeldzug wünschte. Die deutschen Diplomaten, deren Berichte Friedländer in der kürzlich erschienenen Dokumentation "Pius XII. und das Dritte Reich" (SPIEGEL 47/1964) zusammenstellte, meldeten der Wilhelmstraße**:
Der spanische Botschafter, der soeben aus Madrid hierher zurückgekehrt ist., übermittelte mir im Auftrage von (Spaniens Außenminister) Serrano Suner den Inhalt zweier gleichlautender Gespräche, die der Nuntius in Madrid und der Nuntius mit dem spanischen Botschafter in Vichy - also offenbar auftragsgemäß - geführt haben.
Die beiden,Vertreter der Kurie führten aus, dem Papst sei zugetragen worden, der Führer habe in Hendaye zu Franco gesagt, Papst Plus XII. sei ein Feind. des Führers. Falls solche Worte gefallen wären, oder falls sie gar der Anschauung des Führers entsprächen, so bedaure dieses der- Papst. Pius XII. habe freundschaftliche Gefühle - für das Reich. Er wünsche dem Führer nichts sehnlicher al einen Sieg über, den Bolschewismus.
Aufzeichnung Nr. 666 des Staatssekretärs Weizsäcker vom 4. Oktober 1941.
Wie Gesandter von Krug berichtet, teilte ihm Präsident Laval auf Grund einer Unterhaltung eines seiner Mitarbeiter mit dem Nuntius Valerio Valeri mit, daß in den Kreisen des Vatikans eine stärkere Neigung erkennbar wäre, die Achsenmächte und die Anglo-Amerikaner einer Annäherung zum Kampf gegen den Bolschewismus entgegenzuführen.
Diese Entwicklung datiere seit dem Tage der Bombardierung Roms. Wie Gesandter von Krug ergänzend zu der fraglichen Unterredung erfuhr, sei Nuntius vom Mitarbeiter Lavals die Frage gestellt worden, ob der Papst noch immer eine Zusammenarbeit mit dem bolschewistischen Rußland für möglich halte und anstrebe.
Der Nuntius habe daraufhin spontan erwidert, die russisch-vatikanische Zusammenarbeit sei auf 1000 Jahre verschoben. Der Papst sei über die Möglichkeit eines etwaigen Sieges Sowjetrußlands beunruhigt und mit allen Mitteln bestrebt, Frieden zwischen Deutschland und England anzubahnen. Er hoffe hierbei, England möge erkennen, daß es letzten Endes eine europäische Macht und für den Bestand der christlich europäischen Kultur verantwortlich sei.
Telegramm Nr. 5121 der deutschen Botschaft In Paris vom 31. Juli 1943.
Erzbischof von Paris, Kardinal Suhar, hat Wunsch ausgesprochen, Papst aufzusuchen, um ihm vorzutragen, daß die deutsche Armee und Kirche einzig möglicher Pfeiler sei, um Europa vor Kommunismus zu schützen. Es müsse daher alles getan werden, um deutsche Armee im Osten zum Siege zu verhelfen.
Vatikan sei zur Zeit bestrebt, nicht nur Waffenstillstand, sondern einen Frieden zwischen Angelsachsen und Italien herbeizuführen. Voraussetzung wäre Nichtbesetzung Italiens durch die Angelsachsen und freier Abzug deutscher Truppen. Derartiger Friede soll erster Schritt zu Einigung Angelsachsen mit den Deutschen werden, um europäisch-amerikanisch-christliche Einheitsfront gegen Asien zu schaffen.
Telegramm Nr. 5523 der deutschen Botschaft In Paris vom 18. August 1943.
Durch einen Zufall habe ich Einblick in drei Schriftstücke nehmen können, die für die politische Haltung des. Papstes bezeichnend sind . . . Besonders interessant ist das dritte Dokument, enthaltend eine Auseinandersetzung des Kardinalstaatssekretärs Maglione an die italienische Regierung über die Gefahren, die der Welt drohen. Maglione sagt, das Schicksal Europas hänge von dem siegreichen Widerstand Deutschlands an der russischen Front ab. Das deutsche Heer sei das einzig mögliche Bollwerk "Baluardo" gegen den Bolschewismus. Würde dieses brechen, so wäre es um die europäische Kultur geschehen.
Telegramm Nr. 65 des neuen deutschen Vatikan-Botschafters Weizsäcker an Reichsaußenminister Ribbentrop vom 23. September 1943.
Ein Diplomat, der über besondere Beziehungen zum Vatikan verfügt, versicherte mir gestern, Papst verurteile streng alle Pläne, die auf Schwächung des Reichs abzielen. Ein bei der Kurie tätiger Bischof sagte mir heute, nach Ansicht des Papstes sei für die Zukunft der Katholischen Kirche ein kräftiges Deutsches Reich ganz unentbehrlich.
Aus vertraulicher Niederschrift über Gespräch eines italienischen politischen Publizisten mit Papst entnehme ich, daß Papst auf die Frage, was er vom deutschen Volke halte, geantwortet hat: "Es ist ein großes Volk, das in seinem Kampf gegen den Bolschewismus nicht nur für seine Freunde, sondern auch für seine derzeitigen Feinde blutet. Ich vermag nicht zu glauben, daß die Ostfront zusammenbrechen wird."
Telegramm Weizsäckers Nr. 395 vom 3. September 1943.
Tatsächlich ist die Bolschewistenfeindschaft der sicherste Bestandteil der vatikanischen Außenpolitik. Was der Bekämpfung des Bolschewismus dient, ist der Kurie willkommen. Am liebsten sähe sie eine Koalition Westmächte mit Deutschland; als Minimum wünscht sie ein kräftiges und geschlossenes Deutschland als Barriere gegen Sowjetrußland.
Telegramm Weizsäckers an Berlin vom 7. Oktober 1943
Ein hiesiger zuverlässiger und erprobter VM (Verbindungsmann), der dem Papst aus seiner früheren Tätigkeit als Nuntius in München
und Berlin gut bekannt ist, weilte... vom 14. bis 19. November 1943 als Sonderkurier des Nuntius und im Auftrage von Kardinal Bertram in Rom. In einer einstündigen Unterredung mit dem Papst hat dieser dem VM gegenüber in längeren Ausführungen zum heutigen Zeitgeschehen und zum Verhältnis des Vatikans zum Deutschen Reich Stellung genommen.
Wie schon mehrfach hiesigen V-Personen gegenüber, kam der Papst schließlich auch auf die Frage der Weltgefahr des Bolschewismus zu sprechen und ließ dabei erneut durchblicken, daß zur Zeit noch allein der Nationalsozialismus ein Bollwerk gegen den Bolschewismus darstelle. Er erklärte, daß ihn allerdings gewisse Entwicklungen des Nationalsozialismus mit einiger Sorge erfüllten, daß aber die Kirche stets und besonders jetzt im Interesse der Völker ihre Hand zum Frieden biete und daß ihre grundsätzliche Geneigtheit zum Auskommen mit dem Nationalsozialismus durch das ... Konkordat unter Beweis gestellt sei.
Bericht des SD-Chefs Kaltenbrunner an Ribbentrop vom 16. Dezember 1943.
** Saul Friedländer: "Pius XII. und das Dritte Reich": Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 180 Seiten; 8,80 Mark. -Diplomat Weizsäcker*: "Der Papst wünscht deutschen Sieg"
* Mit seiner Ehefrau nach einer Audienz im Vatikan.

DER SPIEGEL 14/1965
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