14.08.1963

TRUPPENLAGER BUDELBillard um 1/2 6

Die feldgrauen Väter durchstießen bei Budel am 10. Mai 1940 die holländischen Linien, um - wie es im Memorandum der Reichsregierung hieß - die holländische Neutralität "mit allen militärischen Machtmitteln des Reiches sicherzustellen".
Die Söhne im Nato-Gewand, die im Juni 1963 auf dem Anschlußgleis des niederländischen Truppenlagers Budel ausgeladen wurden, sollen sich vor allem in Zurückhaltung üben. Budel ist die erste ständige deutsche Garnison im Ausland seit Kriegsende.
Die 2000 Landser des zuvor in Stade an der Niederelbe beheimateten Luftwaffen-Ausbildungs-Regiments 2 erfüllten diese neue Marschparole vorbildlich, als sie unlängst zum ersten Ausgang in die fremdländische Umgebung ausschwärmen durften.
Von den Zivilstreifen, die Regimentskommandeur Oberstleutnant Wittmann heimlich durch die Dörfer patrouillieren ließ, wurden nur zwei Zwischenfälle gemeldet. Wittmanns Stellvertreter, Oberstleutnant Müller: "Na ja, mein Gott, die hatten ein bißchen viel getrunken." Die Rekruten dürfen allerdings auch nur in Uniform ausgehen, damit sie zu vorgerückter Stunde von
den Einheimischen unterschieden werden können.
Die Budeler Gäste erfüllen das Gebot vornehmer Zurückhaltung indessen nicht nur nach Feierabend. Auch während des Dienstbetriebes auf dem niederländischen "Legerplaats" vermeiden sie alles, was unziemliche Erinnerungen wecken könnte: Deutsche Marschlieder dürfen nur gesungen werden, wo kein Einheimischer mithören kann; es ist den deutschen Rekruten untersagt, ihre Unterkunft ein Lager zu nennen, weil dieser Ausdruck unangenehme Erinnerungen beschwört, und den Rasen dürfen sie nicht betreten, weil er - wie es in einer Anordnung des Regiments heißt
- in Holland als Nationalheiligtum verehrt wird.
Eine andere Gefahr räumte man bereits aus dem Wege, bevor sich das Regiment von Stade auf den Weg nach
Budel machte: Ausbilder und Offiziere, die schon 1940 beim Marsch auf Holland dabeigewesen waren, mußten daheim bleiben.
Über die Tugenden, die der deutsche Soldat heutzutage in Holland entwickeln muß, wurden die Neu-Budeler aus Stade in einem vom Bundeswehr-Führungsstab I 5 verfaßten Merkheft "Als Soldat in den Niederlanden" aufgeklärt.
Umständlich, als gelte es, Hilfsschüler aus einem Entwicklungsland aufzuklären, lehrt das Heft die Söhne, was die Väter Anno 1940 nicht zu lernen brauchten: "Bundeswehrsoldaten müssen wissen, daß sie angewiesen sind, sich bewußt zurückzuhalten." Das gelingt dem Soldaten, "wenn er sich niemandem aufdrängt, wenn er immer nüchtern ist ... wenn man ordentlich gekleidet ist, wenn er ... nicht Unnützes und Unzweckmäßiges redet".
Als gute Gesprächsstoffe empfiehlt das Brevier "die Familie, Neigungen, Sport usw.", als schlechte gelten "Krieg, Parteipolitik und konfessionelle Unterschiedlichkeiten".
Wenn dennoch kommunistische, pazifistische oder andere bösartige Reden gegen die Bundeswehr gehalten werden sollten, gibt es für den deutschen Soldaten nur eines: "Ruhe bewahren, keine politischen Diskussionen führen, Orte, an denen Provokationen auftreten, rasch, aber nicht fluchtartig verlassen."
Im Budeler Gasthof "De Arend" nutzt die Wirtstochter, die den deutschen Luftwaffengästen Bier serviert, die Gunst der Stunde: "Stuur jullie jongens maar rustig hierheen, hoor!" Auf deutsch: "Nun laß die Jungens mal ruhig anrollen!"
Sie rollen auch an. Kurz nach Dienstschluß um halb sechs, wenn sich die Offiziere, wie jeden Abend, im Lagerkasino am Billard versammeln, kurven sie mit ihren Klein- und Mittelklassewagen auf den Marktplatz in Budel und strömen in die Schenken, um den in Gulden ausgezahlten Sold umzusetzen.
Fast alle Offiziere sowie zahlreiche Unteroffiziere und Mannschaften waren in ihren Privatautos von Stade direkt nach Budel gefahren, wo die Wagen
seither am Lagertor geparkt sind und den Aktionsradius der Truppe nach Feierabend erweitern.
Für die nichtmotorisierten Luftwaffensoldaten haben einheimische Fuhrunternehmer Busverbindungen zwischen dem Lager und den Nachbarorten eingerichtet. Einen fahrbaren Erfrischungsstand, der sich abends am Lagertor postiert, möchte das Regiment dagegen am liebsten vertreiben: Es wird befürchtet, daß der Unternehmer nicht nur Freizeitliegen, sondern auch Damen vermietet.
Zumal auf diesem Gebiet besteht große Gefahr, mißverstanden zu werden. Von einem Spähtruppeinsatz in Zivil nach Eindhoven kehrte ein Leutnant mit Kopfwunden heim, die ihm eine Passantin mit dem Pfennigabsatz geschlagen hatte. Der Offizier hatte lediglich nach dem Weg gefragt, die Dame jedoch andere Absichten vermutet.
Auch die Leute von Budel hatten sich ursprünglich alles viel schlimmer vorgestellt. Ende Januar noch waren aus den großen Städten im Lande ein paar hundert Linke zu einem Schweigemarsch in den Flecken gekommen und hatten an den weißen Kreuzen hinter der Kirche Kränze niedergelegt.
Die Kreuze stehen auf den Gräbern von sechs jungen Holländern, die im September 1944 von SS-Leuten mit Bajonetten niedergemacht worden waren - als Vergeltung dafür, daß Widerstandskämpfer der belgischen "Weißen Brigade" bei Budel einen mit Wehrmacht besetzten Zug zum Entgleisen gebracht hatten.
Zu jener Zeit war Budel die Schleuse für Verfolgte jeder Art auf dem Wege über Belgien, Frankreich, die Pyrenäen und Spanien nach Portugal.
Jetzt setzen die Budeler alles daran, die Jungen im Nato-Kleid möglichst nicht an die Folgen jenes 10. Mai 1940 zu erinnern, an dem die feldgrauen Vater über das Land hereinbrachen.
Budels Karnevalspräsident Melchior Brugmans möchte mit seiner Truppe im deutschen Lager gern ein Gastspiel geben. "Wir Karnevalisten bringen Freude allen Menschen", verkündete er, und der Budeler Hemdenfabrikant van Winkel hat beim Regiment schon angefragt, wann er mit seinem Fußballverein, dessen Vorsitzender,er ist, gegen die Deutschen antreten kann.
Auch die Verfasser des Merkheftes "Als Soldat der Bundeswehr in den Niederlanden" verzichteten darauf, ihre Leser mit den Sünden der Väter zu belasten.
Über das, was den Niederlanden zwischen 1940 und 1945 von Deutschen angetan wurde, berichtet die 36-Seiten -Broschüre in ganzen fünf Zeilen. Fazit: "Der Zweite Weltkrieg hat das Land nicht verschont."
Der Respekt vor deutschen Landsern steckt den Gastgebern indessen noch immer in den Knochen. Als sich unlängst bei einem Verkehrsstau vor einer Zugbrücke nahe Budel mehrere niederländische Autofahrer laut über die undisziplinierte Fahrweise eines Autolenkers aus der Bundesrepublik beklagten, genügte allein das Auftauchen einer Rotte bundesdeutscher Luftwaffensoldaten aus dem Lager Budel, um die verärgerten Holländer verstummen zu lassen.
Bundeswehr-Soldaten beim Tanz im holländischen Budel: "Immer nüchtern und nicht Unnützes reden"

DER SPIEGEL 33/1963
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