31.07.1963

KAMPFGRUPPENNeue Gewehre

In vertraulichen Zirkularen sprach Polizei-Oberst Karl-Erich Mellmann, höchster Chef aller DDR-Kampfgruppen, seinen Unterführern gedämpftes Lob aus: Das am 30. Juni beendete Ausbildungsjahr 1962/63 habe "bessere Erfolge" gebracht als die früheren Jahre.
Gleichzeitig forderte der Obrist noch höhere Leistungen zu Ehren des für September anberaumten zehnten Stiftungsfestes der SED-Miliz.
Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Kampfgruppen der Einheitspartei nach DDR-Maßstäben zu einer schlagkräftigen und zuverlässigen Truppe entwickelt: Die 150 000 Feierabend-Soldaten sind dazu ausersehen, im Kriegsfall die Heimat- und Territorialverteidigung zu übernehmen und die gegenwärtig auf 90 000 Mann begrenzte Volksarmee zu entlasten.
Anders als auf nahezu allen Ebenen ihres Wirkens erfand Walter Ulbrichts Partei für ihre Miliz schon früh eine klare Konzeption, die beibehalten wurde: Kampfgruppenmitglied konnte und kann nur werden, wer seine Treue zur Partei- und Staatsführung hinlänglich bewiesen hat.
Der von den SED-Milizionären zu leistende Eid fordert ausdrücklich Gehorsam zuallererst gegenüber der Partei: "Ich bin bereit, als Kämpfer der Arbeiterklasse die Weisungen der Partei zu erfüllen, die Deutsche Demokratische Republik, ihre sozialistischen Errungenschaften jederzeit mit der Waffe in der Hand zu schützen und mein Leben für sie einzusetzen. Das gelobe ich."
Auf das Prinzip strenger Selektion ihrer Waffenträger ist die SED aufgrund bitterer Lektionen verfallen. Beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatten die Führungsgenossen erkennen müssen, daß auf ihre regulären Truppen, damals noch Kasernierte Volkspolizei genannt, kein Verlaß war.
Bestürzt über das Ausmaß des Volkszorns und verängstigt durch das Versagen der Vopos, beschloß das Politbüro im September 1953, die bis dahin unbedeutenden Betriebsschutz-Einheiten - Grüppchen karabinerbewaffneter Genossen in einigen größeren Volkseigenen Betrieben - zu einer schlagkräftigen Partei-Schutztruppe auszubauen.
Die SED-Führung berief sich dabei auf gute Erfahrungen, die ihre Prager Genossen 1948 während des kommunistischen Umsturzes mit roten Arbeitermilizen gemacht hatten.
Am 1. Mai 1954 durften einige mit Skimütze, blauem Overall und roter Armbinde uniformierte Einheiten der neuen "SED - Betriebskampfgruppen" erstmals öffentlich paradieren.
Ein Jahr später war die erste Aufbaustufe erreicht: Volkseigene Betriebe und Verwaltungen verfügten über eigene Kampfgruppen, die ihre Befehle von der Ostberliner Parteizentrale am Werderschen Markt empfingen.
Im Frühsommer 1955 - die DDR war inzwischen dem Warschauer Pakt beigetreten - verfügte das Politbüro
eine organisatorische Reform. Die nunmehr nur noch "Kampfgruppen" genannte Miliz wurde der Polizei-Hauptverwaltung im DDR-Innenministerium unterstellt. Lediglich das Personalressort verblieb in der Verantwortung der Parteileitungen.
Gleichzeitig wurden die Kampfgruppenmitglieder, amtlich "Kämpfer" genannt, neu formiert: Grundeinheit ist seither nach dem Muster der Bereitschaftspolizei die Hundertschaft mit drei Zügen, der Zug zu drei Gruppen.
Nach Möglichkeit werden dabei die Freiwilligen eines kleineren Betriebes jeweils in einer Gruppe, die eines größeren Betriebes in einem Zug oder gar in einer Hundertschaft zusammengefaßt: Was zusammen arbeitet, soll auch zusammen kämpfen.
Ist der Ort groß genug und melden sich genügend Freiwillige am Ort, bilden drei Hundertschaften ein Bataillon. Ist der Ort zu klein, oder melden sich nicht genügend lokale Kämpfer, bleibt die Hundertschaft außerhalb eines Bataillons-Verbandes. Die Führung der Einheiten eines Kreis- oder Stadtgebiets liegt bei "Zentralen Kampfstäben", die etwa einem Brigadestab entsprechen.
An dieser Organisationsform hat sich im wesentlichen bis heute nichts geändert. Ausbildung und Bewaffnung jedoch sind fortlaufend verbessert worden.
Im abgelaufenen Übungsjahr hatte jeder Kämpfer 120 Ausbildungsstunden zuzüglich mehrerer Wochenendübungen und Planspiele zu absolvieren. Die von Offizieren der Bereitschaftspolizei geschulten Kommandeure mußten für ihre Fortbildung noch weit mehr Zeit aufwenden. Auf das militärische Niveau der Kampfgruppen wirkte sich zudem der wachsende Zugang von Volksarmee -Reservisten und Absolventen der vormilitärischen Übungen günstig aus, die von der "Gesellschaft für Sport und Technik" veranstaltet werden.
Mit langsam steigender Leistungsfähigkeit begann das Kampfgruppen -Oberkommando unter dem Obristen Mellmann, die Einsatz-Aufgaben der inzwischen zünftig olivgrün Uniformierten stärker zu differenzieren: Den älteren Genossen Kämpfern wurde der Objektschutz - Bewachung von Betrieben und Verkehrsanlagen -, der jüngeren Mannschaft der operative Einsatz in der Territorialverteidigung zugewiesen.
Den unterschiedlichen Aufgaben wurde die Bewaffnung der Hundertschaften angepaßt. In den Gründerjahren beschränkte sich die Ausrüstung vorwiegend auf den alten Karabiner 98k und das großdeutsche Sturmgewehr 44. Heute finden sich Restbestände dieser veralteten Kugelspritzen nebst einer geringen Anzahl Sowjet-Flinten nur noch bei den Objektschützern.
Auch die Sowjet-Maschinenpistole 41 mit dem charakteristischen, 71 Schuß fassenden Trommelmagazin, die jahrelang Standardwaffe der Kampfgruppen war, ist inzwischen zuM großen Teil durch ein modernes Sturmgewehr sowjetischer Bauart ersetzt worden. Die Umrüstung von alten deutschen Maschinengewehren der Typen 34 und 42 auf sowjetische Waffen wurde nahezu abgeschlossen.
Den Kampfgruppen stehen nunmehr standardisierte, im ganzen Ostblock verwendete Handfeuerwaffen zur Verfügung. Damit entfällt die Doppel-Munitionierung mit sowjetischen 7,62-Millimeter- und altdeutschen 7,9-Millimeter -Patronen.
Im Herbst 1959 schließlich begann das Ostberliner Kampfgruppenkommando in Karl Marons Innenministerium mit der Aufstellung sogenannter "Schwerer Bataillone" für die Aufgaben "der Territorialverteidigung". Einheiten dieser Art verfügen heute über je zwei mit Schützenpanzern ausgerüstete motorisierte Hundertschaften und über eine "Schwere Hundertschaft", die in je einen Pak-, sMG- und Granatwerfer-Zug gegliedert ist.
Bewaffnet sind diese Züge mit Schweren Maschinengewehren, Kaliber 12,7 Millimeter, mit 82-Millimeter-Granatwerfern und 45-Millimeter-Panzerabwehrkanonen, allesamt sowjetischer Bauart. Zur Gefechtsausrüstuntg gehören ferner Handgranaten, Minen und Pioniermaterial.
Dieser Ausrüstungsstand gilt den Kampfgruppenplanern nicht als Endziel. Zumindest die Kommandeurausbildung erstreckt sich inzwischen auch auf das Hantieren mit gröberer Artillerie und Kampfpanzern.
Gleichwohl sind dem Ehrgeiz der Genossen Kämpfer physische Grenzen gesetzt: Die Ausbildung an immer komplizierteren Waffen erfordert zuviel Zeit und Konzentration, als daß sie nur am Feierabend oder an Wochenenden bewältigt Werden könnte. Das Training in die Arbeitszeit zu verlegen, verbietet sich aber wegen des chronischen DDR -Mangels an Arbeitskräften.
Um die kampflose Freizeit der DDR -Werktätigen auszufüllen, edierte das Kampfgruppenkommando ein "Handbuch für den Kämpfer", mit dessen Hilfe sich der Milizionär freie Stunden lehrreich vertreiben soll. Der Band verzeichnet auf 406 Seiten von der Waffen - und Geländekunde bis zum Strahlenschutz alles, was der Zivil-Landser von heute wissen muß.
Die Lektüre des Buches, so hoffen die Herausgeber, werde durch literarische Aufrüstung ausgleichen, was den Genossen Kämpfern an praktischer Ausbildung womöglich noch fehlt.
Das als Verfasser genannte anonyme "Autorenkollektiv" empfiehlt daher im Vorwort, die Fibel im Marschgepäck mitzuführen, "um in Zweifelsfragen während der Kampfpausen schnell nachlesen und die Kenntnisse auffrischen zu können".
DDR-Kämpfer vorm Brandenburger Tor
In der Kampfpause Blick ins Handbuch

DER SPIEGEL 31/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KAMPFGRUPPEN:
Neue Gewehre

  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung
  • Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla
  • Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Während Teenager Fernsehen: Bär plündert Kühlschrank