04.09.1963

THROMBOSEPfropf im Blut

Was Altbundespräsident Heuss in der letzten Woche erlitt, droht jedem dritten Deutschen, der das Pensionsalter erreicht.
Rund 30 Prozent aller alten Menschen haben nach Schätzungen von Medizinern darunter zu leiden, daß ihre Beine schlecht durchblutet werden. Wird die Blutversorgung völlig unterbrochen, bleibt den Ärzten häufig nur ein Ausweg: Sie müssen amputieren.
Es ist die mißliche Konsequenz der Tatsache, daß - so lautet eine medizinische Faustregel - "der Mensch so alt ist, wie es seine Gefäße sind".
90 000 Kilometer lang ist das Netz der Blutgefäße im Körper eines erwachsenen Menschen. Teils sind die Arterien und Venen so stark wie Gartenschläuche, teils so dünn, daß die roten Blutkörperchen sie "im Gänsemarsch" passieren müssen, wie es der amerikanische Gefäß-Spezialist Michael E. De Bakey beschrieb.
10 000 Liter Blut pumpt das Herz tagtäglich durch dieses Leitungssystem, das beim gesunden Menschen so gut funktioniert wie ein Netz kreuzungsfreier Super-Highways. Mit zunehmendem Alter aber werden die Adern anfällig: In den Arterien lagern sich kalkartige Substanzen ab (Arteriosklerose), in den
Venen kommt es häufig zu entzündlichen Prozessen (Phlebitis).
So wird die Gefäßlichtung immer mehr eingeengt, der Bluttransport immer mehr behindert. Entsteht schließlich im Adern-Engpaß ein Blutgerinnsel (Thrombus), ist "totaler Gefäßverschluß" die Folge - Thrombose.
Entsteht der Blutpfropf in einer Arterie, so wird das Gewebe von der Zufuhr sauerstoffreichen Blutes abgeschnitten. Und wenn es nicht gelingt, den Thrombus aufzulösen oder herauszuoperieren, stirbt das Gewebe - etwa im Unterschenkel - ab. Es siedeln sich Fäulnisbakterien an, eine Gangräne entsteht: Die Ärzte sind gezwungen zu amputieren.
Zumeist aber bilden sich Thrombosen In den Venen (die das verbrauchte Blut aus dem Körpergewebe zur Auffrischung in die Lunge befördern), insbesondere in den Venen der Beine. Typisches Kennzeichen: Krampfadern. Typische Spätfolgen: lästige Odeme und schmerzhafte Geschwüre.
Selbst an weit entfernten Körperstellen können sich die Folgen einer solchen Thrombose der Beinvenen bemerkbar machen. Denn oft löst sich ein Teil des Blutgerinnsels und wird vom Blutstrom fortgeschwemmt, unter Umständen durch das Herz bis in die Lunge (Lungenembolie).
Das ist die gefährlichste Komplikation von Durchblutungsstörungen der Beine. "In 18 Prozent der Fälle (von Lungenembolie)", heißt es in dem medizinischen Standardwerk "Angiologie", "tritt der Tod ein, ohne daß ärztliche Hilfe überhaupt möglich" wäre.
Bei leichten Embolien können die Ärzte zwar mit guter Aussicht auf Erfolg eingreifen - etwa, indem sie Medikamente verabreichen, die das Gerinnungsvermögen des Blutes beeinflussen. Bei schweren Embolien jedoch bleibt ihnen nur eine geringe Chance, den Patienten zu retten: durch die Trendelenburgsche Operation. Sie können, nach dem Rezept des Berliner Chirurgen Friedrich Trendelenburg, die Lungenschlagader öffnen und versuchen, das Blutgerinnsel abzusaugen.
Trendelenburg selbst sah in der Operation, wie das Mediziner-Journal "Selecta" notierte, "kaum mehr als die Chance eines Wunders". Er versuchte sie dreimal - erfolglos. 1924, im Todesjahr des Chirurgen, glückte sie anderen zum erstenmal.
1958 waren erst dreizehn gelungene "Trendelenburgs" registriert, zwölf in Europa, eine in den USA. Und selbst im Zeitalter der Herz-Lungen-Maschinen verlaufen von hundert Trendelenburg -Operationen durchschnittlich nur zwei erfolgreich.
Nicht selten ist die Lungenembolie der fatale Endpunkt einer Gefäßerkrankung, die sich im Laufe von Jahren entwickelt hat. Fast immer beginnt das Desaster in den Beinen. 85 Prozent aller Blutgerinnsel, die sich in der Lunge ansiedeln, werden vom Blutstrom aus Thrombosen der Beinvenen emporgespült.
So war es auch bei Altbundespräsident Heuss: Zwei Monate ehe sein linkes Bein amputiert werden mußte, hatte er bereits eine leichte Lungenembolie erlitten. Aber Ärzte waren zur Stelle. Professor Heuss befand sich gerade, zur Behandlung seiner Beinthrombose, im Krankenhaus.

DER SPIEGEL 36/1963
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