17.07.1963

AFFENMALEREIKunst von Congo

Seine Bilder ähneln modernen Klecks und Fleckenmalereien. Gleich den Werken des Amerikaners Jackson Pollock, des Hauptvertreters der sogenannten Aktions-Malerei ("action painting"), oder des deutschen Tachisten Hans Platschek wurden seine farbfreudigen Kompositionen dahingekritzelt, -getupft, -gefächert und -gebündelt, ausgestellt, bewundert und zu Höchstpreisen verkauft. Der Name des Künstlers: Congo, 2, urwaldbürtiger Afrikaner vom Stamm der Schimpansen.
Congo, von seinem Herrn und Meister, dem britischen Doktor der Naturwissenschaften Desmond Morris, angeleitet, tat, was Englands prominentester Kunstkritiker, Herbert Read, von den zeitgenössischen Malern vor mehr als einem Jahrzehnt gefordert hatte: "Wir müssen wieder von vorn beginnen, ganz bescheiden und mit viel Geduld."
Der Tierpsychologe Morris, weniger um eine Interpretation moderner Kunst als um einen neuen Beweis für die These von der äffischen Vergangenheit des Menschen bemüht, nahm Sir Herberts Aufruf nur allzu wörtlich: Der Londoner Zoo-Insasse Congo begann, wie Morris es wollte, ganz bescheiden von vorn. Innerhalb von zwei Jahren zeichnete und pinselte Congo rund 400 tachistisch-klecksographische Affen -Kunststücke, die der Evolutions-Theoretiker, von seinem Vorbild Charles Darwin (SPIEGEL 52/1962) inspiriert, für "kunstbiologische" Untersuchungen auswertete. Das Resultat dieser ungewöhnlichen Forschungsarbeit wurde unlängst in England veröffentlicht und ist soeben auch in Deutsch erschienen*.
Für einen Tag waren überdies kürzlich die von Morris gedeuteten Affen-Originale in der Kölner Galerie Zwirner Schau-Objekte für Westdeutschlands Kunstkritiker. Avantgardisten-Förderer Albert Schulze Vellinghausen glaubte möglichen Mißdeutungen des Affen -Tachismus vorbeugen zu müssen: "Von da aus die heutige Kunst determinieren oder denunzieren zu wollen, wäre Nonsens."
In seiner "Biology of Art" kam Affentester Morris zu der Erkenntnis: "Heute haben der letzte Affe und der moderne Mensch das gleiche Interesse an der Herstellung von Bildern, man könnte sogar behaupten: Wenn ein zeitgenössischer Künstler ein Bild malt, hat er dafür kaum wesentlichere Gründe als ein Schimpanse."
Die Gründe, die den letzten Affen ebenso wie den modernen Menschen zu einer solchen Malerei zwingen, mögen divergieren - Tatsache ist, daß sich, den Morris-Recherchen zufolge, die Ergebnisse dieser Malarbeiten auf den ersten Blick nicht sonderlich unterscheiden.
Beide nämlich, Congo wie etwa Wassily Kandinsky, der Pionier abstraktexpressionistischer Malerei, fertigten ihre Bilder auf eine Weise, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bildende Kunst revolutionierte. Damals, 1910, malte Kandinsky seine "Improvisationen", in denen die kunstvolle Komposition der klassischen Tafelmalerei durch den spontanen Mal-Akt ersetzt wurde.
Ähnlich impulsiv arbeitete der Testaffe Congo, von seinem Lehrmeister, wie Morris bekannte, "weder angeleitet noch auf andere Weise beeinflußt, sondern lediglich mit dem Mal- und Zeichenmaterial ausgerüstet und mit der Handhabung vertraut gemacht".
Congo reagierte, wie es sich Morris nicht besser wünschen konnte: "Ich hielt ihm den Bleistift entgegen, seine Neugier trieb ihn zu dem neuen Gegenstand hin. Ich legte seine Finger vorsichtig um den Stift und führte die Spitze auf das Papier. Dann ließ ich los ... Congo starrte auf das Papier: Da war etwas Sonderbares aus der Spitze von dem Ding herausgekommen - Congos erste Linie."
Die congolesische Linie war allerdings schon Nachäfferei. Im Jahre 1913 bereits hatte die Moskauer Verhaltensforscherin Nadjeschda Kohts erste Kritzel-Experimente mit einem jungen Schimpansen gemacht. Sie verglich die Affenkunst mit den Stricheleien ihres zweijährigen Sohnes und veröffentlichte ihr Forschungsergebnis unter dem Titel "Jungaffe und menschliches Kind".
Mit dem Versuch der russischen Tierpsychologin begann eine Reihe von Analysen, die eine überraschende Übereinstimmung von Affen- und Kinderzeichnungen offenbarten. Der russische Test wie auch ähnliche Experimente amerikanischer Forscher ergaben, daß die malenden Affen im vorpubertären Stadium den Menschenkindern in muskulärer Geschicklichkeit überlegen sind, allerdings nicht, wie das hominide Kind später, die Darstellung figuraler Grundformen - beispielsweise Kreise oder "Häuschen" - zu erreichen vermögen.
Eine andere Beobachtung machte der Wiener Zoologe Hermann Goja an seinem Versuchsaffen Jonny. Goja registrierte während des Mal-Akts seines Prüflings eine "sexuelle Erregung", die "sich mit seinem Eifer steigerte".
Jonnys Sexographien vermochte Congo allerdings nicht nachzueifern. Mit der Pubertät begann, ganz im Gegensatz zu seinen menschlichen Künstler -Kollegen, die große Lethargie. Sein Malspaß verging, und Mentor Morris erkannte, daß Congo offensichtlich "heiratsfähig" war. Als ihm zwei Schimpansen-Weibchen zur Seite gegeben wurden, ließ er die Kunst im Stich.
Triumphaler Abschluß von Congos Maler-Laufbahn - Käufer echter Congos: Herbert Read, Julian Huxley und Pablo Picasso - war eine vergleichende Ausstellung in der Londoner Royal Festival Hall im Jahr 1958, die außerdem Malarbeiten von Kleinkindern und Vertretern der Aktions-Malerei zeigte. Die Vergleichsmöglichkeiten zwischen den drei recht unterschiedlichen Bereichen spontaner Bildproduktion brachten Morris zu der Einsicht, daß der nomadisierende, von Früchten lebende Affe, bei aller Menschenähnlichkeit, "kein hochentwickeltes Kommunikationssystem" hat. Morris-Erklärung für diesen Mangel: "Der Affe hatte keinen Anlaß dazu." Lediglich der Affentyp, der es erlernte, sich auf der flachen Erde fortzubewegen, habe schließlich seine Vorderbeine zu erheben und "zu rein manipulatorischen Aktionen zu entwikkeln" vermocht.
Nach Ansicht des Affenforschers mußten die ersten menschgewordenen Affen, wollten sie nicht nur von Früchten, sondern auch von Tierfleisch leben, ihren Jagden eine "kooperative Planung zugrunde legen". Aus der Entwicklung eines Mitteilungsverfahrens, mit dem die Affenmenschen sich über Jagd-Objekte und andere Wahrnehmungen verständigen konnten, so folgert Entwicklungshelfer Morris, könnte sich "die Voraussetzung zur bildnerischen Darstellung der Objekte ergeben" haben.
Daher standen am Anfang der prähistorischen Kunst, so in den Höhlenmalereien von Lascaux und Altamira, Jagdplanung und Jagdbeschreibung im Vordergrund; nur der Jägermensch konnte, erklärt Darwinist Morris, im Verlauf der Geschichte ein Maltalent entwickeln, das seinen Früchte fressenden Artverwandten verwehrt blieb.
Denn: "Weder die jagdtechnische noch die magische Zeichnung (ist) erforderlich, wo das Existenz-Problem durch das Sammeln von Früchten gelöst werden kann. Die Affen ... hatten also keinen zwingenden Anlaß, ihre bildnerischen Fähigkeiten zu differenzieren."
Dennoch bleibt, konstatierte Morris, eine offenkundige ""Übereinstimmung im bildnerischen Ausdruck" zwischen den Malprodukten Congos und der Kunstmalerei der Tachisten und "action painters".
Der 1956 verstorbene Amerikaner Jackson Pollock - seine Bedeutung für die moderne Malerei wurde 1959 in einem Pollock-Sondersaal der Kasseler "Dokumenta" und 1961 mit einer in drei Ländern gleichzeitig erschienenen Monographie** dokumentiert - bekannte jedenfalls einen Hang zum "psychisch-motorischen Ausbruch" in Tätigkeiten, "die um ihrer selbst willen betrieben werden" (Morris), wie ihn der britische Kunstbiologe an seinem Congo entdeckt hatte.
Pollock: "Wenn ich mitten im Malen bin, gebe ich mir keine Rechenschaft mehr über das, was ich tue."
* Desmond Morris: "Biologie der Kunst". Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 196 Seiten, 107 Abbildungen; 24 Mark.
Maler Pollock
Picasso kaufte ...
... Werke des Affen: Maler Congo

DER SPIEGEL 29/1963
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