09.10.1963

GOETHE-BIOGRAPHIEOlympiade im Staub

Westdeutschlands Bildungsbürger
aus der alten Schule verstanden die "Welt" nicht mehr.
Einhundertundsiebzehn Werktage lang, vom 4. Mai bis zum 20. September, wurde in der Hamburger Zeitung unter vielstimmigen Leserbrief-Klagen der Olympier, Titan und Größtschriftsteller Johann Wolfgang von Goethe "auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab" - (Leser Ronsdorf, Kassel) und "in den Staub gezogen" (Leser Kruse, Berlin), wurde deutscher Nationalstolz gekränkt und deutsche Ehre geschändet.
Und dabei blieb es nicht. Etwa zur selben Zeit, als die "Welt" den Vorabdruck "dieser verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen" - (Professor Dr. Erich Franz, Hamburg) - abschloß, kam die "schädliche Karikierung" im Piper Verlag gebunden heraus.
Hauptattentäter gegen das ehrfurchtsvoll gehegte altdeutsche Dichter-und -Denker-Idol ist Richard Friedenthal, 1896 in München geboren, 1938 nach England emigriert, Romancier, Essayist und Autor der 772-Seiten-Biographie "Goethe - Sein Leben und seine Zeit"**.
Friedenthal hatte sich vor vier Jahren an die Arbeit gemacht, um im Auftrag seines englischen Verlegers George Weidenfeld nach Bestseller-Rezept ein populär-biographisches Bild des Klassikers zu entwerfen.
Die kaum noch übersehbare Goethe -Literatur - ein (unvollständiges) Titelregister in Karl Goedekes "Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung" umfaßt sechs dicke Bände - schreckte ihn dabei nicht: Friedenthal hatte erkannt, daß inzwischen zwar alles über den Weimarer Minister-Poeten publiziert worden ist, "von den großen Entwürfen für große Werke ... bis zu den Wäscherechnungen und Weinbestellungen, den Zeugnissen für diebische Köchinnen"; eine volkstümliche Goethe-Vita jedoch war seit der pathetisch-innigen und vielgehöhnten "Geschichte eines Menschen", die der historisierende Monumental-Belletrist Emil Ludwig 1920 veröffentlichte, nicht mehr erschienen.
Friedenthal hatte somit freie Bahn. Er ließ die literarische Produktion seines Modells nach Möglichkeit unbeachtet ("Darüber ist genug geschrieben worden"), bemühte sich, Dichtung von Wahrheit sorgsam zu trennen und die "unausstehliche Goethe-Himmelei" orthodoxer Gymnasialprofessoren und Bürgermatronen durch Unvoreingenommenheit zu ersetzen.
Das Ergebnis ist eine geradezu spannende Entwicklungs-Reportage, die dem von Friedrich Sieburg beklagten "blöden Stolz der heutigen bundesdeutschen Literatur-Welt, von Goethe nichts zu wissen und den eigenen, bequemen Analphabetismus zu genießen", vielleicht abhelfen könnte.
Eine solche Demokratisierung des aristokratischen Nationalheiligen empfinden strenggläubige Alt-Goetheaner als Sakrileg. Denn Friedenthal zweifelt beispielsweise Goethes patrizische Herkunft an - Großvater Friedrich Georg Göthe war Damenschneider und Gastwirt gewesen - und wagt auch die Verdienste des väterlichen Rats zu schmälern, der sich seinen Titel für 313 Gulden vom Kaiser erkauft hatte.
Er peinigt seine Leser mit der Auskunft, daß Goethe keineswegs ein Wunderkind und schon gar keine "Frohnatur" gewesen sei; er nahm, im Gegensatz zu Generationen von Goethe -Anbetern ("Sie messen jeder Liebschaft unendliche Bedeutung bei"), Goethes vielzählige Playboy-Händel "gar nicht so ernst"; Goethes Erhebung zum Weimarer Geheimrat durch den jungen Herzog Karl August war, nach Friedenthal, kaum mehr als ein "absolutistischer
Streich"; Goethes Gestalt war unvollkommen (Goethe-Besucher Ernst Moritz Arndt: "Seine Beine waren um sechs, sieben Zoll zu kurz"), und auch Goethes Leiche war nicht, wie der getreue Eckermann behauptet hatte, von "göttlicher Pracht" - sie war vielmehr, nach Friedenthal, "verschrumpelt und klein, wie es bei einem Mann von 83 Jahren ja auch gar nicht anders zu erwarten war".
Kurz: Was Friedenthal begangen hatte, war Frevel und Denkmalentweihung. Während Friedenthals "Goethe" Tag für Tag in die "Welt" kam und sich dort von der Kindheit bis zum Sturm und Drang, von den Lehr- und Wanderjahren bis zur patriarchalischen Vollendung und bis zum Tod entwickelte, tobte einige Seiten weiter die Leserbrief-Fehde. Die "Welt" druckte Proteste, Verhöhnungen der Proteste und Proteste gegen die Verhöhnungen.
"Wie kommt ein Herr aus London dazu, uns unseren Goethe madig zu machen?" klagte Leserin Hilde Gussefeld aus Hamburg. "Wir wollen unseren großen Dichter mit dem Schimmer des Geheimnisvollen und Verklärten behalten." Und der Hamburger Doktor Reimers jammerte: "Der Stolz auf unsere großen Männer ist das einzige, was wir noch besitzen. Will man uns auch diese Ehre noch nehmen?"
Friedenthal las aber auch andere Post, etwa den Brief einer Dame aus Niedersachsen, die von der "Goethe"-Lektüre so sehr beeindruckt war, "daß ich neulich von Frau von Stein im weißen Kleid geträumt habe".
Auch der "Herr Meister"-Schriftsteller Walter Jens, obgleich Philologe und deutscher Professor dazu, lobte Friedenthals Werk ("Froh sollten wir sein"), und der Westdeutsche Rundfunk funkte, der neue Goethe sei "tröstlich wie heiteres Morgenlicht".
Ähnlich empfindet Verleger Piper, der bereits vor Auslieferung 10 000 Exemplare des Goethe-Lebens abgesetzt hatte. Am 4. Oktober wurde das 11. bis 20. Tausend auf den Markt geworfen, weitere fünfzehntausend wollen bis Jahresende verkauft sein.
** Richard Friedenthal: "Goethe - Sein
Leben und seine Zeit". R. Piper Verlag, München; 772 Seiten; 28 Mark.
Goethe-Biograph Friedenthal
Ein "Herr aus London" ...
Biographie-Modell Goethe*
... stört die Himmelei
* Mit seinem Schreiber John beim Diktat.

DER SPIEGEL 41/1963
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1963
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GOETHE-BIOGRAPHIE:
Olympiade im Staub

  • "Dreamer" vor dem Supreme Court: "Ich müsste meinen Traum aufgeben"
  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber