31.03.1965

CHANSONSHerz im Hals

Was ist schon von der Französischen Revolution geblieben", fragte der Chanson-Autor, Sänger, Schriftsteller, Ingenieur und Jazztrompeter Boris Vian, "wenn nicht ein paar Chansons: 'Ca ira', 'La Carmagnole und die 'Marseillaise'."
Geblieben ist, außer den 2250 erhaltenen Revolutions-Hymnen, die Vian nicht aufzählte (darunter eine dem Konvent vorgesungene Bittschrift), der gallische Geist, der seither den Alltag der Epochen mit Liedern begleitet. Heute gilt mehr denn je, was der Jakobiner Thomas Rousseau vor 173 Jahren schrieb: "Noch singt das Volk viel mehr, als es liest."
Das Volk liest inzwischen viel, aber noch mehr hört es zu: Die Grande Nation verehrt zur Zeit mindestens zwei Dutzend berühmter Chansonniers und Chansonnetten.
Die populären Interpreten singen am liebsten in Paris und nach Mitternacht, lieber in kleinen Cafés als in großen Musikhallen. Der schnauzbärtige, zwei Zentner schwere Linkskatholik Georges Brassens trägt seine literarisch gedrechselten Lieder gar am liebsten bei den Anarchisten vor - beim alljährlichen Pariser Galaball der Staatsfeinde.
Vom falschen guten Gewissen, vom Kalten Krieg, von der freien Liebe und der individuellen Freiheit singen vor burgerlichem Publikum:
- Georges Brassens, 43 ("Le pornographe"), dessen Lieder auf annähernd zehn Millionen Schallplatten verkauft wurden und der bereits zu Lebzeiten eine mythische Figur ist;
- Jacques Brel, 35 ("Les bourgeois"), der oft mit absurden Texten und doppelbödigen Fabeln gegen jede Art von Ideologie ansingt;
- Léo Ferré 48("Le piano du pauvre"), der sich, wie einst Baudelaire, als poéte maudit (verfluchter Dichter) bezeichnet und vorwiegend Verzweiflung und Armut besingt;
- Charles Aznavour, 40 ("J'ai perdu la tete"), der für 10000 Dollar pro Singstunde immer nur leise Liebeslieder fleht, schon über zwei Monate Abend für Abend die. Pariser Music-hall "Olympia" (3030 Plätze) füllt und von de Gaulle gelobt wurde. Der große (1,95 Meter) Franzose zum kleinen (1,62 Meter) Armenier: "Ich bewundere Ihre Ausstrahlung. Ihr Publikum wird Sie nie verraten";
- Les Frères Jacques ("Le complexe de la truite"), die ihre Bühnenwirkung vor allem einer grotesken Show mit Gesang, Tanz und Pantomime verdanken;
- Yves Montand, 43 ("C'est si bon"), der die Heiterkeit des einfachen Lebens preist und Tellerwäscher, Fabrikarbeiter und Friseur war, ehe er von Edith Piaf entdeckt wurde;
- Henri Salvador, 46 ("Faut rigoler"), der sich als Music-Clown einen Namen gemacht hat;
- Zizi Jeanmaire, 40 ("Mon truc en plumes"), die Chanson, Sketch und Tanz kombiniert;
- Catherine Sauvage, 35 ("L'homme"), die Texte des Dichters, Louis Aragon vorträgt und "Tragödin des Chansons" genannt wird;
- Juliette Gréco, 38 ("Jolie môme"), die, stets im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, teils melancholisch, teils zynisch all das lobt, was Bürger hassen.
Die Gréco, intime Sagan- und Pompidou-Freundin, bereiste im Januar und Februar Gesamt-Deutschland. Sie deklamierte in Hamburg und Leipzig, in Wuppertal und in Ost-Berlin ihre, dem deutschen Publikum kaum verständlichen, französischen Strophen von Küssen und Kanaillen, Nackten und Toten:
Du bist nackt
unter der Bluse ...
Du hast das Herz
im Hals.
Du hast Verstand
und scherst dich um nichts,
und das ist gut
für die Liebe.
Deine Haut ist glatt
und du bietest sie an ...
Im neuerdings frankophilen Deutschland, das Chansons von Klabund, Tucholsky, Kästner und Brecht besitzt (sie aber nicht pflegt), haben die französischen Musik-Balladen einen besonders guten Klang bekommen. Französische Schallplattenfirmen buchen heute die Bundesrepublik als "besten fremdsprachigen Kunden".
Wie die Gréco ersangen sich Aznavour und Brassens während der letzten Jahre in Deutschland ein Millionenpublikum von Konzertsaalhörern, Schallplatten-Spielern und Fernsehzuschauern, das allerorten die Musikalienhandlungen bevölkert. Es kaufte:
- 30 000 Platten mit Greco-Gesängen (eine deutschsprachige Platte wird jetzt nachgeschoben);
- 60 000 Platten mit Chansons von Georges Brassens;
- 100 000 Platten mit dem Aznavour-Lied "La Mamma".
Das sind Zahlen, die in diesem Genre bislang als unerreichbar galten.
Sogar ins Deutsche übersetzte Chan-sontexte von Georges Brassens - im Herbst 1963 "versuchsweise" vom Ahrensburger Damokles-Verlag in 3500 Exemplaren aufgelegt - konnten innerhalb eines halben Jahres losgeschlagen werden. Damokles-Verleger Heinz Riedel will am immer lebhafteren Chanson-Interesse der Deutschen mit einer eigenen Schallplattenproduktion und mit weiteren Textbüchern teilhaben. Er erwarb die Lizenz für die unter dem Reihentitel "Poétes d'aujourd'hui" ("Dichter von heute") in Frankreich erschienene Poesie bekannter Chanson-Autoren. Riedel: "Ein derartiger Boom war wahrhaftig nicht vorauszusehen."
Erklärbar jedoch ist er: Denn keine Musikform ist so populär und kunstvoll zugleich wie das Chanson, jenes humoristische oder satirische Gebilde aus Dokumentarpoesie, Gesang und Instrumentalbegleitung, das so französisch ist wie der Bordeaux und die Bardot. Es ist ein lyrischer oder dramatischer Sprechgesang, bei dem Melodie und Rhythmus sich dem stets anspruchsvollen Text unterordnen. Der Interpret kann so frei deklamieren, daß Experten das Chanson-Singen "in hohem Maße" der Schauspielkunst zurechnen.
Das Chanson, gelegentlich als "Kultur der Unkultivierten" verspottet, ist manchmal sentimental, fast stets jedoch politisch aggressiv. Es wird meist von Dichtern kreiert, die auch bekannte Sänger sind - wie heute von Georges Brassens, Jacques Brel, Leo Ferré, Felix Leclerc und Charles Aznavour.
Die Popmusiker vertonen Lyrik von Frangois Villon und Boris Vian, von Guillaume Apollinaire und Louis Aragon. Doch meist reimen sie ihre sarkastischen Drei-Minuten-Texte selbst zusammen und machen auch die Musik dazu; oder sie verwenden Jazz-Melodien, verfremdete Mozart-Menuette und, immer wieder, den Walzer - denn der Dreivierteltakt entspricht dem Rhythmus der französischen Sprache.
Was heute modernes Chanson ist, entstand kurz vor der Jahrhundertwende, als Aristide Bruant seinen Zeitgenossen Alexandre Dumas, Victor Hugo, Henri de Toulouse-Lautrec und Emile Zola im Pariser Kabarett "Le Chat Noir" vorsang. Wo Claude Debussy gelegentlich mit dem Eßbesteck Volkschöre dirigierte, erhob Bruant, ehemals Rollkutscher an der "Gare du Nord", seine Stimme "für die Opfer eines morschen Staats, für die Aufsässigen, Empörer und Elenden". Und im benachbarten Keller-Lokal "Divan Japonais" schreckte gleichzeitig die andere große Chanson-Figur des Jahrzehnts von 1895 bis 1905; Yvette Guilbert ("Madame Arthur"), die Fin - de - siécle - Bürger mit makabren Songs.
"Was an Empörung und Daseinsseligkeit lebt", so schrieb der Berliner Kritiker Alfred Kerr um 1900, "das singen sie. In diesen Liedern ist alles, Kot und Glorie, Himmlisches und Niederstes. Mit einem Wort: Menschliches, Menschliches, Menschliches."
"Lustig und schmutzig, aber eher schmutzig" nannte der Historiker des Chansons, Boris Vian, die meisten überlieferten Verse aus der Gründerzeit des Chansons: "Von menschlicher Notdurft (war die Rede) und von menschlichen Winden - aber nur wenn sie französisch rochen."
Lustig und gesitteter ersang sich dann, in den zwanziger Jahren, Mauride Chevalier den ersten weltweiten -Chanson-Ruhm mit dem Lotterlied "Valentine" - vom Mädchen mit den kleinen Füßen und den kleinen Brüsten, "die man so gut tasten kann".
So großen Anklang wie die "Valentine" des Chévealier, der 1963 sogar mit Charles de Gaulle im Duett singen durfte, fand später, nur noch Edith Piafs "Mon légionnaire" - jener blonde, schlanke Soldat, der flach einer Liebesnacht sich in der Wüste zum Sterben hinlegt. Die Piaf, die oft mit minderen Texten und Melodien- Stimmung machte - 40 000 Fans trugen die zarte Dame 1963 zu Grabe -, sang eher, schlagerartige Chansons. Ihre Bedeutung als Talententdeckerin indes ist unbestritten: Die immer kränkelnde Sängerin führte eine ganze neue Sängergeneration ans Chanson heran.
Charles Trenet schließlich gab dem modernen Chanson um 1940 einen für alle Interpreten, Textdichter und Komponisten für der hin maßstäblichen Impuls. Denn der "Ideal-Dichter" (so Jean Cocteau) frischte die abgespielte Chanson-Begleitung mit Jazz auf und schrieb als großer Sänger wieder, beispielgebend, Text und Musik seiner poetischen Chansons selber. Sie sind so volksnah, daß die Verse des Trenet-Songs "La Mer" in etwa fünf Millionen Schallplatten aufgelegt - heute dem französischen Volk geläufiger sind als der Text der "Marseillaise".
Die bedeutendsten Sänger-Dichter der Gegenwart, Georges Brassens ("Ich bin der Lüstling des Chansons") und Jacques Brel ("Ich bin ein harter belgischer Sozialist"), haben die gesellschaftskritische Funktion des Revolutions-Chansons wiederentdeckt. Beide teilen brutale Sachverhalte oft im klassischen Französisch des 17. Jahrhunderts mit. Beide sind Vorbild für den intellektuellen französischen Chanson-Nachwuchs der Barbara, Anne Sylvestre. Serge Gainsbourg und Jean Ferrat.
Brel, 1929 im flämischen Brabant geboren und streng katholisch erzogen, verließ Mitte der fünfziger Jahre Belgien, die eigene Fabrik, Frau und drei Töchter, um sich in Paris ganz der musikalischen Aggression widmen zu können. Doch erst seit etwa drei Jahren kommt seine suggestive Sozialkritik beim Publikum an: Mit Distanz zum Gefühl - die ihn von allen anderen Chanson-Autoren trennt und mit den Erzählern des "Nouveau roman" verbindet besingt er, oft im Alexandriner-Versmaß, so absurde Begebenheiten wie eine Reihen-Entjungferung und die eigene Beerdigung.
Brels bevorzugtes Sujet indes ist das "Versagen der Intelligenz", das "Einschlafen des kritischen Verstandes". Brel versteht jedes seiner aufsässigen Chansons als "Psychodrama mit vorbeugender Wirkung".
Gleich dem nonkonformistischen Eigenbrötler Brei singt Brassens, in dessen Augen Jean-Paul Sartre einst "die Güte schimmern sah", gegen die Normen der Gesellschaft an:
Meinem verehrten Publikum,
dem ich gern gönn ein Gaudium,
spuck ich in die Visage rein
Wörter, oft wenig fein.
Dennoch wurde Brassens eine nationale Institution; so national, daß ihn der Romancier Joseph Kessel ("Lé lion") -und der Film- und Theater-Autor Marcel Pagnol ("Angele") im letzten Sommer zur Aufnahme in die "Academie Francaise" vorschlugen.
Brassens entzog sich der Ehrung. Der Chansonsänger, über dessen Lieder eine Dissertation geschrieben wurde und dessen gesammelte Werke die Schallplattengesellschaft Philips jetzt auf sechs Langspielplatten preßte, besann sich auf den Namen, den er sich einst selber zugelegt hatte: "Schuft des Chansons".
Gott Ist für mich Luft!
Bin schon längst verdammt zur Hölle,
denn ich bin ein Schuft!
Als er im letzten November in der Pariser Music-hall "Bobino" auftrat, sang er sein neues Chanson "Les deux oncles" ("Der eine ist mit den Tommys Freund, der andere mit den Teutonen"), in dem er Reaktion und Revolution, Resistance und Kollaboration als gleichermaßen unbrauchbare Mittel zur politischen Befreiung des Individuums schmähte.
Mit der gesungenen Feststellung "Es ist verrückt, für Ideen zu sterben" erreichte er schon am ersten Abend, was er wollte: Die Frontkämpferverbände schickten Störkommandos ins "Bobino", die konservative Zeitung "Le Monde" beklagte seine "bedauernswerte Mentalität", und die kommunistische "Humanite" zieh Georges Brassens einer "bösen Tat".
Der Dichter-Sänger, der morgens um sechs sein Tagwerk gelegentlich mit einer Lesung der Kirchenväter beginnt, sprach daraufhin über den Rundfunksender Europa Nr. 1: "Mein Chanson gefällt den Leuten, die keine Fanatiker sind; ich meine, das Leben eines Menschen ist immerhin etwas so Wichtiges, daß man nicht gern zusieht, wie ein Haufen Leben für Ideen geopfert wird, die eines Tages doch im Mülleimer enden."
Brassens, der trotz seines Schallplatten-Erfolgs in deutschen Konzertsälen noch nicht zu hören war, soll im Sommer nach Deutschland kommen: zum ersten. "Deutschen Chanson-Festival" - gefeiert vom Sender Freies Berlin.
Motto des Veranstalters: "Wir wollen versuchen, auch Deutschland zu einer Chanson-Nation zu machen."
- Chansongruppe Les Freres Jacques: "Meinem verehrten Publikum ..
Chansonnier Aznavour
...dem ich gern gönn ein Gaudium . .. Chansonnette Juliette Greco
... spuck ich in die Visage rein"
Chansonsänger Montand
"Lustig und schmutzig
... aber eher schmutzig": Chansonsänger Brassens

DER SPIEGEL 14/1965
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