07.08.1963

ELIAS CANETTI „DIE BLENDUNG“

Arglose Leser vor diesem Buch zu
warnen, scheint überflüssig. Arglose Leser wittern Arger von weitem und verlassen sich auf ihren Instinkt. "Die Blendung" wird ihnen heuer zum sechstenmal vorgelegt: der Roman ist 1936 in Österreich, 1946 in England, 1947 in Amerika, 1948 in Deutschland und 1949 in Frankreich erschienen. Noch jedesmal hat ihm die Kritik respektvollen Beifall gezollt. Arglose Leser fand er nie. Die Ursache dieser hartnäckigen Ablehnung ist rasch gefunden: "Die Blendung" ist ein unerträgliches Buch, ein literarisches Monster.
Davon verrät seine Fabel nichts. Sie ist einfach, beinah platt. Dr. Peter Kien, der Geblendete, Privatgelehrter von Beruf und "der größte Sinologe seiner Zeit", lebt in seiner riesigen Bibliothek wie in einer Muschel, aller Welt entfremdet, wortlos und einsam, ein gottloser Trappist. Seine Haushälterin, ein Weib namens Therese, bricht das Gehäuse auf und vernichtet den Gelehrten nach einem zähen Kampf, der erbarmungslos und mit allen Mitteln geführt wird.
Also hie die Welt des reinen Geistes - da die bornierte Enge des Kleinbürgertums? Dieses betagte Schema deutscher Erzählung, das aus der Romantik stammt, bietet sich zur Deutung der Parabel an, fehlfarben und falsch. Zwei müdgetretene Begriffe, "Idealismus" und "Materialismus", die in ihrem Eichhörnchenkäfig um die Wette laufen: Ginge es um weiter nichts, so hätten wir es mit einem philosophischen Dressurakt zu tun, der kaum auf unser Interesse zählen dürfte.
Nicht der wesenlose Anlaß ist es, der Canettis "Beschreibung eines Kampfes" einzigartigmacht, sondern seine Steigerung. Die Feinde, und in diesem Roman kommen nur Feinde vor, bekämpfen einander buchstäblichlich bis zum Wahnsinn. Nicht dem Professor, nicht der Haushälterin wird der Prozeß gemacht, sondern jeder Normalität. Alle Figuren der Handlung, vom Kanalräumer bis zum Polizeioffizier, vom Hausmeister bis zum Psychiater (denn an einem Psychiater fehlt es nicht), sind zugleich irre und gewöhnlich. Nichts Unmenschliches ist ihnen fremd.
Ein paar Jahre ehe Hitler an die Macht kam, haben die Surrealisten einen offenen Brief an alle Psychiater der Welt publiziert. Sie forderten die Ärzte auf, die Tore ihrer Anstalten zu öffnen und sämtliche Patienten freizulassen. Nur Willkür könne zwischen Geisteskrankheit und "Normalität" Grenzen ziehen; zudem sei jeder Wahn eine schöpferische Äußerung, die zu unterdrücken mißlich wäre.
Dem Psychiater, der in Canettis Roman auftritt, sind solche Einsichten nicht fremd:
An den irrsinnigen wuchs er zu einem der umfassendsten Geister seiner Zeit heran... Er vereinfachte sie nur, indem er sie gesund machte... Sie waren die einzigen wirklichen Persönlichkeiten.
Aber erst Canetti selbst macht mit der surrealistischen Entdeckung vollends ernst. Seine Irren haben Jedermanns-Gesichter, und die Kämpfe, die sie in Kaschemmen und Mietskasernen ausfechten, werfen historische Riesenschatten. Canetti zeigt die Allgegenwart paranoider Strukturen; sein Roman ist ein Knäuel mit großem Scharfsinn entwickelter Wahnsysteme. Ihre Darstellung steht in der Literatur einzig da.
Jede Beschreibung von außen her wäre von vornherein aussichtslos. Deshalb überläßt sich der Autor dem Denken und Sprechen seiner Personen und ahmt ihre Logik, die zwar wahnhaft, aber in sich schlüssig ist, auf das genaueste nach. Dazu benutzt Canetti eine Schreibweise, die zwischen erlebter Rede und innerem Monolog die Mitte hält:
Sie ist eine anständige Frau. Manchmal kommt es doch heraus und dann wird man eingesperrt. Einsperren gehört sich nicht für eine anständige Frau. Es wäre vieles schöner, wenn man nicht gleich eingesperrt würde. Man darf sich nicht rühren. Kaum kommt was heraus, schon ist die Polizei da und sperrt einen ein. Die nehmen keine Rücksicht darauf, daß eine Frau das nicht aushält. Die müssen in alles ihre Nase hereinstecken. Was geht die das an, wie eine Frau mit ihrem Mann lebt? Die Frau muß sich altes gefallen lassen. Die Frau ist kein Mensch. Dabei ist der Mann zu nichts zu gebrauchen, ist das ein Mann? Das ist ia kein Mann. Um so einen Mann ist es nicht schad'. Am besten wär's nach, der Geliebte nahm' eine Hacke und gäb' ihm damit eine über den Kopf, wenn er schläft. Aber er sperrt sich ja nachts immer ein, weil er Angst hat. Der Geliebte soll schau'n, wie er es selber macht. Er sagt ja, es kommt nichts heraus. Sie tut das nicht. Sie ist eine anständige Frau.
So denkt Therese. Der lemurenhafte Lokalton, zwischen Nestroy und Herrn Karl, ist unverkennbar wienerisch, und es bedürfte der zahlreichen Austriazismen nicht, um die geistige Heimat des Buches zu fixieren: sie liegt an der schönen schwarzen Donau.
Das halblaute Vorsichhin-Murmeln der Figuren, ihre irren Selbstgespräche sind im übrigen das einzige, was Canettis Roman formal auszeichnet. Seine Syntax ist simpel bis zur Banalität. Die komplizierten Winkelzüge und Mäander der Psychosen sind aus primitiven Sätzen wie aus Dominosteinen addiert.
Solange der Autor seine Figuren zitiert, kann das als Kunstgriff, ja als Stärke gelten; wo er selbst das Wort führt, wird die Tugend zur Not. Die Sprache schmeckt dürftig, schmeckt nach Papier. Staub wölkt aus dürren Seiten:
Er war groß, stark, feurig und sicher; in seinen Zügen lag etwas von Jener Weichheit, die Frauen benötigen, um sich bei einem Manne heimisch zu fühlen Wer ihn sah, nannte Ihn den Adam des Michelangelo. Er verstand es sehr gut, Intelligenz mit Eleganz zu verbinden. Seine glanzende Begabung wurde durch die Politik seiner Geliebten zu genialer Wirksamkeit gesteigert.
Nicht recht einzusehen, warum man aus dem Verfasser solcher Sätze unbedingt einen zweiten Kafka, einen zweiten Joyce machen wollte. Mit derartigen Vergleichen, lauthals ausgerufen, tut man Canetti Unrecht; sie stellen seine sprachliche Armut an den Pranger.
Aller Steigerung zum Trotz wirkt "Die Blendung" quälend weitschweifig und erschreckend monoton; freilich nicht von ungefähr. Nicht der Erzähler, das Erzählte ist schuld an der fanatischen Langeweile, am mörderischen Wiederholungszwang dieses Buches. Jeder, auch der unglaublichste Wahn, ist eintönig; gerade seine hemmungslose Konsequenz macht ihn steril. Je tiefer der Roman sich auf ihn einläßt, desto weniger kann er gelingen.
Dennoch bleibt Canettis Scheitern denkwürdig. Mit ästhetischen Kriterien ist seinem Buch nicht beizukommen; denn "Die Blendung" ist ein Werk der Forschung, unternommen mit den Mitteln der Imagination. Zu diesem Werk hat Canetti, der Anthropologe, vor wenigen Jahren den theoretischen Schlüssel geliefert, eine gelehrte Untersuchung über ",Masse und Macht" (Hamburg, 1960). Sie handelt von Häuptlingen; Führern und anderen Irren, die vom selben Wahn geblendet sind wie die Haushälterin Therese und ihr Herr: dem Wahn der Herrschaft. Die ihm ganz verfallen sind, lesen keine Bücher.
Carl Hanser
Verlag
München
516 Seiten
27 Mark

DER SPIEGEL 32/1963
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